IN NEW YORK und in Tokio hetzen die Menschen durchs Leben; im guten alten Europa pflegt man «la dolce vita». Der amerikanische Sozialpsychologe Robert Levine hat dieses Klischee getestet und die Ergebnisse im Buch «Eine Landkarte der Zeit» zusammengefasst.
Er oder einer seiner Mitarbeiter besuchte in 31 Ländern grössere Städte und hielt mit der Stoppuhr die Gehgeschwindigkeit der Fussgänger fest. Als Mass für das Arbeitstempo nahm der Amerikaner die Zeit, in der ihm ein Postangestellter eine Briefmarke verkaufte. Und die Gangabweichung von fünfzehn zufällig in der Stadt ausgewählten Uhren an Bankgebäuden gab einen Wert für die lokale Genauigkeit. Levine erstellte eine separate Rangliste für jedes der drei Kriterien, und aus der Kombination der drei Tests kreierte er eine Hitparade des Gesamttempos.
Überraschenderweise sind auf den ersten neun Rängen acht westeuropäische Länder zu finden, nur Japan (Tokio) konnte sich auf Rang vier unter sie mischen. Die USA aber belegen mit New York nur Rang sechzehn. Die Schweiz kam mit Zürich und Bern (!) bei der Gehgeschwindigkeit auf Platz drei, beim Posttest auf Platz zwei und bei den Bankuhren auf den ersten Platz, was ihr auch in der Gesamtwertung den ersten Rang einbrachte. Am schnellsten zu Fuss unterwegs sind die Iren in Dublin. Die zackigsten Postbeamten stehen in Deutschland hinter dem Schalter. Am gemächlichsten fliesst das Leben in Brasilien, Indonesien und Mexiko.
Weitere Ermittlungen ergaben generell dort ein hohes nationales Tempo, wo die Wirtschaft blüht und ein eher kühles Klima herrscht. Die Studie lässt die Frage offen, ob nun der Hang zur Pünktlichkeit die Wirtschaft beflügle oder umgekehrt eine florierende Wirtschaft die Leute auf Trab bringe. Auch ist der Autor vernünftig genug zu sehen, dass der Umgang der verschiedenen Kulturen mit der Zeit viel tiefer wurzelt, als ein paar Messungen glauben machen könnten.
So benutzen die Mexikaner im Alltag zwei Zeiten: Hält man sich im Geschäftsverkehr mit Nordamerika notgedrungen an die «hora inglesa», wird zu Hause genüsslich die «hora mexicana» gepflegt. Letztere macht es geradezu zur Pflicht, bei einer Party mit etlicher Verspätung aufzukreuzen. Wer naiverweise «en punto» an der Tür steht, sieht womöglich, wie eine überrumpelte Hausfrau zum Kleiderschrank rennt, und muss mit einer spitzen Bemerkung rechnen, etwa ob man zum Putzen gekommen sei.