NZZ Folio 12/92 - Thema: Supermarkt E-Musik   Inhaltsverzeichnis

Der Star in der Provinz

Simon Rattle und das Birmingham Symphony Orchestra.

Von Hans-Theodor Wohlfahrt

Birmingham. Das einstige Zentrum der metallverarbeitenden Industrie im Herzen Englands, heute ein wenig einladendes, unorganisches Konglomerat aus stolzer Vergangenheit und kalter, monströser Zweckarchitektur der sechziger Jahre, ist selbst bei strahlendem Sonnenschein ohne Reiz. Doch hinter dieser hässlichen Fassade verbirgt sich seit geraumer Zeit etwas, das auf alle jene magische Anziehungskraft ausübt, die sich für klassische Musik begeistern: ein facettenreiches Phänomen mit Namen Simon Rattle.

Hier in Birmingham residiert der 38 Jahre alte Dirigent Simon Rattle seit nunmehr 13 Jahren als Leiter des City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO). Er hat es in dieser Zeit zuwege gebracht, dass ihm die Stadtväter ebenso ergeben sind wie die ständig wachsende Zahl musikbegeisterter Bürger oder die zahlreichen Schüler aller Altersklassen und Gesellschaftsschichten, die sich aktiv an seinen Workshops beteiligen. Selbst der als schwierig geltende Arts Council of Great Britain, verantwortlich für die Verteilung der minimalen staatlichen Kultursubventionen, zeigt sich seinen Wünschen geneigt, und als jüngst die Regierung musikalische Aktivitäten im Schulunterricht zugunsten einseitiger Musiktheorie abzuschaffen drohte, brachte ein Machtwort Simon Rattles eine Kehrtwendung.

Inzwischen ist der junge Dirigent weltweit umworben, doch bisher hat er sich allen Verlockungen widersetzt und Birmingham, das längst auf dem besten Weg ist, London den Rang als Musikmetropole Grossbritanniens streitig zu machen, die Treue gehalten. Dazu trägt nicht nur der Dirigent bei, sondern inzwischen auch noch die Symphony Hall, dieser 1991 eröffnete Konzertsaal mit seiner einzigartigen Akustik. Dass es ihn gibt, ist ebenfalls dem Durchsetzungsvermögen von Simon Rattle zu verdanken.

Dabei war Birmingham in seiner Geschichte nie so etwas wie eine Kulturstadt, auch wenn Felix Mendelssohn 1846 hier sein Oratorium «Elias» uraufführte und später Dvorák, Gounod und Saint-Saëns hier auftraten. Das CBSO wurde erst 1920 gegründet und erlangte nie mehr als regionale Bedeutung. Das änderte sich mit einer ziemlich zufälligen Verquickung von Umständen und Einsichten in den späten siebziger Jahren. Rezession und Niedergang der heimischen Industrie drohten damals, Birminghams Wirtschaft den Todesstoss zu versetzen. Dieser Gefahr begegneten die Stadtväter mit einem ungewöhnlichen Rezept. Sie beschlossen, den Flughafen auszubauen und ein grosszügiges National Exhibition Center zu errichten, um aus Birmingham eine international gewichtige Messestadt zu machen. Zusätzlich sollten erhebliche Investitionen im Kulturbereich die europäischen Geschäftstouristen mit anlocken.

Zu jenem Zeitpunkt hatte das CBSO einen Manager, der zuvor in Liverpool Zeuge der ersten Schritte eines besessenen jungen Dirigiertalents geworden war. Und als sich der damalige Dirigent Louis Fremaux von einem Tag auf den anderen mit dem CBSO entzweite, setzte der Manager die Berufung des 24jährigen Simon Rattle durch, sonst ein unbeschriebenes Blatt. Der hatte 1974 die John Player International Conducting Competition gewonnen und sich anschliessend in Bournemouth und Glyndebourne erste Sporen verdient. Rattle also kam, blieb - und siegte. Das Orchester war von der Spontaneität und Besessenheit dieses jungen Dirigenten fasziniert, und es macht seither dessen Entwicklungsprozess begeistert mit. Trotz einem Durchschnittsalter von nur 32 Jahren braucht es mittlerweile einen internationalen Vergleich kaum noch zu scheuen.

Diese Symbiose von Orchester und Dirigent gleicht fast einer Ehe, etwas, was in der heutigen Musikwelt völlig unüblich geworden ist. Der Fortbestand dieser Verbindung wird weder vom Dirigenten noch von den Musikern in Frage gestellt. Simon Rattle sagt, er liebe sein Orchester und sehe keinerlei Anlass, seine Position in Birmingham aufzugeben.

Wie die Zusammenarbeit in der Praxis aussieht, illustriert zum Beispiel eine erste Probe mit dem gesamten riesigen für «Notations I?IV» von Pierre Boulez vorgeschriebenen Instrumentarium. Erst hat Simon Rattle jeweils für drei Stunden getrennt mit Streichern und Bläsern/Percussion gearbeitet. Und jetzt muss sich zeigen, ob die Konzentration für ein solch kompaktes, diffiziles Werk den Anforderungen Rattles genügt: Da steht er vor seinen Musikern, in Pullover und ausgeleierten Kordhosen, jungenhaft geschmeidig, unprätentiös, aber mit unbeugsamem Willen bei der kleinsten, kaum wahrnehmbaren Ungenauigkeit abklopfend. Er überträgt seine ihm eigene Spannkraft auf seine Musiker, wiederholt Ziffer für Ziffer. Aber nie gebietet er, eher beschwört er magisch, immer auf die Musik gerichtet und instinktiv wissend, wann er der Spannung das Aufatmen der Entspannung folgen lassen muss, um erneut die ganze Konzentration fordern zu können.

Sich dieser Probenatmosphäre zu entziehen ist schon dem zuhörenden Gast unmöglich, erst recht aber dem Musiker, der im Willen, etwas Vollendetes zu leisten, ganz selbstverständlich sein Letztes und mehr geben möchte. Margaret Cotton von der Perkussionsgruppe, eines der dienstältesten Orchestermitglieder, schildert die Gründe dieser Faszination so: «Verglichen mit anderen Dirigenten, mit denen wir gespielt haben, probt Simon wesentlich mehr und intensiver. Er ist ungeheuer genau und ein Dirigent, dessen Gehirn konstant in Bewegung ist. Er liebt jede Herausforderung und ist dann am glücklichsten, wenn etwas wirklich erarbeitet werden musste und jede Note poliert ist. Dabei ist Simon in keiner Weise ein Diktator. Er betrachtet sich als Teil des Orchesters und fördert die Diskussion. Dazu hat er einen ausgeprägten Sinn für Humor.»

Simon Rattle seinerseits ist glücklich darüber, dass sein Orchester den Probenprozess liebt: «Die Probenzahl ist nicht festgelegt. Doch die andernorts üblichen drei Proben inklusive Generalprobe sind generell einfach zu wenig. Wir haben für bestimmte Programme schon fünfzehn Proben angesetzt oder eben auch nur eine. Letztlich geht es darum, wieviel Einsatz für ein gutes Resultat nötig ist. Dieses Orchester braucht für eine Schumann-Sinfonie länger als für Mahler, für Schubert länger als für Berio.»

Die Begründung dafür liefert Konzertmeister Peter Thomas, der vor einigen Jahren vom London Philharmonia Orchestra nach Birmingham wechselte und froh darüber ist, dem Verschleiss in London zugunsten fundierten Musizierens entronnen zu sein: «Rattles Liebe galt wohl von Anfang an Mahler und den Klassikern unseres Jahrhunderts. Auf diese Weise bildet Mahler quasi ein Zentrum in unserem Repertoire. Zusätzlich spielen wir viel zeitgenössische Musik, was nicht nur den Komponisten zugute kommt, sondern dank Rattles Wahl für nie ausschliesslich abstrakte Werke auch vom Publikum akzeptiert wird.» Beresford King-Smith, Manager für Spezialprojekte, ergänzt: «Simon programmiert ungewöhnlich. Doch fordert er ebenso Gastdirigenten dazu auf. Für bestimmte Werke engagiert er jene Kollegen, die wirklich an diese Werke glauben und sie dann auch umzusetzen verstehen. Im Gegensatz zu vielen jungen Dirigenten erhebt Simon gar nicht den Anspruch, das ganze Repertoire zu kennen. Bei den Beethoven-Sinfonien ist er immer noch dabei, sich schrittweise an sie heranzutasten. Er hat gesagt, unser erster Beethoven-Zyklus werde 1995 sein persönliches Geschenk für den gemeinsamen 15. Jahrestag sein. Komponisten wie Tschaikowsky oder Richard Strauss geht er nahezu gänzlich aus dem Weg. Das stört uns aber nicht. Was immer er auch plant und dirigiert, er ist davon hundertprozentig überzeugt und darauf bestens vorbereitet. Simons persönliches Charisma hat Orchester und Publikum gleichermassen beflügelt.»

So ist denn in dieser Saison neben Boulez Mahlers gigantische 3. Sinfonie das Zentralwerk des ersten Abonnementskonzertes. Während der vormittäglichen Generalprobe gilt Rattles Augenmerk erneut den «Notations I?IV», während von der Mahler-Sinfonie nur einzelne Passagen angespielt werden. Da fällt dem Zuhörer eine Veränderung hoch oben an den Längswänden dieses in seiner Wucht, Harmonie und sachlichen Ästhetik betörenden Konzertsaals auf. Für Mahler öffnen sich schleusenartig die jeweils zwölf sogenannten Echokammern um etwa einen Meter. Sie sind eine in Europa zuvor unbekannte Erfindung des Akustikers Russell Johnson, lassen sich pneumatisch variieren und dienen der Vergrösserung des Klangvolumens. Gemeinsam mit einem riesigen, hydraulisch versenkbaren Resonanzbaldachin über dem Orchester und weiteren Möglichkeiten zur Schalldämpfung erlauben sie endlose akustische Varianten.

Eine Gefahr der Klangmanipulation sieht Rattle dabei nicht. «Die Veränderungen, die wir mit den Echokammern erreichen, sind kosmetischer Natur. Aber die Möglichkeit, in einem Konzert Strawinsky und Bruckner gleichermassen zu ihrem Recht zu verhelfen oder für Prokofjew, Schönberg und Debussy das jeweils optimale Klangvolumen zu gewährleisten, ist herrlich. Wir befinden uns noch immer im Lernprozess, uns dem Saal und seiner Grundakustik anzupassen. Je besser wir hier musizieren, desto besser ist auch der Klang, was sich nicht von allen Konzertsälen behaupten lässt.»

Für Margaret Cotton besitzt Symphony Hall noch eine andere Bedeutung: «Für gewöhnlich beginnt das Verhältnis zwischen Dirigent und Orchester nach neun Jahren zu bröckeln. Simon ist nun zwölf Jahre bei uns, und es ist schwierig zu sagen, wie dies weitergeht. Irgendwo haben wir schon immer die Angst, dass er andernorts einen Vertrag unterschreibt. Doch jetzt hat er diesen Konzertsaal, um den uns alle beneiden. So wird er uns hoffentlich ein wenig länger die Treue halten.»

Abends im Konzert. Simon Rattle ist in seinem Element und zaubert. Das Mahler-Finale steigert sich zu einem leidenschaftlichen Klanggemälde. Wem hier nicht ein Schauer über den Rücken jagt, der ist für Musik nicht empfänglich und für den ist auch die Ausstrahlung von Simon Rattle nicht fasslich.

Mehr als jedes Gespräch verdeutlicht das Mahler-Bild dieses 38jährigen eine intuitive, unmittelbare und immer wache Kreativität. Dagegen bedeutet das Wort Karriere dem Dirigenten wenig: es hat mit Musik nichts zu tun. «Ich bin überrascht, dass ich hier in England wie eine Ikone betrachtet werde. Wenn ich das, was in mir zu sein scheint, gelegentlich sinnvoll ausspielen kann, das ist das auf irgendeine Art nützlich.» Simon Rattle wird geliebt und ist umworben, aber davon macht er kein Aufhebens  «es muss irgendwo einen Doppelgänger gleichen Namens geben . . .»

Bereits 1987 erschien eine erste Biographie über ihn, und im gleichen Jahr zeichnete ihn die Königin mit dem Orden «Commander of the British Empire» aus. Seine bisherigen Platteneinspielungen reichen von Haydn über Sibelius, Mahler, Gershwin und Mark Anthony Turnage, den «Hauptkomponisten» des CBSO, bis hin zum längsten Werk im sinfonischen Repertoire überhaupt, der «Odyssey» des englischen Zeitgenossen Nicholas Maw.

Er selber bleibt bescheiden: «Natürlich kann man einen Dirigentenstab in jedem Alter führen. Bestimmte Dinge sind aber nicht lernbar. Ich war körperlich zum Dirigieren gut geeignet, doch Dirigieren ist ein lebenslanger Prozess, und wir Dirigenten werden musikalisch erst mit 60 Jahren vielleicht interessant. Weisheit ist nicht wie Nescafé, wie alles Gute braucht sie Zeit. Ich höre nie auf zu lernen. Als ich nach Birmingham kam, war ich sehr jung. In meinen frühen Jahren, in den Zwanzigern, habe ich viel gastiert, hier, in Europa, in den USA. Das macht bis zu einem gewissen Grad Freude, auch wenn es musikalisch wenig befriedigt. Für einen jungen Dirigenten mag das angehen, man lernt einen Beruf, stellt Fürchterliches an und ist gleich wieder weg. Doch ab einem gewissen Zeitpunkt braucht jeder Dirigent seinen festen Rahmen. Hier in Birmingham habe ich alles und auch meine Familie. Musik ist ja nur Teil des Lebens, das Leben selbst umfasst viel mehr. Brahms hat einmal zu einem Musiker gesagt, er solle versuchen, jeden Tag eine Stunde weniger zu üben und statt dessen ein gutes Buch zu lesen. Man muss immer etwas Neues haben, mit dem man die Musik bereichern kann. Die Musik darf nicht alles diktieren.»

Hans-Theodor Wohlfahrt lebt in London als Musikkorrespondent verschiedener Fachzeitschriften.


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