Der Erstling von Sonja Vaikova, «ohne mich (ein bericht)», präsentiert sich in Spiralheftung, mit grauen Kartondeckeln als ein Notizbuch. Leicht lesbare handschriftliche Eintragungen wechseln ab mit zum Teil farbigen Zeichnungen, die an Cy Twomblys Spuren sichernde oder Spuren setzende grafische Sprache erinnern. Schrift und Zeichnung stehen zueinander wie zwei verschiedene Schriften, von denen die eine im konventionellen Sinn lesbar, die andere als Erschütterung, als Eröffnung von Raum und Freiheit erlebbar ist.
«kam. sah. sagte . . .»: die Ich-Erzählerin, die im Rückblick von einer Reise berichtet und berichtend die Vergangenheit zur Gegenwart und die Reise zur Alltäglichkeit macht, verzichtet auf den Gebrauch des Wortes «ich». Aus Notwehr: «die im spiegel verpflichtete sich darauf, sich zu behaupten. kopfvoran durchs leben zu segeln auf kollisionskurs in die vernichtung.» Der Spiegel wird verhängt. In einem letzten Entschluss, «den schatten abzuschneiden von den füssen. schritt für schritt zu gehen ohne gedächtnis. ein etwas. fragend. dahin . . .», verzichtet ein Lebendiges darauf, sich zu profilieren. Es geht seinen Weg und lässt sich gehen.
Selbstlos im genauen Sinn des Wortes, ist die Erzählerin kaum mehr als ein allerdings hochdifferenziertes Wahrnehmungsorgan. Mit Fühlern gleichsam registriert sie, was ihr begegnet oder, besser, worauf sie sich einlässt. Worin sie sich in einem im Unbegangenen sich vorwärts tastenden Sprechen verliert. Nicht ganz ohne Gedächtnis freilich setzt die Sprechende in Szene, was sie aufspürt. Sie erinnert sich an Wörter und an Dinge. Aber nicht immer, scheint es, an deren Beschaffenheit oder Bedeutung: «weiss. oder weiss nicht was mit den farben», sagt sie einmal, «ob sie zum essen sind oder nur zum schein.»
Die erzählende Instanz hat keine andere Kontinuität als die des Sprechens. «noch und noch einmal zergeht auf der zunge das letzte und noch einmal letzte wort»: zwischen nicht mehr und noch nicht leuchten die Worte - und die in ihnen aufgerufenen Dinge - auf in aggressiver Aktualität. Im Gang durch wechselnde Szenerien wird das Geringste «farblos bloss» zum Ereignis. Es gibt nichts mehr, was gering wäre. Jeder Satz - jede Zeichnung auch - ist ein Einbruch, in dem ein Muster zerstört wird, in dem ein neuer Entwurf sich gewinnt.
Wenn ein Ich uns erzählen würde, was es erfährt, müsste es redend die Erfahrung sich zu eigen machen, sie in seine Welt einordnen. Im Verlauten der Stimme aber, die sich ichlos zum Wort meldet, kommt Erfahrung ungebändigt strahlend zum Ausdruck: «ein licht rast durchs dunkel. schlüpft hinein in gesichter. oder blitzartig in wolken. in ein vergessenes. in was du tag für tag versäumst.» Was wir versäumen! Wer dem Text folgt; wer sich von den Zeichnungen hinters Licht führen oder mit dem Dunkel ins Gespräch bringen lässt, geht nicht nur auf im Augenblick, sondern es werden ihm auch vergangene Augenblicke von neuem wieder auf- und einleuchten. Der Leser verliert nicht, er gewinnt Zeit.
Zweierlei wäre dem stets von neuem sich der Verfügbarkeit entziehenden «(bericht)» als Inkonsequenz anzulasten: dass er nicht anonym erschienen ist. Ein Buch wie dieses müsste einmalig bleiben. Nicht auf den Markt geworfen, sondern durch Weiterschenken, Ausleihen oder Diebstahl in Umlauf gesetzt werden. Es müsste es einer in der Strassenbahn vergessen und ein anderer aus dem Papierkorb fischen. Wenn es abgenützt, zerlesen und schliesslich zerfallen, wenn es nicht in gepflegtem Faksimile vervielfacht, sondern weiterleben würde in den Büchern, die es anregt, wäre es wirklich, was es als ein gedrucktes, käufliches nur vorstellt: das andere Buch.
Sonja Vaikova: ohne mich (ein bericht). Verlag zeitlos, Graz 1991