NZZ Folio 08/02 - Thema: Schule   Inhaltsverzeichnis

Freud und Leid der Lehrer

Haben die Schüler genug Disziplin? Nehmen die Eltern genug Anteil? Ist der Lehrerberuf noch attraktiv? Wie wichtig sind Noten? Die Lehrer der porträtierten Schulklassen aus den USA, Schweden, Japan, der Deutschschweiz und der Romandie nehmen Stellung.

Die Schüler von Jennifer Douglas dürfen während des Unterrichts essen. Was halten Sie davon?

Yoko Aoki, JAP: Unsere Kinder bringen nie Esswaren, auch keinen Kaugummi in die Schule mit. Auch während der Pausen wird nicht gegessen, die Kinder dürfen jedoch am Wasserhahn trinken.
Sabine Jendly, CH-F: Das finde ich aus praktischen Gründen nicht gut - die Kinder kriegen doch schmutzige Finger und verdrecken ihre Arbeiten. Einzelne würde das Essen im Unterricht auch ablenken.
Rony Ageby, SWE: Essen ist im Unterricht nicht erlaubt. Auf dem Schulgelände prinzipiell verboten sind auch Kaugummi und Süssigkeiten.
Pascal Hofstetter, CH-D: Bei mir ist das nicht erlaubt. Aber ein Glas Wasser steht immer beim Lavabo bereit. Wer Kaugummi kaut, muss eine Seite schreiben.


Welche Verhaltensregeln gelten bei Ihnen im Unterricht und an der Schule?

Jennifer Douglas, USA: Unser Verhaltenscode hat vier Grundsätze: 1. Self Respect. Sei stolz auf dich und versuche, stets alles zu geben. 2. Respect for Learning. Sei pünktlich. Gehe fürsorglich mit deinen Schulsachen um. 3. Respect for Property. Halte das Schulgebäude in Ordnung. Respektiere die Dinge, die dem Lehrer und den Schulkameraden gehören. 4. Respect for Others. Folge den Anweisungen der Erwachsenen. Denke an die anderen bei dem, was du sagst und tust.
Sabine Jendly, CH-F: In unserem Reglement steht, dass Kaugummi unerwünscht ist, dass man im Schulzimmer keine Strassenschuhe trägt, dass man vor dem Betreten des Schulzimmers in einer Zweierreihe einsteht, dass man pünktlich ist und das Schulmaterial dabeihat. Wer etwas sagen will, hebt die Hand. In unserer Klasse haben wir zusätzliche Regeln, die alle unterschrieben haben. Etwa: Die Kameraden werden nicht angeschnauzt. In Gruppenarbeiten helfen wir einander.


Was ist Ihren Schülern ausdrücklich verboten?

Rony Ageby, SWE: Natürlich das Mitbringen von Waffen. Das Schulgelände darf während der Unterrichtszeit nicht verlassen werden. Und in meiner Klasse habe ich ein Punktesystem: Fürs Zuspätkommen oder wenn jemand sich danebenbenimmt, gibt es einen Punkt. Wer eine gewisse Punktzahl überschreitet, darf nicht dabei sein, wenn die Klasse mit dem Lehrer ins Kino geht oder einen Ausflug macht. Der betreffende Schüler muss dann die Zeit in der Schule absitzen.
Yoko Aoki, JAP: Wir kennen kaum Verbote. Fürs Zuspätkommen gibt es keine Bestrafung - in der Regel ist es ohnehin der Fehler der Eltern, wenn sich ein Kind verspätet. Vergisst jemand die Hausaufgaben, gebe ich einen zusätzlichen Tag für die Erledigung. Kommen sie auch dann nicht, muss das Kind während der Pause arbeiten. Vergisst ein Kind sein Schulbuch, muss es sich bei seinem Nachbarn höflich erkundigen, ob es das Buch borgen darf. Körperstrafen sind selbstverständlich verboten. Auch eine Bestrafung, bei der das Kind in der Ecke stehen oder vor die Türe gehen müsste, gilt als Körperstrafe und ist nicht erlaubt.
Pascal Hofstetter, CH-D: Hausaufgaben vergessen kann vorkommen, sobald es sich häuft, suche ich den Kontakt mit den Eltern. Wenn jemand zu spät kommt, erwarte ich eine Begründung. Elektronische Geräte müssen während des Unterrichts ausgeschaltet sein.
Jennifer Douglas, USA: Elektronische Geräte sind im Schulgebäude untersagt, selbstverständlich jede Art von Waffen. Raufen ist verboten, ebenso das Beschmieren von Wänden. Fluchen wird geahndet, Drohungen werden ebenfalls nicht toleriert. Wer nicht rechtzeitig in meine Stunde kommt, bekommt einen Eintrag - Pünktlichkeit ist mir wichtig. Wer seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, bekommt einen Abzug in der Note. Heute haben sich Tylor und Ronan im Unterricht geprügelt, also mussten sie auf die Mittagspause verzichten und hier drinnen Hausaufgaben machen. Neulich habe ich einen Schüler erwischt, wie er im Tagebuch einer Klassenkameradin las. Das ist ein grober Eingriff in die Privatsphäre. Ich habe Nachsitzen angeordnet.


Welches war die schwierigste disziplinarische Situation, die Sie zu meistern hatten?

Rony Ageby, SWE: Letztes Jahr erstattete ein Schüler einer anderen Klasse Anzeige gegen mich. Er war auf dem Pausenplatz gegen einen Mitschüler gewalttätig geworden. Ich hielt ihn fest und erklärte ihm, dass er aufhören müsse. Der Junge erzählte seinen Eltern, ich sei brutal gegen ihn vorgegangen, und die gingen zur Polizei. Nachdem sie meine Version des Vorfalls gehört hatten, zogen sie aber ihre Anzeige zurück. Ich glaube, bei uns ist man etwas zu weit gegangen: die Schüler haben kaum noch Pflichten, aber eine Menge Rechte.


Yoko Aoki trifft sich mit allen Eltern neun- bis zehnmal pro Jahr. Viermal ist offizieller Besuchstag. Der Lehrer-Eltern-Ausschuss trifft sich fünfmal. Darüber hinaus sieht Aoki die Eltern von jedem der 34 Kinder ihrer Klasse zweimal jährlich zum Einzelgespräch. Würden Sie das auch gerne so machen?

Sabine Jendly, CH-F: Nein! Bei mir läuft das ganz anders. Es gibt pro Jahr einen Elternabend und zwei, drei Einzelgespräche. Wenn es Probleme gibt mit einem Kind, können es auch sechs, sieben Gespräche werden. Vieles besprechen wir aber schnell am Telefon. Es kommt auch vor, dass Eltern nach Schulschluss vorbeischauen und ein kurzes Gespräch führen wollen.
Jennifer Douglas, USA: Bei uns gibt es jährlich zwei Treffen mit den Eltern, im letzten Vierteljahr können sowohl Eltern als auch Lehrer eine Konferenz einberufen, wenn sie es wünschen. Klar, es wäre schön, die Eltern öfter zu sehen, die Verbindung zwischen Familie und Schule ist sehr wichtig. Aber ich wüsste nicht, woher die Zeit nehmen. Ich unterrichte 80 Schüler in vier Klassen, wenn ich deren Eltern zehnmal im Jahr treffen sollte, würde das alles andere blockieren.
Rony Ageby, SWE: Das wäre mir zu viel. Bei uns haben die Eltern das Recht, pro Schuljahr einen ganzen Tag beim Unterricht dabei zu sein. Ich fände es gut, wenn mehr Eltern von dieser Möglichkeit Gebrauch machen würden. Einmal pro Semester gibt es ein Gespräch zwischen Eltern, Schüler und Lehrer.
Pascal Hofstetter, CH-D: Mit Besuchstagen und Gesprächen kann man es auch übertreiben. Ich finde, ein bis zwei Gespräche oder Elternabende haben sich bewährt.


Wie viel Einfluss haben die Eltern in Ihrer Schule?

Jennifer Douglas, USA: An der Schule gibt es viele engagierte Eltern. Es gibt eine Lehrer-Eltern-Organisation, die Feste organisiert oder Bücher finanziert, für die ein Lehrer keinen Zuschuss von der Stadt bekommt. Dann gibt es Eltern, die in der Schule assistieren. Dieses Jahr kam eine Mutter und veranstaltete einen einwöchigen Poesie-Workshop, das war sehr gut. Eine andere kam einen Monat lang einmal die Woche und half den Kindern beim Auswendiglernen für das Shakespeare-Stück und beim Malen der Kulissen. Das ist natürlich hervorragend.
Sabine Jendly, CH-F: Ich wünsche mir, dass die Eltern sich mehr für die Schule engagierten. Als wir ein Projekt mit der ganzen Schule zum Thema Schlaf machten, fanden wir ganze drei Mütter, die sich beteiligen wollten. Bei 300 Schülern! Aber in unserem Quartier sind 80 Prozent der Eltern berufstätig, es fehlt ihnen an der Zeit, in der Schule mitzumachen.
Pascal Hofstetter, CH-D: Auf alle Anliegen der Eltern kann man nicht eingehen. Vor allem bei Beurteilungs- und Übertrittsgesprächen wird es manchmal schwierig. Die Eltern erkennen die Grenzen des Kindes nicht immer oder wollen sie nicht wahrnehmen. Hier spielen der gesellschaftliche Druck und die persönlichen Vorstellungen der Eltern eine wichtige Rolle.
Rony Ageby, SWE: Also das Problem überengagierter Eltern haben wir nicht - ich würde mir im Gegenteil mehr Verantwortungsbewusstsein bei so manchen Eltern wünschen. Immer mehr Eltern überlassen erzieherische Aufgaben der Schule. Das nimmt manchmal groteske Formen an. Einem Schüler beizubringen, wie man sich die Schuhe schnürt oder mit Messer und Gabel isst, ist eigentlich nicht Aufgabe der Schule. Manche Eltern kümmern sich einfach zu wenig um ihre Kinder. Ich finde es unakzeptabel, wenn man Kinder in die Schule schickt, die unausgeschlafen sind, weil sie bis nach Mitternacht fernsehen dürfen, oder hungrig, weil sie zu Hause kein Frühstück bekommen.


Der Lehrerberuf wird in Schweden wenig geachtet und schlecht bezahlt. Hätten Sie den Lehrerberuf auch gewählt, wenn Sie in Schweden leben würden?

Jennifer Douglas, USA: Ich fürchte, ja. Wegen des Geldes habe ich diesen Beruf nicht ergriffen. Ich mag einfach Kinder, und ich mag Lernen. Ich wollte immer Lehrerin werden und habe doch ein Jahr Journalistik studiert, weil ich etwas anderes wenigstens ausprobieren wollte. Es war nichts für mich. Man wird sicher nicht Lehrer, weil es sichtbare, greifbare Anerkennung dafür gibt. Wer Ruhm oder Geld sucht, ist hier nicht richtig.
Yoko Aoki, JAP: Ich bin mit meinem Status völlig zufrieden. Die japanische Gesellschaft hat traditionell eine hohe Achtung vor Lehrern, und dies trifft auch auf die Primarlehrer zu.
Pascal Hofstetter, CH-D: Nach meiner langen Ausbildung hoffe ich schon auf einen guten Lohn. Man ist nicht Lehrer aus purem Idealismus. Mir gefällt die Freiheit, die ich habe. Und ich habe Freude daran, dass ich Kinder auf einem Teil ihres Lebensweges begleiten und unterstützen kann. Die zwölf Wochen Ferien sind ebenfalls nicht zu verachten.
Sabine Jendly, CH-F: Primarlehrerin war mein Wunschberuf, ich hätte diesen Beruf auch in Schweden ergriffen. Aber natürlich ist es nicht schlecht, dass die Lehrer bei uns auch relativ gut bezahlt sind.


Hat sich die Reputation des Lehrerberufs in Ihrem Land verändert?

Pascal Hofstetter, CH-D: Ich werde manchmal etwas belächelt. Jeder kennt die Schule und glaubt zu wissen, was man da den ganzen Tag tut. Aufwand und Verantwortung werden nicht immer richtig beurteilt.
Jennifer Douglas, USA: O ja. Es ist wesentlich besser geworden, es gibt mehr Respekt. Viele haben verstanden, wie entscheidend die Bildung für die Zukunft des Landes ist. Wenn man heute in den USA als Lehrer arbeiten will, braucht man mindestens einen Collegeabschluss, das hat unser Ansehen gehoben. Schliesslich hat sich auch unsere Rolle geändert. Die Klassen sind gemischter heute, man muss den Bedürfnissen vieler sehr verschiedener Kinder gerecht werden. Man muss einfallsreich sein, flexibel und kreativ. Das ist anders als noch vor zwanzig Jahren, und es ist härter.
Sabine Jendly, CH-F: Vor zwanzig Jahren war der Lehrer bei uns eine wichtige Person, fast wie der Pfarrer. Heute soll er die Kinder einfach möglichst effizient lesen und rechnen lehren. Gelingt ihm dies nicht, ist er ein schlechter Lehrer. Unser Ansehen ist nicht eben toll. Besonders die Jüngeren haben das Gefühl, wir arbeiteten wenig und machten uns ein bequemes Leben.


Was sollte man tun, um den Beruf attraktiv zu halten oder attraktiver zu machen? Würde die Einführung von Leistungslöhnen einen Anreiz schaffen?

Rony Ageby, SWE: Bessere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen wären schon nötig. Wir brauchten mehr Lehrer pro Schüler. Und die Ausbildung müsste die Lehrer besser pädagogisch vorbereiten. Viele sind nach dem Studium von den Problemen des Schulalltags überrascht und geben auf. Mein Traum war es eigentlich, Kinderarzt zu werden. Aber mein Notendurchschnitt reichte nicht ganz dafür aus, deshalb wurde ich Lehrer, denn ich wollte mit Kindern arbeiten. Leistungslöhne halte ich für illusorisch. Um gerecht zu sein, müsste man Input und Output messen, und das würde einen enormen bürokratischen Aufwand verursachen.
Pascal Hofstetter, CH-D: Es darf nicht sein, dass die Lehrer mit immer mehr Aufgaben belastet werden, ohne dass sie dafür entschädigt werden. Die Leistung einer Lehrperson kann man praktisch nicht messen, deshalb ist ein Leistungslohn undifferenziert.
Sabine Jendly, CH-F: Ich bin gegen den Leistungslohn. Wie soll man unsere Leistung denn messen? An der Leistung der Schüler? Man müsste den Lehrern bei uns mehr Zeit fürs Zusammensein mit den Kindern einräumen. Wenn ich einen Klassenrat einberufen will, geht dies auf Kosten einer Mathematik- oder Geographielektion. Ich finde auch, dass der administrative Teil unserer Arbeit abschreckend gross ist.
Jennifer Douglas, USA: Viele wollen einfach Lehrer werden, denen sind widrige Umstände egal. Für andere ist sicher die persönliche Sicherheit wichtig, also ein fester Job und ein festes Gehalt. Junglehrer werden bei uns während der ersten drei Jahre jährlich, danach alle zwei Jahre evaluiert. Eine wahrscheinlich härtere Prüfung für Lehrer sind die nationalen Leistungstests. Wenn die Schüler da nicht im normalen Rahmen abschneiden, muss der Lehrer viele Fragen beantworten.


Pascal Hofstetter benutzt gern ungewöhnliche Lernformen. Bei einer Lesenacht kamen alle Schüler mit dem Schlafsack in die Schule und lasen bis Sonnenaufgang durch. Oder er lässt die Schüler eine Schlange im Schulzimmer halten. Was halten Sie von solchen Projekten?

Sabine Jendly, CH-F: Ich finde solche Sachen toll. Wir machen auch manchmal Dinge in diese Richtung. Beim Thema Schlaf zum Beispiel haben wir Sterne beobachtet und im Freien übernachtet. Aber ich habe eigentlich keinen Freiraum. In den Hauptfächern ist der Lehrplan gedrängt voll. Was nicht direkt im Lehrplan steht, kann man nur in den Nebenfächern machen.
Yoko Aoki, JAP: Im fünften Schuljahr gehen alle Klassen derselben Stufe gemeinsam für eine Nacht campieren. Und die Klassen halten verschiedene Tiere, Hamster, Schildkröten. Ich habe in meinem Klassenzimmer Zierfische und einen Flusskrebs, den vor zwei Jahren ein Kind mitgebracht hat. In der zweiten Klasse pflanzen die Kinder Tomaten, Soja und Gurken und beobachten, was im Laufe der Wochen geschieht. Das im April eingeführte neue Fach Sôgôteki na gakushû no jikan, das der Persönlichkeitsentwicklung dienen soll, gibt uns grosse Freiheit, eigene Ideen einzubringen.
Rony Ageby, SWE: Die Idee mit der Lesenacht finde ich gut. Ich mache ungewöhnliche Schulausflüge, zum Beispiel einmal pro Jahr gehen wir fischen in ein Naturschutzgebiet. Ich bin Hobbyangler und bringe den Kindern Knoten bei, wir zerlegen den Fang fachmännisch. Wir haben in Schweden viele Freiheiten. Dann gibt es aber auch die Arbeitspläne, komplizierte, langwierige Listen, die abzuhaken sind. Da dies nicht viel bringt, nehmen wir Lehrer es nicht so genau damit.
Jennifer Douglas, USA: Alles, was Kinder fürs Lernen begeistert, sollte erlaubt sein. Wir haben kürzlich im Museum of Science übernachtet, die Kinder haben mit Schlafsäcken gleich neben einem Dinosaurierskelett gelegen. Es gibt auch Tiere in manchen Klassen. Das mit der Lesenacht ist eine coole Idee, wenn der Kollege nichts dagegen hat, würde ich sie gern kopieren! Ich habe meine Stelle hier erst vergangenes Jahr angetreten und arbeite noch an den Feinheiten meines Lehrplans. Darin steht zwar, was die Kinder erreichen sollen, aber es schreibt mir niemand vor, auf welchem Wege das geschehen soll. Das erste Jahr ist deshalb das härteste, weil man seinen ganzen Lehrplan neu erfinden muss.


Sabine Jendlys Schüler stehen vor dem Übertritt in die Sekundarstufe. Nach sechs Jahren Primarschule werden sie gemäss ihrer Leistung in drei Stufen unterteilt und getrennt unterrichtet. Was halten Sie von diesem System?

Rony Ageby, SWE: Diese Unterteilung in drei Stufen würde vielen Schülern bei uns guttun, hätte aber den Nachteil, dass jene, die in der untersten Gruppe landen, auf ewig als Minderbegabte abgestempelt wären.
Jennifer Douglas, USA: Ehrlich gesagt, ich finde das merkwürdig, es klingt nach Stigmatisierung. Wieso mutet man Zwölfjährigen so etwas zu? Man weiss doch noch gar nicht, wie die Kinder sich entwickeln werden.
Yoko Aoki, JAP: Bei uns werden alle Schüler befördert. Allerdings gibt es in unserer Schule den Brauch, alle zwei Jahre die Klassen neu einzuteilen. Da wir drei Parallelklassen haben, wird jede Klasse für die Neueinteilung jeweils gedrittelt. Die Neuaufteilung erfolgt aber nicht mit Blick auf gescheite und weniger gescheite Kinder. Man schaut vielmehr auf die Charaktereigenschaften der Kinder, so dass ein optimales Klima der Zusammenarbeit erreicht werden kann.


Wie wichtig ist die Beurteilung der Schüler für Sie?

Pascal Hofstetter, CH-D: Ich finde es sehr wichtig, dass die Schüler auf ihre Leistungen eine Rückmeldung bekommen. Man sollte die Kinder nicht mit allen Anforderungen des Lebens verschonen. Dazu gehört, dass man gemessen und verglichen wird.
Rony Ageby, SWE: Meine Beurteilung ist für die Schüler wichtig und wird von den meisten ernst genommen. Das verpflichtet mich, einerseits zwar ehrlich zu sein, andererseits aber auch dazu, vor allem zu loben. Lob ist der beste Verstärker, das ist meine Erfahrung. Schönreden aber wird von den Kindern durchschaut, und das untergräbt den Wert aller Beurteilungen.
Sabine Jendly, CH-F: Ein Kind muss wissen, wo es steht, wo es mehr arbeiten muss und wo es die Dinge etwas lockerer nehmen kann. Für den Übertritt meiner Schüler in die Sekundarschule gebe ich eine Empfehlung ab. Natürlich gibt es Kinder, die es nicht gut können mit ihren Lehrern, und für die wird die Motivation in der Schule schnell einmal zum Problem. Aber ich glaube nicht, dass sich so etwas negativ auf die Zukunft eines Kindes auswirkt. Wir Lehrer haben nicht so viel Macht über das Schicksal unserer Schüler.
Jennifer Douglas, USA: Die Beurteilung ist sehr wichtig, weil ich damit herausfinden kann, ob ich als Lehrerin erfolgreich war. Wenn ich einem Kind eine Lesestrategie beibringe, und ich stelle mit einem Test fest, es hat es nicht verstanden, dann heisst das, dass ich es noch mal unterrichten muss. Wenn Kinder etwas intellektuell nicht verstehen, müssen wir ihnen Alternativen beibringen, damit sie später in der Gesellschaft funktionieren können. Von Noten halte ich nicht viel. Unsere gehen von A bis E. Ich gebe keine harten Noten, ich will die Kinder motivieren, nicht frustrieren. Deshalb ist meine Regel: Wenn jemand sich sehr Mühe gibt, bekommt er ein B. Einsatz und Lernbereitschaft zählen bei uns ebenso wie die intellektuelle Leistung. 




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