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Das Experiment -- Verhaften oder nicht verhaften?
© Nubar Alexanian/www.nubar.com
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| Helfen Verhaftungen häusliche Gewalt einzudämmen, oder bewirken sie das Gegenteil? |
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Die Ergebnisse eines 1981 durchgeführten Experiments zum Vorgehen bei häuslicher Gewalt haben bis heute enormen Einfluss auf die Polizeiarbeit – obwohl sich zeigte, das sie falsch waren.
Von Reto U. Schneider
Am 17.März 1981 trat für einige Polizisten in Minneapolis eine seltsame Regel in Kraft. Wenn sie zu einem Streit in die Wohnung eines Paares gerufen wurden, durften sie nicht mehr nach Gutdünken handeln, sondern mussten eine Art Los ziehen: War das oberste Rapportformular auf ihrem Klemmbrett weiss, versuchten sie den Streit zu schlichten, war es grün, schickten sie den Mann weg, bei rot nahmen sie ihn fest. Es war der Kriminologe Lawrence W. Sherman, der die Stapel aus weissen, grünen und roten Formularen für die Polizisten vorbereitet hatte. Er sortierte sie so, dass die drei Fälle zufällig, aber gleich häufig auftraten.
Sherman war erst 32 Jahre alt, als er sein berühmtestes und umstrittenstes Experiment durchführte. Zehn Jahre zuvor hatte er als Kriegsdienstverweigerer Ersatzdienst bei der Forschungsabteilung der New Yorker Polizei geleistet und dort Anthony V. Bouza kennengelernt. Wie Bouza glaubte auch Sherman, dass Forschung ein wichtiges Mittel sei, um die Polizei zu reformieren. Als Bouza 1980 zum Polizeichef von Minneapolis berufen wurde, schlug Sherman – in der Zwischenzeit Doktor der Soziologie – ihm vor, seine Polizei zu einer Art Forschungsstation zu machen, «wie es sie in der Landwirtschaft gibt, wo die Forschung unter realen Bedingungen im Feld erfolgt und nicht im Labor», erzählt Sherman dreissig Jahre später.
In Minneapolis hatten die Gesetzgeber der Polizei eben die Vollmacht erteilt, bei häuslicher Gewalt auch Verhaftungen vorzunehmen, doch die Polizisten übten ihre neue Macht nur zögerlich aus, weil sie nicht an ihre Wirkung glaubten. Sherman sah seine Stunde kommen. «Ich sagte mir, das ist ein klassisches Beispiel, wo ein Experiment Klarheit schaffen kann.»
Abschrecken oder stigmatisieren?
Die Frage, welche Wirkung eine Strafe beim Täter zeige, war umstritten. Die Experten waren in zwei Lager gespalten. Die Anhänger der Abschreckungstheorie glaubten, dass eine Strafe einen Täter tendenziell davon abhalten würde, eine Tat zu wiederholen. Die Anhänger der Etikettierungstheorie waren gegenteiliger Meinung: Eine Strafe wie zum Beispiel eine Verhaftung stigmatisiere den Verdächtigen als Kriminellen – vor der Gesellschaft und vor sich selbst. Und dieses neue Selbstbild erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass er wieder eine Tat begehe. Mit seinem Freund, Polizeichef Bouza, im Rücken wollte Sherman die Frage endgültig klären.
Das System hatte Schlupflöcher
Sherman instruierte die Polizisten über das Vorgehen mit den farbigen Formularen und zeichnete danach ein halbes Jahr lang auf, welche der Täter wieder zuschlugen. Dazu machte er Interviews mit Opfern und Tätern und überprüfte, ob ihre Namen erneut in einem Polizeirapport auftauchten. Dabei sollte sich zeigen, ob die Verhafteten häufiger oder seltener rückfällig wurden.
Als erstes zeigte sich jedoch etwas anderes, nämlich dass viele Polizisten nicht auf einen Doktor der Soziologie gewartet hatten, der ihnen farbige Formulare in die Finger drückte, die ihnen vorschrieben, was sie zu tun hatten. Es war vorgesehen, dass das Experiment in jenen zwei Bezirken von Minneapolis stattfinden sollte, in denen häusliche Gewalt am häufigsten war. Alle ausser einem der 34 dort tätigen Polizisten erklärten sich bereit, mitzumachen. Doch viele waren nicht mit Eifer bei der Sache. Zu den regelmässigen Treffen erschien die Hälfte erst gar nicht, und auch viele der anderen trugen nur sporadisch einen Fall bei.
Nach acht Monaten, im November 1981, wurde klar, dass es nicht möglich sein würde, die angestrebten 300 Fälle wie vorgesehen in einem Jahr zu sammeln, und Sherman rekrutierte 18 weitere Polizisten. Aber auch das half nicht, und er musste die Untersuchungsperiode von 12 auf 18 Monate verlängern. Am Ende stellte sich heraus, dass drei Polizisten aus der ersten Gruppe fast einen Drittel aller Formulare eingereicht hatten.
Die geringe Kooperation war aber nur der Anfang von Shermans Schwierigkeiten. Wie bei jedem Experiment war es wichtig, dass die Massnahmen – Streit schlichten, wegschicken oder verhaften – gänzlich zufällig angewandt wurden. Das hoffte Sherman mit den zufällig gestapelten farbigen Formularen auf dem Klemmbrett zu erreichen, von denen die Polizisten jeweils dem obersten folgen mussten. Aber das System hatte Schlupflöcher.
Wenn die vom Formular vorgegebene Massnahme den Polizisten in einer bestimmten Situation nicht passte, konnten sie zum Beispiel entscheiden, dass dieser Fall gar nicht zum Experiment gehörte. Oder sie konnten, da sie zu zweit unterwegs waren, aus den Optionen auf zwei Klemmbrettern auswählen.
Der Versuch, das Verhalten der Polizisten mittels Stichproben zu überprüfen, scheiterte daran, dass die Fälle, die die Bedingungen des Experiments erfüllten, unerwartet selten auftraten. Lawrence Sherman ging zwar mit auf Streife – «ich verbrachte Hunderte von Stunden in Polizeiautos» –, aber vergebens. Es dauerte Wochen, bis ein Polizist zum ersten Mal auf einen passenden Fall traf, bei dem er das Verfahren mit den Formularen anwenden musste. Auch den Polizeifunk abzuhören und den Beamten mit dem eigenen Wagen hinterherzujagen, wie es Sherman versuchte, erwies sich als nicht praktikabel. Trotzdem hatte er nach 18 Monaten die erforderlichen 300 Fälle beisammen und begann mit der Analyse.
Ergebnisse in der «New York Times»
Am 5. April 1983 erschien in der «New York Times» ein Artikel mit dem Titel «Domestic Violence: Study Favors Arrest» («Häusliche Gewalt: Studie spricht für Verhaftungen»). Sherman hatte in seinen Daten einen Trend ausgemacht. Wenn die Polizisten den Streit schlichteten oder den Täter wegschickten, tauchte er in etwa zwanzig Prozent der Fälle während der nächsten sechs Monate wieder in den Polizeiakten auf; verhafteten sie ihn, nur in zehn Prozent der Fälle.
Die Auswertung der Befragung der Opfer ergab ein ähnliches Bild. Im Artikel der «New York Times» wurde die Studie von anderen Experten gelobt. Sie hätte «zuverlässige Ergebnisse» erbracht, die «Bestand» hätten, liess sich einer zitieren – er sollte sich täuschen. Die Ergebnisse waren irreführend, und das hatte schwerwiegende Konsequenzen.
Andere Forscher kritisierten Sherman für seine aggressive Öffentlichkeitsarbeit. Tatsächlich hatte er der «New York Times» die vorläufigen Resultate noch vor der Publikation in einer Fachzeitschrift exklusiv zugespielt. Und weil er wusste, dass das Fernsehen nur darüber berichten würde, wenn er Filmmaterial liefern konnte, liess er, während die Studie noch in Gang war, vorsorglich ein Fernsehteam in einem Streifenwagen mitfahren.
Heute darauf angesprochen, sagt er: «Die Steuerzahler bezahlen diese Forschung, sie haben ein Recht darauf zu wissen, was dabei herauskommt.» Zudem überschätze jeder seinen Einfluss, der glaube, er selbst könne bestimmen, wie oft er in der Presse erscheine. Auf der anderen Seite ist Sherman nicht der Typ Wissenschafter, der im stillen seine Studien für Fachzeitschriften verfasst. Sein Credo heisst: «Akademische Forschung ist nur von Bedeutung, wenn sie zu gesellschaftlichen Verbesserungen führt.»
Zweifel am Resultat
Das «Minneapolis Domestic Violence Experiment», wie es genannt wurde, war schon bald die einflussreichste Studie für die Polizeiarbeit. Bis zum Jahr 1991 hatten 15 Bundesstaaten der USA die Verhaftung der Täter bei häuslicher Gewalt im Gesetz vorgeschrieben. Andere Länder übernahmen diese Politik.
Einige von Shermans Kollegen mahnten zur Vorsicht. Einerseits gab es die genannten Probleme bei der Durchführung der Studie, andererseits schienen ihnen die sechs Monate Nachverfolgungszeit zu kurz, zudem stellte sich die Frage, ob sich das Ergebnis von Minneapolis auf Städte mit einer anderen Bevölkerungsstruktur übertragen lasse. Und dann war da noch ein Punkt, der sich als wichtigster von allen herausstellen sollte: War es möglich, dass die Täter unterschiedlich auf die Sanktion reagierten? Selbst Sherman schrieb in der offiziellen Publikation: «Es ist wahrscheinlich, dass eine Verhaftung bei einigen Tätern eine stärkere Wirkung zeigt als bei anderen.»
Weil Shermans Studie so einflussreich geworden war, beschloss man, sie in sechs Städten mit einer grösseren Anzahl Fällen und verbessertem Verfahren zu wiederholen. Zum Beispiel mussten die Polizisten vor Ort zuerst entscheiden, ob ein Fall die Bedingungen der Studie erfüllte, erst danach erfuhren sie per Telefon vom Hauptquartier, welche der drei Massnahmen sie ergreifen mussten.
Als die Ergebnisse Anfang der 1990er Jahre eintrafen, war die Überraschung gross: Keiner der neuen Versuche bestätigte die Resultate des ursprünglichen Experiments. Doch in den verwirrenden Daten zeichnete sich ein Muster ab: Verhaftungen schreckten Männer ab, die einer Arbeit nachgingen, wohl weil sie befürchten mussten, das nächste Mal ihren Job zu verlieren. Bei arbeitslosen Tätern hingegen hatten sie den gegenteiligen Effekt. Diese Täter neigten nach einer Verhaftung stärker zu gewalttätigem Verhalten – wie es die Etikettierungstheorie voraussagte.
Eine der Wiederholungen des Experiments hatte Sherman in Milwaukee selbst durchgeführt, und er war zuerst ratlos, was das Resultat bedeute. «Nur Täter zu verhaften, die eine Anstellung hatten, und nicht die arbeitslosen, wäre ungerecht. Überhaupt niemanden zu verhaften würde die generelle Abschreckung einer Verhaftung erodieren. Alle Täter zu verhaften würde hingegen zu mehr Gewalt von Tätern führen, die nichts zu verlieren haben.» In Stadtteilen mit hoher Arbeitslosigkeit, wo häusliche Gewalt besonders häufig ist, riet er schliesslich von Verhaftungen als Standardverfahren ab.
Das war nicht das, was Politiker und die Öffentlichkeit hören wollten. Die Empfehlung aus seiner ersten Studie, die Täter zu verhaften, war nicht nur wegen Shermans virtuoser Medienarbeit von vielen Gesetzgebern adoptiert worden, sondern auch, weil sie im Amerika Ronald Reagans dem gesunden Rechtsbewusstsein vieler Bürger und in seltener Allianz auch jenem der Frauenbewegung entsprach.
Die Idee, arbeitslose Delinquenten bewusst nicht zu verhaften, war hingegen «schlicht nicht akzeptierbar», wie Sherman britische Justizbeamte wissen liessen. «Und so verfolgen sie seit zwanzig Jahren eine Verhaftungspolitik, die wahrscheinlich mehr Gewalt verursacht als verhindert», sagt Sherman rückblickend. Dass er daran mitschuldig ist, bedauert er, sagt aber: «Alles, was man tut, kann kurzfristig negative Folgen haben, aber ich glaube fest daran, dass mehr Wissen langfristig besser für alle ist.»
Kriminologie und Medizin
Die grössere Frage, die das «Minneapolis Domestic Violence Experiment» aufwarf, formulierte Sherman 1992 so: «Ist die Kriminologie als Wissenschaft reif genug, um als Grundlage der öffentlichen Ordnung zu dienen? Wie viel Forschung reicht aus, um eine Empfehlung zu Händen der Politik auszusprechen?»
Sherman vergleicht seine Studien gerne mit der Medikamentenforschung. Dort ist selbstverständlich der Test der Wirksamkeit das Mass aller Dinge. Bei Strafmassnahmen hingegen werde die populistische Forderung nach strengeren Strafen oft höher bewertet als die Frage, was die Strafen brächten.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
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