NZZ Folio 05/08 - Thema: Alles Kunst?   Inhaltsverzeichnis

Skulpturverlust

© Björn Lux, Hamburg
In Frieden ruhen: Auf dem alten Bauhof fand Wolf E. Schultz’ Skulptur «Der Herbst» ihre letzte Stätte. Linktext
Dreissig Jahre lang malträtierten Banausen die Skulptur «Der Herbst» des Bildhauers Wolf E. Schultz. Was empfindet der Künstler?

Von Markus Wolff

Vielleicht war es einfach kein besonderer Herbst, jedenfalls scheint sich kaum jemand an ihn zu erinnern. Nur eine ältere Dame mit Einkaufstüten. Die sagt: «Natürlich, kommen Sie mal mit!» Das Ziel ist kaum 50 Meter entfernt, ein mit Efeu bewachsenes Beet, aus dem zwei Stahlstifte ragen. Ein verwahrlostes Grab könnte es sein, läge es nicht zwischen Karstadt, Wohnblock und Busbahnhof. «Ich meine: Schön war der ‹Herbst› nicht», sagt die Frau und stellt die Tüten ab. «Aber selten.»

Selten war er, in der Tat. Sogar einmalig. Denn nur einen «Herbst» hat der Bildhauer Wolf E. Schultz vor fast drei Jahrzehnten geschaffen, eine Skulptur, gearbeitet aus Carraramarmor mit fein polierter Oberfläche, an der man sich dennoch rieb. Einen Mann stellte das Werk dar, etwa 1,80 Meter gross bei aufrechter Haltung. Nun besass er aber ­einen Buckel, und freudlose Züge hatte der Künstler ihm ins Gesicht gemeisselt – so, wie Schultz ihn sich vorstellte, den Herbst des Lebens.

Genau 27 Jahre stand die Figur an einer Hauptstrasse in Norderstedt bei Hamburg, umgeben von Wohnklötzen, die aussehen wie gigantische Kaninchenställe. Wer hier wohnt, der hat nicht viel zu lachen, und wer aus dem Fenster blickte oder am «Herbst» vorüberging, dem war vielleicht, als sehe er keine Skulptur, sondern geradewegs sein Spiegelbild. Vor allem Anwohner und ältere Menschen empörten sich über die Arbeit, und örtliche Orthopäden fragten, ob marmorne Klumpfüsse und Kunst vereinbar seien. So hatte der «Herbst» von Beginn an einen schweren Stand. Das blieb so bis zu seinem Ende. Aber vielleicht war alles nur ein grosses Missverständnis?

Wolf Erich Schultz ist heute 67 Jahre alt. Er lebt in einem Haus, das einem Schiffsrumpf nachempfunden ist, in Nähe von Bremen. Mit Seitenfenstern wie Luken, Wendeltreppe und einem Bullauge, durch das der Blick vom Wohnzimmer ins angrenzende Atelier fällt. Seemann ist Schultz einst gewesen, Fotograf und Werbetexter. Mit ruhiger, sanftmütiger Stimme erzählt er von diesen Zeiten und unterbricht nur kurz, um destilliertes, mit einem Stein versetztes Wasser nachzuschenken oder wenn die Melodie von «Für Elise» ertönt. Dann geht Schultz ans Telefon.

Die Bildhauerei hat er sich schliesslich selbst beigebracht, ein Kindheitstraum ist es gewesen. Längst füllt dieser seine Tage und ganze Räume obendrein – das Wohnhaus, die Schuppen in der Einfahrt, das Skulpturenhaus. Etwa 90 grosse Arbeiten hat Schultz dort aufgestellt. Den elchähnlichen «Chefkoch», der die Menschen verderbe – Schultz ernährt sich nur von Früchten und Gemüse –, den bronzenen Vogelbock als Wunschkreatur der Fleischindustrie oder die aus einem Apfelbaum geschaffene «Göttin Aua». «Aus meiner Schmerzphase», sagt Schultz, und man kann nicht genau sehen, ob er dabei schmunzelt. Sieben Aktenordner nimmt die Arbeit zudem ein. Sie liegen auf einer Art Ohrensessel aus Pappelholz. Ausstellungskataloge, Zeitungsartikel und Fotos, auf denen häufig ein zufrieden blickender Mann mit Kettensäge zu sehen ist. Auch den Streit um seinen «Herbst» hat der Künstler dokumentiert. Dieser begann schon mit dem Aufstellen der Skulptur. Gut, vielleicht hätte ihr Schultz den Strick, mit dem der Kran die ­Figur anhob, nicht um den Hals legen sollen. Aber er habe den Zeitungsfotografen ja ausdrücklich gebeten: «Davon kein Bild!» Am nächsten Tag baumelte dann der Marmormann wie ein Gehängter auf Seite 1.

So wurde der «Herbst» zur Gebrauchskunst: Mal setzten ihm Unbekannte eine Mütze auf, mal trug er einen Schal. Irgendwann war sein Hintern mit rotem Lack eingesprüht, und eines Morgens stand er da, mit goldener Farbe überzogen; «Der goldene Herbst ist da», schrieb die Lokalzeitung, und die Männer vom Bauhof begannen mit der Reinigung. Schliesslich fehlte ihm der Kopf; auf Bitten der Stadt schuf Schultz einen neuen. Vor wenigen Monaten war auch der verschwunden. Da war es der Künstler leid.

Was er empfinde? Groll? Schultz überlegt. Wut? Grund hätte er doch allemal. Zumal der «Herbst» nicht die einzige Arbeit von ihm ist, die beschädigt wurde – wenn auch nicht immer in Norderstedt. Seine «Windgeister», eine Konstruktion aus drei zwölf Meter langen Stämmen, fällte ein ­Unbekannter nachts mit einer Motorsäge, eine andere Holzskulptur wurde angezündet, eine Arbeit aus Stein zertrümmert. Nein, Wut empfinde er nicht, sagt Schultz schliesslich. Wer wie er ohne Eltern aufgewachsen ist, acht Mal umgeschult wurde und beim Gedanken an eigene Streiche noch heute rote Ohren bekommt, dem mag es zwar an Verständnis für Täter fehlen, nicht aber an Nachsicht. «Ich kann doch niemandem vorwerfen, dass er zu dumpf ist, ein Werk zu verstehen», sagt Schultz. «Altwerden macht in unserer Gesellschaft Angst. Und Angst will immer recht haben.» Aber letztlich blicke er mit derselben Frage auf das zerstörte Kunstwerk, die sich die Täter zuvor gestellt haben mögen: «Was soll das?»

Vor einigen Monaten wurde der «Herbst» von Mitarbeitern der Stadt abgeholt und zum alten Bauhof gebracht, wo einst die Fahrzeuge des Fuhrparks repariert wurden. Auf einer Industriepalette liegt die Skulptur an einem Zaun, von kleinen Pfützen und Laub umgeben, wie ein Herbst, den es in Norderstedt schon zu Dutzenden gegeben hat.

Markus Wolff ist Redaktor bei der Zeitschrift «Geo»; er lebt in Hamburg.

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