DER MERLOT gehört für viele zum Tessin wie die Polenta con funghi oder das Grotto. Doch so naheliegend, wie diese Verbindung uns heute erscheinen mag, ist sie nicht. Denn die eigentliche Heimat der Merlot-Traube ist zweifelsfrei das Bordelais. Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts hat diese edle Sorte den Weg auch in die Weingärten der Südschweiz gefunden, und Jahrzehnte vergingen, ehe sich der Merlot als Tessiner Wein schlechthin etablieren konnte.Mit der berühmten Verwandtschaft von Schlössern des Bordeaux-Gebietes hatte dieser Wein in der Regel allerdings nicht viel gemein. Leicht und unkompliziert, wurde der Merlot del Ticino zum Inbegriff des süffigen Ferienweins, erquicklich zwar, aber kaum ein grosses Trinkvergnügen.
In den achtziger Jahren wurde dann in der langen Geschichte des Tessiner Weinbaus ein weiteres Kapitel aufgeschlagen. Eine Reihe von innovativen Selbstkelterern, zumeist Zugewanderte aus der Deutschschweiz mit Namen wie Kaufmann, Stucky oder Klausener, begannen qualitativ höherstehende Merlots zu keltern. Um dem Wein mehr Struktur zu verleihen, verlängerten sie die Maischegärung und liessen, wie im Bordelais üblich, anschliessend den vergorenen Saft in kleinen Eichenfässern, in Barriques, ausreifen.
Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten: In Vergleichsdegustationen zeigte sich, dass auch im Tessin ausgezeichnete Merlotweine gekeltert werden, die in guten Jahren, wie es sie von 1988 bis 1991 gleich in Serie gab, einen Vergleich mit den bekannten Gewächsen aus Saint-Emilion oder Pomerol nicht zu scheuen brauchen.
Diese Sternstunden der Tessiner Kellerkunst in bester Erinnerung - die besten Weine dieser Jahrgänge sind längstens ausverkauft (und grösstenteils wohl auch ausgetrunken) -, haben wir die neueren Jahrgänge einer Prüfung mit Nase und Gaumen unterzogen. Ein gutes Dutzend Weine standen zur Auswahl, die meisten aus den Jahrgängen 1994 und 1995. Und es sei vorweggenommen: Die Degustation bestätigte das erfreulich hohe Niveau der neuen Tessiner Merlot-Generation.
Zur Spitze jedenfalls gehören auch im Jahrgang 1994 Eric Klauseners Trevano Rosso (würziges Bouquet, voller Körper, verführerische Holznote) sowie Adriano Kaufmanns Pio della Rocca (filigran, rund und lang). Die Pioniere setzten somit einmal mehr den Massstab.
Aber auch die einheimischen Produzenten haben mächtig aufgeholt. Besonderes Wohlgefallen fanden in der Degustationsrunde etwa der Rosso dei Ronchi der Cantina Monti sowie der Sassi Grossi der Casa Vinicola Gialdi, der gar mit der höchsten Punktzahl brillierte. Ziemlich ausdruckslos zeigte sich dagegen der Tracce di Sassi von Werner Stucky.
Wie der 94er war auch der 95er ein eher mittelmässiger Jahrgang; ein verregneter September, der die Trauben nicht optimal ausreifen liess, stellte die Winzer vor einige Probleme. Christian Zündel scheint diese am besten gemeistert zu haben. Sein «Orizzonte» fiel auf mit einer tiefroten Farbe und unterschied sich damit bereits äusserlich von den zum Teil etwas blassen Konkurrenten; und was der optische Auftritt im Glas versprach, hielt der Wein auch am Gaumen, dem er mit feinen Tanninen, viel Schmelz und einem langen Abgang schmeichelte.
Elegant zwar, aber doch ein wenig ausdruckslos erschien uns dagegen der Montagna Magica von Daniel Huber, der in früheren Jahren für Furore gesorgt hatte und da und dort gar mit dem König aller Merlots, dem Pétrus, verglichen worden war.
Ganz allgemein zeigte sich, dass auch in Jahren, da die klimatischen Bedingungen doch einige Wünsche offenliessen, die Tessiner Produzenten mittlerweile ansprechende Weine zu produzieren wissen.
Diese sind wohl etwas leichter und weniger lagerfähig als in Spitzenjahren, aber doch voller Charme, perfekt gebaut und von einer ganz besonderen Eleganz.