NZZ Folio 06/97 - Thema: Im Herzen Afrikas   Inhaltsverzeichnis

Arm, aber unglücklich

Vom Sinn schweizerischer Entwicklungshilfe.

Von Martin Woker

GOOD, GOOD, GOOD VIBRATIONS. - Gnadenlos verbreiten die öligen Falsettstimmen über die allgegenwärtigen Lautsprecher ihre Botschaft vom Fun an kalifornischen Stränden, von Parties und Daddy's Ford Thunderbird. Ob am Frühstücksbuffet, beim Club-Sandwich in der Lobby oder beim Sundowner am Pool: im Hotel des Mille Collines in Rwandas Hauptstadt Kigali sind die Beach Boys immer dabei. Warum diese Endlos-Hymne auf die Freuden der sechziger Jahre? Gedankenlosigkeit des Hotelmanagements oder Beschwörungsritual zur Rückkehr in gute alte Zeiten, als in Rwanda der Himmel noch voller Sterne stand?

Just zu der Zeit, da die Beach Boys Hitparaden stürmten, waren in Rwanda die ersten Entwicklungshelfer eingetroffen, um in Afrika Gutes zu tun. Besonders den Schweizern gefiel es ausgezeichnet im Land der tausend Hügel. Unter dem Äquator fanden sie ein eben in die Unabhängigkeit entlassenes Land, wie es ihren Vorstellungen entsprach: von überschaubarer Grösse, in angenehmem Höhenklima und frei von städtischem Schmutz, Hunger und Elend. Die Leute waren zwar mausarm, doch geflickt und sauber waren ihre Kleider und schmuck die übers ganze Land verteilten, mit Ziegeln bedeckten Häuser. Diesem willigen und fleissigen Volk von Bergbauern galt es, den richtigen Weg in die Moderne zu weisen. Hier warteten Jahrzehnte der Aufbauarbeit. Gefragt waren Agronomen, Förster, Baufachleute und Buchhalter. Hilfe von Berglern für Bergler.

An Kigalis bester Lage, im Quartier der brandneuen Botschafts- und Verwaltungsgebäude, liessen sie sich nieder und bauten sich ihr Stück Heimat, als wär's zwischen Arbon und Yverdon: nette Einfamilienhäuser mit Cheminée und Garten. Nicht zu protzig, aber solide, mit heimischen Küchenkombinationen und Ochsner-Kübeln. Die Schweiz hatte sich installiert, und die Direktion für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe (DEH), heute in Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) umbenannt, erhob Rwanda in den Status eines Schwerpunktlandes.

Seit 1963 sind über 400 Millionen Franken aus Bern nach Rwanda geflossen. Andere Staaten wie etwa Belgien, Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland waren gar noch grosszügiger. Rwanda bezog, wenn man Statistiken Glauben schenken darf, während Jahren pro Kopf weltweit mit von den höchsten Entwicklungshilfebeiträgen. Und die Resultate liessen sich sehen: Gut ausgebaute Strassen wanden sich durch die Hügel, Drähte für Telefon und Elektrizität überzogen das Land, Baumsprösslinge und frisch gebaute Terrassen verhinderten die Bodenerosion, und eine Unzahl neuer Landwirtschaftsgenossenschaften kündeten von keimendem Selbstbewusstsein der Bauernsame. In Afrika war ein Modellfall entstanden. Und im Norden war man des Lobes voll über die dankbaren Leute, die man nicht länger als Empfänger, sondern als Partner betrachtet wissen wollte. Warum nur endete aber die Geschichte, die so verheissungsvoll begonnen hatte, in einem Scherbenhaufen?

Dies zu ergründen, hatte sich eine auf Veranlassung des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) gebildete Studiengruppe vorgenommen. Vorsitz führte Joseph Voyame, ehemals Direktor des Bundesamts für Justiz und als CVP-Mitglied Parteikollege des zuständigen Bundesrats. Nach dem in der Geschichte Afrikas beispiellosen Völkermord an den Tutsi und oppositionellen Hutu im Frühling 1994, dem ein vier Jahre dauernder Kleinkrieg vorausging, war in Bern klar, dass die Partnerschaft mit Rwanda einer grundsätzlichen Lagebeurteilung bedurfte. Manchem der langjährigen Partner aus der gestürzten Regierung Habyarimana haftete unterdessen der Vorwurf des Völkermordes an. Und den neuen Regenten, den Siegern des Buschkriegs aus den Reihen der von Tutsi dominierten Rwandischen Patriotischen Front (RPF), traute man nicht über den Weg.

Die Stimmung war gereizt, und Gefälligkeiten für Leute aus dem Dunstkreis Habyarimanas, wie etwa die im Juli 1994 erteilte schweizerische Einreisebewilligung für den mutmasslichen Kriegsverbrecher Félicien Kabuga, den Besitzer des üblen Propaganda-Senders Radio des Mille Collines, verursachten peinliche Szenen im Bundeshaus. Eine wilde Polemik entbrannte, und es mehrten sich die Vorwürfe an Bern, mit seinen Entwicklungsmillionen die Vorbereitungen des Völkermordes indirekt mitfinanziert zu haben. Dies wiederum war Wasser auf die Mühlen jener, die das Budget der Deza am liebsten auf die Einnahmen aus dem Verkauf von Schoggitalern reduziert haben möchten. Wahrhaft: Joseph Voyame hatte keine einfache Aufgabe. Er und seine Studiengruppe trafen in Rwanda, Paris, Bern und Brüssel mit insgesamt 110 Personen zusammen und legten im Januar des vergangenen Jahres einen über 200seitigen Bericht vor. Am Hauptsitz der Deza an der Eigerstrasse in Bern war das Aufatmen hörbar. Wohl enthielt der Bericht einige kritische Randbemerkungen, doch der Grundtenor von Voyames Einschätzung war positiv und wohlwollend.

An gutem Willen hatte es nie gefehlt. Als 1963 Grégoire Kayibanda, der Präsident der eben gegründeten Republik Rwanda, auf einer seiner ersten Auslandreisen in Bern um Hilfe anfragte, war man gerne bereit, dem ehemaligen Zögling des Schweizer Bischofs Perraudin unter die Arme zu greifen. «Bescheiden, ein wenig links, aber verschmitzt wie ein guter Bauer» beschrieb der Deza-Verantwortliche Henri-Philippe Cart den Präsidenten. Dem jungen Land, dessen Bevölkerung die Kolonialherrschaft und das von Tutsi dominierte Feudalsystem eben abgeschüttelt hatte, sollte geholfen werden.

ÜBER GEWISSE KAPITEL des schweizerischen Engagements in Rwanda spricht man heute an der Eigerstrasse nur ungern. Eines davon betrifft die Rolle des kanadisch-schweizerischen Finanzfachmanns Charles Jeanneret, der von 1982 bis im Januar 1993 als persönlicher Berater von Kayibandas Nachfolger, Habyarimana, wirkte. Obwohl dieses Mandat die Schweiz gegen zwei Millionen Franken gekostet haben dürfte, will heute niemand dafür verantwortlich sein. Denn die Geschichte trägt alle Züge eines Skandals: Offiziell galt Jeanneret als ein Beamter Rwandas, war daher Bern gegenüber keine Rechenschaft schuldig. Im Lande selbst allerdings wurde er als graue Eminenz hinter dem Präsidenten wahrgenommen, während dessen Amtszeit ab Mitte der achtziger Jahre nicht nur notorische Korruption wucherte, sondern, wie aussenstehende Beobachter sagen, das Regime zu einer faschistoiden Diktatur unter entwicklungspolitischem Banner geworden war.

Andere Partnerländer Rwandas, Holland zum Beispiel, hatten die Zeichen der Zeit damals anders gedeutet und gingen zum verschrienen Regime Habyarimana rechtzeitig auf Distanz. Bern hingegen hielt unbeirrt an der eingeschlagenen Linie fest, half der bedrängten Regierung mit umfangreichen Finanzierungen und verpasste es, im sich zuspitzenden Konflikt mit den RPFRebellen als neutraler Vermittler seine Guten Dienste anzubieten. «Wir waren zur Geisel der eigenen Politik geworden», sagt ein Deza-Funktionär, «wir glaubten noch zu Beginn der neunziger Jahre an eine politische Lösung des Konflikts. Unsere Hilfe an die Regierung sollte die vom Internationalen Währungsfonds ultimativ geforderten Strukturanpassungen ermöglichen. Wir hofften, damit die angespannte Lage beruhigen zu können.» Ganz so sicher war man sich der Sache aber dennoch nicht; neue Zusammenarbeitsverträge wurden jeweils auf ein Jahr beschränkt.

Im nachhinein sei man immer klüger, doch die Konsequenzen, so versichern oberste Deza-Verantwortliche, seien gezogen worden. Welcher Art sind sie? Die Lösung trägt, wen wundert's, eine englische Bezeichnung und heisst Political monitoring. Der seit 1995 in Kigali amtierende höchste Deza-Vertreter aus Bern hat den Auftrag, im Monatsrhythmus eine Lageeinschätzung der politischen und wirtschaftlichen Zustände im Partnerland zu senden. Für einmal ist es kein Techniker, der diesen Posten bekleidet, sondern ein in Uno-Einsätzen abgehärteter Denker mit der Gabe, lesbare Berichte zu verfassen. Niemand soll in Zukunft sagen können, man habe in Bern geschlafen. Welche Rolle aber, so getraut man sich als Steuerzahler zu fragen, spielen denn die mit dieser Aufgabe bis anhin betrauten in Nairobi stationierten Schweizer Diplomaten? Sie kümmerten sich um die «grösseren Zusammenhänge», heisst es ausweichend. Vielleicht ist das auch besser so, denn auf ihr Ersuchen hin konnte Jeanneret seinen ebenso lukrativen wie umstrittenen Posten überhaupt so lange behalten.

Was nützt es, im nachhinein Sündenböcke beim Namen zu nennen? Die Millionen sind ausgegeben, «aber», so steht im Bericht, «das ist kein verlorenes Geld. Von den Aktivitäten profitierte eine ganze Generation, ihr Beispiel bleibt bestehen, ebenso die Ausbildung, die sie den Menschen zukommen liess - soweit diejenigen, die sie erhielten, noch anwesend sind -, und die Gebäude stehen noch immer, sind sogar in gutem Zustand, so dass sie jederzeit wieder benutzt werden können.»

Ein solcher Gebäudekomplex, architektonisch gefällig und solide gebaut, steht am Stadtrand von Kigali auf dem Hügel Kabusunzu und harrt neuer Geldgeber. Die Rede ist vom Zentrum Iwacu, einer Stätte für Ausbildung, Begegnung und Forschung für «solidarische und partizipative Denk- und Verhaltensweisen». Das 1983 errichtete Zentrum besteht aus einem Konferenzsaal für 150 Personen, mehreren Schulungsräumen, Büros für Kaderleute, 24 Gästezimmern, Bibliothek und Kantine. Alles ist so sauber, perfekt und nüchtern, dass es eine Gattung macht - eben genau so, wie in helvetischer Sicht ein Begegnungs- und Schulungszentrum auszusehen hat. Derzeit beraten 25 Iwacu-Angestellte rund hundert wieder zum Leben erweckte bäuerliche Genossenschaften, fast siebentausend waren es vor dem Genozid im Frühling 1994.

Sie hätten «einen partizipativen Approach», sagt Eugène Nkubita, der Verantwortliche des Zentrums, und verweist auf eine ebenso umfangreiche wie eindrückliche Publikationsliste von institutseigenen Forschungsarbeiten über das Genossenschaftswesen in Rwanda und die bäuerliche Selbstversorgung. Er versteht es, mit einer gewählten Sprache zu beeindrucken, und weiss, was Besucher aus dem reichen Norden während Jahren gerne hörten: Nkubita spricht von der Förderung der Ärmsten im Lande, vom Aufbau bäuerlicher Selbstversorgung auf genossenschaftlicher Basis. All das führe, so liess sich auch die Kommission Voyame überzeugen, «zur Verankerung von menschenrechtlich positiven Grundhaltungen».

«Was für ein Schwachsinn», sagt ein mit den lokalen Verhältnissen gut vertrauter europäischer Unternehmer. «Die angeblich rund 9000 im Lande vermeintlich funktionierenden Genossenschaften konnten 1994 die grosse Katastrophe nicht verhindern. Im Gegenteil. Rwandas Problem ist das völlige Fehlen einer Mittelschicht von einheimischen Händlern, Handwerkern und Kleinunternehmern. Für solche Leute zählt in Krisensituationen erst einmal das eigene Geschäft. Denn Kunden haben immer Priorität, egal, ob sie nun Hutu oder Tutsi sind.» Das gebe Kitt und halte jede Gesellschaft zusammen, sagt der Unternehmer.

EIN BODENSTÄNDIGER KAPITALISMUS als Allheilmittel im ethnisch zerrissenen Land? Eine ganze Generation von Entwicklungshelfern würde bei diesem Gedanken laut aufheulen. In der Zeit nach 1968 wurde das im Europa des letzten Jahrhunderts entstandene Konzept der Genossenschaft zur Leitidee für jegliche Hilfe in der Dritten Welt: Ob Barfusshelfer oder Weltbankfunktionäre, genossenschaftlich mussten ihre Projekte sein. So sinnvoll diese Entwicklung in manchen Ländern auch sein mochte, in Rwanda war sie es nicht. «Es entstand ein parastaatlicher Genossenschaftsfilz», resümiert selbstkritisch ein europäischer Entwicklungsexperte. «Es bildete sich eine parasitäre Funktionärsschicht, deren einzige Tätigkeit darin bestand, Spendengelder aus dem Norden abzuzocken. Ländliche Entwicklung und Selbstversorgung - das liess sich über Jahre hinweg gut verkaufen.» Der so bitter spricht, ist selbst bäuerlicher Herkunft. Sein Zorn richtet sich in erster Linie gegen die Heerscharen von in Rwanda ausgebildeten Agronomen, die sich «zu gut sind, sich die Hände mit Ackererde zu beschmutzen».

Es mag Zufall sein. Doch mehr als nur jeder zweite der in Kigali im Milieu der Botschaften und Hilfswerke beschäftigten Chauffeure, Botengänger und Übersetzer antwortete auf die Frage, was denn sein ursprünglicher Beruf sei, immer nur das eine: Agronom. Warum nur brauchte dieses Land so viele Landwirtschaftsexperten, gäbe es nicht auch noch andere ehrbare Berufe? «Wir sollten für immer die <petits nègres> sein», sagt ein rwandischer Psychoanalytiker während einer Fahrt durch die immergrüne Hügellandschaft, die unweigerlich an die lange Zeit auf Missions-Basaren feilgebotenen Wandbehänge erinnert. «Wir sollten unser Glück in einer heilen Bauernwelt finden. Sie haben unsere Gesellschaft infantilisiert.» Seine Anklage richtet sich gegen das Regime Habyarimana und dessen Geldgeber im reichen Norden, die niemals an den Aufbau eines soliden, breiten Bildungswesens gedacht hätten. Tatsächlich weist Rwanda eine im regionalen Vergleich erschreckend hohe Analphabetenrate auf.

Wohl vermochten die Millionen an Hilfsgeldern für ländliche Entwicklung die Rwander von der Abwanderung in die Stadt abzuhalten; Bidonvilles, der Inbegriff afrikanischer Armut, wuchsen keine in Rwanda. Und obwohl das Land, gemessen am Bruttosozialprodukt, regelmässig unter den ärmsten Nationen der Welt figurierte, litten nur wenige an Hunger. «Doch in den Köpfen», sagt der Mitfahrer, «da änderte sich nichts. Oder höchstens zum Schlechten. Wie sonst soll man sich die Massaker vom Frühling 1994 erklären?» Tatsächlich hatte sich in Butare, der zweitgrössten Stadt des Landes und Sitz der einzigen Universität, eine Mehrheit der Bevölkerung geweigert, an den blutigen Metzeleien teilzunehmen. «Die Schlächter waren grösstenteils auf dem Land rekrutierte Milizionäre, ihrerseits blinde Opfer der Hetzpropaganda.»

«Es hatte aber auch deklassierte Bewohner aus Kigali unter den Milizionären», wendet ein Soziologe ein. «Im Frühling 1994 wandelte sich die Staatsverwaltung über Nacht zu einer Tötungsmaschine. Die praktizierte Rassenideologie war nur ein Vorwand der herrschenden Schicht, um ihre Pfründe zu behalten. In diesem Land ist auch heute noch der Staat mit Abstand der grösste Arbeitgeber. Die schmale gebildete Elite in Kigali missbrauchte die Bauern als Instrument für ihre Ziele.»

Ein Land bigotter Bergler, deren Horizont vom nächsten Hügel begrenzt wird? So sieht es ein hoher afrikanischer Uno-Funktionär, der in der Region tätig war. Er zeichnet das Bild einer Bevölkerung, in dem die Bauern in Neid und Missgunst mit den Nachbarn leben, sich in Einzelgehöften mitten auf ihren Parzellen ansiedeln und aus Angst, vergiftet zu werden, nie aus einer bereits geöffneten Bierflasche trinken. Ihm fiel beim Begrüssen auf, dass die Leute immer schweissnasse Hände hatten; Angstschweiss, behauptet er.

«ON VA CASSER LES COLLINES», den eigenbrötlerischen Geist der Bergler werde die Regierung zerschlagen, sagt Joseph Nsengimana, Kultur- und Erziehungsminister der neuen rwandischen Regierung. Als wichtigste Ursache des Genozids nennt der Minister den fehlenden Sinn für Zusammengehörigkeit im Volk, eine Folge der auf Selbstversorgung ausgerichteten Produktionsweise. In der während zweier Jahrzehnte herrschenden Entwicklungsdiktatur sei die Bildung von Städten mit Gewalt verhindert worden. Doch die Regierung sei fest entschlossen, dies zu ändern. «In Zukunft werden alle Rwander in Dörfern oder Städten wohnen.»

Und dies ist mehr als nur ein Vorsatz. Landauf, landab werden derzeit entlang der Hauptstrassen Siedlungen eintöniger Reihenhäuschen aus dem Boden gestampft. Wohnraum ist knapp. Die 1994 aus dem Exil zurückgekehrten rund 700 000 Tutsi haben sich zu einem beachtlichen Teil auf dem von Hutu verlassenen Land niedergelassen. Sie seien, so die oft gehörte Behauptung, während der Pogrome in den fünfziger Jahren unrechtmässig enteignet worden. Resultat ist, dass nun viele der seit Ende letzten Jahres zurückkehrenden Hutu-Flüchtlinge auf der Strasse stehen.

Es besteht der Verdacht, dass die neuen, militärisch leicht zu überwachenden Siedlungen für sie bestimmt sind. Orientiert sich Rwanda am Beispiel des burundischen Nachbarn? Dort wurde die Hutu-Bevölkerung in eigentliche Wehrdörfer gepfercht, um der Guerilla den Boden zu entziehen. Bestätigen will den Verdacht ein in Rwanda am Siedlungsbau beteiligter Uno-Funktionär nicht, er hat ganz andere Sorgen. «Diese Siedlungen sind eine Katastrophe», sagt er unverblümt. Er rühmt die Zurückhaltung der eidgenössischen Entwicklungshilfe, die sich an diesen Projekten im Gegensatz etwa zu Holland und andern europäischen Ländern nicht beteiligt. «Die Häuser stehen meistens an Orten, wo zuvor nie jemand gewohnt hat. Und das war kein Zufall. Entweder fehlt das Wasser, oder die Orte sind mit Tsetsefliegen verseucht.»

Ein mit den Verhältnissen bestens vertrauter Architekt kritisiert, dass die neue Regierung in der Entwicklungspolitik aus den Fehlern der letzten Jahrzehnte nichts gelernt habe. «Viele der Entwicklungsprojekte sind zu nichts anderem da, als Funktionäre der Geldgeber zu beschäftigen. Sie basteln an Projekten, an die sie selbst nicht glauben. Und am Ende geben sich die Spender mit Hochglanzfotos der fertigen Werke zufrieden.» Er fordert mehr Projekte, die von der Bevölkerung mitgetragen werden. Im Siedlungsbau beispielsweise hätte es genügt, Wasser und Strom bereitzustellen und die Häuser von den zukünftigen Bewohnern selbst bauen zu lassen.

DER VORWURF, Eigeninitiative nicht gefördert zu haben, trifft die Entwicklungshilfe der Deza nur bedingt. Ein Beispiel sinnvoller schweizerischer Expertise sind die Banques Populaires. Nach dem Modell der Raiffeisenkassen unterstützte Bern die Gründung eigenständiger Lokalbanken im ganzen Land. Ziel dieser von den Teilhabern selbstverwalteten Banken war es, den Bauern faire Kreditkonditionen zum Kauf von Saatgut und für weitere Investitionen zu bieten. Zwanzig Jahre nach der Gründung waren in Rwanda im Jahr 1992 rund 350 000 Sparer an eine der 126 Volksbanken angeschlossen. Ein Erfolg, würde man meinen. Doch es war nicht unternehmerischer Biss, der die Bauern für neue Anschaffungen sparen liess. Es war ganz einfach die Angst vor Dieben. Denn in der wenig industrialisierten Landwirtschaft ist der Investitionsbedarf bescheiden; weder eine Hacke noch ein Rind kosten alle Welt.

So floss denn ein nicht unbedeutender Teil der auf dem Land in harter Arbeit erwirtschafteten Mittel nach Kigali, wo sich mittlerweile eine Dachgesellschaft der Volksbanken in einem von Schweizer Hand geplanten Gebäude etabliert hatte, das, wie könnte es anders sein, eine Gattung macht. Und das helvetische Ambiente drückt sich nicht nur äusserlich aus, es geht bis in die Köpfe: ungedeckte Hypothekarschulden plagen die Banker auch hier. In Ermangelung von Alternativen hatte die Gesellschaft bis 1994 beachtliche Summen zum Bau von Häusern für Regierungsfunktionäre bereitgestellt. Nach den Massakern und der anschliessenden Flucht fast aller Gefolgsleute Habyarimanas haben sich Leute aus dem Umfeld der neuen Regierung der verlassenen Häuser in Kigalis besten Quartieren bemächtigt. Die neuen Bewohner aber denken vorderhand nicht daran, ausstehende Zinsen zu bezahlen.

Die über dreissig Millionen Franken, die von Bern bisher in die Banques Populaires investiert wurden, seien trotzdem nicht verloren, sagt ein mit dem Wiederaufbau des Geldinstituts betrauter schweizerischer Berater. Wohl wurde die Bank vom völligen Zusammenbruch aller Strukturen im Frühling 1994 nicht verschont; Kaderleute verschwanden mit einem Teil des Geldes und der Unterlagen. Doch die Dachgesellschaft nahm im vergangenen Jahr den Betrieb wieder auf, und im Lande sind bereits wieder über hundert der Banques Populaires geöffnet. Hauptproblem seien, so beklagt sich der Berater, die bescheidenen Managementfähigkeiten der Kaderleute in der Dachgesellschaft. Diese in einem intensiven Kurzeinsatz zu verbessern, hat sich ein dafür angereister Ausbildungsleiter einer Schweizer Grossbank vorgenommen. Wir treffen ihn aber am Vormittag einigermassen ungeduldig beim Kaffee. Sein Kurs hätte punkt acht Uhr beginnen sollen. Doch er erschien als einziger zu der Zeit im Saal. «Disziplin und Verantwortungsgefühl fehlt in diesem Laden», sagt er und zieht grimmig an seiner Gauloise.

EINE STRAMME MARKTWIRTSCHAFT zur Lösung aller Probleme? Eines der jüngsten Deza-Projekte im Lande, die 1988 eröffnete Backsteinfabrik Ruliba ausserhalb Kigalis, war als Aktiengesellschaft konzipiert. Mit über hundert Angestellten war sie eines der grössten industriellen Werke Rwandas. Der Betrieb sollte jene qualitativ hochstehenden Baustoffe herstellen, wie sie zum Bau mehrstöckiger Gebäude nötig sind. Die traditionelle Herstellung von Backsteinen verschlang zudem eine Unmenge an Brennholz, was die ohnehin bedrohten Wälder noch mehr gefährdete. In Ruliba hatte ein Schweizer Techniker die geniale Idee, die Brennöfen mit den in grosser Menge anfallenden, doch bis dahin nutzlosen Hülsen der Kaffeebohnen zu heizen. Dass die industriell hergestellten Backsteine im Endverkauf doppelt so teuer wie die herkömmlichen waren, störte anfänglich niemanden. Ärgerlicher für die Initianten war, dass die Fabrik wegen gravierender Führungsprobleme bereits zweieinhalb Jahre nach der Eröffnung nur dank finanzieller und fachlicher Intervention der Deza vor dem Konkurs bewahrt werden konnte.

Als Folge der Massaker musste die Fabrik im April 1994 den Betrieb einstellen. Seit Frühling des vergangenen Jahres läuft die Produktion wieder in beschränktem Umfang. Doch die Absatzmöglichkeiten seien bescheiden, beklagt sich der Betriebsleiter. Die Deza würde, so ist zu erfahren, ihr finanzielles Engagement an dem als Altlast empfundenen Betrieb lieber heute als morgen beenden, doch bisher haben einheimische Investoren kein sonderliches Interesse an einer Übernahme der Aktien gezeigt.

Rwanda ist nicht länger Schwerpunktland Schweizer Entwicklungszusammenarbeit. Ehe sich im Lande die Verhältnisse nicht stabilisiert hätten, gelte das Prinzip einer «distanzierten Partnerschaft», sagt der Leiter des Deza-Büros in Kigali, Anton Stadler. Normalisierung bedeute aber auch marktwirtschaftliche Eigenverantwortung. Dem Vorwurf, eine aufgeblähte Beamten- und Funktionärskaste mit Entwicklungshilfegeldern genährt zu haben, will sich Bern niemals mehr aussetzen.

Ein stiller Abgang aus dem ehemaligen Musterland im Herzen Afrikas? Keineswegs. Im vergangenen Jahr flossen rund 30 Millionen Franken an staatlichen Hilfsgeldern aus Bern nach Rwanda. Nicht länger aber ist von Entwicklung die Rede, sondern von humanitärer Hilfe. Geleistet wird sie vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), von Uno-Organisationen, von privaten schweizerischen Hilfswerken und von über einem Dutzend Angehörigen des Schweizerischen Katastrophenhilfekorps (SKH). Sie bewohnen heute die soliden Häuser im besten Quartier Kigalis und bemühen sich in sinnvollen Einsätzen um die Reintegration zurückgekehrter Flüchtlinge, bilden dringend benötigtes medizinisches Personal aus und halten zur Bekämpfung stets drohender Epidemien den Betrieb eines Labors aufrecht. In der Provinz Kibuye erhalten Kleinunternehmer Förderung, im ganzen Land wird der Bau von Primarschulen unterstützt, und in Kigali wacht eine Juristin über die Einhaltung der Menschenrechte.

Seit einigen Monaten helfen zwei Spezialisten des SKH mit Rat und wenig Mitteln bei der Wiederinbetriebnahme der einzigen psychiatrischen Klinik Rwandas. Noch stehen viele der hoffnungslos verlotterten Betten in der Anstalt ohne Matratzen in halbdunklen Hallen. An die Wand gelehnt, hocken Patienten in zerlumpten Kleidern auf dem Steinboden und dämmern vor sich hin. Überlebende der Massaker? Genau wissen es die Pfleger nicht zu sagen. Zu viel Leid und Elend ist in den letzten Jahren über das Land hereingebrochen - was zählen da noch einzelne Krankengeschichten. IM HOTEL DES MILLE COLLINES sitzt wie immer gegen Abend die international bunt zusammengewürfelte Schar der Helfer, Berichterstatter und Funktionäre am Pool beim Bier. Gesprächsthema sind für einmal nicht die Klagen über faule Hausangestellte, auch nicht Vergleiche des Bordservice verschiedener Fluggesellschaften, nein, die Rede ist von der Sicherheit im Lande. Da glaubte man doch lange, die blutige Geschichte Rwandas sei letztlich ein internes Problem, das die Leute aus dem Norden nicht direkt betreffe. Seit nun aber in letzter Zeit Europäer Opfer politisch motivierter Anschläge geworden sind, geht auch hier die Angst um. Sicher geglaubte Strassen gelten plötzlich als unpassierbar, Gerüchte über erneute Massaker machen die Runde, und in der Stadt haben Bewachungsfirmen Hochkonjunktur. Beinahe über Nacht sind die gepflegten Gärten in den guten Quartieren Kigalis hinter übermannshohen Mauern verschwunden; solide Arbeit, dies versteht sich, mit Backsteinen erster Qualität - industriell gefertigt dank schweizerischer Expertise.

So trinkt sie denn ihr Bier schneller als gewöhnlich, die bunte Schar im «Mille Collines», denn es ist besser, sich vor Einbruch der Dunkelheit hinter die schützenden Mauern zurückzuziehen. Einzig die Beach Boys halten unverbrüchlich an ihrer frohen Botschaft fest: Good, good, good vibrations.


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