NZZ Folio 01/94 - Thema: Pleiten   Inhaltsverzeichnis

Raucherfreuden -- As time goes by

Von Peter Haffner

Buchtitel von der Sorte «Der Tod als Chance» haben Slogans wie «Die neue Lust - Nichtrauchen» vorgespurt. Nicht in Sack und Asche soll der Gesundheitsapostel von heute seines Büsserpfades ziehn; nein, er übt Verzicht mit jener Lust und Freude, die einfache Menschen wie wir empfinden, wenn sie essen, trinken, rauchen oder wie auch immer ihre Sinne reizen und befriedigen. Heiligt der Zweck die Mittel? Tut er nicht; verkehrt sich doch, wie Diderot sagt, der unmittelbare Nutzen einer Lüge und der unmittelbare Nachteil der Wahrheit auf längere Frist ins Gegenteil.

Rauchen ist eine Lust und, wie das Leben überhaupt, ungesund. Der ritualisierte Drogenkonsum - und um solchen handelt es sich sowohl beim Tabak- wie beim Alkoholgenuss - ist in allen Zeiten Bestandteil der menschlichen Kultur gewesen; ihn zu lehren ist sinnvoller als ihn zu leugnen. Regel Nummer eins: Rauche, wie man noch bis Anfang unseres Jahrhunderts geraucht hat - ohne den Rauch zu «verschlucken». Regel Nummer zwei: Nimm dir Zeit.

Die Berufe, in denen man Musse hat, sterben aus; aber Clochards, Priester und die Zunft derer, die sich dem Geschäft mit dem Tabak verschrieben haben, gehören noch dazu - letztere mehr denn je. Den Nachteilen, einer verfemten Minderheit anzugehören (wer erinnert sich noch der Zeiten, als Gross und Klein verzückt hinter jedem Pfeifenraucher hinterherschnupperte?), stehen neue Vorteile gegenüber. Wo sonst hat man das Vergnügen stundenlanger Unterhaltungen über Deckblätter von Zigarren, Probleme der Bohrungen von Pfeifenholmen oder die Frage, welcher Schnitt in welchen (Pfeifen-)Kopf gehört - wo, wenn nicht im Tabakgeschäft? Wo, wenn nicht da, wird dem Müssiggänger noch Achtung entgegengebracht? Und wer, wenn nicht er, kennt die süsse Einsamkeit derer, die sich daselbst begegnen und sich zublinzeln, wie sich einst die Dinosaurier zugeblinzelt haben im Wissen, dass ihre Jahrmillionen gezählt sind?


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