NZZ Folio 07/08 - Thema: Dubai   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Donald Trump braucht einen neuen Look»

© Matthias Haehl, Luzern
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Von Mathias Haehl
Jessica Ruth, Vancouver, Kanada, ist 37 Jahre alt. Sie ist Geschäftsführerin eines Salons in Downtown und verdient rund 20 000 Franken im Monat. Sie lebt mit ihrem 6-jährigen Sohn Julian zwei Strassen weiter in einem 200 Quadratmeter grossen Appartement mit Blick aufs Meer. In ihrer Freizeit fotografiert sie oder geht mir ihrem Hund spazieren.

Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?

Wie auf der ganzen Welt: der von Victoria Beckham. Sie ist sehr stilbildend mit ihrer Pagenfrisur – klassisch, fast schon streng, das gefällt den Frauen. Die Männer lieben es derzeit eher wild: Sieben Zentimeter sind ihre Haare im Durchschnitt lang, frech in alle Himmelsrichtungen gegelt und farblich etwas texturiert.

Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?

Ich wollte gar nicht Coiffeuse werden, komme ich doch aus einem Haus von Wissenschaftern und Künstlern! Aber meine Schwester Anna kam immer wieder mit scheusslichen Frisuren nach Hause. Ich griff dann kurzerhand zur Schere. Das machte mir Spass, und immer öfter kamen die Freundinnen unserer Familie zu mir. Damals war ich etwa 15. Also bin ich nach der Schule in den Beruf eingestiegen. 1988 durfte ich dann Kanada an den Weltmeisterschaften in Düsseldorf vertreten.

Wer schneidet Ihnen die Haare?

Mein Mitarbeiter Trevor Sand. Er ist auch für das Styling unserer Band Genika zuständig. Wir spielen elektronischen Rock, unser Video auf YouTube läuft gut.

Haben Sie Pläne für Ihre Zukunft?

Eigentlich nicht, mein Leben gefällt mir sehr gut im Moment. Ich kann viel für meinen Sohn da sein, will ihm eine gute Ausbildung ermöglichen. Ich bin nur vier Tage pro Woche im Salon, die Buchhaltung mache ich zu Hause.

Wem würden Sie gern eine neue Frisur verpassen?

Der US-Milliardär Donald Trump sieht zum Schiessen aus, der braucht einen neuen Look. Falls er ein Toupet trägt, dann soll er doch besser zu seiner Glatze stehen. Auch die wilden Augenbrauen müsste er sich zähmen lassen. Das geht doch nicht, dass seine Frauen – Tochter und Ehefrau – immer wie aus dem Ei gepellt an seiner Seite herumlaufen, während er sich förmlich gehen lässt …

Haben Sie prominente Kunden?

Viele Eishockeyprofis von den Vancouver Canucks kommen zu uns, und die sind nicht zimperlich. Ab und zu ist auch Gordon Campbell Kunde bei uns, seit 2001 Premierminister des Staates British Columbia.

Welche Art Kunden sind für Sie die grösste Herausforderung?

Solche, die am liebsten ganz andere Haare hätten als die, die sie von der Natur erhalten haben: Leute mit Naturlocken wollen gerades Haar, solche mit Strähnen wollen fülliges Haar. Oft muss ich einschreiten und «Nein» rufen! Vor allem bei Dauerwellen, das ist so was von out und strapaziert das Haar. Ich ermuntere die Leute, zu ihrer Natürlichkeit zu stehen.

Welches sind die schönsten Komplimente Ihrer Kunden?

Wenn sie bald wiederkommen oder gleich beim Gehen reservieren. Bei Neukunden geschieht es mir oft, dass ich beim zweiten Mal ein riesiges Trinkgeld erhalte. Beim ersten Mal waren sie vielleicht verunsichert, bekamen dann aber dermassen viele Komplimente, dass sie unbedingt wieder zu mir wollten …

Was gefällt Ihnen in Vancouver?

Ich liebe die Nähe zu Meer und Eis. Und neben Zürich und Genf ist Vancouver ja eine der Städte, in denen das Leben am schönsten sein soll. Ich kann das bestätigen!

Was unternehmen Sie im Ausgang?

Wenn ich nicht bei Freunden oder Bekannten eingeladen bin, gehe ich gerne ins Kino oder auswärts essen. Am liebsten in die Restaurants «Chambar» oder zu «Jules» – das beste der Stadt und eines der besten im Land.

Wohin fahren Sie in die Ferien?

Meine Schwester lebt in Finnland, die besuche ich gern. Ich mag die wilde Natur, die wir hier ja auch haben. Und ich finde, in Europa sind die Leute modebewusst, die Designs sind sehr schön. Ausserdem ist das Reisen mit dem Zug so einfach – und die Leute sind sehr freundlich.

Wo würden Sie denn gerne mal hin?

Mal wieder in die Karibik, nach Mexiko. Oder durch New York bummeln.

Vancouver ist mittlerweile ja die grössere Baustelle als New York.

Das ist die positive Seite der Olympischen Spiele, die wir 2010 veranstalten. Endlich werden mal ein paar Gegenden aufgemotzt, die es schon lange nötig hätten. Was mir nicht so gefällt: Die Preise werden ansteigen, und Vancouver ist schon teuer genug. Ich bezahle 2400 Franken Miete. Das reicht doch, oder?

Matthias Haehl ist Kulturredaktor und lebt in Luzern.

Stratosphere
Der Name des Salons stammt vom ursprünglichen Bodenbelag: Der war stratosphärenblau. Zudem weist der Begriff in höhere Sphären – so, wie die Coiffeure des Salons es auch mit ihren Kreationen beabsichtigen, Er wurde 1993 eröffnet, mittlerweile vermietet Jessica Ruth ihre Stühle an 16 Stylisten. Diese kommen auf monatlich zwischen 2000 und 10 000 Franken.

Preise für Haarschnitte
Frauen zahlen für einen Schnitt ab 75 Franken, Männer 65 Franken, Kinder 50 Franken.

Kanada
Einwohner: 33 Millionen
BIP pro Kopf: 37 200 CHF
Milch: 1 l CHF 2.–
Brot: 1 kg CHF 3.–
Kinobillett: CHF 12.–
Zigaretten: CHF 9.50
Taxi: 10 km CHF 15.–

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