NZZ Folio 10/94 - Thema: Sprache   Inhaltsverzeichnis

Fremde Mythen -- Der Würger

Von Gerold Sammet

Der Pistaco ist ein Fremder, dessen Ankunft nichts Gutes verheisst. Er ernähre sich, so wird gesagt, von Milch, deren Weiss auch seine Hautfarbe ist. Das weisse Messer, das er unter seinem Mantel verbirgt, dient ihm dazu, Indianern die Köpfe und die Gliedmassen abzuschneiden. Aus dem Rumpf der Toten gewinnt er ein Öl. Dieses «aceite humano» aus indianischem Blut und geronnenem Fett ist der Schmierstoff der industriellen Zivilisation.

Der pistaco ist ein Würger. Er widersteht Kugeln und muss auf komplizierte Weise getötet werden. In seiner Reportage über die peruanische Guerilla-Organisation «Leuchtender Pfad» erzählt der britische Journalist Nicholas Shakespeare, wie in Ayacucho der Handelsreisende Luis Angel Calderon, ein pistaco, nach einem Bordellbesuch mitten in der Stadt gesteinigt und durch die Strassen geschleift wurde. Sein Schädel wurde mit Steinen zertrümmert und die Augen wurden aus den Höhlen gerissen. Danach hat man den pistaco ohne Aufsehen christlich begraben.

Der Mythos vom pistaco stammt aus dem 16. Jahrhundert. In ihm spiegelt sich der katastrophisch verlaufene Zusammenprall zweier Kulturen. Menschenopfer gehören zur indianischen Tradition, deren Anblick die europäischen Eroberer gleichermassen abstiess wie zur Nachahmung verleitete. Hernan Cortéz' düsterer Marsch auf Tenochtitlán wurde von Kerzen erleuchtet, deren Talg die Conquiste aus den Körpern von Indianern gewann. Aus der Erinnerung an diese Massaker stammt der pistaco.

Die Guerilleros müssen diese Erinnerung an den pistaco nicht neu beleben. Er ist über die Jahrhunderte präsent geblieben, ein Untoter wie Dracula. Weil er, diesem Wesen gemäss, nicht ohne weiteres körperlich zerstört werden kann, ist der symbolische Aufwand, mit dem seine Exekution betrieben wird, beträchtlich.

Und das Erbe des pistaco ist so auf den Guerillero übergegangen.


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