Der Psychologe
Wie wohltuend sinnlich ist doch eine Wohnung, die nicht aussieht, als sei sie in einer Vitrine als ästhetisches Schaustück konserviert. In der das gelebte Leben, ja selbst die Arbeit aus Ecken und Ritzen hervorquillt und nicht in erster Linie sklavische Ordnung herrscht.
Und dennoch mangelt es dem hier fleissig betriebenen geistigen Tun keineswegs an System und Struktur. Es ist einer dieser Orte, wo die regelmässig angeheuerte Raumpflegerin um Gottes willen ja nie so aufräumen darf, wie ihre Impulse es ihr eigentlich gebieten.
Wir haben es mit einem Paar gut mittleren Alters mit gutbürgerlichem Fundament zu tun, beide in Wissenschaft und Kultur beschäftigt, weit herumgereist, gelehrt – wohl auch in der Lehre tätig. Forscher, Kritiker, Literaten vielleicht, Bücherwürmer, Leseratten, Platzhirsche auf ihrem Gebiet – leidenschaftlich involviert jedenfalls. Das Haus befindet sich auf edlem Boden, in der Altstadt, irgendwo am See vielleicht, aber das reale Leben hat das Museale überwuchert, Geld und Geist sind ohne Prätention ineinander verschränkt. Die Stube – oder heisst sie Salon? – wirkt zwar brötig-bieder, der Teppich hat schon bessere, vor allem geschmacklich überzeugendere Tage gesehen, die Stühle sind wohl etwas weniger bequem als brokat, aber was tut’s? In den Arbeitszimmern darf dafür das Parkett strahlen (da darf auch die Putzfrau ran), und der Kelim hier neutralisiert den Perser anderswo.
Für heute Abend werden respektable Gäste erwartet, es wird mit kultivierter Konversation, sogenanntem geistreichem Austausch, und allerhand Artigkeiten begonnen, doch das edle Essen und die erlesenen Weine lassen hoffen, dass sich die Stimmung langsam lockert, dass Anekdoten zu Geplauder werden und dass – wer weiss – in den Biedermeier etwas Lustmüller dringt. Berthold Rothschild
Die Innenarchitektin
Das ursprünglich bürgerliche Wohnkonzept mit – vielleicht geerbten – Antiquitäten wurde über die Jahre durch das angeschwemmte Material überwuchert und boykottiert. Diese Wohnung ist wie ein Gesicht, in dem die Zeit Spuren hinterlassen hat.
Der Lebens- und Arbeitsalltag schreibt in jedem Zimmer ein anderes Kapitel. Da ist zum einen das Esszimmer mit durchaus repräsentativem Charakter: Der Raum ist ungewöhnlich bunt. Farbkonzept oder Zufall? Die Farbgebung ist jedenfalls sehr gelungen und übertönt angenehm die etwas grobe Detaillierung der einzelnen Möbelstücke. Der gedeckte Tisch wirkt mit Tafelsilber und Stoffservietten nicht steif, sondern gepflegt und familiär. Die Stimmung verspricht trotz bockigen Hochlehnern entspannte Tafelkultur und Freude am Genuss.
Zum anderen ist da der labyrinthische Arbeitsraum, der das Zentrum des Interesses zu sein scheint: Dieser Raum wird nur mit Büchern inszeniert – eine Topographie des Gesammelten. Die Leidenschaft fürs Gedruckte spielt jedes Möbel an die Wand. Der pittoreske Ort fasziniert durch seine Dichte an Kuriositäten. Mit diesen beiden Räumen scheinen für die Bewohner die wichtigsten Bedürfnisse abgedeckt. Der sichtbare Rest der weitläufigen Wohnung erscheint als unentschlossene Durchgangsstation. In dem ursprünglichen Hauptwohnraum mit Kachelofen und getäfelter Kassettendecke ist noch nicht sicher, wer hier den territorialen Kampf um den Raum gewinnen wird: Möblierung oder Ablagerung?
Fazit: Hier wird in jeder Ecke gelebt und nicht nur gewohnt. Jasmin Grego
Auflösung:
Werner Oechslin, Professor für Architekturgeschichte
«Weshalb dieses Chaos? Vorerst: Das Leben ist ein Ganzes; ein in Schubladen nach Teilleben wie Arbeit, Freizeit oder gar nach Hobby zergliedertes Leben ist eine Horrorvorstellung. Ich kenne keine solchen Unterscheidungen. Und deshalb ist es auch schwierig zu sagen, welches denn eigentlich das Ess- oder das Arbeitszimmer ist. Ganzheit ist die adäquate Abbildung der Welt, Durchdringung und Komplexität die notwendige Folge.
Unser gelebtes Chaos hat aber noch andere Gründe: Seit neun Jahren wird neben dem Haus und unterirdisch damit verbunden die Bibliothek unserer Stiftung gebaut. Wir leben auf einer Baustelle. Und wir mussten uns daran gewöhnen, dass nichts verlässlich und planbar, dafür stets alles im Wandel ist. Auch die Bücher ‹wandeln› täglich. Schliesslich wird damit gearbeitet.
Wie viele Bücher ich habe, weiss ich nicht. Wir haben endliche Räume, endliche Welten. Wichtiger ist: Bücher und
Bibliotheken sind immer die Verlängerung der eigenen, kleinen Existenz, ganz nach dem Satz des Hippokrates «vita
brevis, ars longa». Wir partizipieren mit unserem kurzen Leben an einem grösseren Ganzen, das ist Kultur.
Welches Buch mir besonders lieb ist? Als ich das erste Mal von Giambattista Vico «Scienza Nuova» in der guten zweiten Ausgabe in der Hand hielt, war das ein Erlebnis, ich war damals knapp über 30. Das Büchlein hatte ich dann jahrelang in der Jackentasche. Es begleitete mich auf mühsamen Zugfahrten. Natürlich weiss ich, wo es jetzt im Haus zu finden ist. Ich finde eigentlich immer noch alles. Der Sportler trainiert seine Muskeln, ich meine Merkfähigkeit. Das mich ständig umgebende Chaos zwingt mich täglich und stündlich, Ordnungen zu erfinden. Das Chaos ist bekanntlich eine Versprechung, ist Zukunftsmanagement.
Das Haus wurde Mitte des 19. Jahrhunderts auf einer Anhöhe mit Blick auf das Kloster Einsiedeln gebaut; hier lebten Kleinunternehmer, die von der Pilgerei profitierten. Ich bin in Einsiedeln geboren. In jungen Jahren bekam ich in diesem Haus Klavierunterricht bei einer älteren Dame, vor der wir uns als Kinder fürchteten. Später bemerkte ich, dass
sie hochkultiviert war und es zudem geschafft hat, das Haus in seiner Ursprünglichkeit zu erhalten: Das Parkett wurde nicht herausgerissen, die Farben blieben original – wie die grünen Wände im Esszimmer. Es ist ein wunderschöner, schwer zu mischender Grünton.
Im Esszimmer sitzen wir leider selten. Wir essen in der Küche. Ob wir einen Salon führen? Eine schöne alte, neu zu
definierende Idee. Wir würden gerne häufiger Gäste bewirten. Gäste ist das falsche Wort, Freunde ist richtig, mit denen man generös sein könnte. Generös sein bedeutet, dem Menschen einen Vorschuss zu geben. Am Tisch soll sich der Freund wohl fühlen und alles erzählen dürfen, was ihm durch den Kopf geht. Gespräche sind nur dann echte Gespräche, wenn man den Ausgang und das Ziel nicht kennt.
Die Frage nach den für viele sogar hässlichen gelben Stühlen kann ich so beantworten: Sie haben allen Spott überlebt; ganz einfach, weil sie bequem sind und man auf ihnen einen langen Abend gut erträgt. Ich hatte diese Stühle schon in meiner Studentenzeit. Der Esstisch aus Florenz kam später dazu. Ich brauche nicht alle fünf Jahre neue Designermöbel, schon gar keine Sammlerobjekte. Ich bin kein Sammler, ich brauche die Dinge.
Ich lebe hier mit meiner Frau Anja und meinen zwei Kindern, Luca und Anna. Meine Familie und ich sind ständig im Haus unterwegs – das ist ein Luxus. Und dieser Luxus heisst Raum, in dem man sich bewegen kann. An meinem Arbeitsplatz in Zürich hetze ich von Termin zu Termin, von Sitzung zu Sitzung, bin eher Manager und Organisator als Forscher und Lehrer. Das ist zeitgeistig und grundsätzlich falsch.
Zu Hause komme ich zur Ruhe, finde immer wieder ein Schlupfloch, wo ich arbeiten kann. Unser Haus ist eine wunderbare Mischung. Vieles ist entstanden, einiges bewusst gesetzt; so wie das Leben dies zulässt. Es gibt keine Zufälle, aber es gibt auch keine zielgerichtete Ordnung. Ich habe keine Zeit, mir zu überlegen, wie ich die Welt einrichten möchte, das geschieht täglich von allein und ist am nächsten Tag längst überholt.»