NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch   Inhaltsverzeichnis

Darf ich reinkommen?

© Suzanne Schwiertz
Beschneidungsinstrumente. Obwohl der Konvertit Andreas bereits beschnitten war, wurde seine Vorhaut nochmals angeritzt. Linktext
Was bringt einen jungen Christen dazu, zum Judentum zu konvertieren? Das Portrait einer inneren Reise.

Von Kai Michel

Plötzlich ist es still geworden in der Synagoge des Kibbuz Giv’at Brenner. Andreas blickt die drei Rabbiner an, die ihm an einem langen Tisch gegenübersitzen. Der eine hat einen roten Bart, der zweite einen schwarzen und der dritte einen weissen. Sie warten darauf, dass er ihre Frage beantwortet. Andreas denkt nach. «Nein», sagt er schliesslich, «das glaube ich nicht.»

Die drei Rabbiner sind konsterniert. Bisher lief alles so gut. Der junge Mann aus Deutschland spricht fliessend Hebräisch; und die Art, wie er ihre Fragen zur jüdischen Geschichte beantwortete, war überzeugend. Besonders aber gefiel ihnen die jungenhafte Begeisterung des 21-Jährigen mit dem schmalen Gesicht und dem blonden Haar. Es schien ihm eine Herzensangelegenheit, Jude zu werden. Und dann das! Warum glaubt er nicht, dass die Gesetze wahr sind? Wenn er Zweifel am Talmud hat, dem altehrwürdigen Buch der jüdischen Lehre, wie kann er da Jude werden? Zudem hatten sie heute schon fünf Bewerber ablehnen müssen. «Könnten Sie uns das bitte erklären?»

Andreas lächelt. «Gerne.» Die Diskussion und Auslegung der göttlichen Gesetze erfolge durch Rabbiner und führe oft zu neuen Gesetzen für den Alltag, den Mizwot de Rabbanan. «Aber Menschen sind nicht allwissend», sagt Andreas. «Sie können nicht beanspruchen, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Die gehört Gott allein.» Folglich können sie sich auch mal geirrt haben. Die Rabbiner werden aufmerksam: «Und was gedenken Sie mit den Gesetzen zu tun?» fragen sie. «Wenn der Messias auf die Erde kommt», antwortet Andreas, «werden wir erfahren, welche richtig und welche falsch sind.» Er macht eine Pause. «Und bis zur Ankunft des Messias kann ich die Gesetze akzeptieren.» Die Rabbiner schmunzeln und ziehen sich zur Beratung zurück. Nach zwei Minuten kommen sie wieder, umarmen Andreas und sagen: «Baruch Haba be Am Jisrael.» Willkommen im Volke Israel.

Sechs Jahre ist es nun her, seit Andreas vor das Beth Din trat, das rabbinische Glaubensgericht, das ihn prüfte. «Ich hatte mir vorgenommen: Ich antworte nur das, wovon ich wirklich überzeugt bin.» Wenn dieser jüdische Gott ihn haben wollte, dann bitte mit all seinen Zweifeln, seiner Skepsis und der Widerspruchslust. Ja, für Andreas war es ein Gottesurteil. Und Gott wollte ihn.

Andreas legte damals seinen christlichen Namen ab und nahm einen jüdischen an: Jonathan. Mittlerweile ist er 27 Jahre alt, studiert in einer deutschen Grossstadt Jura und büffelt gerade für das Staatsexamen. Er trägt keine Kippa, geschweige denn Schläfenlocken. Man muss schon genau hinsehen, um den Ring mit dem Davidstern an seinem Finger zu entdecken.

«Nach der Glaubensprüfung musste ich dreimal im rituellen Tauchbad, der Mikwe, untertauchen», erzählt er, «und da ich schon beschnitten war, wurde bloss die Vorhaut angeritzt.» Damit war der Übertritt vollzogen. «Ich war ganz in Trance vor Freude.» Mit einem Sammeltaxi fuhr er nach Jerusalem. Auf den Strassen feierten die Menschen. Es waren Palästinenser, die amerikanische und israelische Flaggen verbrannten. Als er bei seinen Freunden klingelte, sass die ganze Familie vor dem Fernseher. Jonathan sah noch das zweite Flugzeug ins World Trade Center krachen – es war der 11. September 2001.

Jonathan war schon immer gläubig. Er stammt aus einer evangelischen, nicht sonderlich frommen Familie. Die Mutter unterrichtete am Gymnasium, der Vater war ein erfolgreicher Geschäftsmann. «Ich habe jeden Abend zum lieben Gott gebetet», erinnert er sich. «Ich hab mir für jedes Familienmitglied das gewünscht, was für ihn oder sie gerade am besten war.» Vor allem war Jonathan ein wissbegieriges Kind. Wer sich nicht retten konnte, dem fragte er Löcher in den Bauch, nicht unangenehm, aber anstrengend mitunter. Er begeisterte sich für die Römer und das alte Ägypten, besonders für die Indianer. Seine Empörung über das Unrecht, das sie erlitten hatten, war gross.

In den Ferien auf der Nordseeinsel Baltrum traf seine Familie einmal ein altes Ehepaar. Die Frau schritt kräftig aus, der Mann kam kaum hinterher. Jonathan, damals zwölf Jahre alt, hatte Mitleid, sprach ihn an, wie es so seine Art war, und leistete ihm Gesellschaft. Sie sassen oft zusammen in diesen Ferien. Der alte Herr, dessen Name Karl Lenz war, hiess einst Levy und musste vor den Nazis aus Berlin fliehen, weil er Jude war. Er hatte spannende Geschichten zu erzählen: Wie er nach Palästina kam, im Zweiten Weltkrieg in der Royal Air Force gegen Hitlerdeutschland kämpfte, doch schon 1957 zurück in die Bundesrepublik ging, weil er so an seiner Heimat hing.

Jonathan war verzaubert von dieser fremden Welt. Er verschlang die Josephus-Trilogie von Lion Feuchtwanger über den jüdischen Krieg gegen die Römer, las atemlos, wie am Passahfest vor 2000 Jahren «der Erzpriester ein einziges Mal im Jahr Jahwe bei seinem wirklichen Namen anruft und wie alles Volk, hörend den grossen und schrecklichen Namen, sich niederwirft vor dem unsichtbaren Gott, und fünfzigtausend Stirnen rühren die Fliesen des Tempels».

Die historische Tiefe des Judentums faszinierte ihn, das Schicksal der Juden zog ihn in seinen Bann. Aber das Beste war: Sie waren fassbar, diese Menschen, anders als mit Römern oder Indianern konnte er mit ihnen sprechen. Und sie liessen sich auf seine Fragen ein, auf sein Diskutieren, wehrten ihn nicht ab, wie er es auch schon hatte erfahren müssen, sondern hatten ihre Freude an so viel Neugier.

Mit fünfzehn ging er als Austauschschüler für ein Jahr in die USA; er landete bei einer evangelikalen Familie. «Dort erlebte ich wirkliche Religiosität», sagt Jonathan, «und zwar so, wie sie nicht sein soll: bevormundend und intolerant.» Seine Gasteltern waren überzeugt, dass jeder, der nicht an Christus glaubt, in der Hölle schmoren muss. Sie liessen sich auf keine Diskussion ein.

Wie anders war ihm da das Judentum erschienen: «Es setzt voraus, dass man selber denkt», sagt Jonathan, «dass man kritisch ist. Bloss zu glauben, reicht nicht.» Vor allem ist es tolerant: Es behauptet nicht, dass seine Lehre auch für alle anderen verpflichtend sei; es verdammt nicht jene, die einen anderen Weg zu Gott wählen. «Nicht der Glaube allein zählt», sagt Jonathan, «sondern dass man alles daransetzt, ein guter Mensch zu werden.»

Als Jonathan aus den USA nach Deutschland zurückkehrte, setzte er durch, dass er – obwohl noch Christ – am Gymnasium jüdischen Religionsunterricht bekam. Er ging in die Synagoge, fand schnell den Kontakt zur jüdischen Gemeinde; bald lud der Rabbiner ihn zum Schabbat ein. «Das war schön, wenn der Wochenabschnitt aus der Thora erörtert wurde. Ich habe viel gelernt», sagt Jonathan, «und viel gelacht.» Ganz selbstverständlich trat er dem jüdischen Jugendverein bei. Vor dem Abitur reiste er das erste Mal nach Israel. Zurück in Deutschland, fragten ihn seine jüdischen Freunde, ob er nicht endlich zum Judentum übertreten wolle, er sagte Ja. Er absolvierte die Abiturprüfungen und ging mit einem Empfehlungsschreiben seines Rabbiners in der Tasche wieder nach Israel, diesmal für anderthalb Jahre. Im orthodoxen Kibbuz von Giv’at Brenner bereitete er sich auf das Beth Din vor, das seinen Konversionswunsch dann guthiess.

«Es ist noch immer derselbe Gott, zu dem ich schon als Kind betete», sagt Jonathan. Nur entspreche das Judentum besser seinem Bedürfnis nach Gedankenfreiheit. «Vor meinem Übertritt besprach ich mich in Tel Aviv mit einem Rabbi. Ich erzählte ihm von meinen Bedenken, ob es der richtige Schritt sei.» Man wechselt schliesslich seinen Namen, gilt sogar als neugeboren. «Der Rabbi sagte: Sie müssen zweifeln, das ist das beste Zeichen.»

Die ersten drei Jahre nach der Konversion lebte Jonathan orthodox: «Ich hielt streng den Schabbat ein, beachtete alle Speisevorschriften, hatte getrenntes Geschirr für Fleisch und Milch und lernte Talmud und Thora.» Er besuchte zu den vorgeschriebenen Zeiten die Synagoge, absolvierte Morgen- und Abendgebet. «Für die erste Zeit war es wichtig, dass ich mich an die Regeln hielt», sagt Jonathan, «das half mir, eine jüdische Identität auszubilden.» Aber irgendwann brauchte er das Korsett nicht mehr. «Ich kann nicht nur dadurch Jude sein, dass ich alle Vorschriften genau befolge», sagte er sich. Heute studiert er mit einem Freund die Thora, den Schabbat aber hält er nicht mehr ein, und ungeschächtetes Fleisch isst er auch.

Ausserdem ist da noch etwas, was die Orthodoxie für ihn heikel macht: Jonathan ist schwul. Er sagt, dass das keine Rolle spiele. Seine guten Freunde wissen es – und überhaupt: «Welche Religion hat keine homophoben Züge?» Aber nach orthodoxer Ansicht ist Homosexualität eine Sünde; sie verstösst gegen das erste Gebot der Thora: «Seid fruchtbar und mehret euch.» Und dieses Thora-Gebot stammt nach orthodoxer Ansicht direkt von Gott, ist also keine Verhandlungssache. «Ja, das stimmt», sagt Jonathan. «Wer aber ist perfekt und verstösst gegen keine Regel?»

Seine Familie hatte nichts gegen den Glaubenswechsel. Die Mutter fürchtete nur, er setze sich Anfeindungen aus. Auf dem Weg zur Synagoge schlug ihm einmal ein Araber die Brille aus dem Gesicht, er trug die Kippa. Aber sonst gab es keine Probleme. In seiner Studienstadt hat er sich schnell in die Gemeinde eingelebt. Er geht regelmässig in die Synagoge, engagiert sich in der Aufklärungsarbeit über Israel oder den Antisemitismus. Mit seinem jüdischen Hausarzt spielt er Schach; oft laden ihn Gemeindemitglieder zum Schabbat ein. Dass er ein Konvertit ist, war nie ein Thema.

Jonathan hat auch keine Lust mehr, darüber zu sprechen: «Ich bin übergetreten, um Jude zu sein», sagt er, «und nicht, um als der ewige Konvertit dazustehen.» Natürlich kennt er das Klischee: Konvertiten seien unausstehlich in ihrem Glaubenseifer. Er lacht darüber, aber einen Rechtfertigungsdruck spürt er dennoch. Manchmal fährt er an das Grab von Karl Lenz, mit dem das Judentum für ihn seinen Anfang nahm. Der hatte eine Katholikin geheiratet, sich mit der jüdischen Gemeinde zerstritten und liegt deshalb auf einem christlichen Friedhof. Doch auf der Grabplatte prangt der Davidstern. «Auch wenn Lenz eigentlich Atheist war, war ihm das Judentum so wichtig, dass er den Stern auf dem Grab haben wollte», sagt Jonathan. «So kann er wenigstens noch die Antisemiten ärgern.»

Der Jude landete bei den Christen, der Christ bei den Juden. Komisch, denkt Jonathan manchmal, dass wir es sind, die sich rechtfertigen müssen. Warum fragt eigentlich niemand jene, die durch den Zufall der Geburt Jude oder Christ sind, ob sie nicht aus purer Gewohnheit das Kaddisch beten oder das Vaterunser?

Jonathan ist glücklich über seine Wahl. Wenn er den Talmud hervorholt und zeigt, wie alle Gebote darin kommentiert und diese Kommentare wieder kommentiert sind, das ganze Buch also eine Endlosdiskussion über das gute Leben ist; oder wenn er demonstriert, wie man sich die Tefillin-Gebetsriemen um Haupt, Arme und Hände schlingt – dann tut er das mit der Freude eines Kindes, das einen Schatz gefunden hat. Wenn ihn manchmal noch eine gewisse Angst befällt, ob er den Schatz tatsächlich behalten darf, dann zeigt das nur, wie kostbar ihm dieser ist.

Kai Michel ist freier Journalist. Er lebt in Zürich.

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