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NZZ Folio 05/08 - Thema: Alles Kunst? Inhaltsverzeichnis
Begleitservice für Sammler
Wer wirklich viel Geld besitzt, lässt sich seine Kunst von einem Profi wie Kim Heirston einkaufen. Unterwegs mit New Yorks begehrtester Kunstberaterin.
Von Marion Maneker
Kim Heirstons Haar ist unter ihrer übergrossen Sonnenbrille zusammengefallen, und die für die Jahreszeit ungewöhnliche New Yorker Hitze beginnt allmählich, an ihrer sonst stets positiven Grundeinstellung zu zehren. Sie steht vor dem Auktionshaus Sotheby’s, aber was nicht dort steht, ist ihr Wagen. Laut Anweisung sollte er auf der gegenüberliegenden Strassenseite warten, um sie bei Bedarf umgehend ein paar Blocks weiter zu Christie’s zu bringen. Aber der Wagen ist nirgends zu sehen. Ihre Kundin, eine freundliche, ungeahnt reiche Frau namens B., nimmt es locker, aber Heirston will kein Risiko eingehen. Sie fischt ihr Handy aus dem schwarzen Birkin-Bag von Hermès und zitiert den Chauffeur herbei.
Heirston trägt auf der Hüfte sitzende, weisse Hosen und ein marineblaues Jackett und sieht aus, als warte sie an einem Quai darauf, eine grosse Privatjacht zu besteigen. Stattdessen schiebt sich die grossgewachsene Frau in die ankommende Limousine. Ihre zierliche Klientin setzt sich neben sie. Wie viele Kunden hat B. nicht viel Zeit. Sie ist gerade von einer Geschäftsreise aus Fernost zurück, und am Nachmittag packt sie Mann, Kinder und Haushälterin ein, um in die Hamptons hinauszufahren. Dennoch möchte B. noch rasch einen Blick auf zwei Bilder von Morris Louis werfen – und vielleicht noch über weitere Gemälde der kommenden Auktion plaudern.
Da die Tour – es ist Heirstons zweite heute – sie zu drei Auktionshäusern führt, die über halb Manhattan verteilt sind, ist der Wagen mit allen erdenklichen Notwendigkeiten und Annehmlichkeiten ausgestattet. Die Klimaanlage ist voll aufgedreht. In den Sitztaschen stecken aktuelle Tageszeitungen. Heirston hält eine kleine Imbisstüte mit Äpfeln und Mandeln sowie Wasser für ihre Kundin bereit. Neben Heirstons Beinen steht eine grössere Tasche, die sie ihre tragbare Bibliothek nennt. Sie enthält Auktionskataloge, Berichte über den Zustand der Gemälde, für die sich ihre Kunden interessieren, ein Buch über Kubismus, eines über Monet (es läuft gerade eine Ausstellung im Metropolitan Museum, zu der sie diejenigen Klienten schleppt, die genügend Zeit haben) und ausgedruckte Preislisten aus der Online-Kunstdatenbank Artnet.
Ein guter Teil von Heirstons Aufgabe besteht darin, ihre Kunden durch die verschiedenen Stadien des Kunstsammelns hindurchzubegleiten. Für Neulinge gibt sie die Innendekorateurin, sie informiert sich über ihre Interessen und ihren Geschmack und macht sie mit der Kunst bekannt, die zum Budget und zur Wohnung passt. Wenn die Sammler Vertrauen gefasst haben und allmählich eigene Leidenschaften und Vorstellungen entwickeln, agiert sie wie eine Maklerin. Sie kümmert sich um all die Details, die für einen erfolgreichen Ankauf nötig sind: Sie vergleicht Preise, bietet an Auktionen mit, schliesst Transportversicherungen ab und berät bei der Placierung der Kunstwerke im Haus der Kunden. Handelt es sich bei ihren Klienten um reife Sammler, schlüpft sie in die Rolle einer Anlageberaterin und setzt ihren enormen Schatz an Informationen für Geschäfte ein, bei denen beide Seiten sich als Gewinner fühlen können.
Bevor ein Sammler wirklich ein Schnäppchen machen kann, muss er erst zu einem Sammler werden. Und das ist für viele ein rätselhafter Weg. Die Kunstszene ist nach wie vor schwer durchschaubar und beugt sich niemandem um des blossen Mammons willen. Eine der Ernüchterungen beim Betreten dieser Szene ist, dass die Barrieren extrem hoch bleiben. Die Galeristen verkaufen nicht an jeden beliebigen Reichen, der durch die Tür kommt.
Hier schlägt Heirstons Stunde. Die schlanke, dunkelhäutige Frau ist in der Kunstwelt unübersehbar. Aber es ist ihr Status als Insiderin, der die Kunden anzieht. Sie betätigt sich als Führerin durch die Kunstszene, aber sie kann nur jene anleiten, die bereits zum Ankauf von Kunst entschlossen sind. Wie reift ein solcher Entschluss? «Es fängt oft mit leeren Wänden an», meint Heirston. «Ein Hausbau, eine Renovierung, das ist die erste Motivation zum Kauf von Kunstwerken. Für viele beginnt die Sammelleidenschaft mit der Dekoration.» Doch häufig bleibt es nicht bei der Inneneinrichtung. In der Kunstszene redet jeder von der Kunst als einer Sucht. Vielleicht beginnt sie mit philisterhaften Motiven wie dem Wunsch, mit seinem Haus zu prahlen oder an Prestige zu gewinnen. Doch über kurz oder lang führt die Anschaffung von Kunst bei vielen Kunden zu einem Wandel. Und Heirston begreift sich selbst als Alchemistin dieser persönlichen Wandlung.
«Mir geht es darum, die Kunden zu inspirieren», erläutert sie ihre Rolle in diesem Prozess. «Ich möchte, dass sich die Leute auf einer anderen Ebene engagieren und dass sie mit Leidenschaft dabei sind.» Die wahre Sammelleidenschaft stellt sich nicht beim Erwerb des ersten Stückes ein, sondern erst später, nachdem der Käufer seine eigenen Vorstellungen und Vorlieben entwickelt hat. Sei es für eine bestimmte historische Epoche oder für einen Künstler oder für eine Schule. Manchmal entdecken Sammler ihre ureigene Linie, die völlig unterschiedliche Künstler und Richtungen vereint. «Es ist eine Entwicklung», sagt Heirston. «Man merkt, dass Kunst etwas Allumfassendes ist. Die Leute werden plötzlich davon ergriffen. Sie beginnen, mehr darüber zu lesen. Und sie beginnen ihrem eigenen Urteil zu trauen.»
Wenn die Käufer sich sachkundig gemacht haben, müssen sie lernen, wie man zu einem Sammler wird. «Am besten, sie treffen andere Leute, die bereits dabei sind», erklärt Heirston. «Wann immer ich in Miami bin, schicke ich meine Kunden zu Rosa de la Cruz, weil sie so anregend ist. Ihre Sammlung kann es von der Qualität her mit einem Museum aufnehmen, aber sie lebt darin.»
Miami ist ein Mekka für Sammler – nicht nur im Dezember, wenn die Art Basel Miami aus der ganzen Stadt ein riesiges Kunstfestival macht. Viele Sammler statten auch den zahlreichen Supersammlern wie de la Cruz einen Besuch ab. Heirstons Klienten fahren dorthin, um ihre Hausaufgaben zu machen, nicht um sich zu amüsieren. «Meine Kunden sind keine notorischen Partygänger», betont Heirston. «Viele Leute meinen, beim Sammeln von Kunst gehe es um das soziale Drumherum. Aber gerade meine jüngeren Klienten haben so viel um die Ohren – sie bauen ein Geschäft auf und gründen eine Familie –, dass sie keine weitere Party brauchen.»
Der Chauffeur hält vor Christie’s im Rockefeller Center, und Heirston gibt ausdrücklich Anweisung, wo der Wagen parkiert werden soll, bevor sie aussteigt. Kaum haben sie und ihre Klientin das Auktionshaus betreten, wird deutlich, dass irgendetwas nicht stimmt. Keine vierundzwanzig Stunden vor der Eröffnung des Schauraums hängt kaum ein Bild an der Wand. Die teuren Gemälde – wie kostbar sie sind, wird sich bald zeigen – lehnen noch an den Wänden der Galerie von Christie’s und wirken dort ungeheuer verletzlich. Aus unbekanntem Grund ist in einem Grossteil der Räume die Stromversorgung ausgefallen. «Ich möchte sie nicht abwimmeln», sagt die Co-Leiterin der Abteilung für zeitgenössische Kunst, Amy Cappellazzo, «aber wir haben gerade einen Notfall. Ich kann das Licht nicht einschalten, aber ich kann Ihnen die Bilder im Dunkeln zeigen.» Bei dem Morris Louis, den zu betrachten die Kundin gekommen ist, handelt es sich um ein gewaltiges, wandfüllendes Werk. Selbst im Dunkeln wirken die langen Rinnsale, die der Künstler geschaffen hat, indem er Farbe über die runzlige Leinwand goss, absolut faszinierend. «Wie Sie sehen, ist es ein sensationell schönes Werk», meint Cappellazzo, «von ausserordentlicher Dynamik.» In genau diesem Augenblick geht, wie abgesprochen, das Licht an. «Es ist aussergewöhnlich», pflichtet Heirston bei.
Auf dem Weg aus dem Auktionshaus führt Heirston ihre Kundin durch eine Reihe von Räumen und an einem in Kniehöhe stehenden Gemälde von Joan Mitchell vorbei. «Das Bild von Mitchell ist schön», sagt die Kundin über das Werk einer der wenigen Künstlerinnen des abstrakten Expressionismus, deren Wert mit jeder Auktionssaison weiter gestiegen ist. «Aber ein wenig zu gefällig. Es fehlt an Ernsthaftigkeit.» – «Es ist ein spätes Werk», gibt Heirston zu, bevor sie dezent auf die steigenden Preise für späte Mitchells hinweist. Tatsächlich sind dieses und ein weiteres Bild auf der Auktion eine Woche später für 3,2 und 2,3 Millionen Dollar unter den Hammer gekommen, in einem Fall das Doppelte des Schätzwerts.
«Der Markt ist nicht wählerisch, erzählen Sie mir nicht, dass die Leute nicht blind alles kaufen», meint die Kundin, die weiss, dass die Leute mit Geld um sich werfen. «Letzte Woche war ich auf dem Dinner der Robin Hood Foundation. Dort wurden innert zweier Stunden 78 Millionen Dollar gespendet.»
Vier Tage nach der Blitztour in Sachen Morris Louis sitzt Heirston in der vierten Reihe des imposanten Auktionssaals von Sotheby’s. Als ein Bild von Yayoi Kusama an der Reihe ist, bietet sie mit, obwohl eine Expertise über den Zustand des Bildes eine erhebliche Reparatur zutage gefördert hat. Das Gemälde geht schliesslich für 1,35 Millionen Dollar an einen anderen Käufer. Auch bei einem Stillleben von Roy Lichtenstein, das für 3,8 Millionen Dollar weggeht, unterliegt sie.
Heirston hat von B. die Genehmigung erhalten, bei Morris Louis’ «Beta delta, 1961» über den Schätzpreis von 500 000 bis 700 000 Dollar hinauszugehen. Aber die Schätzung des Auktionshauses erweist sich als zu niedrig. Sie ruft per Handy ihre Klientin an. Als der Preis über 500 000 Dollar klettert, bleibt ihr Gebot ein erstes Mal auf der Strecke, ein zweites Mal bei knapp unter 700 000. Die Auktion verläuft zu dynamisch.
Es ist schon vorgekommen, dass Heirston sich für ihre Klienten zu weit aus dem Fenster gelehnt und angeboten hat, ihre eigene Provision zu reduzieren, wenn sie über das vereinbarte Maximalgebot hinausging. Aber nicht heute Abend. Heirston lacht versöhnlich ins Telefon, als das Bild schliesslich für die Rekordsumme von 1,832 Millionen Dollar einschliesslich Käufergebühr unter den Hammer kommt. Der Markt ist nicht wählerisch. Offenbar hat er auch für Morris Louis eine Schwäche.
Marion Maneker ist Journalist; er lebt in New York.
Übersetzung: Robin Cackett, Berlin.
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