NZZ Folio 01/94 - Thema: Pleiten   Inhaltsverzeichnis

Blick in die Welt -- Spiess und Spiesser

Von Dieter Meier

Im heutigen Programmunternimmt der Entfesselungsknstler Meier-Houdini den waghalsigen Versuch, dem verehrten Publikum zu erklren, was ein Schweizer ist. Es geht um nichts weniger als die hochkomplizierte Operation, das Konglomerat Schweizer auf den grssten gemeinsamen Nenner zu bringen. Als weitgereister Dilettant, Schausteller und Kettensprenger werde ich in jedem zweiten Interview gefragt, was denn nun schweizerisch sei an mir, und wie es komme, dass in einem Land, das fr Banken, schwarzes Geld, helle Schokolade, Uhren, Ks' und Alpenglhn bekannt ist, das Sumpfgras Yello Blank & Meier Blten treiben kann? Es wird erwartet, dass ich mich wie so viele Kleinmeister, die in den Agglomerationen des Mittellandes den Diskurs in der Enge beklagen, von Seldwyla distanziere und die Schweiz unter dem Titel Ich bin zwar dort geboren, aber... verrate.

Die Damen und Herren der internationalen Hipp-Hopp-Presse schlakkern nicht schlecht mit den Ohren, wenn ich mich durchaus unzynisch als typischen Schweizer bezeichne, das Hohelied auf mein Land singe, von meinen Wurzeln zwischen Hottingerplatz, Stadelhofen und dem Sihlfeld erzhle und ins letzte Jahrtausend aushole, um die Sensation Schweizer zu erklren als den einzigen antiautoritren Spiesser der Welt.

Wenn ich als Vivisecteur in eigener Sache die Schweizer Seele in mir suche, dann finde ich zuerst Skepsis gegen jede Form von Autoritt, Zentralmacht und pompse Ideen. Der gewachsene Fderalismus der Schweiz ist Ausdruck eines Individuums, das jedem Befehl misstraut, weil das berleben in schwieriger Natur ber Jahrhunderte Eigenverantwortlichkeit, Individualismus und Ungehorsamkeit voraussetzte. Wren die Befehle, was zu tun und was zu lassen sei, aus irgendeiner Zentrale in die Tler posaunt und erhrt worden, htten die Menschen dort schon den ersten Winter nicht berstanden.

Nach dem Zusammenbruch des Westrmischen Imperiums, das mit kleinem Einsatz und divide et impera grosse Teile Mitteleuropas beherrschte, waren Vlker, Sippen und Familien auf der Wanderung, um eine prima Bleibe zu finden. Wie ein Wall stoppten die Alpen die Migration von Sden, Westen und Norden, und um den grossen Berg siedelten sich nur jene Damen und Herren an, die das beschwerliche Leben im Hochtal dem Bckling vor der Schutzgeld erpressenden Mafia der entstehenden Aristokratie vorzogen. Die Schweiz ist als Randgebiet der drei grossen Kulturen und Sprachgebiete Europas eines der eigenartigsten Gebilde der Weltgeschichte, zusammengehalten von einem gewaltigen Steinhaufen, der eigentlich trennen msste, der aber von berall her Menschen anzog, denen der Kampf, einer schwierigen Natur berleben abzuringen, leichter fiel als das Kriechen vor dem Steuervogt. Und als die Ritterheere Albrechts des Zweiten von Habsburg im Flachland siegverwhnt den aufmpfigen Bauern eine Lektion erteilen wollten, erlebten sie ihr hgliges Wunder, solange, bis sie zur Einsicht kamen, dass sich das Unternehmen Schweiz nicht lohnte. Auch die frhkapitalistischen Unternehmer der Aristokratie mussten sich nach dem Price-Earning richten: Eroberung zu aufwendig wegen dem Berg, Ertrag zu klein wegen dem Berg. Die Tessiner sind den Urnern nher als den Mailndern, obwohl sie weder Sprache noch Kultur verbindet, weil die Qualitt des berlebens im gleichen Felsfaltenwurf sie mehr prgt als alles andere. Sparsamkeit und Przision im Umgang mit den bescheidenen Ressourcen zeichnen den trotzigen Kleinstunternehmer der Vor- und Hochalpen aus und bereiten ihn vor auf das industrielle Zeitalter.

Was das alles mit der digitalen Blaskapelle Yello zu tun hat, mit der die Herren Blank und Meier zwischen dem Ural ber Bora Bora bis nach Feuerland eine kleine Gemeinde gefunden haben, werde ich abschliessend als Beispiel schweizerischer Tradition erklren. Die Schweizer Artisten von Keller ber Walser zu Tinguely und Drrenmatt schwammen nie in den Stilstrmen der Grossen Kunst. Sie tanzten auf den Misthaufen der Voralpen, trieben sich auf Schrottpltzen herum und katapultierten die Leute von Seldwyla in den Kosmos der Weltliteratur- was allerdings erst gelingen konnte, nachdem der Grne Heinrich den falschen Pomp der faulen Romantik erkannt hatte und sich in der Gestalt Vicki Strtelers alias Kurt vom Walde an der hchsteigenen Nase aus dem Morast der falschen Gefhle herausgezogen hatte. Der Schweizer misstraut allen grossen Strmungen, und immer wenn sie in der Endphase degenerieren und zu sinnleeren Ornamenten verkommen, wie die deutsche Romantik oder der epigonale Kitsch der Rock-Pop-Kolonien Mitteleuropas, dann verlsst der Rumpelstilz die Kantone um St.Gotthard und rhrt auf den grossen Pltzen der Welt sein Trmmelchen so schweizerisch, provinziell und eigen, dass jeder Eskimo versteht, hier zupft einer an seiner Wurzel. Die Bergdistel ist zu niedrig, sich nach dem Wind zu neigen. Sie blht in Bodennhe und bersteht den Sommerfrost spielend.


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