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NZZ Folio 03/99 - Thema: Frischer Fisch   Inhaltsverzeichnis

Raucherfreuden -- Der Stumpen

Von Thomas Brunnschweiler

DER STUMPEN GILT ALS «Cigarre der Eidgenossen», Stumpen als Nebenform von Stumpf verweist sprachlich auf ein Defizit; tatsächlich wird die Rauchrolle, die Feinschnitt enthält und ohne erkennbares Vorne und Hinten auskommt, von vielen Aficionados als Cigarre ohne Kopf verachtet. Diese Missachtung ist töricht, denn der Stumpen steht durchaus nicht auf einem cigarristischen Stumpengeleise, wie sein grosser Freundeskreis in Deutschland und das wachsende Interesse in Amerika zeigten.

Stumpen wurden erstmals 1850 in einer Cigarrenfabrik in Vevey gefertigt. Damals kamen die etwa 20 cm langen Rollen als bouts coupés in den Handel. Älteren Schweizern, die Wehrdienst leisteten, ist noch in Erinnerung, dass ein Päckchen Rössli-Stumpen genau in einer Patronentasche Platz fand: der ideale Rauchgenuss für lange Stunden im Feld. Genauso, wie es sinnlos ist, einen Apfel an einer Mango zu messen, ist es auch sinnlos, einen Stumpen mit einer Havanna zu vergleichen. Der Stumpen ist anders: totaliter aliter.

Der Geheimfavorit der Stumpenraucher stammt aus einem Betrieb, der 1876 im schweizerischen Rheinfelden gegründet wurde und bis heute auf die Verwendung von homologiertem Tabak (Bandtabak) verzichtet. Das Produkt heisst Wuhrmann Habana Feu, ein Stumpen, der in drei Varianten angeboten wird. Typisch ist das Bündli, eine einfache, aus weissem Papier bestehende 10er-Packung, deren Aufschrift noch aus dem letzten Jahrhundert zu stammen scheint. Das rote Feu markiert das Brandende und widerlegt das noch immer weitverbreitete Vorurteil, alle Stumpen liessen sich an beiden Enden anzünden.

Das gediegene Produkt mit dem angenehmen, leicht herbscharfen Würzgeschmack braucht kein Theatergold. Die Habana Feu BC ist der Inbegriff von eidgenössischem Understatement und wurde auch vom Schweizer Schriftsteller Emanuel Stickelberger geschätzt. Der Stummel seiner letzten Wuhrmann liegt als Reliquie im Familiensitz zu Wolfenschiessen. Ein Nachkomme des Schriftstellers, Theologe in Zwinglis Fussstapfen, wird als Liebhaber der Marke die Reliquienpflege gewiss auch im nächsten Jahrtausend fortsetzen.


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