NZZ Folio 11/02 - Thema: Humor   Inhaltsverzeichnis

Humorexperiment Nr. 3

Peach Weber will Joachim Rittmeyer zum Lachen bringen. Schafft er es?

Von Peach Weber und Joachim Rittmeyer

Peach Weber:

Bringen Sie uns einfach zum Lachen!», sagte die freundliche Redaktorin, als sie mich anfragte, einen lustigen Text für das NZZ-Folio zu schreiben. Das ist schnell gesagt, aber warum soll ausgerechnet ich, den die NZZ in einer Kritik wohl eher als Schenkelklopf-Plumpsack mit Pointendurchfall bezeichnen würde, den NZZ-Folio-Leser zum Lachen bringen?

Gut, dann werde ich Sie mal kurz intellektuell beleidigen und erzähle Ihnen einen Witz. Bitte anschnallen, hier kommt er: «. . . äähm . . . Dingsheimer . . .» Ist das lustig? Soll das wirklich lustig sein? Nein! Ich habe zwar kurz gelacht, aber lustig finde ich das absolut nicht! Minderheiten beleidigen, sich über Krankheiten lustig machen, pfui, pfui!

Ist ein Witz überhaupt lustig? Die NZZ würde wohl sagen: «Nein!» Die «WoZ» vielleicht: «Wenn keine Minderheit vorkommt, der Witz dem Menschen einen Spiegel vorhält, ihm die Perversion seines irdischen Tuns klarmacht und ihn dadurch in den Suizid treibt, dann kann ein Witz schon lustig sein.»

Bringen Sie uns einfach zum Lachen! Ja, wer ist denn «uns»? Ist mit «uns» der Pseudo-NZZ-Leser gemeint, der zwar nicht versteht, was er liest, aber die Abokosten als Mitgliedsbeitrag zum Intellektuellenclub verbucht? Wie die Kirchensteuer, die einen ja auch nicht zum Religiösling macht, aber vielleicht kann man sie dereinst im Himmel von der Mannasteuer absetzen, so es den Himmel denn überhaupt gibt. Man weiss es ja nie, das mit dem Jenseits ist sowieso nicht so witzig, denn wenn man dort ist, ist man ziemlich kaputt und kann die ganze Herrlichkeit gar nicht richtig geniessen, ausser man ist mittels eines Occasions-Hochzeitskleids frühzeitig bei Uriella ins Raumschiff geschlüpft, nur hätte man in diesem Falle ja einen Sockenschuss und müsste immer Grünzeug fressen. Dann schon grad lieber wiedergeboren werden als Meersäuli, so hätte man wenigstens keine Ahnung von der Köstlichkeit eines Cordon bleu und dürfte seine Fleischlust durch ungehemmtes Rammeln kompensieren!

Oder ist mit «uns» etwa der richtig intelligente NZZ-Leser gemeint, der noch nie in seinem Leben eine Witzseite gesehen hat, und wenn doch, sofort weitergeblättert hat, um nicht ein Ekzem an den Augen zu bekommen? Der schon gerne lacht, aber nur, wenn das Lachen auf höchstem Niveau stattfindet, was er zuerst durch eine PUK abklären lässt, die ihm dann zwei Jahre später mitteilt, dass er über den Witz tatsächlich hätte bedenkenlos lachen können? Der dann versucht, herzhaft zu lachen, und mit Schrecken feststellen muss, dass sein Zwerchfell in der Zwischenzeit vermodert ist?

Lachen passiert eben immer spontan, da werden archaische Knöpfe gedrückt, die in Bruchteilen von Sekunden entscheiden, ob der Gesamtorganismus das lustig findet. Schallendes Gelächter ist immer spontan und in diesem Sinne ehrlich. Sollte man sich nachträglich dafür schämen, hat man vielleicht selber ein Problem, mit seiner eigenen Restprimitivität umzugehen, die man auch mit Migros-Kursen und einem Abo des Opernhauses nicht ganz wegkriegt.

Warum muss ein Stadttheater nach dem Auftritt eines Komikers wieder eingesegnet oder zumindest desinfiziert werden? Warum diese Scheu vor dem Zugeben natürlicher Reflexe, warum sind wir nicht selbstbewusst genug, zu diesen Mechanismen zu stehen, warum ist Lachen intellektuell verdächtig?

Ich glaube, wir haben uns noch nicht ganz damit abgefunden, dass wir eventuell wirklich vom Affen abstammen. Die Affen übrigens auch nicht!
Sie sehen mich ratlos, denn Humor ist immer ein Dialog zwischen Menschen, die auf gleicher Wellenlänge liegen, so werden 17-jährige arbeitsfreie Kiffer anderen Humor goutieren als 56-jährige impotente Golfer. Gut, die 17-jährigen Kiffer lesen ja kaum die NZZ, womit ich also keinesfalls angedeutet haben möchte, dass die NZZ-Leser impotente Golfer . . . Das nur, um eine Sammelklage zu vermeiden. Ed Fagan soll sich übrigens im Gespräch mit Noah befinden, betreffend Schadenersatz für die Sintflut.

Könnte mich ja auch einfach bei den NZZ-Lesern einschleimen mit der Geschichte:

Ich lese jetzt seit drei Wochen auf dem WC den «Blick», und mit der NZZ putze ich mir den Hintern. Jetzt habe ich feststellt, dass mein Hintern plötzlich klüger ist als mein Kopf. (Intellektuelles Witzbeispiel mit leichter Fäkalkomponente.)

Peach Weber ist Kabarettist und lebt im aargauischen Hägglingen.



Joachim Rittmeyer:

Ich sitze im Garten, hamstere Herbstsonne und habe mir eben meinen Sparring-Text einverleibt. Dass dabei kaum gelacht wurde, das heisst nicht wirklich laut, schreibe ich unter anderem der Verfasserfahndung zu, die ich gleichzeitig betrieb. Ab und zu hab ich schon gelacht, hörbar: «N-ts-ts!» Sogar die Nachbarkatze, die junge und noch namenlose, hat es gehört. Beim zweiten «N-ts-ts» ist sie hergekommen, und nun streicht sie mir ums Bein.

Katzen reagieren auf Zischlaute! Ich werde dem Nachbarn vorschlagen, seinen Stubentiger «NZZ» zu taufen – gibt es sicher noch nicht. (Ob er es tun würde, ist fraglich: Er ist nämlich bereits NZZ-Abonnent – ich weiss es, weil er sich ab und zu beklagt über gestohlene Zeitungen –, und man stelle sich die Quartiergespräche vor, wenn er dereinst in den Gärten herumsucht und nach seiner vermissten «NZZ» ausruft . . .)

Aber lassen wir das. Ich soll ja was sagen zum Text. Er ist mir etwas zu kraftmeierisch. Statt einfach etwas zu erzählen, das den Lustigkeitsknopf auslöst in mir, betreibt er erst mal Zwerchfallstudien. Und her das Poliertuch für die altbekannten Galionsfiguren!

Die Mannasteuer gefällt mir aber. Von dort weg steuert er überraschender und verkleckert kess den Himmelsperser. Nach dem «Meersäuli-Reinkarnationswunsch» rammelt er dann schon wieder mit der IntelligeNZZia und brandmarkt deren Doppelfilter-Lachbereitschaft.

Eigentlich, lieber Kollege, sagst du alles, was ich schon weiss und auch schon beim Robert Gernhardt gelesen habe – aber du sagst es immerhin recht unterhaltend, das heisst nicht mit Aromatbeispielen.

Als du dich beklagtest, warum denn das Lachen immer intellektuell verdächtig sein müsse (gerade nach dem starken Bild des desinfizierten Stadttheaters), stieg meine «Sag’s ihnen!»-Kurve steil an, sackte aber gleich wieder Nasdaq-mässig ab. Und meinen inneren Affen juckt was. Eben noch wurden doch die Intellektuellen verquätzt – und nun das Geklöne über deren Missachtung. Sollen die doch! Ich bin sicher, sie werden dafür zur Strafe wiedergeboren als Lachsäcke aus Meersäulifell.

Joachim Rittmeyer war der Verfasser des Textes unbekannt.


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