NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Robert Walser, waghalsiger Poet

© Angelo Boog
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Von Wolf Schneider
«Der Weisswein macht mich frech», schrieb er einer Freundin, «und daher bitte ich Sie höflichst, mich mit solchem zu verproviantieren.» Da ist sie, «die Unvorhersehbarkeit des nächsten Satzes», die Peter von Matt für Robert Walser charakteristisch nannte. Auch hier: Die Prinzessin lässt sich vom Stallknecht küssen, und sogleich herrscht sie ihn an: «Kein Gestammel, wenn ich bitten darf» – eine Szene aus den mehr als tausend «Prosastückli», wie er sie nannte, die er zwischen 1904 und 1929 in deutschsprachigen Blättern veröffentlichte.

Meist schrieb er ironisch gebrochen; manchmal anmutig wie von den Liebenden, die sich schüchtern zu küssen versuchen, «bis ihnen das Werk gelang und beide sich in zarten Zumutungen an­atmeten»; gern mit sprachmächtigem Übermut – so, wenn er einen Schauspieler über sich selber sagen lässt: «Ich bin, was meine ganze Naturanlage betrifft, einer der süsslichsten Kerls in Europa, meine Lippen sind Zuckerfabriken, und mein Benehmen ist ein total schokoladenes.»

Geboren wurde Robert Walser 1878 in Biel als siebentes von acht Kindern eines Kaufmanns. Mit 14 trat er eine Banklehre an, schon mit 20 sah er sein erstes Gedicht, mit 26 eine Sammlung seiner frühen «Stückli» als Buch gedruckt. Von 1905 bis 1911 lebte er überwiegend in der Weltstadt Berlin und schrieb dort kurz hintereinander drei Romane; sie machten ihn bekannt in der literarischen Welt, Franz Kafka bewunderte ihn, ja wurde in seinen frühen Werken zuweilen an Walser gemessen.

Doch der brachte es über eine einsame, ärmliche Existenz nie hinaus. «Ich stehe noch immer vor der Tür des Lebens», lässt er Simon sagen, die Haupt­figur des ersten Romans, «Geschwister Tanner». «Ich klopfe und klopfe, allerdings mit wenig Ungestüm, und horche nur gespannt, ob jemand komme, der mir den Riegel zurückschieben möchte.» Zwischen die Romane schob er Geschichten wie den «Lustspielabend», der ihm zu laut war: «Dann gab es eine Pause, und wieder bekam ich eines über den Schädel von der Musik, dass ich ganz wie von selber den Mund auftat, um hinzuhorchen.»

Der letzte Roman, «Jakob von Gunten», spielt in einem Internat, in dem die Schüler wenig lernen, so dass sie es auch «zu nichts bringen werden». Jakob freut sich, seinen Vater los zu sein, «weil ich gefürchtet hätte, von seiner Vortrefflichkeit erstickt zu werden», und bittet den Lehrer, seinen mitgebrachten Hochmut «am unerbittlichen Felsen harter Arbeit zerschmettern zu dürfen». Doch geht es durchaus nicht nur komisch zu: Jakob träumt, er habe seiner Mutter ins Gesicht geschlagen – «der Schmerz über die Scheusslichkeit meines eingebildeten Benehmens jagte mich zum Bett hinaus». Und er sinniert: «Wenn ich es mir befehle, kann ich alles verehren, sogar das schlechte Benehmen. Aber es muss von Gold strotzen.»

1913 zog Walser nach Biel zurück. Er lebte in einer Hotelmansarde, mit geflickten Hosen und offenbar «mit wenig Ungestüm». Ein bisschen Verwahrlosung müsse um ihn sein, damit er sich wohl fühle, schrieb er 1914 im «Brief eines Dichters»; er liebe alles, «was alt, verschabt und verbraucht ist». Seinen Filzhüten schneidet der Dichter mit der Schere den Rand halb ab, «um ihnen ein wüsteres Aussehen zu verleihen». Und unvermittelt: «Ich liebe die Sterne, und der Mond ist mein heimlicher Freund. Die Stunden scherzen mit mir, und ich scherze mit ihnen.»

1921 bekam Walser eine Stellung im Berner Staatsarchiv. Er schrieb weiter, und bis 1929 wurde er auch gedruckt. 1926 antwortete er auf die Umfrage der NZZ «Gibt es verkannte Dichter unter uns?»: Er habe sich keineswegs über Verkanntheit zu beklagen; Damen der Gesellschaft freuten sich, wenn er artig zu ihnen sei, und «jeweilen frühmorgens erquickt sich meine Daseinslust an feinstem holländischem Kakao».

1929 brachte seine Schwester ihn in der Heilanstalt Waldau unter. Bis 1932 schrieb er noch, und zwar so, wie er es sich schon 1924 angewöhnt hatte: mit Bleistift in Buchstaben von maximal drei Millimetern Höhe, seine «Mikrogramme» – lange nach seinem Tod in einem Schuhkarton entdeckt, mühsam entziffert und von 1985 bis 2000 in sechs Bänden publiziert. Gemeisselte Sätze stehen darin wie «Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber so zu benehmen, als kennte er mich» oder «Niemandem wünsche ich, er wäre ich. Nur ich bin imstande, mich zu ertragen.» Oft aber entgleist ihm die Sprache, die ihn einst berühmt machte, zur blossen Gaukelei: Da bleibt einer, der zu ertrinken droht, «als flotter Herausarbeiter aus Nässlichkeitsmächten» am Leben.

1933 wurde Walser in die Heil- und Pflegeanstalt Herisau verlegt, mit Gewalt – Diagnose: Schizophrenie. Dort lebte er noch 23 Jahre lang. Einem Freund, der ihn herausholen wollte, schrieb der Arzt: «Sein Zustand ist verhältnismässig ein glücklicher. Lassen Sie ihn weiter hindämmern.» Mit 78 Jahren, Weihnachten 1956, fiel Robert Walser bei einem Gartenspaziergang im Schnee tot um.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).




Leserbriefe:

Zu Schlagschatten -- Robert Walser, waghalsiger Poet - NZZ-Folio Geschwister (12/08)

Zu Robert Walser wurde 2003 eine psychiatrische Studie veröffentlicht, die endlich Klarheit in den "Fall Walser" bringen könnte: Es ist noch nicht alles gesagt, wenn wir heute mit einiger Sicherheit sagen können, dass Walser vom Asperger-Syndrom geplagt wurde. Z.T. erblich bedingt von der Seite der Mutter, litten auch seine Geschwister unter mannigfaltigen Problemen. Das A-Syndrom wird so definiert: „Form des Autismus mit Kontaktstörung, eingeschränktem Repertoire an Interessen und sich in gleicher Weise wiederholenden Aktivitäten und Verhaltensweisen, z.T. mit aussergewöhnlich unabhängigem und kreativem Denkvermögen.“ (Pschyrembel) Die Autismusforschung erkannte und beschrieb erst später die Phänomene (Kanner, 1943/Asperger, 1944). Eine irische Studie kommt zum Schluss, dass Walser neben diesem Syndrom wahrscheinlich nicht auch noch eine Schizophrenie hatte, obwohl ihm dies beim Klinikeintritt bescheinigt wurde. Dagegen gebe es auch Indizien für eine schizoide Persönlichkeitsstörung: Walser war sozial und emotional zu wenig ent-wickelt, hatte sich nie richtig verliebt und keine sexuellen Kontakte. Identitätsprobleme, exzessive Beschäftigung mit Fantasien und Innenschau und eine deutliche Abweichung von sozialen Normen und Konventionen sind typisch für ihn. (Viktoria Lyons, Michael Fitzgerald, Irish Journal of Psychiatric Medicine, 2004) Die Einweisungen in die Kliniken Waldau und Herisau (1929/33) wurden zu jener Zeit nicht nur mit psychologischen, sondern auch mit ökonomischen Problemen gerechtfertigt, da Walser total verarmt war. Beim Eintritt in die Psychiatrie soll Walser kurz psychotisch gewesen sein, sich aber danach bald beruhigt haben. In der ersten Zeit hat er in beiden Institutionen seinen Austritt verlangt, was aber nicht in Betracht gezogen wurde.
Rudolf Weiler, Stäfa



Zu Schlagschatten -- Robert Walser, waghalsiger Poet - NZZ-Folio Geschwister (12/08)

Bis heute entgeht Robert Walser kaum seinem Verhängnis: wer journalistisch Aufgeschnapptes über ihn verbreiten möchte, sieht sich ganz offensichtlich allen Genauigkeitsansprüchen enthoben. Fördert sein wahrhaft „artiger“ Stil diese biographische Unart? Walser ist nicht im Herisauer Anstaltsgarten 1956 tot umgefallen, sondern ob der Wachtenegg. Der durchaus umstrittene Psychiater Otto Hinrichsen hat nur „verhältnismässig gegenüber andern derartigen Kranken“ von einem „glücklichen“ Zustand gesprochen. Und wie oft muss der Autor Walser noch anmerken, „in einem Ichbuch sei womöglich das Ich bescheiden-figürlich, nicht autorlich“? Wenn wir schon dabei sind: Peter von Matts Stil-Charakterisierung der „Unvorhersehbarkeit des nächsten Satzes“ ist germanistische Bestätigung einer biographischen Erinnerung von Anna Hubacher: „Man wusste bei ihm nie, was kommen werde.“ Vielleicht einmal unerwartete Genauigkeit.
Severin Perrig, Luzern



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