Schillernd in Schwarz. Das Schlimmste für sie wäre, an einem Schreibtisch einen Achtunddreissigeinhalb-Stunden-Job ohne Stress abzusitzen. Verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Herne, mag es Jutta Daniel lieber, wenn es drunter und drüber geht, und so freut sie sich jedesmal ganz besonders auf die Cranger Kirmes, weil sie dann, rund um die Uhr am Platz, kaum ein Auge zukriegt vor lauter Fragen, die beantwortet, Kontakten, die geknüpft, und Journalisten, die betreut werden wollen.
Am 1. August 1983, zwei Tage vor diesem quasinationalen, alljährlichen Grossanlass, trat sie ihre Stelle an. Wenn sie auch bestreitet, die schwarze Kleidung, die sie stets trägt, habe etwas mit der hier nicht unbekannten Kohle zu tun, so bleibt doch verdächtig, dass sie sich ihr Markenzeichen erst im Ruhrpott zugelegt hat. Für die Stelle beworben, das gibt sie ja zu, hatte sie sich in Flaschengrün.
Die gebürtige Münchnerin, von dem ehemaligen Oberbürgermeister Urbanski ihres roten Bürstenschnittes wegen respektvoll «Karottenkopf» gerufen, weiss die herzliche Kumpelhaftigkeit dieser Bergmännerwelt zu schätzen, und natürlich weiss sie sich auch jenes merkwürdigen Idioms zu befleissigen, ohne das man hier hoffnungslos Ausländer bleibt. Wie sonst hätte sie «anfahren» können auf die Zeche Unser Fritz? Jutta Daniels Domäne ist das Erscheinungsbild der Stadt, vom Faltblatt über die Museumsbroschüre bis zum Bildband und Plakat. Gute Kontakte mit der Verwaltung und ein Geschick, die verschiedensten Ansprüche unter einen Hut zu bringen, sind ihr tägliches Brot. Wie man den Produkten aus ihrem Amt ansehen kann, versteht sie es ganz gut, Herne den Hernern zu erklären.
Obwohl sie ja schon ein bisschen schräg ist. In einem Alter, in dem andere mit Rauchen aufhören, fasste sie - es war an einem Silvesterabend - den Vorsatz, damit anzufangen. Und auch dies ist ihr ganz gut gelungen.
Wanne im Schilde. Genau 188 Autos führen sie noch im Schilde, die drei magischen Buchstaben WAN. Sie standen für Wanne, als Wanne-Eickel noch selbständig war und nicht mit Herne fusioniert, das dem neuen Gebilde mit dem Namen auch die Autokennzeichen gab: HER. Wolfgang Ringler, Inhaber eines Friseursalons in Wanne, hat den Opel Manta, silber metallic, vor sieben Jahren mitsamt der alten Wanner Nummer einer Kundin abgekauft.
Wenn auch seine Frau anfangs die Hände rang und sich weigerte, in das Gefährt zu steigen - eine Friseuse im Opel Manta! -, so lässt sie sich nun ganz gerne sonntags chauffieren. Denn der Manta ist nur für die schönen und die Feiertage, wird gehegt und gepflegt und keinem Wetter ausgesetzt, damit er an Oldiestreffen auch gute Figur macht.
Über mangelnde Kundschaft kann der Friseurmeister sich nicht beklagen, aber die Abstände zwischen den Bedienungen, sagt er, seien grösser geworden. Eine Folge der Krise. Keine Probleme hat er mit den hier zahlreichen Ausländern. Unlängst hat er einen Türken ausgebildet, der nun seine Meisterprüfung gemacht und ein eigenes Geschäft gegründet hat.
Wolfgang Ringler, Kegelsportler in der Bundesliga, ist im Herzen ein Wanne-Eickeler geblieben, genauer, ein Eickeler, wo er aufgewachsen ist und noch heute sein Bier trinken geht, obwohl er in Wanne wohnt und da sein Geschäft hat. Er hat sich damals gegen die Städte-Ehe gewehrt und Unterschriften gesammelt, und wenn er in Mallorca oder Lanzarote Urlaub macht, sagt er immer noch, er komme aus Wanne-Eickel. Womit er natürlich nichts gegen Herne gesagt haben will.
Wunderbarer Waschsalon. Wenn man so energiegeladen und tatkräftig ist wie Ingomar Braun, kommt man schnell auf den Punkt. Der gelernte Betriebswirt hat nicht nur einen nagelneuen Selbstbedienungswaschsalon, sondern auch eine Vision. «Stellen Sie sich vor, da kommt jemand herein mit einer offenen Hepatitis und macht mal einen Kessel Buntes, 40?50 Grad. Danach kommt eine Mutter mit Babywäsche und wäscht - das Kind bekommt zu 80 Prozent Hepatitis.» Deshalb hat er Waschmaschinen aufgestellt, die Bakterien, Pilzen und Sporen den Garaus machen, und zur Bekräftigung lässt er seine Hand wie das Messer einer Guillotine auf die Tischplatte sausen. Ein spezieller Desinfektionswaschgang bei 95 Grad garantiert jedem Kunden eine keimfreie Trommel. Da dieser Service einzigartig ist, sagt Ingomar Braun, steht der modernste Waschsalon, wenn nicht der Welt, so doch Europas, hier in Wanne, an der Hauptstrasse 312.
Nichts wird dem Zufall überlassen, der Waschsalon ist nicht nur blitzsauber, sondern auch computergesteuert. Am Terminal tippt der Kunde seinen Waschwunsch ein, wahlweise auf deutsch, türkisch, serbokroatisch oder englisch - «wir haben nämlich auch viele britische Monteure hier, das Publikum ist komplett gemischt, nur Penner haben keine Chance!». Münztelefon, Fernseher, Kaffee- und Spielautomat komplettieren das Angebot, das von 6 Uhr früh bis 11 Uhr abends zur Verfügung steht.
Single-Partys, ein Bügelservice und eine Club-Karte sollen demnächst folgen, ebenso weitere Filialen, und Ingomar Braun denkt dabei nicht nur an das Ruhrgebiet.
Home, sweet home. Länger als eineinhalb Monate hielt Heike Galloway es nicht aus in Nordirland, in der Nähe von Belfast, wohin sie ihrem Mann gefolgt war, einem Schotten im Dienste der britischen Armee. Zu einsam war das vom Stacheldraht beschützte Leben. Sie flüchtete sich mit ihrer Tochter Hals über Kopf zurück nach Herne 2, wie sie, geboren in Herne 1, Wanne-Eickel nennt.
Das war vor zehn Jahren, und seither kriegt sie keiner mehr weg von hier, aus Eickel, wo sie als alleinerziehende Mutter mit ihren beiden Kindern in einem Fünf-Familien-Haus wohnt. Bochum, Essen? Da fährt sie nicht mal zum Einkaufen hin, das erledigt sie in Eickel, da kennt sie jeder, da weiss man, wo was ist, und für eine grössere Anschaffung ist ihr Herne 1 gross genug.
Abends geht sie nicht aus, auch nicht am Wochenende, da sind ja die Kinder. Die Kirmes ist natürlich eine Ausnahme, da trinkt sie um die Ecke bei der grossen Achterbahn ein Bierchen. Fahren lässt sie die Kinder, für sie selbst ist ihr das Geld dafür zu schade. Und für die Kirmes zu sparen, wie das viele tun, ist ihr zu blöd. Aber im September will sie sich «Starlight Express» gönnen, das Musical in Bochum, sie und ihre Schwägerin haben Aussicht auf Freikarten.
Gleich in der Nähe wohnt die Mutter, in Gelsenkirchen der Bruder, hier fühlt Heike Galloway sich heimisch. Ich bin so froh, wie's ist, sagt sie, und dass man das, was sie hier hält, nicht so genau erklären kann. Das muss man fühlen.
Dichtung und Wahrheit. Der Mann, der dafür zuständig ist, dass Herne in Sachen Verkehrsunfällen zu den sichersten Städten Deutschlands gehört, heisst Viktor W. Degener und ist Schriftsteller. Hauptberuflich leitet er das Städtische Verkehrskommissariat, sein Büro im Herner Polizeipräsidium verströmt beamtete Nüchternheit.
Aber manchmal erliegt Viktor Degener auch hier der Versuchung seiner Berufung. Dann macht er sich mentale Notizen, die er abends zu Hause zu Papier bringt. So entstehen seine Jugendbücher, jedes Jahr eines. Der Polizeihauptkommissar spricht besonnen, seine Gesten sind sparsam. Er ist ein pragmatischer Mensch. Dem Sohn eines Polizisten und Bergmanns schien es zu riskant, seine Existenz auf den Wunsch zu gründen, Schriftsteller zu werden. Er ergriff einen Beruf, der ihm den literarischen Stoff lieferte. Früh schon, als er in Bochum jeweils nachts ins Jugendheim gerufen wurde, wenn die Betreuer nicht mehr weiterwussten. Seinen Polizeikollegen kam es zwar anfangs ein bisschen verdächtig vor, dass da einer von ihnen Bücher schrieb, aber sie gewöhnten sich an den Outlaw mit seiner Sympathie für die Scheiternden, und als ihm 1976 mit dem Rockerbanden-Roman «Heimsuchung» der Durchbruch gelang, kam das Ansehen des Autors auch dem Polizisten zugute.
Viktor W. Degeners Jugendkrimis erzählen Geschichten aus der Wirklichkeit, sie verbinden die pädagogisch-aufklärerische Absicht mit der Detailkenntnis des Insiders. Das macht sie erfolgreich, sehr erfolgreich: Das Fernsehen verfilmt sie, übersetzt werden sie selbst ins Chinesische, und die deutsche Gesamtauflage bewegt sich bei einer Million Exemplaren.
Unter Strom. Einmal täglich fährt er einen Kilometer unter die Erde, und das seit 25 Jahren. Ferdinand Struck ist Bergelektriker. Er sorgt dafür, dass die Energie reibungslos zum Streb fliesst, wo mit stromhungrigen Maschinen die Kohle abgebaut wird. Kleine Beleuchtungskörper beschäftigen ihn ebenso wie mannshohe Transformatoren, das Spannungsfeld an seinem unterirdischen Arbeitsplatz reicht von 6 bis 10 000 Volt. Das wäre schon bei Tageslicht eine haarsträubende Aufgabe, doch der Bergbau macht sie noch komplizierter.
Ausgerechnet der Funke ist nämlich des Bergelektrikers grösster Feind: Springt er über, kann es zu «Schlagwetter» kommen. Die Kohle im Flöz enthält Methangas, das zusammen mit Sauerstoff eine hochexplosive Verbindung eingeht. Doch Ferdinand Struck ist ein vorsichtiger, bedächtiger Mann. Die Gefahren unter Tage hat er im Griff, den eigentlichen Zündstoff sieht er im Überbau: «Die Politik steht nicht mehr hinter dem Bergbau», sagt er, und deshalb habe er «ein bisschen Angst vor dem Termin im Jahr 2005». Bis dahin soll nach dem Willen der Politik die Hälfte aller noch bestehenden Arbeitsplätze in den Bergwerken abgebaut werden. Was dann geschehen soll, steht in den Sternen, die man in tausend Meter Tiefe nicht sieht. Aber eines weiss man hier unten, wo sich einer auf den anderen verlassen muss, mit Gewissheit: «Wir haben eine starke Gewerkschaft.»
Sonntag am Kanal. Die Sonne brennt. Eine weissgraue Wolke treibt am Himmel, einsam und zigarrenförmig wie Moby Dick, der weisse Wal. Der kamerascheue Lorber Vinko sitzt breitbeinig, er braucht fast die ganze Bank für sich. (Später steht er auf, und es zeigt sich, dass er klein und gar nicht muskulös, sondern eher katzenbiegsam ist.) Er hat schmutzige Fingernägel und eine schöne, erstaunlich helle Stimme: «Ich bedaure, dass ich damals als junger Mann nach Deutschland gekommen bin. Vielleicht hätte ich jetzt eine vernünftige Frau, und wir könnten glücklich zusammen etwas schaffen. Dieser Gedanke bringt meine Phantasie zum Sieden. Einsamkeit frisst deinen Körper auf. Ich beneide Paare, die im Schlosspark Hand in Hand spazieren. Als Ausländer muss man sich mit dem begnügen, was man kriegen kann. Viele denken, ich sei Türke, aber ich bin kein Türke. Ich bin ein Slowene, der vor 27 Jahren nach Deutschland kam und hier immer noch Ausländer ist.»
Lorber Vinko wischt sich mit einem Taschentuch den Schweiss von der Stirn und spricht weiter, ruhig und mit langen Pausen, aber ohne sich wirklich unterbrechen zu lassen. Er schaut mit zusammengekniffenen Augen ins Wasser. Alle fünf Sätze gibt ein Lächeln, das etwas einseitig und fast wie gelähmt wirkt, seine Zähne frei.
Am Tag, an dem seine Rente kommt, ist er raus aus Deutschland, in Slowenien hat er zusammen mit seinem Bruder ein Haus gebaut. «In Slowenien ist mehr Fröhlichkeit. Aber auch dort denken die Leute sehr ans Geld. Sie glauben, ich bin steinreich. Dass man in Deutschland von morgens bis abends malochen muss, vergessen sie.» Sechzehn Jahre war er im Gerüstbau, im Moment arbeitet Vinko als Dachdecker in einem kleinen Betrieb: «Da schaut einem der Chef persönlich auf die Finger. Früher hätte ich gedacht: Leck mich doch. Heute bin ich 48, und die Angst, entlassen zu werden, sitzt mir wie drei Teufel im Nacken.» Er dreht sich eine Zigarette. «Das mache ich, damit ich weniger rauche. Früher rauchte ich am Tag vierzig Marlboros, heute nur noch zwanzig bis dreissig. Ich ertrage weniger. In der Kneipe waren früher zwanzig Pils kein Problem. Aber heute?» Wovor haben Sie die grösste Angst?
«Nicht vor dem Tod. Ich will ja nicht ewig leben. Aber vor Krankheit. Und davor, dass ich meinen Humor verliere.» Können Sie kochen?
«Nein.» Treiben Sie Sport?
«Ich schwimme ein bisschen.» Haben Sie viele Freunde?
«Ich habe keine Freunde. Nur Kollegen. Ich treffe sie in der Kneipe.» Welche Eigenschaften sind Ihnen bei Ihren Kollegen wichtig?
«Ehrlichkeit.» Worüber sprecht ihr?
«Wir trinken zusammen. Oft sprechen wir über Frauen. - Welche Frau in Ordnung ist. Ich will nichts Schmutziges.» Waren Sie immer allein?
«Während fünfzehn Jahren war ich mit einer verheirateten Frau zusammen. Wir mussten alles heimlich machen. Das tat mir weh. Da war ich einmal auf Montage, und wie der Teufel so will, hat sie einen anderen kennengelernt. Seither habe ich nichts Festes mehr. Wenn ich eine in der Kneipe aufreissen kann, nehme ich sie nach Hause. Und wenn sie am anderen Morgen nichts mehr von dir wissen will, war es doch ein schöner Abend.» Welche Eigenschaften muss eine Frau haben?
«Meine Frau muss ehrlich und liebsam sein und viel Humor haben. Humor ist das Wichtigste bei einer Frau. Sie darf nicht jedes schlechte Wort an die grosse Glocke hängen.» Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
«Bis jetzt hatte ich Pech im Leben. Wenn ich nach Slowenien zurückkehre, werde ich ein alter Mann sein. Aber wer weiss.» Welches ist das hoffnungsvollste Wort in der deutschen Sprache?
«Liebe.» Und das traurigste?
«Liebe.»
Annika und Stefanie bummeln, ihr Fahrrad neben sich herschiebend, über das Kirmesgelände. Sie haben Schulferien, waren eben im (kalten) Kanal baden und wollen nun schauen, was ihnen die Kirmes dieses Jahr zu bieten hat. Annika ist 14, Stefanie um ein Jahr vorwitziger und jünger. Drei gleichaltrige Jungs lümmeln, tapfer zigarettenrauchend auch sie, hinter ihnen her. Ihre Freunde? Kichern: «Ach, nein. Ach, vielleicht doch.» Der eine, der kleinste der drei, gestattet uns ein wenig von oben herab das Gespräch mit den Mädchen. Er ist einer von unerschrockenem Mut: Obwohl er schon einmal fast von der Achterbahn gefallen wäre, weil er für die Sicherheitshalterung noch nicht gross genug war, will er es auch dieses Jahr wieder wissen und keine der Horrormaschinen auslassen.
Annika und Stefanie wohnen beide in Wanne. Stefanies Budget für die Kirmes beträgt ungefähr 200 Mark, Annikas, die abends auch nicht so lang wegbleiben darf wie ihre Freundin, nämlich bloss bis zehn, halb elf, etwas weniger. Sie bekommen das Geld von den Eltern und betteln, wenn es nicht reicht, halt noch ein wenig herum, bei der Oma und so. Eine Fahrt auf der Kirmes kostet nämlich schnell einmal 5 Mark, auf der kleinen Achterbahn zum Beispiel (auf die grosse trauen sie sich nicht) oder auf dem «Rotor», wo man an den Wänden klebt, was echt cool ist. Und dann soll man ja auch noch essen und trinken, wenn auch bloss dann und wann eine Cola und Pommes. «Mehr braucht man ja nicht, nicht?»
Die Farbe Lila zieht sich als Markenzeichen durch das Bestattungshaus Wendland an der Hauptstrasse in Eickel, das der 38jährige Ralf Wendland in zweiter Generation führt - mit 200 bis 250 Verstorbenen jährlich und der Thanatos GmbH, dem mit zwei Kollegen der gleichen Branche zwecks gemeinsamer Überführungen, Trägerdienste usw. gegründeten Zweigunternehmen. Das Bestattungshaus Wendland ist eines von 9 Begräbnisinstituten am Ort, wo der Tod in privater und nicht, wie bei uns, in öffentlicher Hand liegt. 13 Friedhöfe gibt es im kleinen Wanne-Eickel, 3 katholische, 6 evangelische, 3 überkonfessionelle kommunale und einen jüdischen, letzterer nicht mehr eben sehr belebt.
Ein Beruf, der einem wenig Zeit für anderes lässt. Die Firma Wendland ist an sieben Tagen pro Woche und Tag und Nacht in Bereitschaft, da das Sterben sich an keine Bürozeiten hält. Bei nur zwei festangestellten Leuten ist da von geregelter Freizeit keine Rede, letztes Jahr brachte Ralf Wendland, der früher gern in die Schweiz zum Skilaufen fuhr, es auf ganze vier Tage Urlaub. Vielleicht mit ein Grund, dass er, zwar von eher nachdenklicher Natur, aber nur dienstlich ein Kind von Traurigkeit, noch unverheiratet ist.
Ein Beruf eigentlich wie ein anderer, sagt Wendland. Solange man nicht jemandes Tod zu begleiten hat, der einem zu Lebzeiten nahegestanden hat. Oder die fassungslose Trauer von Eltern mit ansehen muss, die ein Kind verloren haben. Selten geworden sind die Unglücke unter Tage. Den letzten Bergmann, der in Ausübung seines Berufes sein Leben verlor, hat Wendland, selber Enkel von Bergleuten, vor ein paar Jahren begraben.
In Amt und Würden. Seit 14 Jahren ist Herbert Stabenow offiziell im Ruhestand, aber für beschauliche Musse hat der 71jährige bis heute kaum Zeit gefunden. Denn Herbert Stabenow gehört zu jener Spezies von Leuten, die sich nur allzu gerne in den Dienst der Öffentlichkeit stellen und Ämter und Ämtchen sammeln wie andere Briefmarken oder Gartenzwerge. Ein paar Dutzend waren es zur besten Zeit, und auch heute noch macht sich Stabenow in einer staatlichen Zahl von Gremien und Vereinen nützlich, als Rotkreuzbeauftragter für Katastrophenschutz der Stadt Herne zum Beispiel oder als ehrenamtlicher Richter am Verwaltungsgericht in Münster. Vor allem aber ist Stabenow Vorsitzender des Bundes deutscher Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine sowie Präsident der Vereinigung europäischer Berg- und Hüttenleute.
Herbert Stabenow ist ein vielseitiger Mensch. Nach dem Krieg arbeitete der gelernte Flugzeugbauer aus Pommern für die Royal Air Force, dann zog er - «aus Liebe zu meiner Frau, die in ihrer Heimat bleiben wollte» - nach Wanne-Eickel und ging unter Tage. 1949 heuerte er bei der Zeche Pluto als Schlepper an, stieg schnell auf zum Maschinen- und Grubenschlosser, dann zum Maschinenhauer, Maschinenaufsichtshauer, Maschinenfahrhauer, Maschinensteiger. In der Position des Sicherheitsingenieurs beendete er schliesslich seine Laufbahn im Bergbau, der mehr und mehr zu seiner Passion wurde. «Die Arbeit unter Tage ist hart, aber befriedigend», schwärmt Stabenow. «Jeder ist auf den anderen angewiesen, das Zusammengehörigkeitsgefühl ist einzigartig. Das bleibt ein Leben lang.»
Die Pflege genau dieser Kameradschaft sowie «die Wahrung der Tradition und des Ansehens des Standes der Berg- und Hüttenleute» ist das vorrangige Anliegen der Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine, deren Spiritus rector Stabenow ist. Mit Musikkapellen, Spielmannszügen, Chören und - natürlich - reichlich Flüssigem wird hier an sogenannten Knappentagen das Brauchtum des Bergmanns zelebriert, den Widrigkeiten der modernen Zeit zum Trotz.
Am 8. Deutschen Bergmannstag im Sommer letzten Jahres in Schneeberg im Erzgebirge widerfuhr Herbert Stabenow die Ehre, dem deutschen Bundespräsidenten Roman Herzog das Wort zu erteilen. Stabenow trug, wie bei solch hohen Anlässen üblich, die Bergmannstracht - Bergkittel und Schachtelhelm mit Federbusch -, und er löste die Aufgabe, wie ein Video belegt, mit Bravour. Mit kerniger Stimme schmetterte er sein «herzliches Glück auf» - und in seiner staatsmännischen Pose erinnerte er dabei nicht wenige ein bisschen an Heinz Rühmann in seiner Rolle als Hauptmann von Köpenick.