NZZ Folio 07/06 - Thema: Die Schotten   Inhaltsverzeichnis

Insel des Glücks

© Gerry McCann, Glasgow
Boomender Rückzugsort für Weltmüde: Die Einwohnerzahl in Knoydart ist in den letzten zwei Jahren um fast 50 Prozent gestiegen - von etwa 70 auf über 100. Linktext
Wo Generäle und Aussteiger Hirschhodenjagd und Gummistiefelweitwurf betreiben: Besuch in Knoydart.

Von Rohland Schuknecht

Laut Guinnessbuch der Rekorde findet sich der «entlegenste Pub des britischen Festlandes» in dem Dörfchen Inverie auf der Halbinsel Knoydart (sprich nooi-dart) im Nordwesten Schottlands. Er heisst «Old Forge» und wirbt auf seiner Website mit preisgekrönten Ales, hervorragenden Wildgerichten und gigantischen Meeresfrüchteplatten. Drei gute Gründe für einen Ausflug nach Knoydart. Ausserdem lockt das Abenteuer: Knoydart wird gern als die letzte Wildnis Britanniens beschrieben, bewohnt von Hirschen, Schafen, Hochlandrindern – und einer Handvoll Individualisten.

Nach Knoydart führen keine Strassen. Entweder man setzt von Mallaig, einem Fischereihafen vier Autostunden von Glasgow entfernt, mit dem Boot über, oder man absolviert einen Fussmarsch von fast dreissig Kilometern über Stock und Stein. Ich habe mich für das Boot entschieden. Bei strömendem Regen besteige ich die «Western Isles», die die einzige reguläre Bootsverbindung nach Knoydart bedient. In letzter Minute habe ich wasserdichte Hosen und Gummistiefel gekauft, zwei der drei Bestandteile des Knoydarter Dresscodes. (Der dritte, Mückenschutzcrème, ist Anfang Mai noch nicht notwendig.)

Nach einer Stunde legt die «Western Isles» in Inverie, dem einzigen Dorf Knoydarts, an. Das Nest besteht aus einer Reihe weisser Häuser am Fuss wildromantischer, teils bewaldeter, steiler Berghänge. Etliche Häuser sind im Bau, Inverie boomt. Die Einwohnerzahl ist in den letzten zwei Jahren um fast 50 Prozent gestiegen – von etwa 70 auf über 100. Und das vielleicht grösste Infrastrukturprojekt in der Geschichte Knoydarts – der neue Pier – wird mit Elan vorangetrieben. Mitunter mit etwas zu viel Elan; am Vortag wurde bei den Bauarbeiten ein Hauptstromkabel durchtrennt. Nun ist halb Inverie ohne Strom. Auch die Internetverbindung ist unterbrochen, und ans Mobilfunknetz ist Knoydart ohnehin nicht angeschlossen.

Das «Old Forge» ist der wichtigste Treffpunkt der Inverianer. Früher oder später schaut jeder dort vorbei, und sei es nur, um Tabak oder Getränke einzukaufen, denn Läden oder gar Supermärkte gibt es auf Knoydart keine. Das Publikum im Pub ist entsprechend gemischt: Einheimische, Touristen und Jachtbesatzungen. Das Ale von der Insel Skye (Black Guillin: dunkel, kräftig, mit Rösthafer und Honig gebraut) erweist sich als schmackhaft und belebend, der Wild-Burger als würzig und nahrhaft.

Bernie zählt zu den Stammgästen des Pubs. Mit seinem schulterlangen, ungeordnet unter einem Béret hervorquellenden Haar, dem wilden Bart und dem von Wind, Wetter, Ale und Alter gezeichneten Gesicht erinnert er an eine Gestalt aus einem fernen Jahrhundert, ein Mann, der gut und gern eine Karriere als Pirat, Schmuggler oder Strandräuber hinter sich haben könnte. Tatsächlich diente er lange als Militärpolizist, bevor er sich vor gut zwanzig Jahren auf Knoydart niederliess. In der Zeit, die man benötigt, um zwei Pint Black Guillin zu leeren (in Bernies Fall drei, aber ich muss mich erst akklimatisieren), erfahre ich, dass Bernie den Bau der Berliner Mauer miterlebte und das Matterhorn bestieg, dass er eine Schwäche für die Europäische Union hat und zudem von Napoleon Bonaparte besessen ist.

Mit Leidenschaft wird im Pub diskutiert, ob Napoleon der erste wirkliche Europäer der Neuzeit gewesen sei und was geschehen wäre, wenn die Preussen bei Waterloo nicht rechtzeitig aufgekreuzt wären. Fast könnte man meinen, Bernie sei selbst dabei gewesen. Beim Thema Europa schlagen die Emotionen hoch, und es zeigt sich, dass in Knoydart Paneuropäer, Sozialisten, englische Isolationisten, Royalisten und schottische Nationalisten in mehr oder minder trauter Eintracht leben.

Knoydarts Landschaft ist Schottland aus dem Bilderbuch: schroffe Berghänge, rauschende Wasserfälle, glasklare Seen und sagenhafte Ausblicke auf das Meer und die umliegenden Inseln. Wie weite Teile der Highlands ist auch diese Halbinsel vollkommen menschenleer. Einst hatte Knoydart mehr als 1500 Einwohner, doch dann mussten die Menschen den für die Landeigentümer (oft Engländer) profitableren Schafen weichen. Im Verlauf der sogenannten Highland Clearances wurden bis 1853 Hunderte aus Knoydart vertrieben. Ian, der Besitzer des Pubs, erzählt später bei einem Pint Red Guillin (mild, malzig, leicht nussig), dass etliche nach Amerika auswanderten, wo sie Banken gründeten, Eisenbahnen bauten, den Versuch unternahmen, die Nordostpassage in Rindenkanus zu meistern, und nebenbei «jede Menge Indianer umbrachten oder heirateten». Die letzte Wildnis Britanniens ist also zum Teil ein Produkt der «Clearances» des späten 18. und des 19. Jahrhunderts, die Ian als «ethnische Säuberungen» bezeichnet. Eine Aussage, die viele Historiker wohl so nicht unterschreiben würden. Aber einen schottischen Patrioten vom Schlage Ians stört das wenig, und gäbe es einen Weg, zu beweisen, dass das Rad von einem Schotten erfunden wurde, er würde ihn sicherlich finden.

Am nächsten Tag schaue ich bei Bernie vorbei; er wohnt einige Kilometer von Inverie entfernt, im vermutlich ältesten Haus Knoydarts. Von der Strasse führt ein langer, matschiger Trampelpfad zum Haus, das hinter einem Hügel nahe am Meer liegt. Das Haus und der Garten mit den Gemüsebeeten, dem Teich mit den Plasticenten (um echte Enten anzulocken) und den umherstreunenden Gänsen und Hühnern wirken beinahe unwirklich inmitten der kargen Landschaft. Nicht weit vom Haus äsen Hirsche.

Bernie zeigt mir ein Foto seiner Besteigung des Matterhorns. Es wurde von seiner Frau aufgenommen, die ihn über zwei Drittel des Weges begleitete, bevor sie mangels passenden Schuhwerks – sie trug Flipflops – wieder umkehren musste. Im Wohnzimmer findet sich Jacques-Louis Davids berühmtes Gemälde von Napoleons Alpenüberquerung. Der Held sitzt in Galauniform auf einem feurigen, sich aufbäumenden Pferd und deutet entschlossen und siegessicher in Richtung Italien. Zu seinen Füssen sind die kaum zu erkennenden Namen seiner grossen (aber natürlich weniger ruhmreichen) Vorgänger unter dem seinen in Stein gemeisselt: Hannibal und Karl der Grosse. Ein wunderbares Propagandabild, das nicht nur voller Fehler ist (tatsächlich überquerte Napoleon die Alpen auf einem Maulesel, weil die einen sichereren Tritt als Pferde haben), sondern auch von Bernie um ein kleines Detail ergänzt wurde: Um ein Foto seines Hundes Mitch, eines Terriers, der mit der Schnauze in eine andere Richtung als der Held weist und per Sprechblase bemerkt: «Zum Pub geht’s aber hier entlang, mon Général.»

Am Abend sitze auch ich wieder im «Old Forge». Ich lasse mir von Konrad, dem polnischen Barkeeper, zur Erfrischung einen «Young Pretender» (goldene Farbe, leicht und trocken, mild-aromatisch) zapfen. Draussen hat es erneut zu regnen begonnen. Die dunklen Wolken hängen so tief, als wollten sie sich mit dem aufgewühlten Wasser des Meeres paaren. Allein der Blick aus dem Fenster rechtfertigt die Reise nach Knoydart. Stundenlang könnte ich hier sitzen und beobachten, wie sich die Farbe des Meeres, des Himmels und der Felsenhänge im Zehnminutentakt verändert und immer neue Stimmungen voller Dramatik erzeugt.

Ausflug zum alten Herrenhaus von Knoydart, wo früher die Aristokraten residierten, ihre Jagdtrophäen aufhängten, sich betranken oder Bridge spielten. Der berüchtigtste dieser Herren war Arthur Ronald Nall-Cairn, besser bekannt als Lord Brocket, ein begeisterter Anhänger Adolf Hitlers. Wenige Monate nachdem Brocket in Deutschland mit unzähligen Nazigrössen den 50. Geburtstag des Führers gefeiert hatte, brach der Krieg aus. Daraufhin beschlagnahmte die britische Regierung Brockets Besitz auf Knoydart und nutzte ihn als Ausbildungsgebiet für Spezialeinheiten, die Sabotageakte in Feindesland ausführen sollten. Nach dem Krieg kehrten die Brockets zurück, und beim Frühjahrsputz liess Lady Brocket Besteck und Tafelsilber sowie alle anderen Gegenstände im Haus, die die verhassten «Gäste» berührt haben konnten, im Meer versenken.

Den nach Knoydart zurückgekehrten Kriegsveteranen fiel es besonders schwer zu akzeptieren, dass ihre Regierung es dem Nazi-Lord gestattete, sein Gut wieder in Besitz zu nehmen, während die Männer, die gegen Hitler gekämpft hatten, land- und mittellos blieben. Kurzerhand beschlossen 1948 sieben Veteranen, sich zu nehmen, was ihnen nach ihrem Ermessen zustand. Die «sieben Männer von Knoydart» besetzten einen kleinen Teil des Gutes, zum grossen Ärger Brockets. Die Aktion ist nur eine von zahlreichen Landbesetzungen, die sich im schottischen Hochland seit den Clearances immer wieder ereigneten. In erster Linie waren sie Versuche einzelner Schotten, sich und ihren Familien einen Lebensunterhalt zu sichern.

Besonders die späten Besetzungen, die zum Teil auf beträchtliches Medieninteresse stiessen, prangerten jedoch indirekt die Lage in den Highlands insgesamt an. In der Tat schien die Vernunft gegen die Existenz riesiger Landgüter zu sprechen, die von ihren Besitzern kaum genutzt wurden, während Tausende schottischer Bauern und Viehzüchter ohne Land blieben. Doch das heilige Prinzip des Eigentums blieb selbst unter Labour-Regierungen unangetastet. Die sieben Männer von Knoydart verloren den Prozess, der auf die Landbesetzung folgte. Andere Grossgrundbesitzer lösten Brocket in Knoydart ab, und in den 1980er Jahren wurde das Gut in mehrere Teile zerstückelt, die wiederum verkauft wurden.

Dieser Prozess wurde erst 1999 gestoppt, als die neu gegründete Knoydart Foundation – unter anderem mit Geldern des John Muir Trusts, Privatspenden und einem Zuschuss der Regierung – einen Grossteil des ehemaligen Besitzes kaufte. Erstmals wird das Land nun im Interesse der Menschen verwaltet, die dort leben, und alle Entscheidungen werden so demokratisch wie möglich getroffen. Bernie spricht bereits halb im Scherz von der «Volksrepublik Knoydart».

Wohin der Weg allerdings gehen soll und vor allem wie viel Entwicklung Knoydart braucht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Während die einen mehr Besucher, mehr Infrastruktur und neue wirtschaftliche Grundlagen wollen, würden andere gern ungestört bleiben und die Gegend so belassen, wie sie ist. Gegenwärtig kommen die «Volksrepublikaner» jedenfalls aus dem Debattieren nicht mehr heraus. Vieles wird in Ausschüssen wieder und wieder durchgekaut. Drew, Jagdexperte und Manager eines der angrenzenden Güter, meint, das alles sei «schlimmer als im britischen Parlament».

Und doch – trotz allen Konflikten, die ohnehin meist hinter verschlossenen Türen ausgetragen werden, ist es gerade die Vielfalt der Gemeinschaft, die den Reiz Knoydarts ausmacht. Von ehemaligen U-Boot-Kommandanten und Mitgliedern der britischen Elitetruppe SAS (Special Air Service) über Bauarbeiter, Muscheltaucher, Künstler und Hippies: es gibt wenig, was es in Knoydart nicht gibt. Sogar ein Millionär hat sich auf der Insel niedergelassen: Cameron Macintosh, der Musicals wie «Cats», «Das Phantom der Oper» und «Les Misérables» produzierte und ein Haus in einer der Traumbuchten der Halbinsel besitzt.

Es ist ein Rätsel, wie all diese gegensätzlichen Charaktere miteinander auskommen, aber sie tun es. Vielleicht weil sie müssen, denn bei nur hundert Menschen ist jeder irgendwann einmal auf den anderen angewiesen, sagt die Managerin der Foundation. Und möglicherweise verbindet sie noch etwas anderes: Alle leben hier, weil sie es wollen, nicht weil sie müssen oder weil es sich so ergeben hat. Wer in Knoydart wohnt, leistet sich den Luxus, er selbst zu sein. Egal, ob sie malen, musizieren, Baugruben ausheben, als Ranger im Wald herumspringen, Karotten anbauen oder Schafe hüten – fast alle, denen ich hier begegne, sind auf eine seltene und beinahe unzeitgemässe Art echt und wahrhaftig.

Es gibt denn auch einige Gelegenheiten, in denen Gemeinschaft zelebriert wird, etwa jedes Jahr am ersten Samstag im August, wenn unweit des Gutshauses am Strand die Knoydart Games stattfinden. Bei dieser Veranstaltung, die mit herkömmlichen Highland Games nicht viel zu tun hat, messen sich die Einheimischen in so unkonventionellen Disziplinen wie Kissenkämpfen auf dem Schwebebalken, Stammwurf über parkierende Landrover, Flosswettrennen (das einige mit Schiffeversenken verwechseln), Damentauziehen und natürlich Gummistiefelweitwurf. Besonders beliebt ist das horizontale Bungee-springen. Dabei springen die Teilnehmer bäuchlings auf eine mit Seifenlauge eingeschmierte Gummiplane und versuchen eine Whiskyflasche oder ein Ale-Glas am anderen Ende zu packen, bevor das am Rücken befestigte Gummiband sie wieder zurückschnellen lässt. Überhaupt nimmt man sich nicht allzu ernst, jeder kultiviert hier seinen eigenen, streckenweise ein wenig exzentrischen Humor. So ähnelte Ians Hochzeitstorte täuschend echt zwei auf Strandkies abgestellten Gummistiefeln.

Auch bei ernsteren Anlässen wird Zusammenhalt vorexerziert, so bei einem Schwimmmarathon vor einigen Jahren, den vier Männer aus Knoydart veranstalteten, um das öffentliche Interesse auf die Existenz eines autistischen Kindes im Dorf zu lenken und Geld für die Behandlung zusammenzubringen. Es gehört schon eine gehörige Portion Mut, Naivität oder Verrücktheit dazu, eine Strecke von 20 Kilometern ohne Training im kalten Wasser vor der Halbinsel zurückzulegen.

Immer wieder werden im «Old Forge» eher beiläufig Geschichten erzählt, bei denen man nicht so recht weiss, ob man richtig hört oder ob man nicht doch schon ein Ale zu viel hatte. Wie die des englischen Aristokratensohns, der auf Weisung seines Vaters von Bodyguards gekidnappt und in einem Haus in Inverie eingesperrt wurde. Offenbar war er einer islamistischen Sekte verfallen, und der Alte liess eine Psychologin aus Amerika einfliegen, die ihn vom religiösen Wahn befreien sollte. Oder die Geschichte, in der Rowan Atkinson, britischer Starkomiker und Grimassenschneider, Inverie verfehlte und stattdessen mit seinem Boot an Bernies gottverlassenem Strand landete. Oder die Geschichte von den Hirschhoden und -penissen, die nach Ostasien exportiert werden, wo sie als Aphrodisiaka Verwendung finden. An leidenschaftlichen Jägern mangelt es in Knoydart nicht, was bei über 900 Hirschen allein auf dem Gebiet der Foundation wenig verwundert.

Bis vor einigen Jahren atmete das Pierhaus in der Jagdsaison bisweilen Wildwestatmosphäre, wenn dort Hirschfänger und Jagdgewehre lässig an der Wand lehnten, während die Helden des Tages ihr Jägerlatein spannen – eigentlich eine Ungeheuerlichkeit in einem Land mit derart strengen Waffengesetzen wie Grossbritannien.

Nach nur drei Tagen in Knoydart finde ich es normal, schon am Mittag zwei Gläser Ale zu trinken, jeden Passanten zu grüssen, und auch die Küche des «Old Forge» möchte ich nicht mehr missen. Es fällt mir plötzlich schwer zu verstehen, warum Menschen freiwillig in Städten leben, wo es doch Landschaften wie diese gibt, die ausgerechnet am Tag meiner Abreise sonnendurchflutet und von einem beinahe unwirklich blauen Himmel überspannt ist.

Auf dem Boot zurück nach Mallaig denke ich daran, wie ich nur ein paar Stunden zuvor Drew dabei beobachtete, wie er eine Herde langhaariger, zotteliger Highland-Rinder, die ein wenig wie gehörnte Muppets aussahen, durch eine fast schon kitschige Idylle trieb, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Was es aus seiner Sicht ja auch ist.

Rohland Schuknecht ist Historiker und Journalist. Er lebt in Hamburg.


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