NZZ Folio 04/08 - Thema: Die Sinne   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Grandios wie mein Waschmittel

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

Die menschliche Seele, davon bin ich fest überzeugt, hat die Tendenz, sich in Wasser aufzulösen. Bei langen, heissen Bädern muss man einen Verlust an Energie und Esprit befürchten, und es bleibt stets fraglich, wie man bis zum Souper eine angemessene Aura zurückgewinnt. Die Briten, die in ihren Apotheken eine riesige Auswahl an Badesalzen anbieten, scheinen meine Befürchtungen zu teilen. Laut Angaben auf der Verpackung beseitigen diese Salze allerlei Verspannungen und Schmerzen, aber über die spirituellen Nebenwirkungen schweigen sich die Anbieter merkwürdigerweise aus.

Ich benutzte seit Monaten das Erdbeershampoo meiner Kinder als Luxusschaumbad, als ich auf ein neues und verbessertes Badesalz der ehrenwerten Firma Radox stiess. Badesalze sind etwas Rätselhaftes: Sie lösen sich in einem Schwarm kleiner Bläschen auf, zaubern Wolken, Farbe und Duft ins Wasser, aber keinerlei Schaum. Auf dem Boden der Wanne hinterlassen sie oft eine Art Streusand, der einen daran gemahnt, dass es, abgesehen vom Gebrauch bestimmter Opiate, ein vollkommenes Wohlbehagen nicht gibt.

Das Salz von Radox enthält Thymian und hat eine intensiv himmelblaue Farbe, wovon man sich durch ein kleines, durchsichtiges Fenster auf der Vorderseite der Schachtel überzeugen kann. Der Name Muscle Soak und die auf der Packung abgebildeten Kräuter erinnern ein wenig zu sehr an Marinade, um auf Anhieb Vertrauen zu erwecken. Dennoch goss ich eine grosszügig bemessene Dosis in die Wanne und wurde augenblicklich von einer wahrhaft proustischen Reminiszenz übermannt: «Stergene!» entfuhr es mir.

Vor Äonen, als ich mich an der Universität immatrikulierte, bezog ich ein Zimmerchen in einem Studentenwohnheim, darinnen ein Bett, ein Schreibtisch und ein Waschbecken. Ich genoss es, meine ganzen Habseligkeiten in Armesweite um mich herum zu haben. Und weil meine Mutter mir eingeschärft hatte, niemals einen Wollpullover in der Maschine zu waschen, wenn ich ihn nicht als Topflappen wieder herausziehen wolle, pflegte ich meine Pullover (selten, aber sorgfältig) in kaltem Wasser im Lavabo zu spülen und benutzte dazu ein dunkelblaues Waschmittel namens Stergene. Sein gesunder, sauberer Geruch war für mich wie Weihrauch für fromme orthodoxe Christen: eine rituelle Seelenreinigung.

Dreissig Jahre später wurde das blaue Stergene vom Markt genommen, und ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, diesem Geruch jemals wieder zu begegnen, denn aus ­unerklärlichen Gründen bieten die Parfumverrückten dieser Welt auf Ebay keine alten Waschmittel feil. Doch siehe! Die Reinkarnation des Dufts von Stergene kam über mich wie ein Avatar, nur bin ich selbst in diesem Leben der Pullover.

Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.



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