NZZ Folio 01/05 - Thema: Bomben   Inhaltsverzeichnis

Bombenlogik

Ob Speer oder Atomrakete:Nicht die Technik steuert den Verlauf eines Kriegs, sondern der Zweck, dem sie dient.

Von Angelo M. Codevilla

Die Technik hat seit je die Kriegs- ebenso wie die Lebensführung beeinflusst, aber die Ziele, für die wir leben und kämpfen, haben sich durch technischen Wandel allein noch nie geändert. Die Entwicklung von Sprengstoffen, ja mehr noch der Hilfsmittel, mit denen diese Sprengstoffe zum Einsatz gebracht werden, versetzt die Menschheit seit etwa tausend Jahren in Staunen und Schrecken. Dennoch stellen sich dem, der die Bomben einsetzt, auch heute noch dieselben Fragen wie einst dem Speerwerfer der Frühzeit: Wen sollen wir treffen? Was bezwecken wir mit dem Angriff? Die Bedeutung jeder Waffe in der Geschichte hängt von ihren Besitzern und deren Absichten ab.

Ob die Beteiligten Speer oder Pfeil und Bogen oder Feuerwaffen benutzten, sie taten es stets aus unterschiedlichsten Gründen. Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert bekämpften sich afrikanische Stämme, um einander an arabische Sklavenhändler zu verkaufen. Davor bekriegten sich europäische Stämme bis zur Ausrottung, weil sie sich gegenseitig Land streitig machten.

Gemäss Thukydides wurden manche Schlachten des Peloponnesischen Kriegs wegen des Grenzverlaufs geführt, andere wegen der Frage, wer wem Tribut zu zahlen habe, oder es ging schlicht darum, sämtliche Männer zu töten und die Frauen und Kinder zu versklaven. Perser und Babylonier führten, wie die meisten Imperialisten, ihre Kriege nicht, um zu zerstören, sondern, um ihre Reiche zu vergrössern. Auch das alte Rom folgte dieser Strategie, ausser im Dritten Punischen Krieg, an dessen Ende Karthago zerstört und sein Erdreich gründlicher vergiftet war, als es moderne Nuklearwaffen vermocht hätten. Kurzum, es sind nicht die Waffen, die den Verlauf oder das Zerstörungspotential von Kriegen bestimmen.

Nach der Erfindung des Schiesspulvers in China um 900 n. Chr. wurde die Chemie gegenüber der Muskelkraft und der reinen Mechanik beim Abschuss von Pfeilen, Speeren, Steinen und Felsbrocken immer wichtiger. Anfang des 14. Jahrhunderts waren in der christlichen und islamischen Welt Musketen an die Stelle von Pfeil und Bogen getreten und Mörser an die Stelle von Rammböcken. 1258 benutzten die Mongolen Raketen, um Bagdad einzunehmen, 1314 ist der Transport von Kanonen aus Holland nach England belegt, 1383 in Bern der Besitz von Musketen und Mörsern, und 1453 verschafften Kanonen den Türken bei der Eroberung Konstantinopels den entscheidenden Vorteil.

Auch Ritter und Könige in ihren Rüstungen konnten nun von einfachen Leuten getötet, auch Festungsmauern konnten nun durchbrochen werden. Aber die besten Denker der Renaissance machten bereits darauf aufmerksam, dass auch kein römischer Kaiser sich vor Gegnern schützen konnte, die bereit waren, ihr eigenes Leben zu opfern. Machiavelli erinnerte daran, dass eine mit Kanonenfeuer in eine Festungsmauer geschlagene Bresche nur zum Sieg verhelfe, wenn die Truppen des Angreifers die nötige Disziplin aufbrächten, diesen Vorteil zu nutzen, und wenn mit der Mauer auch die Moral der Verteidiger zusammenbreche. Ob die Geschosse von Schiesspulver angetrieben oder aus Katapulten geschleudert werden: massgeblich sind immer die Disziplin und die Taktik.

Der technische Fortschritt zielte auf die Steigerung der Zerstörungskraft jeder einzelnen Explosion und auf die Steigerung der Häufigkeit, mit der Explosionen hervorgebracht werden konnten. Statt mit den Kanonen massive Eisenkugeln abzuschiessen, die sich im Prinzip nicht von Felsklumpen unterschieden, kam man im 18. und 19. Jahrhundert darauf, die Kugeln mit Schiesspulver zu füllen. Durch die Explosion hinter den Feindeslinien wurden kleine Splitter freigesetzt – wie einst Steine und Pfeile. Auf kurze Entfernung erreichte man eine vergleichbare Wirkung mit Zinnbüchsen, die mit Eisenschrot, Ketten oder Steinen gefüllt wurden. Die Büchsen barsten, nachdem sie die Kanone verlassen hatten, und verstreuten ihren tödlichen Inhalt über den anrückenden Feind.

Durch Beschleunigung des Ladeverfahrens erhöhte man gleichzeitig die Anzahl der Geschosse, die ein einzelner Schütze abfeuern konnte. Schliesslich brachte die Technik Granaten hervor, die so klein waren, dass man sie mit blosser Hand werfen konnte, sowie automatische Minen, die in der Erde vergraben oder im Meer ausgelegt werden konnten. Kurzum, seit Mitte des 19. Jahrhunderts besteht ein wesentlicher Teil der Kriegsführung in der Handhabung von Sprengstoffen.

Viele liessen sich davon so faszinieren, dass sie die Kriegsführung darauf reduzierten: Wer die meisten Bomben ausspuckte, dem sei der Sieg gewiss. Der Erste Weltkrieg wurde zu einem Wettkampf zwischen den Maschinengewehren, die den anrückenden Feind niedermähten, und der feindlichen Artillerie, die aus der Ferne die eigenen Linien bombardierte. An manchen Tagen wurden bis zu zwei Millionen Granaten abgefeuert. Diese industrielle Form der Kriegsführung kostete Millionen Menschen das Leben, verwüstete ganze Landstriche, erbrachte keinerlei nennenswerte militärische Ergebnisse und versetzte dem politischen Leben in Europa einen Schlag, von dem es sich nicht wieder erholte.

Zwischen den Weltkriegen begann das Flugzeug der Artillerie den Rang als effizientester Bombenwerfer abzulaufen. Aber mit der Entscheidung, wo Bomben abgeworfen werden sollten, stellten sich auch die Grundfragen über Krieg und Leben. Schon 1912, als die Italiener im Krieg gegen Abessinien erstmals Flugzeuge einsetzten, entwickelte General Giulio Dhouet eine Theorie der Luftüberlegenheit, gemäss der jedes Land durch Bombardements aus der Luft, die das Leben in den Städten zerstörten, in die Knie gezwungen werden könne. Somit erschien es überflüssig, sich mit gegnerischem Militär auseinanderzusetzen, die Bombardierung der Zivilbevölkerung reichte völlig aus. Während des Spanischen Bürgerkriegs 1936–1939 führten die Deutschen vor, wie man das macht.

Aber mit dem Stuka entwickelten die Deutschen zugleich den erfolgreichsten Kampfbomber der Geschichte. Und sie gewannen die erste Hälfte des Zweiten Weltkriegs nicht dadurch, dass sie Abermillionen von Bomben über gegnerischen Armeen und Zivilisten abwarfen, sondern durch den konzertierten Einsatz von Stukas, Panzern und Infanterie an strategisch wichtigen Punkten. Am Ende wurden die Deutschen und die Japaner jedoch durch die überlegene Industrieproduktion Amerikas geschlagen. Die USA produzierten mehr Waffen als die ganze restliche Welt zusammen. Doch da die Amerikaner bis fast zum Ende des Kriegs kaum direkten Kontakt mit den Landstreitkräften ihres Hauptfeindes hatten, wurden die meisten Bomben nicht auf dem Schlachtfeld eingesetzt, sondern getreu der Theorie von der Luftüberlegenheit zur Zerstörung von Berlin, Hamburg, Frankfurt, Dresden, Tokio, Osaka.

Man kann nicht genügend betonen, dass die Praxis der Bombardierung der Zivilbevölkerung sich lange vor der Entwicklung der Atombombe etabliert hatte, dass die Anzahl der Toten in Hiroshima nur unwesentlich über derjenigen in Dresden lag und weit unter der Zahl der Opfer des Feuersturms von Tokio. Wer bei Anbruch des Atomzeitalters die Meinung vertrat, die Moral sei von der Technik überrannt worden, lag falsch: In Wirklichkeit ging es hier schlicht um gute oder schlechte Moral und um gutes oder schlechtes Urteilsvermögen.

Ebenso irrig ist die verbreitete Ansicht, die USA und die Sowjetunion hätten sich ein Wettrüsten um immer grössere Nuklearsprengköpfe geliefert. In Wirklichkeit wussten die Militäringenieure schon seit langem, dass die Sprengkraft der Bombe vor allem die Ungenauigkeit der Rakete kompensiert, die sie trägt. In dem Masse, wie beide Seiten die Treffsicherheit ihrer Raketen verbesserten, nahm auch die Sprengkraft der Bomben ab. Die viel grössere Zielgenauigkeit der Amerikaner machte den Einsatz viel kleinerer Bomben möglich.

Trotz dieser einfachen Gleichung gaben beide Parteien ganz unterschiedliche Antworten auf die entscheidende Frage: Worauf zielen wir und warum? Die Sowjets verbanden bei ihren Waffen grosse Sprengkraft mit relativ geringer Treffsicherheit, um amerikanische Raketen, Bomberbasen und U-Boot-Häfen zu zerstören. Dahinter stand die Idee, die Amerikaner gleich zu Beginn eines Kriegs zu entwaffnen und ihnen dann den Frieden zu diktieren. Die Amerikaner hingegen beabsichtigten, mit treffsicheren kleineren Bomben weite Bereiche der sowjetischen Bevölkerungs- und Industriezentren zu zerstören. Dahinter stand die Idee, einen Krieg für die Sowjets so bedrohlich zu machen, dass sie das Wagnis eines Entwaffnungsschlags nicht eingehen würden, denn wenn der Erstschlag misslänge … Die USA setzten alles auf die Karte Abschreckung. Die Frage des amerikanischen Selbstschutzes blieb dabei weitgehend unbeachtet. Erst im Verlauf der 80er Jahre geriet neben der Schädigung des Gegners auch die eigene Sicherheit stärker in den Blick. Dies führte zur Entwicklung von Raketenabwehrsystemen und stellte den Beginn der modernen strategischen US-Streitkräfte dar.

Die Entwicklung taktischer Nuklearwaffen hat sich ohnehin stets am gesunden Menschenverstand orientiert. Die zur Verteidigung Europas vorgesehenen Atombomben wurden so optimiert, dass ihre Druckwelle möglichst gering ausfiel, die Strahlung jedoch verstärkt wurde. Diese Bomben sollten die Angreifer töten, die auf der Erde unterwegs waren, während die Verteidiger in den Schützengräben und die Zivilisten in den Luftschutzkellern möglichst verschont bleiben sollten. Ganz ähnlich waren auch die Pershing-II-Raketen, die in Europa stationiert wurden, auf die Zerstörung sowjetischer Befehlszentren und besonders des Kreml hin konzipiert worden. Je grösser die Zielgenauig keit wurde, desto deutlicher stellte sich den Militärplanern in allen Ländern, vor allem aber in den USA, die Frage: Wer muss sterben, damit dieser Krieg in den von uns erwünschten Frieden mündet?

Im Lauf der 90er Jahre hat die Genauigkeit der Trägersysteme den Unterschied zwischen nuklearen und konventionellen Sprengstoffen weiter verringert und in manchen Fällen sogar völlig verwischt. Die 7000-kg-Daisy-Cutter-Bombe, die von einem Luft-Brennstoff-Gemisch angetrieben wird, das jenem in einem Ottomotor vergleichbar ist, produziert am Ort des Einschlags einen Überdruck, der sich demjenigen einer Nuklearbombe annähert. Aber selbst eine solche Bombe könnte den Bunkern, in denen sich Diktatoren wie Saddam Hussein zu verstecken pflegen, nichts anhaben. Nuklearen Bomben wahrscheinlich überlegen sind hier konventionelle Bomben von punktgenauer Treffsicherheit, hoher kinetischer Energie und mit Zündern, die die Explosion hinauszögern, bis die Bombe wirklich eingedrungen ist. Die präzise Steuerung der Bomben hat zur Folge, dass mittlerweile die meisten ihr Ziel erreichen. Und dies wiederum bedeutet, dass immer weniger Zivilisten Schaden nehmen.

Die grossen Schlächtereien der Menschheit sind mit technisch bemerkenswert primitiven Mitteln ins Werk gesetzt worden. Der sowjetische Holocaust, der mindestens 20 Millionen Menschen auslöschte, liess die meisten davon verhungern. Sogar im Nazi-Holocaust wurde nur eine Minderheit mit industriellen Methoden ermordet. Und das wichtigste Hilfsmittel des kambodschanischen Völkermords war der Holzknüppel. Im Golfkrieg waren nur rund ein Fünftel aller Bomben smart. Im Irakkrieg waren es fast alle. Entscheidend ist, dass Verbesserungen in der Sprengstofftechnik oder bei den Trägersystemen nicht notwendig zu grösserer Zerstörung führen. Die Handlungsoptionen werden durch technische Innovation nicht eingeengt, sondern ausgeweitet.

Die Verwendung von Sprengstoffen durch Terroristen illustriert die Kehrseite dieses Punkts. Ein Flugzeug an sich ist ja noch keine Waffe zur massenhaften Vernichtung von Leben. Aber am 11. September 2001 haben wir gesehen, wie leicht Flugzeuge in solche Waffen verwandelt werden können. Dasselbe gilt für Züge, Schiffe, Kraftwerke und jedes andere Objekt, das grosse Mengen von Energie verwendet oder produziert. In Ermangelung künstlicher Energie hatten die Athener vor zweieinhalbtausend Jahren ihre liebe Mühe, die Melier mit Speer und Schwert zu massakrieren. Doch Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sind keine Frage der Energie. Die Technik steuert zur Tötung Unschuldiger nicht mehr bei als die Werkzeuge. Und das ist nicht sonderlich viel.

Die ultimative terroristische Waffe, der Selbstmordattentäter, bedient sich der Früchte modernster Technik, etwa eines hochenergetischen Plasticsprengstoffs mit elektrischer Zündung. Seine Augen übertreffen jedes künstliche Steuerungs- und Lenksystem. Er könnte es auf jeden abgesehen haben. Aber im Gegensatz zu den militärischen Kamikazefliegern in Japan wird der Terrorist ausgesandt, unschuldige Zivilisten in Bussen, auf Märkten und in Schulen anzugreifen. Der arabische Selbstmordattentäter ist im Unterschied zum Japaner kein sich selbst steuerndes, sondern ein programmiertes Geschoss.

Daher darf man sich, wenn man den terroristischen Bomber verstehen will, weder allzu sehr auf die Technik fixieren noch auf seine Geisteshaltung. Man muss vielmehr die Absichten jener begreifen, die ihn rekrutiert haben, die seine überlebende Familie finanzieren und die ihm sagen, wo er töten soll. Diese Absichten entsprechen der Programmierung und dem Antrieb des Geschosses. Es sind die Absichten von Tyrannen, und der Terror ist ihr wichtigstes Mittel, sowohl um Gefolgsleute und Untertanen bei der Stange zu halten als auch im Umgang mit andern Nationen. Die Entsprechung zur Raketenabwehrwaffe im Falle des Selbstmordattentäters wäre alles, was zum Tod des Tyrannen führt, denn ohne diesen bleibt den Terroristen nur die blanke Technik.

Ein Messer oder ein Gewehr sind gut oder schlecht, je nachdem, gegen wen sie gerichtet werden, wer sie in der Hand hat und was in seinem Kopf vor sich geht; bei einer Bombe verhält es sich nicht anders.

Angelo M. Codevilla ist Strategieexperte und Professor für internationale Beziehungen an der Universität Boston; er lebt in Kalifornien. Auf Deutsch ist von ihm erschienen «Eidgenossenschaft in Bedrängnis. Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg und moralischer Druck heute» (2001).


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.