NZZ Folio 05/93 - Thema: Schönheit   Inhaltsverzeichnis

Die fixe Idee -- Edgar Allan Poe und der Scheintod

Von Peter Haffner

IM TOD EINER SCHÖNEN FRAU sah er den Gipfelpunkt aller Poesie; Edgar Allan Poe, dessen an Bluthusten dahinsiechende Mutter den knapp Dreijährigen als Vollwaisen zurückliess und dessen junge Frau Virginia die Tuberkulose wegraffte, hat dem Stoff mehrere Erzählungen gewidmet. Der Schein des Schönen schwindet mit dem Tod; mit dem Scheintod jedoch kehrt das unwiederbringlich verloren Geglaubte noch einmal zurück. Faszination und Schrecken des Phänomens sind Poes eigentliches Thema.

Poes Frauengestalten sind lebendig Begrabene: Ligeia, Morella und Berenicë aus den «Tales of the Grotesque and Arabesque», Madeline aus «The Fall of the House of Usher» haben die Scheidelinie vom Leben zum Tod nicht wirklich überschritten; aus der Gruft, in die sie, Schatten schon im Diesseits, gebettet worden sind, kehren sie kurz ins Leben zurück - zum schieren Entsetzen derer, die sich bereits verwitwet und allein geglaubt hatten. Leichenstarre befällt den, der die Leiche sich bewegen sieht.

Poes fixe Idee des Lebendigbegrabenseins ist ein Jahrhundertwahn. Mitte des 18. Jahrhunderts kommt er in Testamenten zum Ausdruck. Massnahmen werden getroffen, um ein vorzeitiges Begräbnis zu verhindern - sei es, dass man sich einen Aufschub vor der Beerdigung oder Einäscherung sichert und die Öffnung des Leichnams verbietet, sei es, dass man die Schröpfung anordnet im Vertrauen, diese würde, so man noch am Leben wäre, einen bestimmt wieder auf die Beine bringen. Totenverehrung und Grabriten gelten einer von der Zwangsvorstellung des Scheintodes heimgesuchten und nach Gruselgeschichten gierenden Gesellschaft nur mehr als Mittel, voreilige Beerdigungen zu verhindern. Dazu gehören die conclamatio, die laute Anrufung des Namens des Verstorbenen, die Sitte, den Leichnam auszuschmücken und auszustellen, die Trauerbekundung, deren Geräusche einen Scheintoten zu erwecken vermöchten, sowie der Brauch, das Gesicht entblösst zu lassen. Noch heute verlangt das Protokoll der Kirche, dass der Papst auf dem Totenbett dreimal bei seinem Taufnamen gerufen wird.

Die Angst vor dem Scheintod ging einher mit dem Widerwillen der Ärzte, den Tod festzustellen. Als verweigerten sie einer Niederlage ihre Zustimmung, überliessen sie diese Aufgabe häufig Laien, deren Fehlurteil gefürchtet war. Vorsicht war am Platz. Ende des 18. Jahrhunderts wurden Leichenhäuser eingerichtet, die bezeichnenderweise vitae dubiae azilia - Asyle des zweifelhaften Lebens - hiessen. Da blieben die Toten bis zum Beginn der Verwesung, die erst das sichere Ende anzeigte, aufgebahrt. Vorrichtungen in Totenhallen, die bei der geringsten Bewegung der Leiche einen elektrischen Kontakt schlossen, eine Lärmglocke im Zimmer des Totenwächters schellen liessen und die Nummer des nicht zur Ruhe Gekommenen anzeigten, oder sogenannte Rettungswecker waren Versuche, mit der Technik des 19. Jahrhunderts einer Angst beizukommen, die tiefer aus der Vergangenheit kam. Denn noch galt der Tod nicht als der Punkt, jenseits dessen alles vorbei ist. Er war ein Zustand von unbestimmter Dauer. Hatte man nicht deswegen über Jahrtausende die Leichen einbalsamiert und konserviert?

«Schattenhaft und vag» nennt Poe in «The Premature Burial» die Grenze zum Jenseits. Die Fälle, die er anführt, beweisen es: Der Liebhaber findet seine anderweitig verheiratete und verstorbene Geliebte, wie er sich in den Besitz ihrer Locken bringen will und zu diesem Zweck ihr Grab schändet, lebend; der Bauer, der am Grabe eines frisch bestatteten Offiziers sitzt, verspürt eine heftige Bewegung der Erde, «grad so, als ringe darunter ein Mensch um sein Leben»; und ein junger Londoner Anwalt steht, bereits unter dem Messer, so unversehens wie verwirrt vom Seziertisch auf. Wie aber, wenn die Rettung ausbleibt? Das Skelett der Gemahlin, das dem Gatten beim Öffnen der Familiengruft in die Arme fällt, zeugt von der verzweifelten Anstrengung, der Schreckenskammer zu entrinnen, in der sie aufgewacht war. «In Wahrheit», folgert Poe, «wird kaum je ein Friedhof aufgegraben, ohne dass man Skelette in Stellungen fände, welche den allerfürchterlichsten Verdacht nahelegen.»

Die Bestattung vor dem Tode ist das «Äusserste und Letzte an körperlicher und geistiger Qual», was ein Mensch erleiden kann - «die unerträgliche Bedrückung der Lungen - die erstickenden Dünste der feuchten Erde - das Kleben der Totenkleider - die unnachgiebige Umarmung des engen Hauses - die Schwärze der absoluten Nacht die wie ein Meer überwältigende Stille - die unsichtbare, doch so greifliche Gegenwart des Eroberers Wurm . . .» Das eigene Erlebnis, mit dessen realistischer Schilderung Poe seine Fiktion schliesst, bringt dem Erzähler die Katharsis: es durchgestanden zu haben, befreit von der Furcht.

Und wie das Weib lockt, bevor es zerstört, so lockt das Grab. Die Kiste, die in «The Narrative of Arthur Gordon Pym» dem Matrosen auf dem Walfänger «Grampus» als Versteck dient, erscheint ihm, ausgestattet mit Nahrungsmitteln, mit Büchern und Schreibzeug, als wahrer Palast. Mittels einer Signalleine mit seinem Freund an Deck verbunden, fühlt sich der blinde Passagier in der Höhle geborgen wie in Mutters Schoss. Doch bald wird das Heim zum Gefängnis, dem Pym erst in letzter Minute entrinnt - nur um alsbald ein zweitesmal das Schicksal des Lebendigbegrabenseins zu erleiden. Erkenntnishungrig wie alle Helden des Dichters, treibt der Seemann auf seiner Reise ins Ungewisse dem entgegen, was Poe selbst magisch anzog - jenem Geheimnis, dessen Offenbarung Vernichtung ist.


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