NZZ Folio 08/99 - Thema: Kiosk   Inhaltsverzeichnis

Entkorkt -- Erfrischend wie Quellwasser - die Weine von J. J. Prüm

Von Philipp Schwander

DAS IMAGE der Moselweine, wie des deutschen Weinbaus insgesamt, hat seit dem Zweiten Weltkrieg stark gelitten. Schuld an diesem Malaise - zur Erinnerung: Ende des letzten Jahrhunderts wurden für die besten deutschen Weine höhere Preise bezahlt als für die Premier Crus des Bordelais - ist neben Pflanzungen in ungeeigneten Lagen auch Deutschlands Weingesetz von 1971, das die Qualität eines Weines vorwiegend auf Grund des Zuckergehalts der Trauben bestimmt und keinen Wert auf eine besondere Lage legt.

In solch schwierigen Zeiten braucht es Winzer wie Manfred Prüm, die unbeirrt auf hohe Qualität bedacht sind. Und wem es vergönnt ist, einen Termin bei ihm an der Uferallee 19 in Bernkastel-Wehlen zu haben, darf sich glücklich schätzen, gibt es doch hier einige Weissweine zu degustieren, die zu den beeindruckendsten und schönsten weltweit gehören.

Basis dafür sind 14 Hektaren Reben an besten Lagen. Den Hauptteil nimmt die Wehlener Sonnenuhr ein, eine nahezu ideale Steillage, die ihren Namen erhielt, weil in ihrem Rebberg 1842 ein Ururgrossonkel von Manfred Prüm eine Sonnenuhr installierte. Der heutige Besitzer beschreibt den Unterschied zur gleichfalls vorzüglichen Lage namens Graacher Himmelreich als nicht allzugross. Durch die etwas günstigere Exposition zur Sonne seien die Weine der Wehlener Sonnenuhr vor allem in mittleren Jahren deutlich höher einzustufen. Beide Lagen besitzen Devon-Verwitterungsschieferböden, die offensichtlich von der Reblaus nicht sonderlich geschätzt werden. So pflanzt Prüm seit über zwanzig Jahren keine Pfropfreben mehr und verfügt in seinem Betrieb über mehr als 90 Prozent wurzelechter Stöcke. Sie haben unter anderem den Vorteil, dass die Trauben länger hängen gelassen werden können und weniger schnell die Säure abbauen.

Eine kürzlich von den Schweizer Importeuren Boucherville und Caduff organisierte Vertikalprobe zeigte auch die ausserordentliche Langlebigkeit von Prüms Weinen. Immer noch bemerkenswert war eine aus dem mittelmässigen Jahr 1982 stammende Wehlener Spätlese, intensiver die Auslese aus dem selben Jahr und geradezu jugendlich eine 85er Wehlener Auslese. Reife und köstliche Frucht vereinte die 83er Spätlese aus der Bernkasteler Badstube. Ein 95er Graacher Kabinett war frisch, leicht und vergleichsweise trocken. Der 97er Wehlener Kabinett besass noch die bei den jungen Prüm-Weinen häufig feststellbare Hefenote. Manfred Prüm führt sie auf die sehr lange dauernde alkoholische Gärung seiner Weine zurück, die in der Regel erst im Januar nach der Ernte beendet ist.

Den Duft von reifen Pfirsichen verströmte die reichhaltige 97er Wehlener Goldkapsel; enorm dicht und vermutlich noch etwas jung war die 88er Goldkapsel und leichter, aber köstlich zu trinken die 82er Goldkapsel. Mit einem faszinierenden Säure-Süsse-Spiel betörte schliesslich die Wehlener Spätlese aus dem Jahr 1990. Sie wurde nur noch von einer 90er Goldkapsel übertroffen, die eine sublime Fruchtigkeit und strahlende Reinheit und Tiefe des Ausdrucks besass, die ihresgleichen sucht.


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