NZZ Folio 05/94 - Thema: Blaues Blut   Inhaltsverzeichnis

Von Diskretion und vom Bügeln der «Times»

Ivor Spencers renommierte Londoner Butlerschule.

Von Charles E. Ritterband

Den Rahmen hätte man sich würdiger vorgestellt: Das «Queen's Hotel» ist menschenleer, schmuddelig und alles andere als königlich. Der viktorianische Glanz von einst, als die feinen Londoner Herrschaften, die den nahen Crystal Palace besucht hatten, mit ihren Karossen vorfuhren, ist verblasst, der Putz abgebröckelt. Man irrt durch einen lieblos hingeklotzten Anbau, durch ein Labyrinth von gesichtslosen Korridoren zwischen gesichtslosen Konferenzräumen, in denen noch der Mief von Managertagungen, Verkaufsförderungsseminaren und Weiterbildungskursen hängt, und steht endlich vor Ivor Spencers renommierter Butlerschule.

Auf den ersten Blick auch hier nicht viel mehr als eine weitere trostlose Seminarveranstaltung - doch der kleine Mann mit der Boxernase, der quecksilbrig in der Mitte des Raumes von einem Bein aufs andere hüpft, Grimassen schneidet, virtuos Anekdoten durch den Saal wirbelt, Nichtsahnende aus dem Hinterhalt mit Fragen überfällt, mit seinem Assistenten auf einen Wink hin aus dem Nichts eine Szene improvisiert, die als Lehrbeispiel dienen soll - dieser kleine Mann belehrt einen rasch eines besseren: Hier geht es nicht um Cash flow, Umsatzkurven und Werbestrategien, sondern um das Heraufbeschwören einer fast versunkenen Welt.

Geld, so merkt man rasch, wird bald keine Rolle mehr spielen. Oder doch? Eine der vornehmsten Pflichten des angehenden Butlers wird es sein, seinem Herrn überflüssige Ausgaben zu ersparen; value for money, heisst die Devise. Flink flitzen die Stifte über die Notizblätter. Das Tor zu den irdischen Paradiesen steht, so scheint es, weit offen.

Zwecks Einübung jener besseren Zukunft werden leere Champagnerflaschen auf zerkratzten Blechtabletts jongliert, haben Plasticbecher Kristallgläser zu mimen, verbeugt man sich respektvoll vor imaginären Lords und Ladies, wird mit kaltem Bügeleisen die «Times» von vorgestern gebügelt und Sessel um Sessel in Zweierreihe angeordnet: zum Interieur der «Concorde». Nach allen Regeln der Kunst werden die Angehörigen jenes Berufsstands ausgebildet, der die feine englische Art gleichsam personifiziert: Butler.

«Butler», so heisst es in Kazuo Ishiguros mit grossem Erfolg verfilmten Roman «The Remains of the Day», «existieren eigentlich nur wirklich in England. Andere Länder haben, egal welchen Titel sie verwenden, lediglich Diener. Wenn man an einen echten Butler denkt, ist er notwendig, ja fast definitionsgemäss ein Engländer.» Ivor Spencers International School for Butler Administrators and Personal Assistants versucht diese Behauptung zu widerlegen. Zwar sind die meisten der 23 Schüler dieses Jahrgangs Engländer, doch einige kommen aus den Vereinigten Staaten oder Kanada, aus Skandinavien oder Kontinentaleuropa. Farbige sind allerdings keine zu entdecken - sie fehlen auch, was schon zu Kritik Anlass gegeben hat, unter dem Personal des Buckingham Palace. Immerhin befindet sich unter den zukünftigen Butlern aber eine Frau.

Während der eine Butlerschüler wohl vor nicht allzu langer Zeit noch die Schulbank gedrückt hat, muss ein anderer, schon ergraut, sich im Rentenalter befinden. Die Zeiten, in denen sich einer aus den unteren Chargen eines grossen Herrenhauses über den Unterbutler zum Butler emporgearbeitet hat, sind vorbei: Spencers Studenten waren Air-Force-Piloten, Unternehmer, Restaurantbesitzer, Ingenieure. Sie alle haben einen Schlussstrich unter ihre bisherigen Karrieren (oder deren Scheitern) gezogen, wurden wegen der Rezession oder aus Altersgründen entlassen, haben ihr Studium abgeschlossen oder abgebrochen, haben Bankrott gemacht.

Und alle, so Spencer zuversichtlich, haben beste Chancen, nach Absolvierung des sechswöchigen und immerhin 3055 Pfund (rund 6800 Franken) teuren Kurses eine Anstellung zu finden. Manche haben für die Schule ihr letztes Geld zusammengekratzt oder einen Bankkredit aufgenommen. Was alle treibt, ist die Hoffnung nicht nur auf einen faszinierenden, verantwortungsvollen Job, sondern auch die Aussicht, gewissermassen durch die Hintertür Zugang zu einer Welt zu bekommen, die sie nur vom Hörensagen kennen.

Auch Ivor Spencer hat sich aus eigener Kraft emporgearbeitet: aus ärmlichen Verhältnissen im Londoner East End zum Organisator und «Toastmaster» bei, wie er mit einigem Stolz erzählt, über 800 Festlichkeiten in den königlichen Schlössern. Vom Premierminister und der Princess of Wales wird er, der sein Licht nur sehr ungern unter den Scheffel stellt, mit Vornamen angesprochen. Er ist also einer, der weiss, wovon er spricht, wenn er gewöhnlichen Leuten Etikette und die Geheimnisse der feinen Lebensart beibringt. Einer auch, der weiss, was es heisst, sich seine Träume mit harter Arbeit zu erfüllen.

Die Spezies des Butlers war vor noch nicht allzu langer Zeit vom Aussterben bedroht; ein Beruf, der nicht so recht in die neue Zeit des darniederliegenden, von Labour regierten, nach Modernität und Klassenlosigkeit strebenden Nachkriegsengland passen wollte. Vor dem Zweiten Weltkrieg soll es in Grossbritannien noch 30 000 Butler gegeben haben; zu Beginn der achtziger Jahre, sagt Spencer, seien es noch ganze 70 gewesen.

Dann eröffnete er seine Butlerschule. Bald darauf seien 19 weitere Schulen in England und in den USA dazugekommen. Aber sie alle hätten inzwischen wieder schliessen müssen, seine Schule habe als einzige überlebt. Heute verrichten in England wieder rund 150 Butler ihre Dienste, grossteils Absolventen seiner Schule; dazu kommen jene, die Spencer in verschiedenen Ländern des europäischen Kontinents, in Japan, in Australien, in Hongkong und vor allem in den Vereinigten Staaten placiert hat.

Besonders stolz ist Ivor Spencer darauf, dass er Königshäuser und Adelspaläste mit Butlern «beliefert» hat: Zwei seien im Buckingham Palace untergekommen, je einen hätten der Herzog und die Herzogin von York, einen weiteren der Herzog und die Herzogin von Gloucester engagiert, und einer diene in König Husseins Residenz. Die beiden im königlichen Palast angestellten Butler habe er aus Toxteth, dem berüchtigten Liverpooler Slum, geholt und ihnen Stipendien für seinen Lehrgang geschenkt. In der Regel werden die Absolventen von Leuten angeheuert, die in den Worten Spencers «ernstzunehmend reich» sind. Gewöhnliche Millionäre leisten sich offenbar keinen Butler. «Woran», fragt Spencer unvermittelt seine Schüler, «merkt man, dass jemand wirklich arriviert ist?» «Am Bentley  vor der Haustür», meint einer. «An den Bällen, die einer in seinem privaten Ballsaal veranstaltet», ein anderer. «Falsch», fällt ihm Spencer ins Wort. «Daran, dass er einen Butler hat.» Der Butler sei das höchste - «the ultimate» - Statussymbol.

Wie man einen Rolls-Royce oder eine Luxusjacht bedient, lässt sich notfalls der Gebrauchsanweisung entnehmen. Doch wie behandelt der millionenschwere texanische Neureiche seinen soeben aus dem regnerischen England importierten Butler stilgemäss? Schlägt er ihm als erstes auf die Schulter und ruft: «Just call me Ron!»? Hier hat Spencer vorgesorgt: In der Suite eines Londoner Luxushotels gibt er 48stündige Etikettenkurse für jene, die sich einen Butler leisten wollen. Da wird im Rollenspiel der Tagesablauf von Diener und Herr simuliert.

Als erstes wird dem künftigen Herrn beigebracht, dass er seinen Angestellten korrekterweise mit Nachnamen anzureden habe und nicht mit Vornamen, wie einem dies in Fernsehserien weisgemacht wird. Ein James Bentham also wird nicht mit «James», sondern mit «Bentham» angeredet. Worauf dieser wohl eine Augenbraue kaum merklich hochzieht und mit mild fragendem Unterton antwortet: «Sir?» Damit jemand einen «Gentleman's Gentleman» mit nach Hause nehmen kann, muss er selbst einer werden - oder zumindest lernen, so zu tun.

Loyalität, so wird den Butlerkandidaten eingebläut, schuldet der Butler einzig seinem Herrn. Der Herr geht stets vor. Ivor Spencers Kurs macht auch vor heiklen, aber dennoch realistischen Situationen nicht halt. «Wo und wie», fragt Spencer, «trägt der Butler das Rendez-vous seines Herrn mit der Mätresse ein?» «Im Pantrybook (Haushaltbuch), und zwar im kleinen - und vor allem verschlüsselt», kommt es wie aus der Pistole geschossen. «Und wie lautet die Formel, wenn die Dame des Hauses bei der Rückkehr unter vier Augen fragt, ob His Lordship Mademoiselle X getroffen hat?» «Not to my knowledge, Madam.» (Meines Wissens nicht.) «Und wenn Sie, Patrick, Ihrem Herrn den Early Morning Tea ans Bett bringen und dort eine Ihnen unbekannte Dame vorfinden?» «Dann stelle ich das Tablett ab, öffne die Vorhänge und mache eine beiläufige Bemerkung übers Wetter.» «Und wenn sich die Dame aufsetzt - natürlich hat sie nichts an - und Ihnen einen guten Morgen wünscht?» «Dann wünsche ich ihr auch einen guten Morgen, während ich ihr starr in die Augen blicke und mir unter allen Umständen verbiete, den Blick anderswohin gleiten zu lassen», antwortet Patrick unbeirrt.

Patrick wird zweifellos die Abschlussprüfung mit Bravour bestehen. Er hat begriffen, was Spencer meint, wenn er sagt, dass es bei aller sich möglicherweise im Laufe der Zeit entwickelnden Freundschaft zwischen Diener und Herr eine «feine Linie» gebe, die der Butler niemals aus den Augen verlieren dürfe: freundlich ja, aber niemals vertraulich.

«Kontinentaleuropäer sind ungeeignet, Butler zu werden», so lässt Ishiguro seinen sämtliche Gefühlsregungen erstickenden Protagonisten namens Stevens sinnieren. Denn die Spezies des Kontinentaleuropäers sei, im Gegensatz zur englischen Rasse, ausserstande, sich in emotionalen Situationen zu kontrollieren und Haltung zu bewahren. «Perfection» - kein geringeres Kursziel strebt Spencer an. Wichtigste Voraussetzung für den Weg zur Perfektion in 86 Lektionen ist die Liebe zum Detail. Dazu gehören Ernährung und Körperpflege: zweimal täglich duschen oder baden, niemals, auch nicht ausser Dienst, Zwiebeln, Knoblauch oder Curry zu sich nehmen.

Dazu gehört des weiteren die Verbeugung: 45 Grad plus leichte Schrägneigung des Kopfes bei einem Sir, tiefere Verbeugung bei einem Lord oder einem Angehörigen des Hochadels. «Und bei einem Journalisten?» fragt der unberechenbare Lehrmeister mit einem Seitenblick auf den Zaungast. 23 angehende Butler stehen steif und ziemlich belämmert da. Der Fall ist nicht vorgesehen. Dafür hat der Butler zu lernen, wie man Zeitungen bügelt: damit His Lordship sich nicht etwa mit dem Glattstreichen der gefalteten Zeitung die Hände mit Druckerschwärze beschmutzt. In einer eher skurrilen Szene wird Champagner serviert - die Gläser nicht auf dem Tablett, sondern auf dem Kopf: so wird Haltung gelernt, erläutert Ivor Spencer. Wer am längsten das Glas auf dem Kopf zu balancieren vermag, erhält am Ende des Kurses eine Magnum Moët & Chandon.

Die Umgangsformen des «neuen Butlers», wie ihn Spencer mit seiner Butler-Renaissance kreiert hat, sind weitgehend die alten geblieben, nicht aber die Funktionen. Im Unterschied zu seinem Urbild begleitet der Butler seinen Herrn heutzutage auf Reisen. Zu Hause wie in der Fremde ist er stets für ihn da, umsorgt seinen Meister, betont Spencer, «wie einen Sohn». Manche moderne Butler müssen sogar eine Ausbildung in Kampfsportarten und im Pistolenschiessen mitmachen, weil sie auch noch Leibwächter sein müssen. In den Übungsaufgaben spiegelt sich die vielfältige Tätigkeit des modernen Butlers: Buchung eines Privatjets, Organisation eines Theaterabends mit Galadiner, Suche nach einer geeigneten Privatschule für die Tochter und dergleichen mehr. Anders als sein Vorfahre, der privat bescheiden zu leben hatte, darf der heutige Butler einen recht respektablen Lebensstandard erwarten: Angemessene Unterkunft, Privatwagen, Gehalt um 50 000 Franken jährlich (bei freier Kost und freiem Logis) in England und das Doppelte, wenn nicht noch mehr, in den Vereinigten Staaten.

Ebenfalls im Gegensatz zu früher, als die Dame des Hauses die Einkäufe besorgte, wird der Butler auch immer mehr zum Hausmanager, dem die Vorratsbeschaffung unterstellt ist. Deshalb treffen sich die Kursteilnehmer eines schönen Morgens bei Fortnum and Mason, inspizieren dort die Lebensmittelabteilung und arbeiten sich anschliessend systematisch durch die exklusiven Spezialgeschäfte Londons. Nur das Beste ist gut genug für das leibliche Wohl ihres Herrn und dessen Gäste, wird ihnen Tag für Tag gepredigt. Der Preis sei kein Gesprächsthema, wohl aber der Wert. Weil dort die Preise überhöht seien, wird den Schülern zum Beispiel nahegelegt, nie in der Food-Hall bei Harrods zu kaufen. Doch auch die Kandidaten der Butlerschule haben strengen Qualitätsmassstäben zu genügen: einem wenig erfolgversprechenden Schüler wurde kürzlich das Verlassen des Kurses nahegelegt.

Bei Lobbs, einen Steinwurf von St. James's Palace entfernt, lernen die Butlerschüler, was Qualität und Tradition bedeuten; bei Lobbs, der nur Schuhe nach Mass und nicht unter 1300 Pfund Sterling verkauft, bei dem die gesamte englische Königsfamilie seit Generationen einkauft und wo man die Fussabdrücke bekannter Kunden - von König Faruk über Bismarck, George V, Haile Selassie bis Frank Sinatra - sowie gigantische Gestelle mit 20 000 verstaubten Holzleisten besichtigen und einen 82jährigen italienischen Altmeister bei der Arbeit beobachten kann. Bei Moët & Chandon werden den angehenden Butlern sodann die Geheimnisse des Champagners offenbart - der wird schliesslich in der High Society, der echten und mehr noch in jener, die sich dafür hält, eine zentrale Rolle spielen, und der Butler, der ja vom «Bouteiller», dem Kellermeister, seinen Namen hat, muss vor allem anderen lernen, wie man eine Champagnerflasche stilvoll entkorkt: indem man die Flasche dreht, und nicht etwa den Korken. Und um Gottes willen nicht mit einem Knall, sondern, so schwärmt kennerhaft der Lehrmeister, «mit einem leisen Seufzer . . .».

Charles E. Ritterband ist NZZ-Korrespondent in London.


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