NZZ Folio 07/05 - Thema: Fleisch   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Genäht für die Ewigkeit

© Patrick Rohner
Trainerjacke «Supergirl Jacket», Nylon/Polyester, Adidas Originals, 100 Franken. Linktext
Von Jeroen van Rooijen

Genäht ist so ein Adidas-Trainerjäcklein vermutlich in drei Minuten: ritsch, ratsch werden im fernen Vietnam die zwanzig Stoffstücke mit der Vierfaden-Overlock-Maschine aneinandergefetzt. Solche Nähte sind schlicht, aber hart im Nehmen. Das zeigt sich auch beim Zerlegen des «Supergirl Jacket», das sich vier Mannstunden lang dagegen wehrt, seine Geheimnisse preiszugeben. Doch ist der Daumen einmal wund von der Metzgete, versteht man erst, warum in Brockenhäusern manchmal auch dreissig Jahre alte Trainerjacken in praktisch einwandfreiem Zustand zu finden sind: Material und Verarbeitung dieser Adidas-Klassiker sind von unverwüstlicher Qualität.

Man könnte vermutlich eine Stange Dynamit in der Seitentasche dieses Kleidungsstücks zünden, und das Teil würde dennoch kaum Schaden nehmen. Es sei denn, der Nylon-Polyester-Mix würde die Hitze der Detonation nicht ertragen. Doch auch da scheint sich Adidas abgesichert zu haben: Ein normal heisses Bügeleisen kann dem leicht dehnbaren Material, aussen glatt und innen aufgerauht, wenig anhaben. Es wirkt zwar primitiv, doch das ist es keineswegs.

Die Ärmel-, Hals und Bundabschlüsse am Saum sind aus einem fein gerippten Synthetik-Elast gearbeitet. Auch die innen mit Vlies verstärkten Taschenborten sind aus demselben Stoff. Den zweigeteilten Raglan-Ärmel ziert ein mintfarbenes Band mit den drei Streifen von Adidas. Auf der linken Brust ist das schöne alte Logo der Firma aufgestickt, das heute nur noch für die «Originals»-Linien verwendet wird. Bei der Performance-Sportswear hat eine schnöde «Treppe» aus drei Balken dem organischen Zeichen Platz gemacht.

Das Schnittmuster birgt wenig Überraschungen: Die Jacke ist aus praktisch geraden Stücken genäht, Taillierungen und Abnäher gibt es keine, und auch sonst wurden zu viele Kurven tunlichst vermieden. Gerade Nähte lassen sich bekanntlich schneller nähen – mitunter so schnell, dass es auf Kosten der Genauigkeit geht, wie sich beim Zerlegen zeigt. Allerdings kommt es bei diesem Modell auch nicht auf den Millimeter an – hier Couture-Pedanterie an den Tag zu legen, wäre vermessen.

Die Pflegehinweise und sonstigen Etiketten sind eine subtile Machtdemonstration der Weltmarke Adidas: In nicht weniger als 15 Sprachen ist zu lesen, dass man die Jacke nur mit ähnlichen Farben waschen soll, und ein für Laien nicht interpretierbarer, würfelförmiger Code garantiert die Echtheit des Produkts. Schliesslich kommt aus der Ecke, wo das Original genäht wird, auch ein gerüttelt Mass an Fälscherware.

Natürlich offenbart das Jäckchen weit mehr als diese technischen Kniffe. Es könnte prototypisch dazu dienen, den Einfluss der Sportbekleidung auf die Alltagsmode zu dokumentieren. Es ist ein geeignetes Lehrstück, über die «Balkanisierung der Dresscodes» («Sonntagszeitung») nachzudenken. Also schauen Sie bitte in einem Monat wieder auf dieser Seite vorbei, wenn die Trainerhose zum hier abgebildeten Jäckchen unters Messer kommt. Schliesslich ist das Oberteil erst die Hälfte eines Trainingsanzugs.




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