NZZ Folio 07/94 - Thema: Zum Mond   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- So stille?

Von Peter Haffner

Vor 25 Jahren, am 21. Juli 1969 um 3 Uhr 56 MEZ, setzte der erste Mensch seinen Fuss auf Boden, den vor ihm kein Lebewesen betreten hatte. Ein Stück jener Terra incognita, die sich ausserhalb der Erde befindet, war wenn nicht erobert, so doch entjungfert - der Trabant, unwirtlich und fern, endlich unser.

Wie sehr das Ereignis unser Verhältnis zum Mond verändert hat, illustriert eine Bemerkung Schopenhauers in seiner «Welt als Wille und Vorstellung»: Der Mond, sagt der Philosoph, sei «ein Gegenstand der Anschauung, aber nie des Wollens», deshalb so wohltätig, beruhigend und erhebend. Dem irdischen Treiben ewig fremd, lasse er unser Bewusstsein als ein rein erkennendes zurück, und wir fühlten, dass wir diesen Anblick mit Millionen teilten, deren individuelle Verschiedenheit darin erlösche - im Betrachten sind wir Eines.

Es waren die Amerikaner, die den Mond eroberten, aber sie haben es im Namen der Menschheit getan; und der auffällige Hinweis darauf geschah vielleicht weniger aus Überheblichkeit denn aus Bescheidenheit, aus Respekt vor dem, was Schopenhauer in umgekehrter Weise das Gefühl der Zusammengehörigkeit angesichts des Unerreichbaren war.

Das Universum macht den Menschen zum Gattungswesen. Alle Unterschiede werden bedeutungslos vor jener Differenz, die uns von den Weiten des Alls trennt, die nach heutigem Wissen ohne Leben sind.

Neil Armstrongs Fussspuren werden, wie jene der elf Astronauten, die ihm nachfolgten, über Jahrmillionen erhalten bleiben. Auf dem Mond gibt es weder Wind noch Wetter, und nur Meteoriteneinschläge können sein Aussehen verändern. Es ist eine merkwürdige Vorstellung: Wenn es die Menschheit längst nicht mehr gibt und die Spuren unseres Daseins auf der Erde getilgt sein werden, wird dieses Zeugnis des Menschen bleiben, an einem Ort, der nicht der seine war. Möglich, dass einmal Wesen von einem anderen Stern dort vorbeikommen, die herumliegenden Rucksäcke, Vehikel und Kameras betrachten und sich fragen, wer hier ein Picknick abgehalten hat. Der Mond wird schweigen - und damit, wie schon immer, das Raten um sein Rätsel eröffnen.


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