«DO YOU HAVE A FREE SAMPLE?» Die Angestellten des Bureau of Engraving and Printing (BEP) in Washington D. C. haben bei dieser Frage dasselbe matte Lächeln auf den Lippen wie die Uelis und Claudias dieser Welt bei Bemerkungen wie «Ueli - Chueli!» oder «Claudia Schiffer?» Die Frage nach Gratismustern ist der Standardscherz, tausendfach wiederholt von Millionen Besuchern, die sehen wollen, wie die Behörde nach ihrem Motto handelt: «Wir verdienen unser Geld auf die gute alte ehrliche Art - wir drucken es.»
Nach Waffen-, Taschen-, Passkontrolle und mehreren Telefonaten zwischen den Sicherheitsleuten und dem Sekretariat von Larry Felix, dem PR-Chef des BEP, ist klar, dass ich ich bin und also erwartet werde. Claudia Dickens - «Hello, I'm Claudia» - bringt mich zum Büro ihres Chefs, der mich distanziert-freundlich begrüsst. Lange Samtvorhänge, ein tiefblauer Teppich, schwere, dunkle Holzmöbel, dickgerahmte Landschaftsbilder und diese Ledersessel, die pfüüh! machen, wenn man sich setzt, aber auch ein Fernseher, mehrere Telefonapparate und ein Riesencomputer - mit dieser Mischung aus Tradition und Moderne also kommuniziert Larry Felix das Symbol des Kapitalismus, das Geld des Geldes, kurz: den amerikanischen Dollar.
«Wir glauben, dass Geld viel über das Selbstverständnis einer Nation aussagt», sagt Mr. Felix, der jeden zweiten Satz mit einem Stirnrunzeln und einem «wir» anfängt. Was das Design des Dollars betreffe, habe man sich für traditionelle Werte entschieden, der Dollar müsse schliesslich weltweit Akzeptanz finden und wiedererkennbar sein. Auf der Vorderseite die Portraits von verstorbenen amerikanischen Staatsmännern, von Washington auf der Eindollarnote bis hin zu Franklin auf der Hundertdollarnote, auf der Rückseite die amerikanische Geschichte: das grosse Siegel der Vereinigten Staaten, das Lincoln-Denkmal, das Weisse Haus oder das Capitol - an diesem Grundkonzept ist seit 1928 nicht gerüttelt worden. Und seit 1955 ist gesetzlich festgelegt, dass sowohl Münzen wie auch Scheine das Motto «In God We Trust» tragen müssen. Er, Larry Felix, findet das passend, denn schliesslich steht die amerikanische Währung weltweit für Stabilität und Vertrauenswürdigkeit. Wieso alle Noten, ob 1 $ oder 100 $, gleich gross und alle schwarz-grün und also schlecht unterscheidbar sind? «Wir wollen eben, dass die Leute sich jede Note genau anschauen und sich mit ihr auseinandersetzen.» Natürlich diskutiert man über Farben, auch über die Sujets. Eine Eindollarmünze mit dem Portrait von Susan B. Anthony, einer Frauenrechtlerin der ersten Stunde, ist geplant. Aber grundsätzlich muss der traditionelle Weg weitergegangen werden, davon ist Mr. Felix überzeugt: «Die amerikanische Währung wird zu über 50 Prozent ausserhalb der USA benützt. Wir symbolisieren Kontinuität, konservative Eleganz und historisches Bewusstsein.» Aber sind die neoklassizistischen Gebäude auf der Rückseite nicht sehr mittelmässig? «Sicher, Sie können immer über Ästhetik debattieren, aber wir ziehen es vor, uns an das Bewährte zu halten. Farben und Hologramme wie in der Schweiz, das ist nicht unsere Sache. Überdies produzieren wir unsere Noten für 4 Cent pro Note, die Schweizer verbrauchen 13 Cent, wenn ich richtig informiert bin.» Aber ist die Note nicht sehr fälschungsanfällig? Warum sonst nehmen die New Yorker Taxifahrer keine 50- und 100-Dollar-Noten an? Felix wird energisch: «Das ist vor allem ein Problem des Auslands, wo die 100-Dollar-Note verwendet wird. Aber mir ist kein Fall bekannt, wo die neue, 1996 in Umlauf gebrachte 100-Dollar-Note gefälscht worden wäre.»
Nach seinem persönlichen Verhältnis zum Geld befragt, sagt er: «Geld darf für uns hier nichts als Farbe auf Papier sein.» Warum? «Die Versuchung.» Wirkt sie? «Wissen Sie, wir machen alles für die Sicherheit: Körperkontrollen, Videokameras - aber niemand kann vorhersagen, was er tut, wenn er Millionen von Dollars in die Hände bekommt.» Mr. Felix' Blick wird finster. «In den letzten zehn Jahren gab es nur vier Versuche. Und drei der vier Täter wurden verhaftet, verurteilt und eingesperrt.» Mr. Felix zieht leicht angeekelt die Schultern hoch. «Als Beispiel kenne ich nur einen Fall der Britischen Nationalbank, wo ein Ingenieur in das Förderband der zur Vernichtung bestimmten Noten einen Haken einbaute, so dass eine Menge der Noten nicht in die Shredderanlage fiel, sondern in einen separaten Behälter. Böse Menschen können sehr geschickt sein.»
Die Drucker, Polizisten, Ausläufer, Souvenirverkäufer, Verwalter, Direktoren am BEP sind das Gegenteil von böse. Praktisch alle haben eine massive Sicherheitsüberprüfung hinter sich - mit Befragung von Nachbarn, Steueramt, Verwandten, Banken und Polizeicomputer. Schuldenfreiheit, Bescheidenheit beim Geldausgeben, beste Zeugnisse, diverse psychologische Tests, ein lupenreines Strafregister sind Bedingung für einen Job an der 1500 Pennsylvania Avenue, Washington D. C. Wer mit fünfzehn ein Sixpack Bier geklaut hat, wird hier höchstens als Besucher hereingelassen. Unwillkürlich schaut man den Angestellten in die schwarzen, gelben, weissen, jungen, alten, weiblichen, männlichen Gesichter und fragt sich: Sieht man etwas? Gibt es ein gemeinsames physisches Merkmal für Ehrlichkeit und solide Lebensführung? Man entdeckt nichts.
Die 700 000 Besucher jährlich werden in Cars durch die breiten Avenuen von Washingtons Regierungsviertel gefahren, wo zuckergussweisse neoklassizistische Blöcke in Grünflächen stehen. Die Besichtigungstour im BEP ist gratis und eine Erholung für die Busfahrer. Gruppen drängeln sich über eine verglaste Galerie von 50 Metern Länge, die den Blick auf die Maschinen und die Scheitel der Drucker freigibt. Der Kommentar wird von einer Tonbandstimme gesprochen. Der Ort gleicht jeder anderen Druckerei. Zwei Lagerräume für Papier und Utensilien, kahle Wände, dann eine Druck-, eine Schneide- und eine Sortiermaschine, gestrichen in Himmelblau, Khaki und Badewannenentengelb. Es rasselt und rattert gedämpft durch das Sicherheitsglas, es riecht nach dem Öl der Intaglio-Druckfarbe, die Maschinen zucken spastisch, und die ehrlichen Drucker rücken mal die Brille, mal einige Hebel zurecht und winken wie freundliche Zootiere den winkenden Galeriebesuchern zurück.
Die sinnliche Qualität des Geldes - sichtbar im Herumwühlen der Bankräuber oder des reichsten Erpels der Welt in Geldhaufen, fühlbar in der angenehmen Dicke und Wärme eines fetten Notenbündels in der Tasche - ist hier kaum spürbar. Die einzig aufregende Wahrnehmung liegt in den Zahlen: «Dieser Stapel Papierbögen wird mit 100-$-Noten bedruckt, die den Wert von 1,3 Millionen $ besitzen»; «Jedes dieser Bündel enthält 200 000 $ in 50-$-Noten»; «Pro Tag stellt das Bureau of Engraving and Printing 38 Millionen Noten im Wert von ca. 541 Millionen $ her»; «1996 wurden über 9,4 Milliarden Noten im Wert von 195 Milliarden $ gedruckt.» Das wirkungsvollste Schild steht am Ende der Tour, neben dem Mann, der die paternosterförmige Zählmaschine kontrolliert: «Denk nach, wie mir zumute ist. In den letzten fünf Minuten habe ich so viel Geld gedruckt, wie ich in meinem ganzen Leben verdienen werde.»
Der Produktionsvorgang ist langweilig anzusehen und doch präzis und aufwendig. Die Presse für die 32er-Bögen fällt über 8000mal die Stunde mit einem Druck von 20 Tonnen über das Papier her, das aus 25 Prozent Leinen und 75 Prozent Baumwolle besteht. Die Rückseite wird zuerst bedruckt, dann werden die Bögen 24 bis 48 Stunden lang getrocknet, schliesslich durch die Maschine mit schwarzer Tinte gejagt, wieder getrocknet, in der Mitte entzweigeschnitten und kontrolliert. Das ist der härteste Job. Er setzt zwei Jahre Training voraus, enorme Schnelligkeit und die Konzentration eines Mikado-Weltmeisters: Die Schichten der Kontrolleure dauern nie länger als vier Stunden, und ihre Gesichter sehen vor Anstrengung und Gedankenlosigkeit aus, als würden sie träumen. Der nächste Schritt ist der Aufdruck der Siegel auf die 16er-Bögen, das Siegel der zwölf Federal Reserve Banks, dann das Siegel des Department of Treasury und die grüne Seriennummer. Es folgen zwei Guillotinen, eine schneidet längs, eine quer. Schliesslich werden die Noten von einer Zählmaschine erfasst, gebündelt und in einen kleinen Paternoster geschoben, auf dem sie am letzten Kontrolleursauge vorbei zur Einschweissmaschine ruckeln, die 40 saubere Bündel von je hundert Noten in Plastic einschweisst. Ein solches Paket hat ein Gewicht von 3 Kilo 696 Gramm. Glücklich, wer geschickt und böse genug ist, eins davon stehlen zu können.
Noch lukrativer wäre der Überfall auf einen der Transporter, der die frischen Dollars aus Washington D. C. oder aus Fort Worth, Texas, der zweiten Dollardruckerei, in eine der zwölf Federal Reserve Banks (FRB) bringt, wo sie in Umlauf gebracht werden. Die FRB sind staatliche Institutionen, bei denen die privaten Bankinstitute das überschüssige Bargeld einlagern oder neues beziehen. (Hauptnachfrage nach Cash besteht in den Urlaubszeiten und vor allem - In Santa Claus We Trust - vor Weihnachten.) Die FRB untersuchen die gebrauchten Noten maschinell auf Verschmutzung, Risse und Spannkraft. Je nach Wert haben sie eine unterschiedliche Lebensdauer, die Eindollarnote wechselt am häufigsten die Hand und ist in der Regel nach achtzehn Monaten am Ende, die 10-Dollar-Note nach drei Jahren, die 50- und 100-Dollar-Noten halten durchschnittlich neun Jahre durch. Das Drittel, das die Qualitätskontrolle nicht besteht, wird sofort geshreddert und ersetzt. Die Dollarschnipsel enden als en gros verkauftes Isoliermaterial oder en détail in kleinen Säckchen, die als Souvenir verkauft werden.
Senior Vice President der FRB New York ist Mr. Peter Bakstansky. Er ist - im Juni 1997 - der einzige Mensch in dieser riesigen Stadt, der ein Exemplar der neuen 50-Dollar-Note besitzt. Sie hat - wie die neue 100er-Note - ein grösseres Präsidentenportrait (zwecks schnellerer Wiedererkennbarkeit), eine vergrösserte «50» (für Sehschwache), eine bei Lichteinfall auf graugrün wechselnde Eckzahl, ein Wasserzeichen und einen Sicherheitsmetallstreifen (gegen Fälschung). «Entscheidend ist nicht das Design», sagt der Besitzer, «sondern die Fälschungssicherheit.»
Wie die 50-Dollar-Note ist Mr. Bakstanskys Arbeitszimmer eine Mischung aus Tradition und Funktionalität. Tradition, und durchaus geschmacksvolle, das sind der antike Globus, Originalkatzenlithographien von Ronald Searle, der Biedermeiersekretär und das in einer Marmorschüssel gezüchtete Efeu; Funktionalität verbreiten der hässliche Büroschrank, das 08/15-Regal und die graue Tünche an den Wänden, die trotz allen Bemühungen die Hoffnungslosigkeit eines Büros ausstrahlen. Den Shredderautomaten möchte die Besucherin noch gerne besichtigen, aber Mr. Bakstansky sagt «No». Erstens gebe es strenge Sicherheitsvorschriften, des weiteren sei es nur ein unspektakulärer Automat, in dem die schlechten Noten sofort geshreddert würden. «Aber - falls Sie eine interessante Geschichte hören wollen: In der britischen Nationalbank gab es einmal einen Ingenieur, der in das Förderband der zu vernichtenden Noten eine Vorrichtung einbaute, die . . .»
Ja, die Geschichte ist bekannt. Bereits vor 2000 Jahren sagte der Prophet Jesus Sirach, der - ganz wie es die Dollarnote propagiert - auf Gott vertraute und auch das Begehren der Menschen nach Gratisgeldmustern kannte: «Wer Geld liebhat, der bleibt nicht ohne $ünde.»