Im ersten Tschetschenien-Krieg vor sechs Jahren warf die russische Luftwaffe binnen zweier Monate eine Bombenlast auf die tschetschenische Hauptstadt ab, die der Sprengkraft dessen entsprach, was im Zweiten Weltkrieg auf Berlin niederging. Grosny, einst die Perle unter den Städten des Kaukasus, sah aus wie von einer schrecklichen Hautkrankheit befallen. Wohin man blickte: Bombenkrater, Trümmer, zerschossene Häuser mit ausgebrannten Fensterhöhlen. Grosny schien tot. Dass sich die Zerstörung noch steigern liesse, überstieg jegliche Vorstellungskraft.
Heute, im zweiten Tschetschenien-Krieg, ist Grosny nur noch ein Name auf der Landkarte. Rund um den Minutakaplatz steht kein Stein mehr auf dem anderen. Aus der Kraterlandschaft ragen nur noch der hohle Liftschacht eines ausgebombten Wohnturms und von Hitze und Druck verformte Metallteile. Nachdem die Russen Grosny für erobert erklärt hatten, kletterten einzelne Überlebende mit wächsernen Gesichtern aus den Katakomben. Zwanzigtausend sollen noch ausharren. Der ehemalige Stadtkern ist gesperrt, einzig die Kontrollposten der Armee sind noch Orientierungspunkte.
Russland hat Grosny in der Überzeugung geschleift, damit den Widerstand der Tschetschenen für immer brechen zu können. Mit blindwütiger Gewalt soll erreicht werden, was die Zaren und Kommunisten in Jahrhunderten vergeblich versucht hatten.
Die Landbrücke zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer hat die umliegenden Grossmächte seit je gereizt. Wer nach der Weltherrschaft trachtete, der zog mit Heer und Tross in den Kaukasus. Doch alle bissen sich früher oder später an der grossen Gipfelmauer des Elbrus, die Vorderasien von Europa trennt, die Zähne aus. In der zerklüfteten Bergwelt des Kaukasus scheiterten Alexander der Grosse und unzählige römische Legionen. Dschingis-Khans wilde Horden zerbrachen am Wehrwillen der Bewohner, türkische und persische Heere verendeten in den kaukasischen Schlünden.
Das Zarenreich im Norden näherte sich dem Kaukasus erst spät und eher unentschlossen. Als Zar Boris Godunow 1604 Dagestan angriff, vernichteten die Dagestani und ihre osmanischen Verbündeten das russische Heer bereits in der nogaiischen Ebene; sie warfen die Moskowiter auf die alte Frontlinie bei Astrachan zurück. 200 Jahre vergingen, bis die russische Krone erneut versuchte, die Bergvölker botmässig zu machen.
Die Unterwerfung des Grossen Kaukasus zählt zu den blutigsten militärischen Unternehmungen der russischen Geschichte. Im 19. Jahrhundert standen zeitweilig 300 000 Mann am kaukasischen Nordhang unter Waffen. Die gigantische Armee verpulverte einen Sechstel des russischen Staatssäckels. 1864, nach siebzig Jahren Krieg, hatte die Wucht und rasende Wut der russischen Militärmaschinerie die Bergler schliesslich erdrückt und aufgerieben. Doch die Siegesbotschaft war verfrüht; die Hoffnung der Kolonialherren, von nun an würde sich der Kaukasus dem Zaren unterordnen, erwies sich als Trugschluss. Demut und Schicksalsergebenheit widersprechen dem Ehrenkodex der Kaukasier. Wann immer sich die Chance bot, das koloniale Joch abzuschütteln, griffen die Bergvölker zu den Waffen. Der Kaukasus ist bis heute Russlands Unruheherd geblieben.
Im Kaukasus leben fünfzig Völker, jedes mit einer eigenen Sprache. Es ist vor allem diese Unübersichtlichkeit, die Invasoren Probleme bereitet, zumal die Ethnien oft in noch kleinere Einheiten zerfallen: Stämme, die nur gegenüber dem Clan oder der Dorfgemeinschaft loyal sind. Trotz der Vielfalt von Völkern, Sprachen und Dialekten teilen die Gebirgler eine gemeinsame Kultur, ihre Sitten und Wertvorstellungen sind sich ähnlich. Gastfreundschaft und Blutrache sind zentrale Tugenden. Freiheit gilt als höchstes Gut. Für die Awaren, eines der Völker Dagestans, sind Mensch und Freiheit identisch: Ihre Sprache benutzt für beide dasselbe Wort.
Erst unter dem Druck der russischen Eindringlinge schlossen sich die «Gorzy» (russisch für Bergler) nach und nach zusammen. Zunächst die Tschetschenen und die Volksstämme Dagestans im Osten des Kaukasus, dem Zentrum einer islamischen Reformbewegung. Nur aus der Besinnung auf den «wahren Islam», predigten die mystischen Bruderschaften der Nakschibendi, lasse sich die nötige Kraft für einen dauerhaften Widerstand schöpfen. Ihre legendären Heerführer verkörperten die militärische und geistliche Autorität in einer Person. Einer der mythischen Krieger, Scheich Mansur, führte dann als erster Tschetschenen und Dagestani gemeinsam gegen Russland in den Krieg - vor über zweihundert Jahren.
Die Freiheit und Selbstverwaltung der «Gorzy», hiess es damals aus St. Petersburg, seien mit der «Würde und Hoheit des Zaren unvereinbar». Ungeduldig befahl Nikolaus I. die «endgültige Befriedung der Bergvölker oder Ausrottung der Unbotmässigen». General Jermolow, der Bezwinger Napoleons, der 1816 den Oberbefehl über den Kaukasus und Georgien hatte, entschied sich für die Vernichtung - wie nach ihm viele russische Generäle. Wer Napoleon unterwirft, der dürfte mit den knorrigen Wilden aus der Höhe ein leichtes Spiel haben, so glaubte man in der Hauptstadt. Ähnlich denkt man heute: Wer den USA im kalten Krieg Paroli bietet, wird sich doch nicht von einem störrischen Bergvolk im eigenen Hinterhof demütigen lassen.
«Ich wünsche, dass der Schrecken meines Namens unsere Grenzen nachdrücklicher schützt als eine Kette von Festungen», sagte Jermolow, «und mein Wort den Eingeborenen als Gesetz erscheint, unerbittlicher als der Tod.» Jermolow rottete alles aus, was sich ihm in den Weg stellte; er liess ganze Wälder brandroden, um den Feind nicht aus dem Visier zu verlieren.
Im Frühjahr 2000 wiederholt die russische Armee Jermolows Taktik. Sie «befreit» die tschetschenische Ebene. Den Gefechten folgen die «satschistki», Säuberungen. Sonderkommandos durchkämmen Haus um Haus nach Rebellen. Doch welcher Freischärler würde warten, bis der Feind kommt, um seine Papiere zu überprüfen? Die Säuberungen richten sich eigentlich gegen die Zivilbevölkerung. Wer nur sein Hab und Gut verliert, darf sich glücklich schätzen. Im Dorf Alchan-Jurt blieben vierzig der Überprüften als Leichen zurück. Alle Männer im wehrfähigen Alter stehen unter «Terrorismusverdacht». Sie werden in ein «Filtrationslager» gebracht, wo sie gefoltert und misshandelt, manche kurzerhand getötet werden.
Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts bewirkte der totale Terror jedoch das Gegenteil dessen, was Russland beabsichtigte. Das gnadenlose Vorgehen weckte den erbitterten Widerstand der Tschetschenen. Dennoch meldete Jermolow 1824 dem Hof Vollzug: «Das stolze kriegerische und bis dahin unbesiegte Land liegt zu den geheiligten Füssen Eurer kaiserlichen Majestät.» Wie oft hat die Generalität in den beiden letzten Tschetschenien-Kriegen die Eroberung der Hauptstadt Grosny nach Moskau gemeldet? Das Siegesgeheul, ein billiger Ruf der Generäle nach Orden und Ehrenzeichen, vertuschte damals wie heute die Wahrheit.
Dem «Endsieg» Jermolows folgte ein Grauen ohne Ende. 1829 vereinigte sich der Nordkaukasus unter dem Banner des «Ghazawat», des Heiligen Krieges gegen Russland. Tscherkessen, Adygeier, Kabardiner, Balkaren, Inguschen, Nogaier, Awaren, Darginer und selbst die moskaufreundlicheren Osseten reihten sich in die antirussische Phalanx ein.
Zum Anführer kürten sie den Awaren Imam Schamil, der den ganzen Nordkaukasus in ein theokratisches Staatswesen mit einer straffen Verwaltung und einer disziplinierten Armee verwandelte. Die vereinigten Bergvölker waren weitgehend autark, sie produzierten ihre Waffen selbst. Fast 30 Jahre leitete Schamil den Widerstand gegen die Russen, die weder Verluste noch Ausgaben scheuten, die Aufständischen endgültig zu unterjochen. 1859 nahmen die Soldaten des Zaren Schamil gefangen, fünf Jahre später kapitulierten auch die letzten kämpfenden Kaukasier, die Tscherkessen. Fast eine Million dieses nordkaukasischen Volkes wurde vertrieben oder emigrierte in die Türkei und den Vorderen Orient. Die Saat des Hasses war gesät.
Das postsowjetische Russland hat aus der Geschichte nichts gelernt. Getrieben von abgrundtiefer Verachtung gegenüber den Kaukasiern, wird einmal mehr Krieg gegen das rebellische Bergvolk geführt. «Der Tschetschene kriecht ans Ufer und wetzt sein Messer», schrieb im 19. Jahrhundert der Dichter Michail Lermontow. Als Räuber, Diebe und Verbrecher werden die Tschetschenen bezeichnet. Sie sind, wie Putin sagt, «Banditen». Bewusst suggeriert die Propaganda eine semantische Angleichung von «Tschetschene» und «Muslim» mit «Terrorist». Da es kaum möglich sei, vom Aussehen her einen Tschetschenen von einem Bürger Dagestans, einem Armenier oder Georgier zu unterscheiden, wird auch die Differenzierung zwischen «Terrorist» und «Person kaukasischer Nationalität» (lizo kawkaskoi nationalnosti) aufgehoben. Russlands Volksmund schimpft die Kaukasier «tschernye» - «Schwarze». «Person kaukasischer Nationalität» klingt bürokratisch umständlich, scheint ansonsten aber wertfrei zu sein. Das ist ein Irrtum. Das Russische verwendet für «Gesicht» und «Person» dasselbe Wort, nämlich «lizo». Das heisst, wer ein kaukasisches Gesicht hat, ist eine «Person kaukasischer Nationalität», was dann wiederum soviel bedeutet wie «Mitglied einer terroristischen Vereinigung» - allein seines Aussehens wegen. Mit diesem offenen Rassismus zementiert der Kreml das Feindbild.
In über zwei Jahrhunderten gestanden die russischen Kolonisatoren nur einem einzigen Kaukasier ein Gesicht zu: Dem Rebellenführer Imam Schamil, der sich auch im Westen grosser Popularität erfreute. Europas Gazetten rissen sich um Geschichten und Gerüchte über den legendären Helden und verglichen ihn mit Abd-el-Quader, dem Anführer der Berber in Algerien.
Die neuen Helden, Dschochar Dudajew und Schamil Basajew, die selbsternannten Nachfolger Schamils, verdanken ihre Popularität dem Geschick, mit dem sie die Russen vorführten, und den ungeschickten Reaktionen des Kreml. Der ehemalige sowjetische Luftwaffen-General Dudajew spielte Katz und Maus mit Moskau, schon 1991 proklamierte er Tschetscheniens Unabhängigkeit. Doch erst nachdem die russische Armee Weihnachten 1994 in Tschetschenien einmarschiert war, schlossen sich hinter ihm die Reihen. Der Warlord Schamil Basajew drang im Juni 1995 tief ins russische Territorium vor, besetzte das Krankenhaus in Budjonnowks und zwang Moskau damit indirekt zum «Schandfrieden von Chasawjurt». Das Abkommen, in dem sich Russland zum Truppenabzug verpflichtete und die endgültige Klärung der Zugehörigkeit Tschetscheniens ins Jahr 2001 vertagt wurde, wird mit dem zweiten Tschetschenien-Krieg gebrochen und die Schmach gerächt.
Im 19. Jahrhundert hatte der Westen keinen Grund, sich über das Vorgehen der Russen aufzuhalten. Auch die westlichen Kolonialmächte kolonisierten «Wilde» im Namen des Fortschritts. Gleichwohl gibt es Unterschiede. Die Russen liessen sich von der westlichen Orientalistik, deren Bildern, Metaphern und Vorurteilen leiten. Das zaristische Russland verbaute oder verbot seinen Bürgern, auch Wissenschaftern, einen unvoreingenommenen Blick auf die eroberten «Wilden». Den westlichen Armeen hingegen folgten Verwaltungsbeamte und irgendwann Bürger, die die Kultur, Sitten und Sprachen der Unterworfenen erforschten - und sei es im Interesse der Herrschaftsausübung. Trotz einem Überlegenheitsgefühl zeigte Europa sich interessiert zu erfahren, wie die Welt, die es unterwarf, aussah. Das förderte einen gewissen kulturellen Austausch. Und verleitete dazu, die eigenen Verhältnisse zu reflektieren.
Die russischen Eliten hingegen wähnten sich so überlegen, dass sie nicht einmal neugierig waren. Oder wehrten sie mit ihrer Arroganz die Minderwertigkeitsgefühle ab, die sie trotz ihres demonstrativen Europäertums gegenüber dem Westen hatten? Lenin gestand Russland zwar die Rolle einer Kolonialmacht zu, betonte indes Russlands halbkolonialen Status. Was an Fortschritten in der Industrie und im Transportwesen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreicht wurde, basierte vornehmlich auf ausländischem Kapital und moderner westlicher Technik. Aus eigener Kraft wäre die Autokratie dazu nicht in der Lage gewesen.
Die Expansion gegen Süden offenbarte zudem einen eigentümlichen Wesenszug Russlands als Kolonialmacht. Russland hat nie versucht, den Nordkaukasus ökonomisch auszubeuten. Der Gebirgszug mit seinen kantigen Bewohnern stand ihm bloss im Weg, er verriegelte den Zugang zum christlichen Georgien, das sich Anfang des 19. Jahrhunderts - aus Furcht vor den muslimischen Nachbarn - unter seine Schutzherrschaft begeben hatte. In Georgien nämlich sahen die Zaren einen Aufmarschplatz, von dem aus sie nach Persien und in das Osmanische Reich vorstossen konnten. Schon damals wunderten sich die europäischen Mächte, wie das von Krisen heimgesuchte russische Reich die Lasten tragen und die Kolonialaufgaben lösen wollte. Aber der Anreiz zur uferlosen Landnahme schien unwiderstehlich.
Auch heute verbaut die russische Fixierung auf eine Reichs-Idee den Blick auf eine mögliche Lösung des Konfliktes. Der fehlende Respekt der Russen, ja die Verachtung für das Fremde im eigenen Haus hat die Zeit des Sozialismus überlebt. Anatoli Nowoselzew, ehemaliger Direktor des Moskauer Instituts für Orientkunde, räumt freimütig ein: «Unsere Historiker, die sich mit der Geschichte der nichtrussischen Nationalitäten befassen, beherrschen deren Sprachen in der Regel nicht, noch machen wir Anstalten, diese Sprachen zu lernen.» Während der Sowjetherrschaft ist nicht eine Studie erschienen, die sich den kulturellen und soziologischen Problemen der anderen Völker gewidmet hätte. Und auch 1994 gab es in der russischen Armee keine Sprachkundigen, die den tschetschenischen Funkverkehr hätten abhören können. Derweil sprechen die Tschetschenen in der Regel gut Russisch.
Die Rebellion der nichtrussischen Völker der ehemaligen Sowjetunion traf die russische Intelligenz aus heiterem Himmel. Die Erlösungsparolen des Sozialismus und des Internationalismus, die sich mit einem unterschwelligen Rassismus verbanden, verblendeten auch die Intellektuellen. Ihre Empfindsamkeit versagte, wo Empfindungen und Gefühle der anderen verletzt wurden. War es so schwierig zu verstehen, dass Denkmäler General Jermolows, die gleich in Serie aufgestellt wurden, in kaukasischen Dörfern die Gefühle der Einheimischen verletzen mussten? Die postkommunistische Intelligenz hat es versäumt, die sowjetische Geschichte aufzuarbeiten und die stalinistischen Verbrechen an den kaukasischen Völkern zu thematisieren. Stalin liess die Tschetschenen im Zweiten Weltkrieg nicht nur deportieren, er liess auch ihre Kulturdenkmäler zerstören, ihre Bibliotheken in Brand setzen und Friedhöfe schleifen; die Grabstelen wurden als Baumaterial verwendet.
Um Vernichtung geht es auch heute. Im Filtrationslager Tschernokosowo werden die festgenommenen Tschetschenen «überprüft» und «verhört». Nach Jahren ohne funktionierende Verwaltung ist es nicht schwer, den Tschetschenen Ungereimtheiten in den Papieren nachzuweisen.
Auf dem Trittbrett eines Busses nach Assinowskaja im Grenzgebiet steht eine alte Frau, die der Hölle Grosnys erst spät entfloh. Sie beginnt zu erzählen, wie russische Marodeure nach der Eroberung der Stadt zehn «Befreite» - Frauen, alte Männer und drei Kinder -, die aus den Kellern gekrochen waren, auf der Strasse niederschossen. Dann bricht sie ab: «Ihr wisst, was passiert. Und wir wissen, dass uns keiner helfen wird.»
Klaus-Helge Donath ist Russland-Korrespondent der Berliner «Tageszeitung» und der «Weltwoche».