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Instinktiv falsch
Ständig versuchen wir, Risiken zu vermeiden. Leider sind wir schlecht darin, sie richtig einzuschätzen.
Von Daniel Weber
Nach dem Schock des 11. September 2001 hatten in den USA viele Leute Angst, sich in ein Flugzeug zu setzen: Die Zahl der Flugreisenden ging im Oktober gegenüber demselben Monat im Vorjahr um 20 Prozent zurück. In den folgenden Monaten schwächte sich der Rückgang ab, aber er blieb spürbar. Dafür stieg gleichzeitig der Autoverkehr stark an, vor allem auf den Highways. Offensichtlich waren viele Fernreisende vom Flugzeug aufs Auto umgestiegen. War das ein vernünftiger Entscheid? Von Oktober 2001 bis September 2002 gab es auf den Strassen der USA 1595 Tote mehr als in den fünf Jahren zuvor. Die Fahrt im Auto zum Flughafen bleibt gefährlicher als das Fliegen.
Dieses vom Psychologen und Risikoforscher Gerd Gigerenzer zitierte Beispiel belegt, wie schlecht wir darin sind, Risiken richtig einzuschätzen. So meidet zum Beispiel kaum jemand den Gang ins Spital, schreibt Gigerenzer, obwohl nach unterschiedlichen Schätzungen «8000 bis 16 000 Patienten jährlich in deutschen Kliniken sterben, weil sie falsche Medikamente bekommen». Wir debattieren hitzig über die vernachlässigbaren Risiken und reden kaum über die wirklich bedrohlichen. Wir brechen in Panik aus angesichts der Vogelgrippe und nehmen beiläufig zur Kenntnis, dass jährlich Hunderttausende an der kommunen Grippe sterben. Wir fürchten BSE-verseuchtes Fleisch und gentechnisch verändertes Getreide, statt das zu meiden, was uns wirklich krankt macht: zu viel, zu fettes, zu süsses Essen.
Aber wieso ist unsere Fähigkeit zur Risikoanalyse derart beschränkt? Psychologen und Neurowissenschafter sagen: Weil unser Gehirn noch nicht in der Moderne angekommen ist. Grundsätzlich können wir auf zwei Arten auf Risiken reagieren: intuitiv oder analysierend. Die intuitive Reaktion, sagt der Psychologe Paul Slovic, hat uns das evolutionäre Überleben gesichert, weil unser Instinkt uns davor bewahrte, zum Beispiel gefährlichen Tieren zu nahe zu kommen. Solche gefühlsmässigen Entscheide fallen tief im Stammhirn, in der Amygdala, sehr schnell und unbewusst: Dort wird der Befehl ausgelöst, Adrenalin in den Körper zu pumpen, dort wird der Kampf- oder Fluchtreflex ausgelöst.
Aber die Risiken in unserer modernen Welt sind zu komplex, als dass wir sie gefühlsmässig einschätzen könnten. Dafür haben wir ein nuancierteres, aber langsameres Instrument: das rationale, analytische Abwägen, das im Neocortex geschieht, einer viel jüngeren Hirnregion, die sich laut dem Psychologen Daniel Gilbert noch in einer «Beta-Testphase» befindet: Es wird von der Instinktreaktion immer wieder «überstimmt». Darum fällt es uns schwer, objektiv die Wahrscheinlichkeit des Eintritts und das mögliche Ausmass eines Schadens zu bewerten – so wie das die nüchtern kalkulierenden Fachleute tun. Unser Urteil wird getrübt durch Subjektivität und irrationale Faustregeln.
In vielen empirischen Studien haben die Wissenschafter überdies herausgefunden, dass wir bei der Risikoabwägung systematisch Fehleinschätzungen unterliegen: Freiwillig eingegangene Risiken (Rauchen) fürchten wir weniger als auferlegte (Asbest am Arbeitsplatz); spektakuläre, seltene Risiken (Haiangriff) fürchten wir mehr als unspektakuläre, häufige (Lebensmittelvergiftung); natürliche Risiken (Infektionskrankheiten wie Masern) fürchten wir weniger als von Menschen gemachte (Handystrahlung); personifizierte Risiken (von Verbrechern getötete Kinder) fürchten wir mehr als anonyme (im Verkehr verunfallte Kinder); von uns kontrollierte Risiken (Autofahren) fürchten wir weniger als unkontrollierte (Fliegen).
In all diesen Fällen führt uns die Intuition in die Irre. Wir sind sorglos, wo wir uns Sorgen machen müssten, und wir sehen Gefahren, wo es kaum welche gibt. Wesentlich daran beteiligt sind die Medien. Je breiter ein Ereignis diskutiert wird, schreibt der Psychologe Scott Plous, desto häufiger und wahrscheinlicher erscheint es uns; und je farbiger und lebhafter eine Nachricht ist, desto überzeugender wirkt sie und desto länger bleibt sie haften. Die Amokläufe an amerikanischen Schulen, die weltweite Publizität bekamen, hatten sofort verschärfte Sicherheitsmassnahmen zur Folge – obwohl in den USA weniger als 1 Prozent der Morde (und Selbstmorde) in der Altersgruppe der 5- bis 19-Jährigen an Schulen passieren.
Der Sicherheitsexperte Bruce Schneier hält viele der Massnahmen, die unter dem Eindruck eines schrecklichen Ereignisses getroffen werden, für Augenwischerei. «Wir müssen ‹etwas tun›, selbst wenn dieses Etwas sinnlos ist. Es muss einfach direkt mit dem Ereignis zu tun haben. Darum verbieten wir Nagelscheren und Teppichmesser in Flugzeugen.» Und er formuliert eine Grundregel, die man beherzigen sollte – selbst wenn wir nicht so bald lernen, Risiken realistisch einzuschätzen: «Wenn etwas in den Nachrichten kommt, braucht ihr euch keine Sorgen zu machen. Wenn etwas nicht mehr in den Nachrichten kommt, weil es so verbreitet ist, dass es keinen Neuigkeitswert mehr hat – so wie Verkehrsunfälle oder häusliche Gewalt –, dann solltet ihr anfangen, euch Sorgen zu machen.»
Testen Sie Ihr Einschätzungsvermögen: 1. Bei welcher Tätigkeit verunfallten 2004 in der Schweiz am meisten Menschen? a) beim Überqueren des Fussgängerstreifens b) beim Gleitschirmfliegen c) beim Hantieren mit elektrischem Strom im Haushalt
2. 2004 starben in der Schweiz 60 180 Menschen. Markieren Sie die jeweils häufigere Todesursache: a) Diabetes/Strassenverkehrsunfälle b) Brustkrebs/Herzinfarkt c) Suizid/Alzheimer d) Lungenkrebs/Hirnschlag
3. Wie verhalten Sie sich am besten, wenn Sie auf einer Safari plötzlich einem Löwen gegenüberstehen? a) umdrehen und wegrennen b) stehenbleiben und dem Löwen in die Augen schauen c) zurückweichen und Blickkontakt vermeiden
4. Über welche Risiken in Verbindung mit Lebensmitteln sind europäische Konsumenten am meisten besorgt? a) Gewichtszunahme b) Pestizidrückstände, Viren wie Vogelgrippe c) Lebensmittelzusätze
5. Wo ist das Risiko höher, Opfer einer Körperverletzung zu werden? a) in der Schweiz b) in Schweden
Auflösungen: 1. Richtig ist a. Auf dem Fussgängerstreifen wurden 917 Menschen verletzt. Das entspricht 38 Prozent aller verunfallten Fussgänger. Beim Gleitschirmfliegen verletzten sich 490 Personen, 290 bei Unfällen mit elektrischem Strom im Haushalt (Geräte, Steckdosen, Kabel). Aus diesen Zahlen abzuleiten, es sei weniger gefährlich, mit einem Gleitschirm zu fliegen als eine Strasse zu überqueren, wäre aber Unsinn. Um hier einen verlässlichen Vergleich anstellen zu können, müsste man wissen, wie viele Leute das Gleitschirmfliegen praktizieren und wie viel Zeit sie damit verbringen. Da es in der Schweiz viel mehr Fussgänger als Gleitschirmflieger gibt, sagen die absoluten Zahlen wenig aus.
Aussagen über die unterschiedliche Gefährlichkeit des Reisens im Flugzeug und im Auto etwa stützen sich meist auf die Auswertung der Toten pro Passagierkilometer: Wie viele Kilometer kann man fliegen oder fahren, bis man statistisch einen tödlichen Unfall erleidet? Dabei zeigt sich, dass die Gefahr beim Autofahren rund zehnmal so gross ist.
2. Die Todesursachen in absoluten Zahlen: a) Diabetes 1563 / Strassenverkehrsunfälle 469 b) Brustkrebs 1388 / Herzinfarkt 1533 c) Suizid 1283 / Alzheimer 1252 d) Lungenkrebs 2795 / Hirnschlag 4083
Auch hier sagen die Zahlen nichts über das individuelle Risiko aus, das je nach Alter, Geschlecht und Lebensgewohnheiten sehr unterschiedlich ist. Häufigste Todesursache sind die Herz-Kreislauf-Erkrankungen (37 Prozent), darauf folgt Krebs (26 Prozent). Das Alter spielt allerdings eine entscheidende Rolle: Vor 75 sterben mehr Leute an Krebs als an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die häufigste nicht natürliche Todesursache ist der Suizid.
Da wir alle irgendwann sterben, ist es aufschlussreicher, sich die Ursachen der «vorzeitigen» Sterblichkeit anzusehen. Sie wird in Lebensjahren gemessen, die man verliert, wenn man vor 70 stirbt – Todesfälle werden also nach ihrem Eintretensalter gewichtet. (Stirbt jemand mit 20, spricht man von 50 «verlorenen potentiellen Lebensjahren».) Am meisten Lebensjahre verlieren Männern durch Unfälle und Gewalteinwirkung (vor allem Verkehrsunfälle und Suizid), vor Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei den Frauen liegt Krebs an erster Stelle, vor Unfällen und Gewalteinwirkung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
3. Richtig ist b. Die Konfrontation mit einem gefährlichen Tier macht es sehr schwer, rational zu handeln, aber auf unseren Instinkt sollten wir uns nicht verlassen: vor einem Löwen wegzurennen, wäre fatal – Löwen jagen instinktiv, was vor ihnen flüchtet. Wildhüter aus der Kalahari empfehlen, stehenzubleiben, den Löwen anzustarren und ihn mit lautem Schreien zu vertreiben. Antwort c wäre richtig, wenn man einem Leoparden begegnet; durch Blickkontakt fühlt er sich in die Enge getrieben. Man sollte so tun, als ob man ihn nicht gesehen hätte, und langsam weitergehen. Bei Bären gelten ähnliche Verhaltensregeln wie bei Löwen: Stehenbleiben, laut reden, Arme bewegen. Greift er trotzdem an, sollte man sich flach auf den Bauch legen und die Hände im Nacken verschränken.
4. Richtig ist b. Die Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2005 zeugt von einer klassischen Fehleinschätzung. Was am meisten beunruhigen müsste – Gewichtszunahme –, rangiert auf der «Bedenken»-Skala zuunterst.
5. Die Frage ist nicht eindeutig entscheidbar. Das European Sourcebook of Crime and Criminal Justice nennt zwar für 2003 pro 100 000 Einwohner in der Schweiz 91 Körperverletzungen, in Schweden 727, sagt aber auch, warum diese Zahlen nicht zum Nennwert genommen werden können: Die Definition von Körperverletzung ist ebenso unterschiedlich (in der Schweiz fallen Tätlichkeiten nicht darunter) wie das Anzeigeverhalten. Relativiert wird das Bild, wenn man sich die Verurteilungen wegen Körperverletzung ansieht: Schweiz 30, Schweden 86. Eine genaue Analyse der Zählregeln könnte noch zu einer weiteren Angleichung der Zahlen führen. Die Interpretation von Kriminalstatistiken verlangt ein höchst vorsichtiges Vorgehen.
Quellen: Schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung; Bundesamt für Statistik; Bruce Schneier, Beyond Fear (2003) und http://www.schneier.com/; www.cybertracker.co.za/DangerousAnimals.html; www.bafu.admin.ch/jagd_wildtiere; http://www.efsa.europa.eu/; http://www.europeansourcebook.org/.
Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ Folio.
Leserbriefe:
Zu Instinktiv falsch - NZZ-Folio Sicherheit (09/07)
Zum hervorranden NZZ Folio über das Risiko folgendes: Während des Höhepunktes der Sars-Krise reiste der Verfasser völlig entspannt nach China. Es gab Leute, die sich fragten, ob er verrückt geworden sei. Die Welt glaubte auf Grund der Medienberichte - besonders der Blätter der viel herumblickenden Art - halb China liege mit dieser gefährlichen Krankheit darnieder. Bei Ankunft war schon das ganze Land mit einer Konsequenz mobilisiert worden, wie es wahrscheinlich nur in China möglich ist. Kein Flugplatz, Bahnhof, Bürohochhaus, keine staatliche Verwaltung ohne Schleusen mit temperaturmessenden Scannern und Personal des Gesundheitsministeriums. Selbst an den Eingangstüren der Flugzeuge wurden jedem nochmals die Temperatur gemessen, bevor man einsteigen durfte. Vor dem Flug von Schanghai nach Nanchang verweigerte der Kapitän einem Passagier mit leicht erhöhter Temperatur den Zutritt. Sein Gepäck wurde ausgeladen, was zu einer einstündigen Verspätung führte. Kurz vor der Landung wurde zur Beruhigung der Passagiere mitgeteilt, die Gesundheitskontrolleure am Flugplatz Schanghai hätten gemeldet, der Mann habe nur eine leichte Erkältung. Das Empfangspersonal an der Hotelreception mass die Temperatur des Gastes, bevor er sich einschreiben durfte. In der grossen Frühstückshalle des Hotels standen noch drei gedeckte Vierertische unter einer einsamen Lampe für die einzelnen Gäste. Das Gros des Personals war entlassen worden. War der Chinareisende verrückt oder waren es vielleicht die Medien? Bevor er den Entscheid zur Reise gefasst hatte, hatte der Mann die von der Weltgesundheitsorganisation veröffentlichten Zahlen über die chinesischen Sars-Toten und Kranken auf die Schweiz umgerechnet. Das ergab 1 Toten für die ganze Schweiz und 1 Kranken für eine Stadt von der Grösse Basels. Ist das die Definition einer Seuche? Wären solche Todes- und Krankheitszahlen ein Grund die Schweiz oder Basel zu meiden? Gotthard Frick, Bottmingen
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