WIR HABEN UNS in Surat mit Herrn Waghani verabredet, den man uns als Besitzer von Swati Diamonds genannt hatte. Aber als wir in seiner Fabrik ankommen, wartet ein Herr Patel auf uns. «Mister Waghani? Er musste auf eine Baustelle gehen. Ich werde Ihnen alles zeigen, keine Sorge.» Zuerst steht ein Höflichkeitsbesuch bei Hashmukh Mehta auf dem Programm, «dem Besitzer von Swati Diamonds». Ist denn nicht Herr Waghani der Eigentümer? «Not exactly», sagt Girish Patel. «Er ist ein Freund des Unternehmens.» Und wer ist Girish Patel? Es wird erst im Lauf des Tages klar: ein «Bruder» von Waghani. Und ein Freund von Mehta. Und noch später stellt sich heraus, dass Patel ein Diamantenhändler ist, der aber erst seit einigen Monaten in Surat lebt. Da muss sich Herr Waghani wohl gedacht haben, warum nicht das Nutzlose - Journalisten auf Besuch - mit dem Angenehmen, dem Geschäft, verbinden und Patel ein paar erste Arbeitskontakte ermöglichen?
Surat ist eine Grossstadt an der Westküste. Hier ist mit der Diamantenverarbeitung in den letzten dreissig Jahren eine Industrie herangewachsen, die inzwischen alle Rekorde schlägt. Noch 1947 gab es ganze drei Juweliere in Bombay, die für ihre Maharadscha-Kunden jährlich ein paar geschliffene Diamanten einführten. Heute bringen die indischen Diamantenexporte mehr Devisen ein als der Tee, obwohl das Land nur gerade 0,03 Promille der Weltproduktion an Rohdiamanten selbst zu Tage fördert, denn längst sind die indischen Diamantvorkommen versiegt, die zweitausend Jahre lang bis in die frühe Neuzeit die einzig bekannten gewesen waren.
Doch heute finden wieder 750 000 Menschen in der Diamantenverarbeitung Beschäftigung. Sie ist der einzige Industriesektor Indiens von internationaler Bedeutung. Seine Strukturen aber sind immer noch die eines altmodischen Familienunternehmens, beherrscht von einer Reihe von Clans, die alle aus dem gleichen Dorf - Palanpur im Gliedstaat Gujarat - stammen und von denen die meisten untereinander verwandt sind, auch wenn dem Aussenstehenden nie ganz klar wird, ob zwei «Brüder» vielleicht nur Cousins vierten oder fünften Grades sind. Sie sind aber auch Konkurrenten, die scharf kalkulieren, mit kleinen Margen operieren und um ein paar hundert Grosshändler weltweit kämpfen. Gleichzeitig halten sie einander Kunden und Kommissionen zu, nehmen die Söhne gegenseitig zu sich in die Lehre und ermuntern langjährige Angestellte, sich selbständig zu machen.
Palanpur liegt etwa fünfhundert Kilometer von Surat entfernt - im ländlichen Indien eine enorme Distanz. Dennoch wirkt die Erwähnung des Dorfes wie ein Zauberwort, das Girish Patel und uns an dem Tag, als er uns begleitet, alle Türen öffnet. Weil Patel neu in der Gegend ist, müssen wir uns von Dorf zu Dorf, von Unternehmen zu Unternehmen, von Heimarbeiterhütte zu Heimarbeiterhütte durchfragen. Aber einmal empfangen, genügt der Hinweis, dass er aus Palanpur sei. Und bald wird auch Patel unter den selbständigen Heimarbeitern und grossen Unternehmen seine Kunden haben. Er wird ihnen Rohdiamanten anbieten, die er in Antwerpen oder Bombay, Tel Aviv oder Johannesburg gekauft hat, und ihnen die kleinen Briefchen aus alten Schulheftseiten und aus Butterpapier abnehmen, in denen sie die geschliffenen Steine eingefaltet haben.
Nichts prädestinierte Palanpur als Heimat der indischen Diamantendynastien: es gibt keine Minen in der Nähe, und nichts weist auf die Existenz einer alten Handelsroute hin. In der Gegend lebten nur ein paar kleine Dorffürsten - hinduistische Maharadschas und muslimische Nawabs -, die ihren Schmuck bei den lokalen Jain-Familien kauften; für die war es einfach eine natürliche Ausweitung ihrer traditionellen Funktion als Geldverleiher. Der Jainismus - früher eine eigene Religion - ist heute nur noch eine Sekte des Hinduismus und teilt dessen relativ unkompliziertes Verhältnis zum Geld.
Einige der Jains knüpften in den zwanziger Jahren Kontakte mit dem Diamanten-«Syndikat» in London, dem Vorläufer der Central Selling Organisation (CSO), damit die eitlen Maharadschas sich Diamanten - für sie wegen der Härte, des Feuers und des Schliffs ein altes Symbol der Männlichkeit - weiterhin anstecken konnten, auch wenn die übernutzten Diamantadern in Indien nichts mehr hergaben.
Ein paar Jain-Familien liessen sich in Bombay nieder. Als nach der Unabhängigkeit von 1947 alle Diamantenimporte verboten wurden, weil ein sozialistisches Entwicklungsland auf derartigen Luxus zu verzichten hatte, holten sich die Palanpuris kurzerhand einen Diamantschleifer aus Belgien ins Land, und gleichzeitig schickten sie einige Familienmitglieder nach Antwerpen, damit sie den Einkauf von Rohdiamanten organisierten und nach Verkaufsmöglichkeiten für geschliffene Diamanten Ausschau hielten. Die Verarbeitung in Indien und der Aufbau eines Brückenkopfs im Westen waren Ausgangspunkt einer Entwicklung, die Indien vier Jahrzehnte später mit über drei Milliarden Dollar annähernd fünfzig Prozent des weltweiten Umsatzes mit geschliffenen Diamanten beschert.
Der Geschäftssinn der Palanpuris allein hätte das nicht zuwege gebracht. Eine eminente Rolle spielte auch das Diamantenkartell von De Beers. Zu Beginn der sechziger Jahre sah sich das Unternehmen, das den Rohdiamantenmarkt beherrscht, unerwartet mit einem Dilemma konfrontiert: Die Russen, mit denen De Beers 1962 ein Abkommen zur Lieferung aller sibirischen Rohdiamanten abgeschlossen hatte, begannen den Markt plötzlich mit kleinen Steinen unter einem Karat zu überfluten. Nicht nur gab es dafür bis anhin keinen nennenswerten Markt, die Schleifer in Antwerpen und selbst in Israel waren viel zu teuer, als dass sie so kleine Steine noch profitabel hätten bearbeiten können. Für De Beers war das aber mindestens so sehr eine Herausforderung wie ein Problem: wenn es keinen Markt gibt, schafft man eben einen, und wo ein Markt ist, gibt es bald auch einen Lieferanten. In einer jahrelangen PR-Kampagne wurde in den USA zunächst ein neuer Geschmack kreiert: warum sollte nicht auch der kleine Mann seiner Liebe - zu einer Frau, zum Status - Ausdruck verleihen dürfen, im De Beerschen Vokabular auch «Demokratisierung des Diamanten» genannt. Nicht nur sind Diamanten «forever», sie sind auch «for everybody», war die Werbebotschaft.
Und warum dieses Konzept nicht auch auf die Hersteller ausweiten und die Produktion streuen, weiter als nur nach Antwerpen oder Israel? Jedenfalls wurden plötzlich auch indische Diamantaires als Sightholders zugelassen, zu jenem exklusiven Klub, der von der CSO die Rohsteine beziehen darf.
«Wir hatten Glück», meint Mahendra Mehta, ein Palanpuri - die meisten Palanpuri-Jains heissen Mehta -, der in Antwerpen geboren wurde und nun von Bombay aus das Geschäft führt. «Es war ein Unterfangen, das im richtigen Moment die optimalen Bedingungen vorfand; die Verarbeitung von kleinen Diamanten braucht billige Arbeitskräfte, Handfertigkeit und eine Intelligenz, die nicht von Schulbildung abhängig ist; Kapital braucht es praktisch nicht, eine Schleifbank kostet vielleicht hundert Dollar, und die Technologie ist denkbar einfach.»
Die passende Antwort auf diese Herausforderung fanden die Palanpuris bald einmal in ihrer engeren Heimat. Die Bauern aus Gujarat haben flinke Finger, ein sicheres Auge und ein unbefangenes Verhältnis zum Geld. Zunächst wurden die Rohdiamanten allerdings noch in den familieneigenen Werkstätten in Bombay bearbeitet, wohin die Mehtas junge Leute aus den Dörfern nachkommen liessen. «Als ich klein war», erinnert sich der junge Ashish Mehta, mit dreissig Jahren bereits Chef des Familienunternehmens Kantilal Chhotalal, «wohnten bei uns nie weniger als 25 Leute. Es waren Verwandte darunter und arme Jungen aus Palanpur oder andern Dörfern Gujarats, die auf Arbeitssuche in Bombay bei meinem Vater anklopften . . . Sie lernten sortieren, die Buchhaltung führen, Steine schleifen. Nach ein paar Jahren gingen sie weg, ins Ausland oder zurück ins Dorf. Dort begannen sie, auf eigene Rechnung Steine zu schleifen, die sie von uns oder anderen geliefert bekamen.»
Von Bombay aus verbreitete sich dieses Handwerk rasch der indischen Westküste entlang, gelangte in die alten Handelsstädte Surat und Navsari, hinauf nach Ahmedabad, von dort nach Palanpur und Bhavnagar und von den Werkstätten in den Städten in die umliegenden Dörfer. 1960 wurden rund 300 Betriebe gezählt, heute sind es an die 65 000, einige davon moderne Fabriken, die grosse Mehrzahl aber in Hinterzimmern von Bauernhäusern untergebracht.
Im Dorf Kamrej, auf halbem Weg zwischen Bombay und Ahmedabad, liegen sie im Umkreis von einigen Kilometern zu Hunderten verstreut - vom Grossbetrieb der Samir Manufacturing Co., die auf dem Werksgelände ihr eigenes Arbeiterdorf namens Diamondnagar gebaut hat, bis zur winzigen Hütte von Subhash Mali, der seit vier Jahren einen Schleiftisch besitzt. Daneben geht Mali noch seiner ursprünglichen Tätigkeit als Fischer nach und setzt mit seinem Boot Leute über den Fluss; doch Subhash muss nicht mehr, wie noch sein Vater, in Bombay Arbeit suchen. Jede Woche fährt er mit dem Velo ins achtzehn Kilometer entfernte Surat, liefert dort seine 25 bis 30 Diamanten ab, die er, zusammen mit seinem Schwager und zwei weiteren Angehörigen der gleichen Kaste, geschliffen hat.
Um die 58 Facetten eines winzigen 0,2-Karat-Diamanten zu schleifen, braucht Subhash Mali ungefähr einen Tag. Festgemacht an einem Metallarm, wird der Stein immer wieder auf die schnelldrehende Metallplatte gedrückt, die mit Diamantstaub beschichtet ist: nur Diamant kann Diamant schleifen. So entsteht Facette um Facette, und alle paar Sekunden prüft Subhash den Stein mit der Lupe. Am Ende des Tages hat er dreissig Rupien - einen Dollar - verdient, genug, um sich, seiner Frau und seinen drei Kindern das Leben erträglich zu machen.
Wann er denn seinen Buben an die Werkbank lassen werde? Der achtjährige Sunderlal schaut jetzt schon zu und macht erste Handreichungen. Subhash lässt keinen Zweifel daran, dass er seinen Sohn aus der Schule nehmen wird, sobald er sich einen zweiten Schleiftisch angeschafft hat. In Kamrej sieht man Kinderarbeit nicht als Problem. Selbst Girish Patel ist enthusiastisch: «Wenn ein Kind geboren wird, schreit es nicht nach Milch, sondern nach Diamanten, Diamanten, Diamanten.»
Schule ist hier ein mechanisches Pauken und Auswendiglernen, das wenig Bezug hat zur sozialen und wirtschaftlichen Realität und die handwerklichen Fähigkeiten der Kinder kaum fördert. Niemand findet etwas dabei, wenn die Kinder aus der Schule genommen werden, um sie auf dem Acker, zu Hause oder eben an der Schleifbank sinnvolle Arbeiten verrichten zu lassen. Die Kleinunternehmer von Kamrej sind vielmehr stolz auf ihre Zwölfjährigen, die geschickt, ehrlich und sauber arbeiten und in denen sie sich manchmal selber wiedererkennen - zukünftige Unternehmer, die das Handwerk «von jung auf» beherrschen.
Selbst in Diamondnagar, im modernen Betrieb der Samir Manufacturing Co., arbeiten Kinder. «Kürzlich kam der Arbeitsinspektor vorbei», erzählt Shivlal Patel, der Bruder des Firmenchefs. «Er sah einen 14jährigen Buben, der mit seinem Vater am gleichen Schleiftisch arbeitete; ob er denn nicht wisse, dass das Mindestalter 18 Jahre sei, fragte er den Vater. -Natürlich weiss ich das, Sir?, meinte dieser, - und ich bin sofort bereit, ihn aus der Fabrik zu nehmen, wenn Sie mir garantieren, dass er in die höhere Schule gehen kann, nicht auf der Strasse herumlungert und verkommt.? Der Inspektor lachte nur und unternahm nichts.»
Und Shivlal Patel erinnert auch an die Geschichte seines älteren Bruders Bhimjibhai, der als Siebzehnjähriger aus einem Dorf in Saurashtra nach Surat gekommen war und dort als Diamantenschleifer zu arbeiten begann. Nach einigen Jahren kaufte er seinen ersten Schleiftisch, dann einen zweiten, liess nach und nach seine Brüder nachkommen. Heute gehört Samir zu den Grossen im Diamantgeschäft; er verarbeitet täglich vier- bis fünftausend Steine, und der Inhaber seiner Partnerfirma zählt zu den grössten Sightholders.
Lalji, Bhimjibhais ältester Sohn, braucht nicht mehr unten anzufangen. Er kehrte erst vor wenigen Monaten aus Atlanta zurück, wo er sein Examen in Business Administration gemacht hat. Was er denn dort gelernt habe? «Eigentlich nichts», meint Lalji, während er uns durch das üppig eingerichtete Gästehaus - inklusive Health Club mit Swimmingpool, Sauna und Jacuzzi - führt. «Doch, schon: wie ich mich frei verhalte, Leute anzusprechen wage, wie ich ausgelassen sein kann. Ich habe meine Scheu verloren.» Und was das Geschäft angeht? «Wissen Sie, wir arbeiten hier so ganz anders - und vielleicht besser -, dass ich mich in den USA die meiste Zeit gelangweilt habe. Nehmen Sie das Diamantengeschäft: Alles basiert auf Vertrauen, nichts gründet auf Schriftlichem, Vertraglichem. Und wem können Sie vertrauen? - Den eigenen Angehörigen! Und das bedeutet, dass in einer Familie jeder im Geschäft aufgeht, aber auch: dass im Geschäft jeder zur Familie gehört, ob er nun verwandt ist oder nicht.»
Für Mahendra Mehta in Bombay ist diese Gleichsetzung von Familie und Geschäft der eigentliche Grund für Indiens rasanten Aufstieg im Diamantengeschäft. «Alle reden von den tiefen Arbeitskosten als Ursache unseres Erfolgs. Das ist aber nur das eine, und nicht einmal das Wichtigste. Die andere Seite ist die phantastische Marktdurchdringung, die wir weltweit haben. Sie können heute in jede amerikanische Kleinstadt gehen, und Sie finden dort einen Inder, der - sei er nun IBM-Angestellter oder Ingenieur, Arzt oder Motelbesitzer - nebenbei noch die Juweliere der Umgebung mit Diamanten beliefert. Sechzig Prozent von ihnen sind Gujaratis, und die meisten von ihnen haben herkunftsmässig eine Beziehung zu uns.»
Mit etwa 5000 Diamantenhändlern allein in Bombay, von denen heute viele auf der Strasse vor der Diamantenbörse Steine kaufen und verkaufen, weil die Handelsräume zu klein sind, verliert das Geschäft aber allmählich seinen persönlichen Charakter. Dennoch ändern sich die Geschäftspraktiken kaum. Ein Grund liegt in der philanthropischen Tätigkeit der Palanpuris, die in Bombay und Antwerpen Millionäre geworden sind. Überall in Gujarat stehen die von ihnen eingerichteten Schulen, Spitäler und Wohlfahrtszentren. Die Gujaratis, die durch diese Institutionen gegangen sind, rechnen sich zur Familie, der sie ihr Leben lang Respekt schulden.
Dieses System, das auf sozialen Beziehungen beruht, bringt viele Vorteile. Mahendra Mehta erklärt es so: «Die vielen Kleinhändler in den USA kosten uns nichts, im Gegenteil, wir wohnen bei ihnen, wenn wir auf Geschäftsreise sind.» Marktschwankungen können aufgefangen werden, weil man vor allem mit Zulieferern arbeitet. «Wenn wir Hochkonjunktur haben», sagen die Leute von Diamondnagar, «beliefern wir mehr Kleinbetriebe. Wenn es schlecht geht, produzieren wir eben weniger.» So sind selbst in modernen Betrieben die Fixkosten sehr tief, bei knapp einem Prozent, wie Ashish Mehta sagt. Das erlaubt denn auch die Bearbeitung von kleinen Steinen, bei denen manchmal über 80 Prozent Abfall anfällt.
Und so steigen selbst bei einer weltweiten Rezession die indischen Exporte weiter: «In einer Rezession kaufen sich die Leute billigere Steine, wie wir sie hier in Indien schleifen», sagt Arun Mehta von den Grossfirmen B. Arunkumar und Rosy Blue, «und bei Hochkonjunktur verkaufen wir mehr. So oder so verlieren wir nicht.» Und der Palanpuri Mahendra Mehta sagt: «Das Geschäft ist einfach, doch sehr solide - wie die Diamanten.»
Bernard Imhasly ist Indienkorrespondent der NZZ.