Der Mensch lebt nicht vom Brot allein: Das klingt nach einem Buchtitel, wie Verleger sie für Johannes Mario Simmel erfinden. Einer dieser changierenden Sätze, die auf raffinierte Weise von dem schweigen, worüber sie zu reden vorgeben. Der Rest wird bei anderer Gelegenheit mitgeteilt, vorausgesetzt, man holt sich seinen Johannes Maria Simmel beim nächsten Buchhändler wunschgemäss aus dem Regal.
Wenn nicht vom Brot allein, wovon dann? Der da auf überaus beredte Weise zu schweigen vorgibt, ist kein Simmel und schon gar kein Verleger, der sich Klappentexte ausdenken muss. Man darf bei Ihm vielmehr annehmen, dass Er bei eigentlich jeder Gelegenheit das Sagen hat, und zwar von den Uranfängen her: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.» Darin ist zuerst und vor allem enthalten, dass hier gesprochen und das Gesprochene verkörpert wird. Letztlich wird damit vor allem gesagt, dass dieser im gesamten Umfang seiner Existenz Sprechende den Mund gar nicht voll genug nehmen kann.
Der alttestamentliche Gott, um den es hier geht, gerät folglich in Schwierigkeiten, wenn er zu den Menschen zu reden beginnt. Er verzichtet kurzzeitig auf die Einheit von Gott-Sein und Wort, die für ihn der von Sein und Beschreiben entspricht. Das Resultat ist Sprache, wie wir sie kennen: Dass Brot allein nicht die Essenz des Lebens sein sollte, muss eben eigens und dazu vielfältig verformt von Grammatik und Semantik mitgeteilt werden. Die Sprache gewährt den Menschen eine auch von Gott nicht ohne weiteres aufzuhebende Autonomie.
Kein Wunder, dass dieser fordernde Gott, um seine Schäfchen im trockenen zu halten, ein bisschen pädagogischen Zwang ausüben muss: «Er demüthigte dich, und liess dich hungern, und speisete dich mit Man, das du und deine Väter nie erkannt hattest; auf dass er dir kund thät, dass der Mensch nicht lebe vom Brot allein, sondern von allem, das aus dem Mund des Herrn gehet.» So lautet, nach dem 5. Buch Moses, Kapitel 8, 3, der vollständige Satz.
Während Gott die Welt für sich verkörpert, wird sie den Menschen also von dem her offenbart, was sie in ihren Augen nicht ist. Das Brot ist fassbar, aber nicht das alleinige Fundament der Glaubensgrundsätze. Ausdrücklich wird Gott als ein Gegenspieler der Materie in die Geschichte der Menschen eingeführt. Aus dieser gottgewollten, wenn auch theologisch nicht ganz schlüssigen Konfrontation erwächst unsereinem das Mass an Freiheit, Brot und Unglauben, das zur Sünde ermuntert.
Bezeichnenderweise erfährt der Satz vom Menschen und vom Brot auf dem Weg vom Alten ins Neue Testament eine gravierende Bedeutungsverschiebung. Jesus wird in die Wüste geführt und dort nach vierzig Tagen des Hungerns vom Teufel versucht. Der rät ihm, seiner Allmacht gemäss die Steine in Brot zu verwandeln. Jesus aber antwortet buchstabengetreu: «Es stehet geschrieben: Der Mensch lebt nicht allein vom Brot, sondern von einem jeglichen Wort Gottes.»
Die Differenz liegt in der Begründung, die dem sonst fast unveränderten Satz vorausgeht. Der mosaischen Erziehungsdiktatur waren Demütigung und Hunger, wo es um Fragen des Glaubens ging, ganz selbstverständliche Machtmittel. Die Botschaft der Evangelisten dagegen fusst auf der Autorität des Überlieferten: «Es stehet geschrieben!» Entweder einer hält sich nun an den Text, oder er widerspricht. Für den zweiten Fall stehen zwar immer noch Höllenqualen bereit. Der als Überredungskünstler im Medium Schrift auf Distanz gegangene Gott lässt sich aber nicht mehr zu direkten Aktionen hinreissen. Dazu wird, als Versucher der nämlichen Textur zugeordnet, der Teufel in die erste Reihe der christlichen Schlachtordnung geschickt.
Es dauert bis zum Anbruch der Neuzeit, bevor man den Satz, wohl weil er geläufig genug ist, einfach halbiert. Erst darüber geht auch die Polarität der Aussage verloren. War zuvor noch vernehmlich vom Wort aus dem Mund Gottes die Rede, so spricht man jetzt von etwas, das abwesend bleibt. Der für derlei verkürzte Zitate eingebürgerte Begriff «geflügeltes Wort» lässt zwar an die Anwesenheit von Engeln denken. Wahrscheinlich haben beim Sturz des Bibelworts in den «Büchmann» aber doch die Teufel der Säkularisation die Feder geführt. «Sprache ist äusseres Denken», mit diesem Postulat des Antoine Rivarol erhält das gesprochene Wort im 18. Jahrhundert vollends seine Autonomie. Fortan muss im Text nicht länger Gott geoffenbart, es darf auch an ihm vorbei nach dem Sinn des Lebens gefragt werden.
Übriggeblieben ist, was in der Botschaft von jeher angelegt war: der an sich vernünftige Rat, genügsamen Umgang mit materiellen Dingen zu pflegen. Nach der Einvernahme der geflügelten Worte durch eine frömmelnde Erbauungsliteratur im 19. Jahrhundert freilich wirkt das allzu eingängige «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein» nur mehr wie eine zeigefingrig dürre lutheranische Wortspielerei. Der Urheber der mosaischen Gesetze absolviert seinen allerletzten Auftritt im Lehrerkostüm. Wo einem so viel gute Absicht widerfährt, reicht es am Ende nicht einmal mehr für einen schlagkräftigen Buchtitel. Johannes Mario Simmel ist dies ganz sicher entgangen, als er die Aussage im Einklang mit der heute vorherrschenden Lebenspraxis paraphrasierte: «Es muss nicht immer Kaviar sein!»