NZZ Folio 07/09 - Thema: Abfall   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- 174 Kilogramm pro Sekunde

© Francis R. Malasig/EPA/Keyston...
Müll, so weit das Auge reicht; hier auf einer Deponie in Manila. Linktext
Obwohl immer mehr rezykliert wird, wachsen die Abfallberge unentwegt. Wir sollten dafür sorgen, dass sich das ändert.

Von Daniel Weber

Den Wohlstand einer Gesellschaft kann man an dem messen, was sie wegwirft. In der Schweiz ist die Wirtschaft in den letzten 25 Jahren um 40 Prozent gewachsen, um gleich viel wie die Abfallmenge. 5,5 Millionen Tonnen Müll produzieren wir jährlich, das sind 709 Kilogramm pro Kopf, Säuglinge und Greisinnen ein­geschlossen. Auf etwa die gleiche Menge kommen die Amerikaner, während in Nairobi pro Person nur 220 Kilogramm anfallen. Die Bewohner ärmerer Länder können sich keine Wegwerfmentalität leisten. Aber der wirtschaftliche Aufstieg der Schwellenländer und die wachsende Verstädterung werden die weltweite ­Abfallmenge drastisch erhöhen; Experten schätzen, dass sie sich bis 2030 verdoppeln wird.

Dem gestiegenen Umweltbewusstsein und den schärferen Gesetzen haben wir es zu verdanken, dass heute ein grosser Teil des Abfalls – in der Schweiz ist es mehr als die Hälfte – wiederverwertet wird. Das Recycling von Glas, Papier, ­Aluminium, Elektroschrott und Sonderabfällen hat eine internationale Industrie hervorgebracht, das weltweite Geschäft mit den sogenannten Sekundär­roh­stoffen macht Milliardenumsätze. Hunderttausende von Containern voller Altpapier werden zum Beispiel jährlich aus den USA nach China verschifft und dort von der Firma Nine Dragons Paper wiederaufbereitet. Ihre Besitzerin, die ehemalige Buchhalterin Cheung Yan, wurde damit zu einer der reichsten Frauen Chinas.

Recycling ist fraglos sinnvoll, die in der westlichen Welt stetig steigende Re­cyclingrate ist ein ökologischer Erfolg. Aber damit, dass man seine Bierflaschen zum Sammelcontainer bringt, ist es nicht getan. Dass wir Schweizer beim Sammeln von Glas, Papier und Alu im internationalen Vergleich Musterknaben sind, sollte uns nicht dazu verleiten, selbstzufrieden zurückzulehnen. Der beste Abfall ist jener, der gar nicht entsteht. In den fünf Sekunden, die es braucht, um diesen Satz bis hierher zu lesen, haben wir 870 Kilogramm Abfall produziert. Dafür zu sorgen, dass es ein paar Kilogramm weniger werden, liegt in der Macht jedes Einzelnen.

Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ Folio.




Leserbriefe:

Zu Editorial -- 174 Kilogramm pro Sekunde - NZZ-Folio Abfall (07/09)

Danke für das interessante Folio. Eine Frage: Hat sich schon einmal jemand Gedanken darüber gemacht, dass die jährlich wachsende Abfallmenge ebenso wie der Energieverbrauch mit dem stetig wachsenden Bruttosozialprodukt korreliert sein könnte? Dazu braucht es meines Erachtens keine statistische Erhebungen sondern nur ein bisschen gesunden Menschenverstand. Gesteigertes BSP setzt gesteigerte menschliche Aktivität voraus. Und bitte: Gibt es ein menschliche Aktivität ohne Material- und/oder Energieaufwand?
Beispiel: Durch konsequentes Umsetzen vielgepriesener Massnahmen zur Reduktion meines persönlichen Energieverbrauchs erziele ich Ersparnisse von jährlich ca. 1'000 Franken. Frage: Was mache ich mit dem Geld? Gibt es Möglichkeiten, Geld auszugeben, die nicht mittel- oder unmittelbar in irgendeiner Form Energieverbrauch auslösen oder Abfall produzieren? Und wenn ich irgendwelche Gegenstände erwerbe, landen die nicht notgedrungen irgendwann im Abfall? Selbst die reine Geldverbrennung produziert Kohlendioxid, CO2.
Vor diesem Hintergrund erscheinen mir alle gut gemeinten Vorschläge zur Rettung der Umwelt, die unter Beibehaltung unserer jetzigen Lebensumstände, sprich Lebensqualität, möglich sein sollen, als Unsinn. Fragen Sie einmal „profilierte Umweltanwälte“, wie viel Energie sie in ihrem eigenen Bereich heute pro Jahr verbrauchen und wie viel es vor fünf Jahren war. Ich bin davon überzeugt, dass kaum einer auf Anhieb eine vernünftige Antwort geben kann. Welcher Umweltminister hat schon einmal verlauten lassen, wieviel Energie er in seiner eigenen Amtsstelle während seiner Amtszeit eingespart hat?
Unsere Gesellschaft tanzt seit Jahrzehnten um zwei goldene Kälber. Das eine heisst „Bruttosozialprodukt“ und das andere „Wahrung des Besitzstands“ oder besser noch dessen Mehrung. Solange wir nicht bereit sind, diese Kälber zu schlachten und Abstriche an unserem Wohlstand in Kauf zu nehmen, ist jedes Gerede über Umweltschutz meines Erachtens pure Heuchelei, allenfalls dafür geeignet, ein politisches Mandat zu ergattern oder zu behalten.
H. Linz, per E-Mail




Zu Editorial -- 174 Kilogramm pro Sekunde - NZZ-Folio Abfall (07/09)

Puh, der Artikel über den Abfall im Pazifik ist ja deprimierend. Auch in meiner kleinen Welt, dem Zürcher Seefeld, fällt der viele Abfall im öffentlichen Raum auf. Die Kids werfen alles überall hin, und das geht sogar in Ordnung - ich war ja auch ein Lausebengel. Zu verlangen, die Stadt solle aufräumen, finde ich jedoch wenig hilfreich - die tun genug. Aber ich habe eine Idee. Wenn ich zu Fuss unterwegs bin, hebe ich täglich zwei, drei Dinge auf und trage sie zu einem Abfallkübel. Wenn wir viele sind, die das tun, wird's schon wieder gut. Machen Sie mit? Lebenslang? Super! Vielen Dank :-)
Mat Goetz, Zürich




Zu Editorial -- 174 Kilogramm pro Sekunde - NZZ-Folio Abfall (07/09)

Ihre Datensammlung über diverse Umweltthemen wiederkäut die unendliche Rat- und Hilflosigkeit gegenüber der grenzenlosen Ausbeutung dieses Planeten. Nicht der Hauch eines nachhaltigen Lösungsansatzes erscheint in Ihren depressiv und apathisch machenden Zeilen. Eigentlich ist es einfach, wenn man die Wahrheit nicht scheut: Wir sind zu viele Menschen. Der Königsweg zu echter Nachhaltigkeit ist die weltweite Familienplanung (ersetzen statt vermehren), es resultiert daraus eine Win-Win-Situation für alle Seiten (weniger Kriege und Aggressionen, Schonung der Ressourcen, weniger Armut). Warum darf diese grundlegendste, nachhaltigste Idee für die Menschheit nicht aufkommen? Helfen Sie mit, diese natürlichste Selbstverständlichkeit zu verbreiten, damit wir überhaupt noch eine Überlebenchance haben.
Peter Meyer, Zürich




Zu Editorial -- 174 Kilogramm pro Sekunde - NZZ-Folio Abfall (07/09)

Die aktuelle Ausgabe des Folio ist ergreifend. Sie sollte jeder Schule, jedem Politiker, Verwaltungen, Unternehmen und Verbänden vorliegen, weil sie zum Nachdenken zwingt. Auf dem Weg der Erkenntnis und nicht des "moralischen Zeigefingers". Allein einen Punkt würde ich bei einem Nachdruck verändern: Auf der Titelseite sollte der Untertitel den Zusatz haben "Heft bitte nicht wegwerfen, sondern weitergeben!" Dieses Heft ist eines der wenigen, das in mein Dauer-Archiv kommt.
Herbert J. Joka, Aachen




Zu Editorial -- 174 Kilogramm pro Sekunde - NZZ-Folio Abfall (07/09)

Seit Jahren schätze ich das hohe Niveau und die Objektivität der NZZ und des NZZ Folio. Die Juliausgabe über "Abfall" ist wieder ausgezeichnet recherchiert und geschrieben. Mich hat aber höchst irritiert und enttäuscht, dass man nun nach Jahren ohne Zigarettenwerbung in den NZZ-Publikationen im Folio vom Juli wieder ein ganzseitiges Inserat einer Zigarettenmarke findet – und das ausgerechnet im Folio zun Thema "Abfall"! Allein in der Schweiz werden im Jahr über 10 Milliarden Zigaretten geraucht. Ein Zigarettenstummel wiegt etwa ein halbes Gramm. So kommt man auf mindestens 5000 Tonnen giftigen und krebserregenden Abfall, Dazu kommen rund 500 Millionen leere Zigarettenschachteln, die nicht rezyklierbar sind, zu je etwa 10 Gramm, was weitere 5000 Tonnen Abfall ergibt. Übrigens: Warum wird bei den interessanten Artikeln über Coiffeure in fremden Ländern jeweils der Zigarettenpreis angegeben? Vernünftiger wäre der Preis eines McDonald's Hamburgers, der bekanntlich als guter Indikator zum Vergleich der Lebenskosten gilt.
Gustav Gautschi, per E-Mail





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