ES WAR KEIN CHAOSTHEORETISCHER Flügelschlag in China, der das Durcheinander im Computer verursachte, sondern eine (peinlicher, aber genauer: meine) Fehlmanipulation bei der Installation von SimCity, dem «ultimativen Städte-Simulator». Die Maschine stand still. Strategische Unternehmensdaten, wundervolle Texte (unveröffentlicht), Antwortbriefe an Leser, die Adressen der Liebsten und die eigene, alles verschwunden, und es gab keine Chance, die Sache mit einem Schraubenzieher in Ordnung zu bringen. Die Bedienung eines modernen Laptops ist bekanntlich ein Kinderspiel, aber ein hilfreiches Kind war nicht in der Nähe, und Bill Gates ging nicht ans Telefon. Da blieb nichts anderes übrig als die moderne Version des Gangs nach Canossa: Den Computer unter dem Arm mit unterwürfiger Miene und um Erklärungen ringend den Spezialisten aufsuchen.
Nach 24stündigem Klinikaufenthalt geschah das Wunder, der Laptop erwachte, und sein Gedächtnis war trotz Narkose unbeschädigt, sämtliche Daten wieder zugänglich - mehr noch, SimCity funktionierte, die Systeminformation («unterstützt AD Lib, Media Vision, Sound Blaster, Roland MPU 401 und 100% kompatible Soundkarten») brauchte einen nicht mehr zu kümmern.
Nach dem misslungenen Start war etwas mehr Systematik durchaus angezeigt. Schliesslich spielte man nicht zum Vergnügen, sondern im redaktionskollegialen Auftrag, die prognostische Potenz von SimCity zu ergründen - und zwar mit wissenschaftlichem Anspruch. Die Aufgabe gemäss Handbuch war klar: «Als Besitzer von SimCity 2000 werden Sie hiermit zum Bürgermeister einer Million Städte und Herr über eine Milliarde simulierter Bürger (die Sims) ernannt.»
Ausgehend von der Annahme einer mittleren Spielzeit von 4 Stunden pro Stadt, zuzüglich 5 Stunden für das Durcharbeiten des Handbuches (120 Seiten) und einer Verarbeitungs- und Schreibzeit von 10 Stunden, eines Arbeitstages von 10 Stunden und unter Verzicht auf freie Tage und Ferien ergab sich die Prognose, dass der Beitrag in 293,7 Jahren druckfertig sein würde. Der Redaktionsschluss war somit gefährdet.
Als Aufwandreduktionssystem bot sich der Verzicht auf das Bürgermeistermandat verschiedener Städte an, worunter die Genauigkeit der Ergebnisse der SimCity-Feldforschung zwar ebenso leiden würde wie die Präzision der darauf basierenden Prognosen. Aber das Problem war eben nur durch eine geschickte, repräsentative, soziodemographisch und soziokulturell klar definierte Auswahl der zu regierenden Städte einigermassen in den Griff zu bekommen. Darüber hinaus, dies war leicht vorherzusehen, müssten gemäss neuen Managementmethoden situative Entscheide den weiteren Lauf der Dinge bestimmen.
Vier grundlegende Varianten standen zur Verfügung. 1. Die topographische Gestaltung des Geländes nach eigenen Vorstellungen sowie die anschliessende Bereitstellung der Infrastruktur. 2. Die Bereitstellung der Infrastruktur auf einem vorgegebenen Gelände. 3. Die Übernahme des Bürgermeisteramtes in einer bereits bestehenden Stadt. 4. Der Versuch, in einer vorgeschriebenen Zeit eine von einer Katastrophe heimgesuchte Stadt wieder aufzubauen. Sämtliche Varianten konnten und können mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und in verschiedenen Zeiten (beispielsweise mit Beginn im Jahre 1900 oder 2000) gespielt werden, wobei das Wort spielen den Ernst der Sache nicht angemessen wiedergibt. Die Varianten 3 und 4, obwohl in ihrer Komplexität nicht zu unterschätzen, schienen kaum geeignet, die wahren bürgermeisterlichen Fähigkeiten zu testen, denn was geschieht, wenn Bürgermeister eine bestehende Stadt regieren, ist hinlänglich bekannt. Meine Wahl fiel auf die Variante 1, da sie den grössten Gestaltungsspielraum versprach.
In einem weiteren Schritt mussten demnach im Geländeeditiermodus Küsten und Flüsse angelegt, Berge versetzt, Täler abgesenkt und Wälder placiert werden, bis eine Landschaft entstand, die, lieblich und reizvoll, den künftigen Bewohnern hohe Lebensqualität versprach. Sodann fand der entscheidende Wechsel zur Stadt-Werkzeugleiste statt, jenem Instrument, das es dem Bürgermeister erlaubt, eine Stadt zu gründen und zu regieren. Keine Angst solle man davor haben, hiess es im Handbuch, aber leicht mulmig wurde einem schon angesichts der grossen Verantwortung. Die Stadt brauchte eine Zonenplanung, Wohngebiete, Industrie- und Geschäftsgebiete, und sie brauchte Strom, ein Kraftwerk und Leitungen. Danach konnte man sich zurücklehnen, die Sims begannen zu bauen. Doch was war eigentlich das Ziel? Expansion, möglichst viele Einwohner, also ein Einwanderungsschub. Und was war die Schwierigkeit? Mit einem Startkapital von läppischen 20 000 DM nicht pleite zu gehen.
Es wäre gewiss möglich gewesen, das Mandat als Bürgermeister nach gängigem Muster auszuüben, rasch kurzfristige Erfolge zu erzielen, die Herzen der Sims mit schönen Freizeitanlagen, leistungsfähigen öffentlichen Verkehrsmitteln und rigorosen Umweltschutzmassnahmen zu erobern und so auf eine lange Amtszeit zu hoffen. Aber hier ging es nicht um Popularitätshascherei, hier waren Strategien gefragt für eine nachhaltige Entwicklung. Der Beweis für die Richtigkeit des ordoliberalen wissenschaftstheoretischen Ansatzes sollte erbracht werden. Als erste, unter allen Umständen durchzuhaltende Maxime galt es, die Steuern tief zu halten und eine vernünftige Finanzpolitik in die Praxis umzusetzen. Nicht das Wünschbare war das Mass, sondern das Notwendige.
Allen Skeptikern sei es ins Stammbuch geschrieben: es funktionierte. Die 1950 gegründete Stadt wuchs. Sicher, ohne Geschrei ging es nicht ab. Ständig wurden einem über die Boulevardblätter neue Forderungen um die Ohren geschlagen. Neue Strassen, Schulen, Krankenhäuser, Polizeistationen und Feuerwehrgebäude, ein Park, ein Zoo, ein absurd teures Stadion sollten gebaut werden, danach ein Jachthafen, und schliesslich verlangten Geschäftsleute vehement einen Flughafen. Inzwischen war jedoch deutlich geworden, dass es in dieser Stadt keine Bürgermeisterwahlen gab. Solange man die Finanzen in Ordnung hielt, konnte man bleiben und brauchte sich um tiefe Werte auf der Popularitätsskala nicht gross zu scheren. Somit lautete die Parole: Widerstand leisten, nur dann öffentliche Gebäude und Anlagen errichten, wenn genügend Mittel vorhanden waren. War das Geld da, so hatten Bildung, öffentliche Sicherheit und Umweltschutz Vorrang. Alles lief prächtig.
Ein paar kleinere strategische Fehler hatten sich zugegebenermassen schon eingeschlichen. Die Wasserversorgung war beispielsweise zuwenig leistungsfähig, und das verdichtete Bauen führte zu einem hohen Stromverbrauch. Gewisse Strassen waren überlastet, andere kaum befahren. Die Förderung des Dienstleistungssektors (auf Kosten der Industrie) erfolgte etwas zu spät, so dass die Luftverschmutzung deutlich zunahm; vielleicht wäre es doch besser gewesen, dem Drängen nach einer S-Bahn früher nachzugeben. Die Umstellung von Kohlekraftwerken auf Sonnenenergiekraftwerke brachte kurzfristig eine Besserung. Aber irgendwie war nach fünfzigjähriger Amtszeit der Wurm drin. Die alten Kraftwerke gaben den Geist auf, mehr noch, sie flogen in die Luft, imposant anzusehen, aber das Ansehen der Stadt schädigend. Der Ersatz kostete viel Geld.
Wann es genau war, ist nicht mehr so sicher zu ermitteln, aber es muss so um das Jahr 2050 gewesen sein, als eine Katastrophe nach der andern die Stadt heimsuchte. Ein Wirbelsturm zog zwar noch knapp vorbei, und das Flugzeug stürzte ausserhalb des bewohnten Gebietes ab, dennoch gab es viele Tote. Und eines Tages schwankte der Bildschirm. Ein Erdbeben erschütterte die Stadt und das Selbstvertrauen des Bürgermeisters. Brände brachen aus, und die Feuerwehr erwies sich als hoffnungslos überfordert. Die Löscharbeiten brauchten viel zuviel Zeit, die Bewohner flüchteten, die Stromversorgung brach in weiten Teilen zusammen, die finanziellen Mittel gingen zur Neige, unpopuläre Steuererhöhungen wurden unumgänglich. Der Wiederaufbau musste nach einem Nervenzusammenbruch des Bürgermeisters verschoben werden. Die Stadt wurde in einem erbärmlichen Zustand im Innern des Computers neben den schönen Texten und wertvollen Daten gespeichert.
Selbstverständlich haben wir den Feldversuch mit andern Städten wiederholt, signifikant andere Verläufe waren aber nicht zu registrieren. Einzig die Zeitdimension veränderte sich, manchmal ging es schneller, manchmal langsamer schief. Damit steht computergestützt zweifelsfrei fest, dass es nach der Jahrtausendwende, vermutlich zwischen den Jahren 2030 und 2060, zu einer Häufung von Katastrophen kommen wird.
Als vorbeugende Massnahme drängt sich eine breite Ausbildung am Computerprogramm SimCity 2000 auf, möglichst mit dem Erweiterungsprogramm «Grosse Katastrophen», das Katastrophen in «echten Städten» simuliert. Nach einer Einarbeitungszeit von 30 bis 40 Stunden werden die Spieler in die Lage versetzt, das schwierige Amt eines Bürgermeisters auch in Notzeiten überlegt und verantwortungsbewusst auszuüben.
Noch ein Wort zur verständlichen Sorge, die ausdauernde Beschäftigung mit dem Videospiel könnte die menschliche Kommunikation beeinträchtigen. Als Nebenprodukt meiner Forschungsarbeit zeigte sich, dass solche Befürchtungen vermutlich unbegründet sind (eine Langzeitstudie ist in Auftrag gegeben worden). Der Benützer des Simulationsspiels liess nach einiger Zeit im Gegenteil ein übersteigertes Mitteilungsbedürfnis erkennen und suchte nach Gesprächspartnern für einen Erfahrungsaustausch mit dem Ziel, auf knifflige Situationen künftig besser vorbereitet zu sein.
Nötig allerdings ist nach aller Erkenntnis, dass in der öffentlichen Diskussion das Verständnis für Simulationsspiele gefördert wird; dazu gehört insbesondere die Entwicklung von Arbeitszeitmodellen, die es den Spielern erlauben, ihr zwar zeitraubendes, aber zukunftsweisendes Hobby mit der nötigen Seriosität auszuüben. Die Doppelbelastung wird mit der Zeit unerträglich.
Thomas Häberling ist stellvertretender Chefredaktor der NZZ.