NZZ Folio 09/99 - Thema: Das Telefon   Inhaltsverzeichnis

Die Freuden der Erreichbaren

Vom Natel zum Brutel, und was man heute damit macht.

KLEINER, BILLIGER, BESSER

Innert einem Jahrzehnt haben die Mobiltelefone eine rasante Entwicklung durchlaufen. Aus den klobigen «Bügeleisen» sind schnuckelige High-Tech-Spielzeuge geworden, die nicht viel grösser sind als ein Zigarettenpäckchen und nur noch 80 Gramm wiegen. Der Akku, einst so gross und schwer wie ein Ziegelstein und nach einem längeren Gespräch meistens leer, hat mittlerweile das Format von zwei Kreditkarten und erlaubt eine Sprechzeit von mehreren Stunden.

Dass die Handys weiter schrumpfen, ist nicht ausgeschlossen. Technologisch gesehen, versichern die Hersteller, wäre ein Mobiltelefon in der Grösse einer Armbanduhr machbar. Ein Hindernis sei allein die Anatomie des Menschen. Die naturgegebene Distanz zwischen Hör- und Sprechorgan, zwischen Ohr und Mund, bedingt einen gewissen Abstand zwischen Hörmuschel und Mikrophon. Und da Finger keine Nadeln sind, ist auch eine gewisse Grösse der Tasten von Vorteil, wenn man nicht stets falsch verbunden sein will. Gross kleiner kann das Handy also nicht mehr werden. Es sei denn, in Zukunft telefoniere man konsequent mit einer Freisprechanlage und Voice-Dialing erübrige sämtliche Tasten.

Auf jeden Fall werden neue Geräte in immer kürzeren Abständen auf den Markt kommen. Schnellere Betriebssysteme, spezielle Operatorservices, Internet- und Multimediafunktionen sollen das Geschäft in Schwung halten und die Benutzer zum Umsteigen animieren. Mit dem Handy werden wir elektronisch shoppen, den Platz im Kino oder Restaurant reservieren, Bankgeschäfte erledigen und direkt vom Strand das mit der Digitalkamera geschossene Ferienfoto den Lieben zu Hause übermitteln.

Und wer von all dem nichts wissen und einfach mobil telefonieren will wie eh und je? Für den kündigt sich bereits eine erste Retro-Welle an: Aus dem Hause Ericsson kommt neben den Multifunktionsgeräten auch ein Nostalgie-Handy: schwer, mit grossen Tasten und robust wie damals. Andreas Heller


«Wenn ich in den Ausgang gehe, sagt meine Mutter, ich soll das Natel mitnehmen. So kann sie mich immer erreichen. Und ich sie, zum Beispiel wenn ich den Zug verpasst habe. Oder wenn die Stimmung so cool ist und ich noch länger bleiben will, dann rufe ich auch zu Hause an. Ohne Natel muss man in die Telefonkabine, und die ist vielleicht besetzt, und mit jeder Minute wird die Angst meiner Mutter grösser.»Corinne Müller, 15


Schreib's doch schnell per Handy

Eifrige Benutzer haben in SMS bereits die zeitgemässe Form des Liebesbriefes erkannt, während kommunikationstechnologische Nachzügler sich immer noch fragen, warum neuerdings Buchstaben über den Wahltasten des Telefons stehen. Ihnen sei an dieser Stelle verraten: Längst braucht man ein Handy nicht mehr nur, um Gespräche zu führen. Per SMS (Short Message Service) verschickt und empfängt der Mensch von heute damit auch schriftliche Kurzbotschaften.

Bevor man das kann, muss man die Nummer seiner Kurzmitteilungszentrale kennen (Swisscom, Orange oder Diax fragen). Dann muss man in die Tiefen der Menus seines Handys vordringen und die Stelle finden, wo sich diese Nummer speichern lässt (Sohn oder Tochter fragen). Hat man dies geschafft, ist der Rest ein Kinderspiel, besonders für feine Hände. Pfotigeren Zeitgenossen kann das Tippen auf den meist kleinen und nahe beieinander liegenden Tasten Mühe bereiten.

Auf Gross- und Kleinschreibung und Satzzeichen darf weitgehend verzichtet werden. Man drückt so lange herum, bis die Worte, die man der Geliebten senden will, im Display stehen. Anschliessend wählt man ihre Nummer, und bald wird ein Brieflein im Display ihres Handys auf die eingetroffene Kurznachricht hinweisen. Dort kann sie dann lesen, wann sie will und so oft sie will: SCHATZ BIN JETZT IM ZUG UND DENKE FEST AN DICH WAS GIBT ES ZUM ZNACHT

SMS hat viele Vorteile, nicht nur für Verliebte. Die Botschaften sind kurz (maximal 160 Zeichen). Sie kosten wenig (um die dreissig Rappen der Versand, der Empfang ist gratis). Sie sind lautlos. Und vor allem zwingen sie sich dem Empfänger nicht wie ein normales Telefongespräch mit der Drohung «Jetzt oder gar nicht» auf.

Bereits stehen auch verschiedene SMS-Informationsdienste zur Verfügung. Börsianer können sich den Kurs einzelner Aktien aufs Handy schicken lassen, wenn es sein muss viertelstündlich. Auch über Sportresultate, die Wetterprognosen und die Schlagzeilen aus Politik, Wirtschaft und Kultur kann man sich informieren lassen. Ein weiterer Anbieter offeriert Tageshoroskope, Cocktailrezepte und täglich einen neuen Bibelspruch, wahlweise aus dem Alten oder dem Neuen Testament. Für solche Dienste bezahlt man zwischen zwanzig Rappen und einem Franken pro Meldung. Wie es geht, erfährt man auf www.swisscom.com/ mobile/infoservice oder www.diax.ch/ german/infokiosk.htm.

Was die Freude vorderhand noch trübt: Weil Swisscom und Diax sich nicht einig wurden, können die Kunden der Ex-Monopolistin denjenigen von Diax keine Kurznachrichten senden. «Nummer nicht vergeben», heisst es lapidar, wenn Liebesbriefe von heute nicht ankommen. Urs Bruderer


«Das Genialste am Handy ist, dass man sich kurze Nachrichten senden kann mit SMS. Einmal haben meine Freundin und ich einander Nachrichten hin- und hergeschrieben. Dann habe ich gemerkt, dass wir im selben Einkaufszentrum waren. Ich habe sie gefragt, in welchem Stock sie ist, und plötzlich stand sie dann vor mir. Manchmal machen wir so auch die Schulaufgaben zusammen. Ich bin besser in Franz, und sie ist besser in Mathe. Dann schreibe ich zum Beispiel: <Aufgabe 2 gibt soundsoviel. Bei dir auch?> Und wenn ein Kollege oder eine Kollegin krank ist, schickt man ihr natürlich auch SMS.» Adriana Küenzi, 14


DER SMS-CHAT

Merkwürdig, wie den Wörtern neue Bedeutungen zuwachsen. «Chatten» kommt aus dem Englischen und bedeutet «Quasseln» - also genau das, was am Telefon so gut geht. Da im deutschen Sprachraum aber erst seit den Zeiten des Internet gechattet wird, meint das Wort hier etwas anderes: sich in einem Chatraum des World Wide Web per Tastatur und im Zehnfingersystem mit anderen Surfern zu unterhalten.

Bald wird diese Bedeutung veraltet sein. Der Chat findet jetzt nämlich auch bei uns wieder am Telefon statt. Aber lautlos! Seit einigen Monaten steht Handybesitzern der erste Schweizer SMS-Chatraum zur Verfügung. Man muss nur die Telefonnummer und eine bescheidene Befehlssprache kennen, und schon kann es losgehen (auf www.handynews.ch findet man die nötigen Angaben).

Wie beim Internet-Chat loggt man sich unter einem Pseudonym in einen Chatraum ein. Der Anbieter hat die Räume «auto», «party», «love», «money», «sport» und «allg» geschaffen, liess den Benutzern aber die Möglichkeit, neue Räume zu definieren. Darum gibt es jetzt auch «tel6», «sms6», «tantra», «gay» und «pupelefa». Und die zwei besonders originellen «handy» und «chatraum».

Ist man in einem drin, kann man per Wahltasten und im Einfingersystem Kurznachrichten (maximal 120 Zeichen) an eine Nummer senden, von wo sie dann an alle Anwesenden gelangen. Im Gegenzug versüssen einem die Nachrichten der Mitchatter den Alltag. Wer im Juli den Chatraum «love» besuchte, konnte etwa auf seinem Handydisplay lesen:

HAEXLI> MORGÄ GRÜÄSSLI US MALLORCA.
PETI> HOI HÄXLI SCHO AM BÄDELE?
HAEXLI> HOLA PETI VIVA ESPANIOL NEI IM MOMÄNT HÄMMER ÄS GWITTER AAHAA! DU PETI ICH MÄLD MI AB GA CHLI UF PISCHTÄ. Ä SCHÖNÄ
Mustang> Hi, some Girls on the road?
PETI> THE GIRLS ARE ON HOLIDAYS-WET WAISCH WAS I MAIN-HAHAHA
Mustang> Hallo all!
PEGASUS> HÄXLI, PETI+CO SINDR SCHO WIDER VOLL GUETT DRUFF? GRUESS VOM LAKE SIHL
PETI> NEI PEGA BI SCHO IR TÜTE WO HESCH NELA?
PETI> HUHUHU ISCH ÖPPER UME?
PEGASUS> RICHTIG PETI!
Mustang> Hi all! PETI? HE PEGA MIR SI 2 ARMI SÖI - AUI CHATCATS HEI ÜS VERLA
PETI> HUHUHU NELA PEGA ABGSOFFE?
TOB> IS THERE ANYBODY OUT THERE FOR HUGE 6
Mustang> Some Girls online?
NELA> PEGA, DÄ LADÄ NO OFF?
PEGASUS> AUWÄ SCHO PETI + NELA
NELA> GANG ÄMAL IS NÄSCHT PEGA!
Urs Bruderer


«Alle haben es gern. Es ist einfach gemütlich. Man kann damit telefonieren, wo man gerade ist, und muss nicht fortgehen und eine Telefonkabine suchen. Oder wenn man auf einer guten Party ist, kann man die Kollegen sofort einladen. Auf jeden Fall die, die auch eines haben. Meine Freundin hat auch ein Handy. Wir telefonieren oft und wechseln uns ab, um die Kosten zu teilen. Wenn zum Beispiel ich sie angerufen habe, hören wir nach einer Viertelstunde schnell auf, und dann ruft sie mich gleich zurück.» Cedric van Wegberg, 14



DAS ENDE DER SATELLITENHANDYS

Alle Funklöcher dieser Welt auf einen Schlag auszumerzen: diese Idee war bestechend. Die Frau eines Motorola-Managers kam darauf, als sie 1985 mit ihrem Handy aus den Ferien in der Karibik nicht nach Hause telefonieren konnte. Bald darauf scharte Motorola mehrere in der Kommunikationstechnologie tätige Firmen um sich, und zusammen gründeten sie das Unternehmen Iridium. Man gab über fünf Milliarden Dollar aus, schoss 66 Satelliten in die Höhe und übersäte den Planeten mit Bodenstationen. Im November 1998 war es so weit: Iridium nahm den Betrieb auf.

Wer von jedem Fleck der Erde aus telefonieren wollte, musste sich allerdings ein spezielles, fast ein halbes Kilogramm schweres Handy kaufen, das weit über 3000 Franken kostete. Und die Gesprächsgebühren betrugen etwa sieben Franken pro Minute.

Die Folge war, dass Iridium kaum Kunden fand. Statt monatlich wie erwartet 50 000 konnten in den ersten fünf Monaten insgesamt nur gerade 10 300 Neuabonnenten gewonnen werden. Es zeigte sich zudem, dass die Satellitenhandys nur zuverlässig funktionierten, wenn sich keine Hindernisse in die Funkverbindung schoben. Schon ein Haus oder eine Hügelkette störten den Betrieb. Vielleicht hatte Iridium die Funklöcher beseitigt, doch erwies sich die Welt jetzt als ein Planet der Funkschatten. Die finanzielle Lage spitzte sich zu. Darum beschloss man bei Iridium diesen Sommer, die Geräte- und Gesprächskosten massiv zu senken, um endlich einen genügend grossen Kundenstamm zu gewinnen. Aber die Massnahme kam sehr wahrscheinlich zu spät: Alle Zeichen deuten darauf hin, dass Iridium kurz vor dem Bankrott steht. Das Unternehmen ist zahlungsunfähig, der Wert seiner Aktien tendiert gegen Null, und seit August ist man bemüht, den endgültigen Konkurs abzuwenden.

Iridium ist nicht das einzige Projekt seiner Art. Verschiedene Konkurrenten schlagen sich ebenfalls mit Satellitentelefonie-Plänen herum. Das Unternehmen ICO etwa, an dem Swisscom mit 52 Millionen Franken beteiligt ist, wollte Ende nächsten Jahres den Betrieb aufnehmen. Seit dem Iridium-Kollaps sind aber kaum noch Leute zu finden, die ihr Geld in Satellitentelefonie investieren wollen, und darum steht jetzt auch ICO vor Problemen. Urs Bruderer 


«Das Handy ist wirklich für Notfälle und Infos gedacht. Man sollte damit nicht zu oft telefonieren, man muss es sich einteilen, sonst ist es zu teuer. Ich habe ein Natel easy, das ist praktisch, da merkt man, wieviel es kostet. Weil ich verdiene, muss ich es selber bezahlen. Pro Monat kaufe ich etwa für hundert Franken Karten. Jetzt waren Ferien, da war es natürlich eher mehr; manchmal ist es aber auch viel weniger. Ich bin bei Swisscom, da kostet es auch, wenn jemand anruft. Aber ich bleibe dabei, weil Swisscom ein Nobelunternehmen ist.» Lukas Stahel, 15


VON NATEL ZUM BRUTEL

Der Schweizer sagt dem Mobiltelefon auch Natel, eine Wortschöpfung der ehemaligen PTT. Nationales Autotelefon, kurz Natel, nannte der Monopolbetrieb sein erstes Mobiltelefonnetz, das 1978 den Betrieb aufnahm.

Heute müsste man das kleine Ding zwar eher Handtaschentelefon (Hatel) oder Brusttaschentelefon (Brutel) nennen. Doch die Bezeichnung blieb, obwohl sie schon bald einmal von der Entwicklung überholt wurde. Damals machte die Wortschöpfung der Pöstler allerdings Sinn. Denn Mobiltelefonie bedeutete lange ein Telefon im Auto.

Bereits in den zwanziger Jahren hatte die amerikanische Fernmeldegesellschaft AT&T mit einem Autotelefon experimentiert. Mit wenig Erfolg: Der Kasten frass so viel Energie, dass bereits nach einem Kurzgespräch die Autobatterie leer war. Das Projekt wurde nicht weiterverfolgt, und es dauerte drei Jahrzehnte, bis leistungsfähigere Geräte auf den Markt kamen. Noch immer waren diese Autotelefone teurer als das Auto selbst, und die Nachfrage war entsprechend gering.

Als billigere und technisch einfachere Variante wurde dafür der Autoruf propagiert, mit dem Tonsignale auf im Auto eingebaute Empfänger übertragen werden konnten. Die Geräte der Firma Autophon füllten den ganzen Kofferraum und kosteten immer noch gegen 15 000 Franken. Lediglich 1000 Kunden mochten sich diesen Luxus leisten.

Das erste Natel-Netz - Natel A - markierte den eigentlichen Beginn der Mobiltelefonie in der Schweiz. Die unter anderem von Brown Boveri gefertigten Geräte hatten nur noch die Grösse eines Koffers und waren 15 Kilogramm schwer. Das Netz umfasste 40 ortsfeste Funkstationen, und die Kunden mussten auswählen, welches Teilnetz sie abonnieren wollten. 1984 folgte Natel B, das die Kapazität von 4000 auf 9000 Benutzer steigerte, 1986 Natel C (Vorwahl 077) und 1993 schliesslich Natel D (Vorwahl 079), das digitale GSM-Netz.

Natel A und Natel B sind in der Zwischenzeit wieder abgeschaltet worden, ohne dass die breite Öffentlichkeit davon Kenntnis genommen hätte, aber zum Ärger der Handypioniere, die als erste den Freuden der Mobiltelefonie gehuldigt hatten: Ihre alten, teuren Geräte sind seither unbrauchbar und zu blossen Museumsstücken geworden. Schon bald werden auch die Natel-C-Geräte zum alten Eisen gehören, denn ihr Netz soll Ende dieses Jahres abgeschaltet werden. Was einige freilich nicht daran hindert, Kleininserate aufzusetzen: «Günstig abzugeben: Natel-C, Liebhaberobjekt.» Andreas Heller




Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.