ES IST NOCH GAR NICHT so lange her, da durfte ein rechter «Fiasco», eine bauchige, mit Bast umwickelte Chianti-Flasche, in keiner Wohngemeinschaft und an keiner Sommerparty fehlen. Der Chianti, ob schlecht oder recht - das war für viele der Inbegriff des fröhlichen Zechweins.
Tempi passati. Heute gehören viele Chiantis zu den auch von Weinsnobs hoch geschätzten (und bisweilen recht teuren) Edeltropfen aus Italien. Der Weg vom Massen- zum Spitzenwein war freilich lang und beschwerlich. In den sechziger und siebziger Jahren dominierte im Chianti-Gebiet noch uneingeschränkt die Massenproduktion. Ertragreiche, aber minderwertige Varianten der für den Chianti typischen Sangiovese-Traube hatten die alten, schwieriger zu kultivierenden Klone verdrängt. Prompt sorgten die vermehrte Verwendung der qualitativ bescheidenen weissen Trebbiano-Sorte und auf Höchsterträge getrimmte Rebberge Ende der siebziger Jahre für einen «Chianti-See» von mehrheitlich schlechten Weinen. Ein Preiszerfall auf breiter Front trieb viele Produzenten in den Konkurs, die Epoche des «Fiasco» endete buchstäblich in einem Fiasko. Junge, gut ausgebildete Önologen und kapitalkräftige Industrielle wiesen schliesslich den Weg aus der Krise.
Als erstes wurden mit der DOCGRegelung von 1984 die Erträge reduziert. Um die Qualität weiter zu verbessern, begründete man vier Jahre später das Forschungsprojekt «Chianti 2000», das Richtlinien für den optimalen Anbau erarbeitet. Seit dem Jahrgang 1993 kann der Chianti-classico-Produzent seinen Wein ausserdem vollumfänglich aus Sangiovese herstellen; er darf aber auch bis zu fünfzehn Prozent andere hochwertige Rotweintrauben verwenden.
An einer kürzlich durchgeführten Blinddegustation prüften wir die einfachste, die sogenannte Annata-Qualität des guten Jahrgangs 1995 einiger führender Classico-Produzenten. Die Verkostung bestätigte einerseits einen insgesamt erfreulich hohen Standard; die Zeit des «Fiasco» scheint tatsächlich überwunden. Andererseits liessen die Weine einiger renommierter Produzenten auch vermuten, dass die «Annata» hin und wieder zugunsten von in kleinen Mengen erzeugten Riservas etwas stiefmütterlich behandelt wird.
Besonders geschätzt wurde von unserer Runde der Castello di Fonterutoli, der den von Natur aus eher harten, säurebetonten Charakter des Sangiovese mit Kraft und Komplexität kombinierte. Gleichfalls typisch und von hoher Qualität waren der hervorragende Casanova di Nittardi und der üppige, fast fleischige Castellare. Gehaltvoll auch der aus dem Süden des Gebiets stammende Wein der Fattoria di Felsina, die zu Recht zu den besten Produzenten gehört.
Der in weniger guten Jahren schnell zu mageren Weinen neigende Sangiovese erhält seit einiger Zeit wirkungsvolle Unterstützung durch den Merlot. Er eignet sich besonders für Verschnitte mit dem Sangiovese, weil er dessen charakteristische Eigenschaften nicht überdeckt. Rebberge in Höhen von teilweise über 500 Meter über Meer veranlassten beispielsweise das bekannte Weingut Castello di Ama, zusätzlich zu den traditionellen Sorten den früher reifenden Merlot zu pflanzen. Das kühlere Klima und das besondere Terroir erbrachten so einen finessenreichen, nuancierten Wein.
Herb, aber klassisch wirkte Castello dei Rampolla, dessen Chianti auch ein wenig Cabernet-Sauvignon enthält. Mit einer sauberen, intensiven Frucht gefiel der noch etwas säurebetonte Riecine. Markant, mit guter Konzentration waren Fontodi und Cennatoio; momentan reduktiv und ziemlich harmlos präsentierte sich indes der Badia a Passignano des führenden Produzenten Antinori. Einen schön gelungenen Wein mit «süsser» Frucht degustierten wir vom weniger bekannten Gut La Massa. Verschiedene eher bescheidene Weine einiger Grossproduzenten zeigten jedoch auf, dass es sich lohnt, selbst in sogenannt guten Jahren sorgfältig auszuwählen.