NZZ Folio 10/09 - Thema: Die Zeitung   Inhaltsverzeichnis

Sex aus heiterem Himmel

© Werner Fischer/RDB
Als allein grosse Buchstaben über Mord und Totschlag die Zeitung verkauften: Erste «Blick»-Ausgabe vom 14. Oktober 1959. Linktext
Nach Jahren des Leserschwunds zieht der Ringier-Verlag die Notbremse: Der «Blick» soll wieder eine echte Boulevardzeitung werden. Das ist leichter gesagt als getan.

Von Andreas Heller

Ans Steuer seines Porsches traut er sich nicht mehr, aber wenn es um sein Metier geht, ist er noch ganz der Alte. Peter Uebersax sitzt rauchend im Gärtchen vor seiner Eigentumswohnung in Herrliberg, vor sich die neuste Ausgabe des «Blicks». Leicht missmutig mustert der 84jährige die Zeitung, die er einst prägte, und kann sich eine kurze Blatt­kritik nicht verkneifen. Die Geschichte auf der ersten Seite über eine angebliche Liaison eines Schlagersängers mit ­einer «Music Star»-Finalistin hat er schnell abgehakt: «Ein ganz schwacher Aufmacher.» Er blättert weiter: «Simpel gestrickt» – «Mickriges Thema für einen Seitenaufmacher» – «Viel zu viele Titel mit Fragezeichen». Nur einige gute Fotos, aber keine einzige wirklich «knackige Story» findet das Urgestein des Schweizer Boulevardjournalismus in der aktuellen Zeitung. «Eine ganz schwache Nummer.»

Den Einwand, es herrsche noch immer Sommerflaute, die Nachrichtenlage sei eher dürftig, wischt er vom Tisch: «Es gibt keine ereignislosen Tage, es gibt nur ideenlose Journalisten.»

Der Merksatz, mit dem er einst die Redaktionsstuben des «Blicks» tapezierte, hat für ihn nichts an Gültigkeit verloren. So wie auch sein Anspruch an eine gute Boulevardzeitung derselbe geblieben ist: «Sie muss Emotionen wecken, sie muss polemisch sein, plakativ, populistisch. Sie muss das bringen, was die Leute interessiert, und sie steht politisch eher rechts.» Der ehemalige Chefredaktor schnippt Asche von der Zigarette: «Wenn man das richtig umsetzt, dann braucht man Gratiszeitungen und Internet nicht zu fürchten.»

Peter Uebersax, kein Zweifel, hat gemäss diesen Kriterien alles richtig gemacht, als er in den 1980er Jahren die «Blick»-Redaktion leitete. Der im angelsächsischen Journalismus gestählte Reporter verstand das Nachrichtenhandwerk und hatte ein Gespür für Themen, die exakt das ­damalige Lebensgefühl trafen. Mit Serien wie «Sex aus ­heiterem Himmel» und dem Engagement von Martha ­Emmenegger als Sexberaterin bewirtschaftete er rechtzeitig den sich abzeichnenden Trend zur grösseren sexuellen Freizügigkeit. Mit Verve wehrte er sich im Namen des Volkes gegen höhere Steuern und tiefere Tempolimiten. Er polemisierte gegen das öffentlichrechtliche Fernsehen und scheute sich nicht, Ressentiments zu bedienen mit gross auf­gemachten Berichten über Straftaten von Asylbewerbern aus Sri Lanka. «Ich hatte kein Rezept, ich lancierte die Themen, die mich selbst beschäftigten», meint er heute. «Wir ritten auf einer Erfolgswelle, das war ein wenig wie ein Rausch.» Die Auflage schnellte in die Höhe, von 270 000 auf über 380 000 Exemplare. Es waren die fetten Jahre der Boulevardzeitung.

Das Blättchen, das heute auf Uebersax’ Gartentischchen liegt, verkauft sich gerade noch 230 000 Mal. Der «Blick» ist ein Abklatsch dessen, was er einmal war. Er steckt tief im Sumpf, zumal auch das Inserate­volumen überproportional eingebrochen ist. In hoher Kadenz werden die Chefredaktoren ausgewechselt – der letzte, Bernhard Weissberg, wurde im Juli abserviert. Immer wieder werkelt man am Erscheinungsbild, schraubt an der inhaltlichen Ausrichtung, und seit Jahren wird verkündet, man werde nun den Boulevardjournalismus neu erfinden, um die Oberhoheit über die Stammtische zurückzuerobern.

Für Peter Uebersax, der nach einer Attacke gegen den damaligen Finanzminister Otto Stich und einem anschliessenden Disput mit seinem Verleger Michael Ringier den Chefsessel räumte, ist dieser Niedergang keine Überraschung. Die Probleme beim «Blick» seien primär hausgemacht, nämlich eine völlig verfehlte Neuausrichtung der Zeitung durch ­Michael Ringier und den Ringier-Chefpublizisten Frank A. Meyer in den 1990er Jahren. «Sie haben den ‹Blick› mit aller Gewalt vom Boulevard wegpositioniert und mehr und mehr zu einer gewöhnlichen Zeitung gemacht.» Eine Zeitung ohne klaren Fokus, politisch korrekt und ideologisch eher links. Eine Zeitung mit viel Politik, einem Wirtschaftsteil und sogar einem Feuilleton. Mit dem sicheren Instinkt des Boulevardjournalisten für den emotionalen Kern einer Sache benennt Uebersax auch den Grund für die Neuausrichtung: «Michael Ringier hat sich immer geschämt für den ‹Blick›, wie er ursprünglich war. Er wollte endlich eine anständige Zeitung haben.»

Dass der «Blick» viel zu lieb und zu brav geworden ist, wird heute selbst von der Mehrheit der Ringier-Konzernleitung nicht mehr bestritten. Den Krebsgang nur damit zu erklären, wäre allerdings zu plakativ. Mehr noch als andere Zeitungen leidet der «Blick» unter der veränderten Topographie der Medienlandschaft, neuen Lesegewohnheiten und gesellschaftlichen Veränderungen. Er ist unter all den Boulevardzeitungen auch kein Sonderfall. Ähnliche Einbrüche wie der weichgespülte «Blick» erlitt auch die viel härtere «Bild»-Zeitung in Deutschland, deren Auflage von über 5 Millionen auf 3,2 Millionen schrumpfte. Nicht viel besser geht es den englischen ­Tabloids, die seit je einen besonders vulgären Boulevardkurs fahren.

«Die Boulevardzeitungen sind die Dinosaurier in der Medienlandschaft», sagt der Publizist Karl Lüond, selber einmal Mitglied der leitenden Redaktion des «Blicks». «Das Biotop hat sich verändert, und man fragt sich, ob die Nahrungsgrundlage noch ausreichend ist.»

Als der «Blick» am 14. Oktober 1959 mit der Schlagzeile «Der Diener ist nicht der Mörder» erstmals ­erschien, war er in der Schweizer Medienlandschaft einzigartig. Die typische Zeitung war damals noch ein Meinungsblatt, gemacht von pfeiferauchenden Redaktoren, die Mitglied einer Partei waren und vor allem das publizierten, was sie für relevant hielten für die demokratische Meinungsbildung und die Pflege der richtigen Denkart.

Die neue Zeitung mit den grossen Buchstaben scherte sich ­einen Deut darum. Sie versprach, über alles zu schreiben, was die Leser interessiere – und das waren in jener Zeit Dirnenmorde und ähnliche Greueltaten. Allein mit seiner Themenwahl weckte das Revolverblatt Emotionen. Besorgte Bürger organisierten Fackelzüge und veranstalteten «Blick»-­Verbren­nungen, Inserenten boykottierten die neue Zeitung, und der Ringier-Verlag verlor zur Strafe einen lukrativen Telefonbücher-Druckauftrag. Im Parlament gab es Vorstösse, und der Bundesrat bedauerte, dass er leider keine Handhabe gegen das unerwünschte Blatt habe, das auf «die geistige Haltung und Widerstandskraft» der Schweizer keinen günstigen Einfluss ausübe.

Giftig reagierten auch die Kommentatoren in der sogenannt seriösen Presse. «Man schätzt uns Hirtenknaben schon sehr gering ein, so gerade knapp vor dem Verblöden», schrieb der «Tages-Anzeiger». Das katholische «Vaterland» sorgte sich um die Verrohung der Sitten angesichts der «moralischen Verkommenheit dieser dreisten Blattmacher» und fragte: «Wo sind die Kirchenmänner, die ­einmal den Mut aufbrächten, die geistige Umweltverschmutzung dieses Journalismus zu verurteilen?» Die geharnischten Reaktionen hatten freilich vor allem einen Effekt: Sie weckten erst recht die Neugier auf das neue Massenblatt.

Erste Nachahmer fand der Boulevardjournalismus in den Gratisanzeigern, etwa im «Züri-Leu». Dann streiften auch die Tageszeitungen ihre Zurückhaltung ab. Sie begannen politische Themen zu personalisieren und öffneten ihre Spalten für Klatschrubriken, Horoskope, Kochrezepte und Schönheitstips. Die Entwicklung war schleichend, beschleunigte sich jedoch gegen Ende der 1980er Jahre, etwa zeitgleich mit dem Aufkommen der Lokalradios und des Privatfernsehens in Deutschland.

Heute ist der Boulevardjournalismus allgegenwärtig. Sein Stil und seine Themen breiten sich in Magazinen und Gratisblättern genauso aus wie in den Tages- und Sonntagszeitungen. Vom kleinen Regionalblatt bis zur Qualitätszeitung haben alle begriffen, wie sie mit Promi-Geschichten und süffigen Schlagzeilen die Neugier der Leser wecken. Zum Boulevardmedium schlechthin hat sich das einst hausbackene Fernsehen entwickelt, das mit bewegten Bildern weitaus emotionsgeladener über persönliche Schicksale berichten kann.

Die klassische Boulevardzeitung wird von allen Seiten bedrängt, besonders aggressiv von den Pendlerzeitungen, die die Massen gratis mit journalistischem Kunterbunt versorgen. Das erste Bild von Roger Federer mit seinen Zwillingen – ein klassischer Boulevardstoff – ist heute für alle Medien das Topthema des Tages. Und am schnellsten ist immer das Internet, das bei einem Grossereignis nicht mehr nur die Nachricht, sondern auch Bilder und Filme im Netz anbietet. So auch bei den Federer-Babies; die ersten Bilder wurden nicht wie einst exklusiv in einem Massenblatt präsentiert, sondern auf der Internetplattform Facebook. Das Internet ist der vielleicht grösste Feind der Boulevardzeitung. Es ist nicht nur schneller, emotionaler und spontaner. Im Internet kann die Redaktion aufgrund der Klick-Statistik auch einwandfrei feststellen, welche Geschichten Aufmerksamkeit wecken und welche nicht. Eine Geschichte lancieren und dranbleiben, solange sie läuft – die grosse Kunst des Boulevardjournalismus ist im Internet schon fast ein Kinderspiel.

«Alle Medienmanager, Chefredaktoren und Berater stellen sich die gleichen Fragen», sagt Marc Walder, Geschäftsführer von Ringier Schweiz. «Wie sieht die Zeitung der Zukunft aus? Was ist ihr Geschäftsmodell? Gibt es sie überhaupt noch auf Papier? Oder nur noch auf digitalen Medien?»

Walder, 43jährig und seit gut einem Jahr der Boss aller Chefredaktoren bei Ringier, empfängt im grossen Konferenzzimmer auf der Direktionsetage an der Dufourstrasse in Zürich. An den Wänden hängt zeitgenössische Kunst, aus dem Innenhof dringt der Lärm von Baumaschinen in den klimatisierten Raum. Draussen, erklärt Walder, wird derzeit der neue Newsroom erstellt, ein wichtiges Element in der Zukunftsstrategie des grössten Schweizer Medienhauses. Er nennt ihn selbstironisch «mein Denkmal» und nippt an seinem Pfefferminztee.

Anfang des nächsten Jahres wird der aufwendige Bau fertiggestellt sein und die Redaktoren der ganzen «Blick»-Gruppe, also «Blick», «Sonntagsblick», «Blick am Abend» und «Blick online», in einem grossen Raum vereinen. Der Newsroom soll laut Walder «die Effizienz der Nachrichtenproduktion steigern und den multimedialen Fluss erleichtern». Jeder Chefredaktor wird dann Zugriff auf die Journalisten aller Publikationen haben, und es können je nach Thema Pools gebildet werden. Es ergeben sich Synergien, «ein viel grösserer Muskel», wie der ehemalige Tennisprofi sagt. Der Journalist soll je nach Bedarf und Aktualität die verschiedenen Produkte der Marke «Blick» mit passenden Geschichten beliefern.

Damit die Grenzen durchlässiger werden, wird der News­room auch technisch hochgerüstet: mit einem Web- und Audiocenter, einem Fernsehstudio und einem Beamer, der den Wissensstand der gesamten Nachrichtenredaktion zum Ereignis des Tages an die Wand projiziert. Wie das funktioniert, hat Walder bei einem Besuch beim «Daily Telegraph» in London und in andern Newsrooms in Europa gesehen. Unweigerlich stellt man sich vor, welches Wissen da für die Gesamtredaktion aufdatiert werden wird – etwa zur Topstory an diesem Tag: «Schweizer am Adriastrand niedergestochen» – «Der Täter sprach Mundart» – «Die Mutter: Nur dank dem Speck wurde die Bauchdecke nicht gefährlicher verletzt».

Der grössere Muskel allein, das ist auch für Walder klar, wird der Zeitung «Blick» noch nicht zu neuer Schlagkraft verhelfen. Es braucht auch inhaltliche Veränderungen. Der «Blick» soll wieder das sein, was er während Jahrzehnten war: «eine kernige Boulevardzeitung und die unabhängige Stimme des Landes, egal ob es sich um Nachrichten aus Politik, Sport, Wirtschaft oder Gesellschaft handelt». Die Rückkehr zu den Wurzeln soll auch optisch deutlich gemacht werden: Mitte Oktober, zum 50. Geburtstag, wird der «Blick» wieder im ursprünglichen Format und in zwei Bünden erscheinen.

Man könne den «Blick» natürlich nicht einfach wie früher machen, betont Walder, auch wenn das viele Leser forderten. Es gehe darum, eine moderne Form des Boulevards zu entwickeln. «Via Radio, Fernsehen, Internet und Handy prasselt heute ein regelrechtes Informationsgewitter auf die Menschen nieder. Die nackte Nachricht hat keinen Wert mehr.» Genau das sei die Chance der Boulevard­zeitung. «Ihre Funktion ist komplementär, indem sie die Tagesaktualität anders reflektiert – emotionaler, durchdringender, konsequenter.» Wenn der «Blick» richtig positioniert sei, werde auch seine Auflage wieder steigen. Erste ermutigende Signale gebe es bereits, die neusten Zahlen im Einzelverkauf zeigten eine steigende Tendenz.

Seit dem Abgang von Chefredaktor Weissberg schwingt der deutsche Blattmacher Ralph Grosse-Bley, einst mitverantwortlich für die Borer-Affäre, das Zepter. In alter Boulevardmanier werden nun wieder Unglücksfälle und Verbrechen tage-, ja wochenlang «gespielt» und bis zum letzten Tropfen ausgepresst: Die im Gerlibach ertrunkenen Kinder, der Schenkkreismord in Grenchen. Plötzlich reitet der «Blick», was bis vor kurzem ein Tabu war, auf Steckenpferden der SVP, indem er einen (längst bekannten) Fall von IV-Betrug zur Titelgeschichte aufbläst: «IV-Skandal. Simulantin darf 40 000 Franken behalten, weil Gutachter schlampte.»

Doch grosse Emotionen wecken auch diese Stories nicht. Vielleicht, weil die Machart leicht zu durchschauen ist, weil es an Exklusivität und Esprit fehlt. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass die Leser heute anders ticken. Es gibt keine Tabus mehr und kaum noch Themen, die das ganze Land bewegen. Das allgemeine Lebensgefühl, das der «Blick» treffen will, hat sich in der immer pluralistischeren Gesellschaft zusehends verflüchtigt.

«Es ist heute sicher schwieriger, eine gute Boulevardzeitung zu machen», räumt Peter Uebersax ein. Serien wie «Sex aus heiterem Himmel» bringen die Leserschaft kaum noch in Wallung. Umso mehr brauche es Journalisten, die mit Leidenschaft ihr Metier betrieben. Journalisten mit offenen Ohren und wachen Augen. Plakativ gesagt: mehr Spürsinn statt Newsmanagement.

Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.



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