NZZ Folio 05/93 - Thema: Schönheit   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Zum Fressen gern

Von Herbert Cerutti

KONRAD LORENZ, der Vater der vergleichenden Verhaltensforschung, hat es kategorisch formuliert: «Tiere bringen keine Artgenossen um, das wäre der Arterhaltung abträglich.» Trotzdem ist Kannibalismus - das Töten und Verspeisen von Individuen der eigenen Spezies - in der Tierwelt weitverbreitet. So machen sich manche Schnecken ungeniert über ihre Artgenossen her; Vögel fressen die eigenen Jungen oder Eier; Löwenmännchen die Nachkommen eines Rivalen; Schimpansen töten Jungtiere und verzehren das Opfer in trauter Gruppenmahlzeit.

Besonders schwer verständlich erscheint kannibalistisches Verhalten in jener Situation, wo wir Menschen Zärtlichkeit und Rücksichtnahme erwarten: Bei den Spinnen ist es durchaus üblich, dass das Weibchen seinen Liebhaber im Laufe des Schäferstündchens tötet und frisst.

Dass Kannibalismus den Laien schockiert, ist verständlich. Aber auch die Biologen haben Kannibalismus lange Zeit als abnormes Verhalten taxiert und nicht studiert, denn solche «Entgleisung» liess keinen biologischen Sinn erkennen. Als die Fachleute jedoch nach und nach entdeckten, dass Kannibalismus fast in der ganzen Tierwelt und in vielen unterschiedlichen sozialen Umständen vorkommt, wuchs die Ansicht, solches Verhalten müsse auch seine Vorteile haben.

Vorteile insbesondere im Lichte der modernen Soziobiologie, die von der Annahme ausgeht, ein Individuum verhalte sich sozial und sexuell so, dass sein eigenes Erbgut an möglichst viele Nachkommen weitergegeben wird. Ist nun trotzdem im Tierreich «Selbstlosigkeit» zu beobachten, ist dies nur scheinbar ein Widerspruch. Indem sich ein Männchen im Kampf für seinen Bruder opfert oder eine Arbeiterin im Bienenstaat zugunsten der Königin auf eigene Kinder verzichtet, wird entsprechend dem Verwandtschaftsgrad doch ein bestimmter Teil des eigenen Erbgutes weitervererbt. Und in aller Regel ist die genetische Schlussbilanz für das scheinbar selbstlose Individuum günstiger, als wenn es sich nach unseren Massstäben egoistisch verhalten hätte.

Ein fettes Spinnenweibchen sitzt im Zentrum seines Radnetzes. Sehr langsam und vorsichtig nähert sich das viel kleinere Männchen, denn die Dame ist meist hungrig und das Männchen entspricht durchaus einer üblichen Beuteportion. Um das Weibchen friedlich zu stimmen, lässt das Männchen das Netz vibrieren und gibt mit seinen Beinen lebhafte Signale. Noch in sicherer Distanz hat das Männchen einen Spermatropfen ins Netz gesetzt und die kolbenförmigen Endglieder des vorderen Beinpaares mit Samenflüssigkeit gefüllt. Schliesslich am Ziel, stopft das Männchen den Samen dem Weibchen in die Geschlechtsspalten am Bauch.

Wenn es nach der Begattung dem Männchen nicht gelingt, rasch aus dem Bereich der weiblichen Klauen fortzukommen, bezahlt es den Kiltgang nicht selten mit dem Leben. Bei den Kreuzspinnen und andern Radnetzspinnenarten konstruiert das Männchen für die Begattung einen speziellen Faden. Mit Zitterbewegungen wird das Weibchen auf das Liebesseil gelockt. Dank besonders langen Vorderfüssen kann das Männchen das Weibchen auf Distanz halten und gleichzeitig in eine für den Akt günstige Position schieben. Ist das Männchen den Samen losgeworden, sucht es sein Heil nach Tarzan-Manier, indem es vom Seil wegschnellt und an einer speziellen Leine in die Sicherheit entschwebt.

Dass die Liebe für einen grossen Teil der Spinnenmännchen gefährlich ist, zeigt die Vielfalt der im Laufe der Evolution entwickelten Abwehrstrategien, wie sie Mark Elgar in einem Artikel in der unlängst publizierten Übersicht «Cannibalism» (Oxford University Press) beschreibt. So warten bei einigen Spinnenarten die Männchen auf den Zeitpunkt, da sich die Weibchen häuten, und profitieren dann von der temporären weiblichen Wehrlosigkeit. Oder der Herr bringt der Dame eine in Seide eingepackte Fliege als Brautgeschenk und kopuliert, während sie sich am Leckerbissen gütlich tut. Den Verpackungstrick kostengünstig abgewandelt haben die Männchen einiger Krabbenspinnenarten, indem sie statt des Geschenks die Braut selber mit Seide umgarnen und zum wehrlosen Bündel schnüren. Bei den Kieferspinnen schliesslich wird das Weibchen auf direktem Weg am Zubeissen gehindert: Das Männchen hat an den Kiefern spezielle Haken, die das räuberische Mundwerk des Weibchens in geöffneter Stellung blockieren.

Trotz aller Vorsicht bezahlen viele Spinnenmännchen den Liebesakt mit dem Leben. Die Frage bleibt, welchen soziobiologischen Vorteil der Opfergang hat. Einige Biologen meinen, sexueller Kannibalismus widerspiegle lediglich das unvermeidliche Risiko des gefährlichen Liebesspiels mit einem raubgierigen Weibchen. Andere Fachleute sehen die Sache differenzierter; sie suchen insbesondere auch zu verstehen, warum in gewissen Fällen das Männchen schon vor der Begattung gefressen wird. Im Kampf der Geschlechter scheint es einen weiblichen und einen männlichen Standpunkt zu geben.

Verspeist das Weibchen den Freier bereits vor dem Liebesakt, kann dies Ernährungstaktik sein. Ein gefressenes Männchen erhöht das Körpergewicht des Weibchens signifikant und verbessert damit die weibliche Fruchtbarkeit. Mit dieser Taktik läuft das Weibchen allerdings Gefahr, als wohlgenährte Jungfer zu enden - ihr genetisches Spiel wäre verloren.

Elgar hat Modelle für ein optimales weibliches Verhalten berechnet. Danach müsste die weibliche Lust, den Partner schon vor dem Akt zu fressen, davon abhängen, wie viele Männchen in der Gegend sind. Und gegen Ende der Saison, wo die Chance für eine Begattung rasch kleiner wird, sollte das Weibchen weniger männermordend sein. Eine Studie hat bestätigt, dass sexueller Kannibalismus in Gebieten mit vielen Männchen in der Tat häufiger ist.

Und die Sicht der Männchen? Für sie kann das Gefressenwerden genetisch nur vorteilhaft sein, wenn der Liebesakt vollzogen ist. Der Körper dient dann als väterliche Investition in das Wachstum der Kinder und nützt damit dem Weiterkommen der eigenen Gene. Das Gefressenwerden nach dem Akt ist für das Männchen um so sinnvoller, je weniger Paarungsmöglichkeiten bestehen, je stärker es mit seinem Opfer zum Gedeihen der Brut beitragen kann und je älter es ist. Entsprechende Beobachtungen an verschiedenen Arten von kannibalisierenden Wirbellosen liefern Hinweise für die Richtigkeit der Theorie.

Ein starkes Argument für das männliche Interesse am morbiden Nachspiel sind die Beobachtungen an der Netzspinne Argiope aemura. Hier entflieht das Männchen geschickt nach einer ersten Begattung der weiblichen Gefahr. Es kehrt indes für eine zweite Begattung zurück und lässt sich danach ohne jeden Fluchtversuch umbringen.

Und noch deutlicher: Das Männchen der australischen Kugelspinne Latrodectus hesselti lässt sich bereits während einer ersten Kopulation vom Weibchen das Hinterteil zerkauen. Verstümmelt entfernt sich das Männchen nach dem Akt einige Zentimeter von seiner Partnerin, inszeniert nochmals ein kurzes Werbespiel, um schliesslich zur tödlichen Endrunde der verzehrenden Liebe zu schreiten.

Solches Höherstellen des Weiterlebens der eigenen Gene über die körperliche Existenz erklärt einen Grossteil der vielen Varianten von Kannibalismus im Tierreich. Der Extremfall ist wohl dort erreicht, wo eine Kreatur ihren Genen zuliebe stirbt, bevor sie überhaupt geboren ist: Das Männchen der Milbe Acarophenax tribolii schlüpft im Innern seiner Mutter aus dem Ei. Ausser ihm schlüpft noch ein gutes Dutzend Schwestern. Die Brut wächst, indem die Mutter von innen her gefressen wird. Schliesslich kopuliert der Bruder mit allen seinen Schwestern und stirbt noch im Mutterleib. Die Schwestern aber kriechen ans Licht der Welt und werden bald schon vom eigenen Nachwuchs aufgezehrt. Für die Gene von Bruder und Schwester indes ist die Bilanz positiv.

Es mag dem durch Ethik geformten Denken und Fühlen schwerfallen, solch bizarres tierisches Verhalten zu begreifen. Und doch schlummern auch unter unserer moralischen Decke soziale und sexuelle Strategien, die weniger dem Ideal einer selbstlosen Liebe zum anderen Menschen als dem urtümlichen Drang nach maximalem Nutzen für die eigenen Gene folgen. Was sich nicht in jedem Fall widersprechen muss. «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» kann innerhalb der Verwandtschaft durchaus ein soziobiologisches Optimum sein.


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