NZZ Folio 10/06 - Thema: TV-Serien   Inhaltsverzeichnis

Leben nach dem Tod

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Die Rote Zora ist heute Rektorin in Belgrad. Linktext
Jahrelang begleiten wir sie am TV. Bis sie in Folge 521 plötzlich sterben oder die Serie abgesetzt wird.Was macht eigentlich die rote Zora? Benny Beimer? «Denver-Clan»-Krystle Carrington?
Lidija Kovacevic – die rote Zora
Sepp Burri sagt: «Das wird schwierig.» Der Leiter des Kinderprogramms im Schweizer Fernsehen kramt in alten Unterlagen. «Viel Vergilbtes», sagt er, und man hört es rascheln. Doch Hinweise, was aus Lidija Kovacevic geworden ist, die Anfang der 1980er Jahre die rote Zora spielte, findet er keine. «Versuchen Sie es bei Peter Kölsch vom Bayerischen Rundfunk. Die waren beteiligt.»

1941 veröffentlichte der aargauische Sauerländer-Verlag Kurt Helds Kinderbuch «Die rote Zora und ihre Bande». Das Buch über das eigenwillige Mädchen, das eine Bande von fünf Waisenbuben anführt und in der Tradition ihrer Vorväter, der Uskoken, für Freiheit und Gerechtigkeit kämpft, erzielte Rekordauflagen in ganz Europa. Pädagogen warnten, das Buch sei subversiv, es verherrliche linkes Gedankengut. 1979 wurde der Roman unter dem gleichen Titel verfilmt.

«Ja? Kölsch am Apparat.» Er lacht: «Die Zora? Dass das noch jemand wissen will.» Nein, er könne nicht weiterhelfen. Der Regisseur, Fritz Umgelter, sei tot. Vielleicht wisse der Produzent, ein gewisser Matthias Deyle etwas. Nummer? Habe er nicht. Tschüss, und: «Find ich gut, wenn man sich an die alten Kisten noch erinnert.»

Anruf bei Deyle, dem Produzenten. Nur seine Stimme ab Band. Anruf bei Uwe Falkenbach, einem ehemaligen Mitglied des Wiener Burgtheaters. Falkenbach gab in der 13-teiligen Fernsehserie den versoffenen Polizisten Begovic, der die rote Zora und ihre Bande durch die engen Gassen des kroatischen Küstendorfes Senj hetzte. Falkenbach war einer der wenigen deutschsprachigen Schauspieler der Koproduktion zwischen Schweizern, Deutschen und Jugoslawen. Falkenbach spielte den Bösen. Und er schwitzte stark. Heute ist er pensioniert: «Die Lidija? Mein Gott. Was die wohl macht?» Gut habe sie gespielt, sie war ja Laie. «Und hübsch war sie. So robust.» Aus Hunderten von Mädchen aus ganz Jugoslawien habe man sie ausgewählt.

1980 lief die Serie im Fernsehen an, und eine ganze Generation sah zu. Unvergessen die Mutprobe, die jeder bestehen musste, wollte er zu Zoras Bande gehören: mit einem Messer musste in schneller Abfolge zwischen die gespreizten Finger gestochen werden. Und auf den Pausenplätzen der Primarschulen spielten wir Kinder die Szene mit spitzen Hölzern nach. Noch einmal Anruf bei Deyle. «Deyle?» – «Ich suche die rote Zora. Wahrscheinlich können Sie sich nicht an sie erinnern …» – «Die Lidija? Aber natürlich. Wollen Sie ihre Nummer?»

Frau Lidija Kovacevic, Sie spielten die …

… Lidija Rucnov. Ich habe geheiratet.

Frau Rucnov, Sie spielten die rote Zora. Mochten Sie sie?

Ja. Sehr sogar.

Warum?

Ich konnte mich gut mit ihr identifizieren. Zora war stets optimistisch, trotz ihren schwierigen Lebensumständen. Und sie war stark, weil sie lernte, stark sein zu müssen. Die rote Zora hatte das Führen im Blut.

Und Sie? Sind Sie ihr ähnlich?

Nun, ich war selbstsicher, ja. Ich war auch ziemlich robust. Aber ich war nicht so mutig wie sie. Ich habe mich nicht getraut, vom Boot ins Wasser zu springen oder aus dem dritten Stock unserer Burg. Für solche Szenen nahm man ein anderes Mädchen, ein Double. Auch hatte ich keine roten Haare. Obwohl, jetzt, im Alter, werden sie immer heller und irgendwie auch rötlich. Komisch eigentlich.

Was machen Sie heute?

Ich habe vor einem Jahr eine Privatschule in Belgrad gegründet. Ich bin Rektorin.

Wissen Ihre Schüler, dass ihre Rektorin einst einem Riesentintenfisch die Tentakel durchschnitt?

Nein. Aber ich dachte schon daran, den Schülern die Serie vorzuspielen. Nur: Die rote Zora war in Jugoslawien weniger bekannt als im Westen.

Wäre die rote Zora mit der Art, wie Sie Ihre Schüler behandeln, zufrieden?

Das denke ich schon. Ach, wissen Sie, die Zora ist ständig präsent in meinem Leben und hat alle meine späteren Entscheidungen geprägt. Die Zora ist in mir drin.


Eine deutsche Produktionsfirma will im Herbst 2007 den Kinofilm «Die rote Zora und ihre Bande» drehen. Ein Regisseur ist gefunden, die Buben wurden ausgewählt, nur die Suche nach einer roten Zora erweist sich als schwierig. Kein Wunder, wenn sie noch in Lidija steckt. Sacha Batthyany


Linda Evans – «Denver-Clan»
Es gibt Namen, bei denen folgt das «Ach-die»-Erlebnis nur mit Zusatzinformation. Linda Evans ist so einer. Erst mit «Denver-Clan» drängt sich ein Bild, das sich zwanzig Jahre in einer Windung des Hirns versteckt hielt, nach vorn: Krystle Carrington schreitet frisch geföhnt und tief dekolletiert in den Salon. Als Elfe im Seifenopernschlamm erlebte die Ehefrau des Selfmade-Ölmillionärs Blake Carrington und das Lieblingsopfer von Alexis Colby Vergewaltigung, Entführung, Hypnose. Wer von «Dallas» noch nicht genug hatte, konnte sich mit «Denver» den goldenen Schuss Dekadenz setzen.

Linda Evans bekam die Rolle ihres Lebens 1981. Nach zwei zerbrochenen Ehen – Ehemann Nr. 1, der Regisseur John Derek, verliess sie für Bo –, lächelte sie fortan von den Titelseiten der Illustrierten. Krystle Carrington kam als Puppe in die Geschäfte, in Versandhauskatalogen gab es die «Denver-Clan»-Collection, die Leser des Magazins «People» wählten sie zur schönsten TV-Frau des Jahres 1983. Ein Jahr später küsste sie Rock Hudson. Als seine Aidserkrankung öffentlich wurde, brach Hollywood in Panik aus: «Krystle wird Aids bekommen.» 1988 kündigte Evans bei «Denver-Clan» – «ich wollte mein Leben zurück». In der Serie fiel sie ins Koma und wurde für eine Gehirnoperation in die Schweiz geflogen. Krankheit statt Mord liess ihr die Option auf einen Wiedereinstieg, zu dem es 1991 in einem zweiteiligen Abschlussfilm kam.

Nach dem Ausstieg widmete sie sich der Esoterik der Ramthas Ancient School of Enlightenment. Innerlich erhellt und äusserlich verjüngt, verliebte sie sich in den griechischen Flötenspieler Yanni. Ihr neues Äusseres hat mit ihrer Fitnessstudiokette übrigens ebenso wenig zu tun wie mit den von ihr beworbenen Gesichtsmassagebürsten. «Wenn man sich die besten Ärzte aussucht, braucht man keine Angst zu haben.» Die Liebe zu Yanni endete 1998, von einer neuen Liebe ist nichts bekannt. Stattdessen widmet sich Linda Evans wieder der Karriere: Den Champagner zu ihrem 64. Geburtstag wird sie im November mit Joan Collins trinken. Die beiden stehen in der Broadwayshow «Legends» auf der Bühne. Joan Collins – war das nicht? Genau. Deshalb wird mit dem Zusatz «Die Rivalinnen aus ‹Denver-Clan›» geworben. Gudrun Sachse


Jochen Schröder – «Schwarzwaldklinik»
28 Millionen Zuschauer sassen samstags vor den Bildschirmen und guckten zu, wenn der flotte Sascha Hehn als Doktor Udo Brinkmann im weissen Golf-Cabrio seine Krankenschwestern ausfuhr, sie guckten weg, wenn Klausjürgen Wussow als Professor Brinkmann am offenen Bauch operierte, und sie lachten über die Sprüche des Wehrdienstverweigerers Mischa, gespielt von Jochen Schröder, der damals 31 Jahre alt war und aussah wie 19.

Das «Schwarzwaldklinik»-Team ist 2005, zum 20-Jahr-Jubiläum, wieder zusammengekommen. «Schwarzwaldklinik» reloaded. Oder: Rentnertreff im Schwarzwald.


Wie war das Wiedersehen mit Wussow? Mit Sascha Hehn? Hat der Ihnen damals nicht alle Frauen weggeschnappt?

Was die Frauen angeht: Ich hab noch genug abgekriegt.

Echte Groupies?

Ich kam mir manchmal vor wie ein Wunderheiler. Auf dem Weg zum Set waren Hunderte von Menschen. Die wollten mich berühren, sie haben ihre Nasen gegen die Autoscheibe gedrückt.

1989 kam das Aus, nach rund 70 Folgen. Und Sie wurden danach innerhalb von 15 Jahren Intendant von drei Theaterhäusern: Bochum, Duisburg, Wuppertal. Nicht schlecht für einen ehemaligen Pfleger.

Ja. Das war viel Arbeit. Und ich bin stolz darauf. Ohne viel zu buckeln, habe ich einiges erreicht. Laufe ich auf der Strasse, erkennen mich auch heute noch die Kinder. Die sagen: «He, du bist der, der meiner Mama so gut gefällt und immer so nett ist zu den Menschen.»

Sie waren für vier Jahre Pfleger im Fernsehen und bleiben es für den Rest Ihres Lebens. Haben Sie wenigstens gelernt, was einen guten Pfleger ausmacht?

Das Wichtigste: beherzt zugreifen, Füsse hoch, Patient in die Seitenlage bringen und schnell das Handy suchen, um den Arzt anzurufen. Nein, im Ernst, viel weiss ich nicht. Warum auch? Wenn ich einen Selbstmörder spiele, kann ich mich danach auch nicht besser umbringen.

Das war jetzt aber kein guter Vergleich. Das hätte Mischa nicht gesagt.

Ja, da haben Sie recht. Sacha Batthyany


Christian Kahrmann – «Lindenstrasse»
«Schiessen Sie los, ich habe keine Probleme, über Benny Beimer zu sprechen. Ich bin gut im Geschäft, mache grosse Produktionen.» Christian Kahrmann war Benny Beimer in der «Lindenstrasse», zurzeit dreht er in Litauen einen Actionfilm, in dem der Berliner Fernsehturm brennt. Er spielt einen Feuerwehrmann. Heute hat er drehfrei.

«Natürlich werde ich nicht gern auf etwas reduziert, was ich früher mal gemacht habe. Es gibt noch immer Fans, für die mit meinem Ausstieg aus der ‹Lindenstrasse› etwas verloren ging. Die sprechen mich überall an: Mensch, das war früher noch was anderes, als du mitgespielt hast. Männer schreiben mir, ich sei für sie eine Identifikationsfigur gewesen – so etwas wie die erste Abba-Platte.»

Kahrmann ist mit 13 Jahren in die «Lindenstrasse» ein- und erst mit 20 wieder ausgestiegen. Die «Lindenstrasse» begann 1985 als erste deutsche Langzeitserie. Keiner wusste, ob sie ein Jahr überleben würde. Kahrmann wurde vor der Nation erwachsen, Stimmbruch inklusive. «Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, was für Auswirkungen das haben könnte. Die Macher haben mir gesagt: Wir können dir nicht sagen, worauf du dich einstellen musst.» – Und? – «Sagen wir mal so, es war schwierig. Nach dem Abitur merkte ich, dass ich mich von der Rolle lösen musste.»

Kahrmann kündigte. Drei Jahre später starb er in der Folge 521 bei einem Busunglück. Benny Beimer war tot. Ging das spurlos an ihm vorüber? «Ich lebte damals in Amerika und besuchte die Schauspielschule. Die Produzenten mussten Benny irgendwann sterben lassen, weil die Geschichte nicht länger aus dem Off erzählt werden konnte. Mein Tod wurde aus altem Material zusammengeschnitten. Das ist nicht gut gelungen. Sie haben mit einem Double gearbeitet, das nur von hinten gezeigt wurde. Ich habe mich ziemlich amüsiert.»

Der Bus sollte ihn zur Hochzeit seiner Mutter bringen, Mutter Beimer. – Treffen Sie sich heute noch zu Kaffee und Kuchen? – «Wir sehen uns höchstens an Events.» Manchmal zappt er bei der «Lindenstrasse» rein. «Technisch hat sich die Serie ja ganz schön entwickelt.» Am Wochenende kommt seine Freundin nach Litauen. Er ist 34. Keine Kinder. Und wenn er eins hätte? «Ich glaube, ich würde es nicht in so einen Dauerbrenner hineinsetzen.» Gudrun Sachse


Pernell Roberts – «Bonanza»
Ausgerechnet Pernell Roberts. Er, der die Serie von Beginn an gehasst hatte, überlebte sie alle. Ben Cartwright, den gutmütigen Vater mit dem olivgrünen Halstuch und der beigen Lederweste. Hoss, den Dicken mit dem weissen Hut, und Little Joe, den Jüngsten mit den engen Hosen. Selbst die Ponderosa, die Ranch in der Nähe des Lake Tahoe im Bundesstaat Nevada: abgerissen. Roberts ist der einzige Überlebende der Westernserie «Bonanza», die noch heute, über 40 Jahre nach der Erstausstrahlung im Fernsehen, läuft und von einer treuen Fangemeinde verehrt wird wie am ersten Tag.

Adam war der älteste und gebildetste der drei Söhne, er kleidete sich immer in Schwarz und sprach nie ein Wort zu viel. Er war «das schwarze Schaf, daher die Kleidung», sagt Elisabeth Fuchs, die Niederösterreicherin, die nach eigener Schätzung die grösste Pernell-Roberts-Sammlung Europas unterhält: Bilder, Zeitungsausschnitte, Filme, sie hat alles. «Auch wenn mein Mann die Augen verdreht», sagt sie, Roberts sei ihr halt ans Herz gewachsen. Adam, «Bonanza», die Ranch seien ein Stück Heimat für sie.

Nicht für Roberts. Er wollte so schnell wie möglich weg, flehte die Produzenten an, bat um einen frühen Serientod. Doch die liessen ihn sechs Jahre schmoren. Endlich befreit von den Ketten der Ponderosa-Ranch, versuchte er sich ab 1965 als seriöser Schauspieler. Aber zu mehr als Serienauftritten wie in «Loveboat», «Diagnosis Murder» oder «Trapper John M. D.» reichte es nie. Er muss mit seinem Schicksal gehadert haben, er, der in einem Interview sagte: «Serien sind nichts als billige Unterhaltung.»

Fans hatte er viele, vor allem weibliche, bloss waren sie ihm egal. Post beantwortete er selten, und noch viel seltener trat er öffentlich auf. Daher die Gerüchte: Roberts habe seinen einzigen Sohn durch einen Motorradunfall verloren, er habe viermal geheiratet und verlasse sein Haus in Malibu nie. Elisabeth Fuchs weiss: Hartnäckigen Fans gelang es unlängst, den heute 78-Jährigen zu einer Videobotschaft zu überreden. «Ich bin erstaunt», meinte der alte Mann, «dass sich noch jemand für mich interessiert.» Dann sagte er noch: «Ich schaue mir manchmal ‹Bonanza› an.» Das waren seine letzten Worte. Ob er mit Adam Frieden geschlossen hat, sagte er nicht. Sacha Batthyany


Leserbriefe:

Zu Leben nach dem Tod - NZZ-Folio TV-Serien (10/06)

Ich fand es hoch interessant, dass die aufmüpfige Rote Zora, eine Heldin meiner Kindheit, ausgerechnet Rektorin einer Schule geworden ist! Vielen Dank, dass Sie solche unerwarteten Geschichten bringen.
Claudia Brunner, Basel



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