NZZ Folio 12/94 - Thema: Luxus   Inhaltsverzeichnis

Im Schlaraffenland

Ein Reiseführer.

Von Martin Müller

Anreise

Sie ist keineswegs so einfach, wie man glauben könnte. Der Grenzübertritt kann sogar zum Albtraum werden, da man sich durch Hindernisse der folgenden Art hindurchbeissen muss: durch einen Berg von Schweinedreck (England) oder gar durch einen «Schnuderberg» (Schweiz), durch Haufen von Buchweizenbrei oder Pflaumen, über Mauern von weissem Zucker oder quer durch eine Barriere aus Reisbrei. Für Touristen, die diesen Beschwerlichkeiten des Landweges ausweichen möchten, gibt es glücklicherweise auch den Seeweg, wobei allerdings so vage Lokalisationen der Schlaraffenlandinsel wie: «drei Meilen hinter Weihnachten» oder «hinter Sankt Urban-Tag» oder das unpräzise «weit im Meer, westlich von Spanien» gewisse Probleme stellen werden.

Gesellschafts- und Regierungsform

Wer aus einer angeblich «gut funktionierenden Demokratie» ins Schlaraffenland einreist, wird das Staunen lernen. Denn die dortige Gesellschaft entbehrt jeder Struktur und Ordnung, und das einzig Gemeinsame der Bewohner ist ihre unbezähmbare Fress- und Sauflust. Jeder denkt nur ans Füllen des eigenen Wanstes. Gesellige Mähler wird man dort so wenig erleben wie die geistreichen Tischgespräche, um die sich unsereins zu bemühen pflegt. Das Sympathische der Schlaraffenleute ist dafür ihre Friedfertigkeit. Diese hat ihre Wurzel, wie scheint's so vieles, in der Ökonomie: Da im Schlaraffenland ein Warenüberfluss herrscht, kommt niemand zu kurz; Aggression ist unnötig und wäre auch viel zu anstrengend. Es ist eine klassenlose Gesellschaft, die dem Reisenden begegnet, doch gibt es trotzdem in einzelnen Gegenden, vor allem in Italien, einen veritablen Schlaraffenkönig namens Panigon. Er pflegt auf einem Schwein zu reiten und wird von einem gewissen Goldoni einmal als «lieber Trottel mit weichem Herzen» bezeichnet. Darum kann von «Regierung» nicht die Rede sein; das Schlaraffenland ist ein sich selbst regulierendes System.

Landesbeschaffenheit und Klima

Die Geographie des Schlaraffenlandes ist aus zahlreichen bildlichen Darstellungen bekannt. Vor allem im südlichen Europa erhebt sich im Herzen des Landes ein riesiger Berg aus geriebenem Käse mit einem andauernd brodelnden Kochtopf auf dem Gipfel, aus dem Ravioli und Makkaroni den Abhang hinunterpurzeln. Flüsse und Bäche führen Milch und griechischen Wein, Muskateller und Schnaps, darüber führen Brücken etwa aus Melonenschnitzen. Auffällig sind gewaltige Salatköpfe, unter denen 3000 Schafe Platz finden, und berühmt die Geschwader gebratener Vögel in den Lüften, und zu Lande die durch die Gegend rennenden, gleichfalls à la minute zubereiteten Schweine mit Besteck im Rücken. Das Klima ist mild, in der Nähe der dauernd tätigen Backöfen heiss. Insgesamt ist die Temperatur so angenehm, dass man zwar Kleider benötigt, doch keine Wohnung.

Verkehrsmittel

Irgendwie hat Verkehr bei uns damit zu tun, dass jemand von jemand anderem etwas Bestimmtes will. Im Schlaraffenland ist das anders: Wenn alles Begehrenswerte wie Essen, Trinken (und noch ein paar andere Dinge) sich einem überall und immer anbietet, gibt es keinen Grund, sich in Bewegung zu setzen und einem Ziel nachzujagen. Selbstverständlich haben die Erfinder des Schlaraffenlandes dennoch an jene Leute gedacht, denen es Spass macht, ohne Aufwand voranzukommen. Darum sind in einer niederländischen Provinz des Reiches gesattelte Pferde bereit (es heisst, sie seien aus dem arabischen Paradies importiert), die man bloss zu besteigen braucht, um über Land zu reiten. In einer spanischen Gegend, der «tierra de Jauja«, stehen den Reisenden nicht weniger als eine Million solcher Tiere zur Verfügung. Noch perfekter ist aber das Angebot im italienischen Porcolandrien: hier gibt es «carozze che vanno da sè senza cavalli e senza carozzieri«: die Geburt des Automobils aus dem Geist der Faulheit.

Ökonomie, Handel und Geldwesen

Bei diesem Thema kann einem Besucher nicht eindringlich genug gesagt werden, dass er ohne grundlegendes Umdenken, ja ohne Paradigmenwechsel im Schlaraffenland unglücklich werden wird. Er muss darum alles vergessen, was mit Leistung und Arbeit, Gelderwerb und Währungsproblematik oder gar mit protestantischer Ethik und dem Geist des Kapitalismus zu tun hat. Allein schon die Produktionsweise des Geldes muss für jemanden stossend sein, der hierzulande etwa im Bankfach tätig ist: das Geld wird nicht geprägt, es wird gesch . . ., und zwar von Pferden oder Mauleseln, in freier Natur. Wozu überhaupt Goldstücke in einem wirtschaftlichen System, in dem das Angebot die Nachfrage ewig übersteigt? Offensichtlich will man im Schlaraffenland unser Wirtschaftssystem parodieren. Darum wird man hier fürs Faulenzen bezahlt, auch fürs Schlafen, und in einzelnen Gegenden sogar für Rülpsen, Furzen und sonstiges Wüsttun. Genug davon! Hier noch eine Warnung für Besucher: sollten sie sich im Schlaraffenland bei einer Arbeit antreffen lassen, droht ihnen sofortige Landesverweisung oder zumindest Gefängnis. Es spricht indessen für die Menschenfreundlichkeit der Schlaraffenleute, dass die Mauern ihrer Verliese zumeist aus Schafskäse bestehen, die Gitter aus Hüppen, und dass der Graben rund ums Gebäude mit Süsswein gefüllt ist. Wer dazu nicht zu faul ist, kann jederzeit wieder ausbrechen.

Kur- und Bademöglichkeiten

Dass das Schlaraffenland einem modernen Besucher in mancher Hinsicht altväterisch, ja archaisch vorkommen kann, ist offensichtlich. Vor allem aus soziologisch-politischer Warte muss man das Land und die in ihm grassierende Mentalität als regressiv bezeichnen, und die rudimentären Strukturen in Wirtschaft und Gesellschaft sprechen ihrerseits eine gar deutliche Sprache. Und doch, in einem wichtigen Punkt ist man uns im Schlaraffenland weit überlegen: im medizinischen Bereich. Wo wir hierzulande ein ausgeklügeltes System zur Erhaltung unserer Gesundheit finanzieren müssen, wo lebensverlängernde Medizin und Wiederherstellungschirurgie bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gehen, hat das Schlaraffenland eine Einrichtung von viel besserer Wirkung: den Jungbrunnen. Alle Probleme ums Älter-, Wüster- und Schwächerwerden sind schon nach einem einmaligen Bad darin weggespült. Wer sich dem Brunnen schlurfend genähert hat, verlässt ihn binnen einer Stunde tanzend, singend und hüpfend, von Kopf bis Fuss neu geboren. «Was hält dich zurück, dass du nicht auch / sehr bald in den Jungbrunnen sitzest / deine alte Haut gleichfalls wegschwitzest?» fragte einst ein Nürnberger namens Hans Sachs. Wir geben die Frage hier kommentarlos weiter.

Nachtleben

Manche Leserin, jeder Leser wird sich schon lange gefragt haben, wie es in einem Lande von derartiger Üppigkeit denn um die Freuden der Liebe bzw. Möglichkeiten hiefür bestellt sei. Leider müssen wir eine ernüchternde Auskunft geben: gewiss lebt das Schlaraffenland aus viel «luxe et calme», doch von viel weniger «volupté», als man vielleicht meint. Zwar gibt es in einer feministischen Provinz des Reiches «Chucagna de le donne». Wohl gibt es Berichte, wonach dort rasche Abenteuer durchaus möglich sind (und zwar für Frauen wie für Männer!), doch sie gehören, wenn man so sagen will, nicht zur Kultur des Landes, die sich nun einmal auf die Welt des Schlundes und der Gurgel konzentriert. Wenn demnach vor übertriebenen Erwartungen gewarnt wird, so dürfen wir zum Schluss unserer Hoffnung Ausdruck geben, dass dank der neu etablierten Kultur der Sexual correctness in fremden Ländern doch hoffentlich mehr gesucht wird als nur das hier Angetönte . . .

Martin Müller ist Verlagslektor in Zürich und Verfasser von «Das Schlaraffenland», Ed. Brandstätter, Wien, 1984.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.