NZZ Folio 01/03 - Thema: Angst   Inhaltsverzeichnis

Fürchtet euch immer

Allzeit bereit zu Panik und Paranoia: Angst ist zum Normalzustand geworden, der Daueralarm hält uns bei Laune.

Von Dietrich Schwanitz

Der ICE hatte die Geschwindigkeit erreicht, bei der er offenbar den Bodenkontakt verlor, als mein Reisegefährte sagte: «Haben Sie schon von dem Soziologen gehört, der in einer Lufthansa-Maschine mit einer Bombe erwischt wurde? Er sagte, die führe er seit dem 11. September immer mit, denn er habe ausgerechnet, dass es unwahrscheinlich sei, dass zwei Leute eine Bombe mit an Bord brächten. Und er wolle auf Nummer sicher gehen.»

«Na ja, das war ein Witz», fuhr er fort. «Aber unsicher geworden sind sie schon, die Soziologen. Da war ich neulich bei so einer Forschungsgruppe, die hat nach der Wende laufend die Zufriedenheit und die Unzufriedenheit in Ost und West verglichen. Und zwar mit den gleichen Erhebungsmethoden. Da meld ich mich und sag denen: ‹Das hat die Uno auch schon gemacht, international. Und wissen Sie, was das Ergebnis war? Am zufriedensten waren sie in Nigeria und Bangladesh, am unzufriedensten in der Schweiz, in den USA und in Deutschland.›»

«Na, und was bedeutet das?», habe er diese Experten gefragt. Und gedacht, dass die ihm jetzt einen Vortrag halten, dass man in einer Kultur mit entwickelter Geldwirtschaft alles im Horizont anderer Möglichkeiten und deshalb als verpasste Chance sehe und dass man deswegen unzufrieden sei. Und dass in muslimischen Ländern mit fatalistischer Kultur und minimaler Geldwirtschaft alles von Allah bestimmt sei, also ohne Alternative. Das wär doch eine Erklärung, die sich sehen lassen könnt’! «Aber was tut der Direktor von diesem Institut, dieser Hornochse von einem Obersoziologen? Er brüllt mich an: ‹Wir sind hier nicht in Bangladesh!›»

An diesen Monolog musste ich denken, als ich die Hitliste der beliebtesten Ängste vor mir hatte. Schliesslich wurden auch sie von Soziologen ermittelt. Aber wie fragt man nach dem, was keine Konturen hat, was nicht zu fassen ist, wovon man nicht gerne redet? Jonathan Swift soll zum zweiten Mal in seinem Leben gelacht haben, als auf der Bühne ein Gespenst ermordet wurde. So etwa stellte ich mir die Erhebungen der Soziologen über Ängste vor.

Woher stammt die Angst? Wann wurde sie geboren? Gibt es Verwandte? Wie vieles scheinbar Altertümliche liegt die Inkubationszeit der Angst in den dreissig Jahren vor der Französischen Revolution, der sogenannten Sattelzeit. So nennt man sie, weil die Menschen in Europa damals die Passhöhe auf dem Weg in die moderne Gesellschaft überschritten. Dieser Übergang wurde begleitet von einem gründlichen Umbau aller Formen der Erlebnisverarbeitung.

Die Entwicklung erfasste auch das zuvor Statische, die materielle Kultur und die Alltagswelt. Wenn man auf seine Kindheit zurücksah, sah man nun eine entschwindende Welt. Denn die zyklische Zeit wurde aufgesprengt, und man konnte die Vergangenheit nicht mehr in die Zukunft extrapolieren.

Vorher war die Welt räumlich geteilt in Diesseits und Jenseits, und das Unerwartete wurde als plötzlicher Eingriff Gottes verstanden, als Wutanfall, als dämonische Intervention, als Wunder. In der Sattelzeit aber trennt sich die Erwartung von der Erfahrung. Statt räumlich in Jenseits und Diesseits wird die Welt nun zeitlich in Vergangenheit und Zukunft geteilt, und die Trennungslinie läuft immer durch die jeweilige Gegenwart. Damit wird die Zukunft eine neue Dimension: Sie wird zur Wohnstätte der Möglichkeiten, zur Heimat des Unsicheren und Unbekannten. Vor ihr schreitet die Hoffnung einher, hinter ihr aber, unauffällig wie ein Schatten, gleitet die Angst.

Der Angst wird dann in der schwarzen Romantik ein grosser Empfang bereitet. In den Horrorgeschichten, den Sadophantasien, den Erkundungen der Zonen von Wahnsinn und Ekel, in den Phantasmagorien der entfesselten Phantasie, den Gespenstervisionen, den Verbrechensromanen und Vampirträumen kommt es zu einem kulturellen Hexensabbat. Er gehört zum Auftritt der fortschrittstrunkenen Zukunft so wie die Nacht zum Tage und der Albtraum zum Traum.

Die Verwandtschaft der Angst mit der neuen Zukunft zeigt sich an ihrem Unterschied zu ihrer Ahnin, der Furcht: Die Furcht bezieht sich auf einen gefährlichen Gegenstand. Die Angst dagegen ist objektlos, ohne konkreten Bezug. Sie ist die Panik angesichts der metaphysischen Heimatlosigkeit. Ihr Horizont ist die Leere, der unendliche Raum der Möglichkeiten, die Beliebigkeit, kurzum: die Normlosigkeit und die Desorientierung. Einer der Gründungsväter der Soziologie, Emile Durkheim, nannte sie Anomie. Er hielt sie für kennzeichnend für die Befindlichkeit der Moderne. Und diese Einsicht gewann er bezeichnenderweise in einer Studie über den Selbstmord.

Will man verstehen, wo die Angst ihren Sitz im Leben hat, so schaut man am besten auf das, was an der modernen Gesellschaft wirklich neu ist. Und das ist, dass sie sich von der Orientierung am Menschen losreisst. Die alteuropäische Ständegesellschaft gewann ihre Struktur mit der Einteilung der Menschen in Gruppen: in Stände, Familien, Bruderschaften, Orden, Zünfte. Man war dann in jeder Hinsicht – juristisch, religiös, psychisch – Herzog, Äbtissin, Kaufmann. Personale Identität war kongruent mit sozialer Identität.

Hier nun ist der Übergang zur Moderne ein Quantensprung, eine Stufe in der soziokulturellen Evolution. Die Gesellschaft reisst sich in ihrer Struktur von der Orientierung am ganzen Menschen los und gewinnt das Prinzip ihrer inneren Differenzierung an sich selbst: nämlich an Funktionen wie Konfliktregelung, Politik, Erziehung; und an den dafür ausgebildeten verschiedenen Typen von Kommunikation wie Rechtsprechung, Wahlkämpfe, Unterricht. Sie bilden die neuen gesellschaftlichen Teilsysteme. Ihnen aber gehört der Mensch nur vorübergehend und fallweise an. Als ganzer Mensch kommt er in der Gesellschaft nicht mehr vor. Sie hat keinen Platz mehr für ihn, er wird heimatlos und muss ins Exil.

Die Moderne bedeutet die zweite Vertreibung aus dem Paradies, dem Paradies der Gesellschaft. Aber so wie Gott ist auch die Gesellschaft gnädig. So wie der Herr gibt sie da, wo sie nimmt. Sie schafft dem Exilanten eine Art Flüchtlingslager, in dem er in der Gesellschaft ausserhalb ihrer sein kann: in der Psychologie und im Schonraum des Privaten, wo er sich vor der Rücksichtslosigkeit der Gesellschaft schützen kann. Und damit sind wir schon ganz nah am Szenario der Paranoia und der Angst.

Ein einschlägiges Indiz hierfür ist der plötzliche Wechsel in der Männermode im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert. Die expressive, Status demonstrierende Tracht, die oft jene der Frauen an Pracht übertraf, wird ausgetauscht gegen den grauen Einheitsanzug, der die Identität verbirgt. Man geht jetzt anonym und lebt nach dem Motto: «Ach, wie gut, dass niemand weiss, dass ich Rumpelstilzchen heiss!»

Und damit tauchen auch schon die Entlarver auf: der Forscher und Wissenschafter, der Psychologe, der Soziologe und der Arzt; der Detektiv und die Polizei, der Kriminalroman, der Spionageroman und vor allem die beiden Anführer aller theoretischen Entlarver: Marx und Freud.

Mit Marx und seiner Geschichtsphilosophie sind wir bei dem, was Odo Marquard die «Übertribunalisierung» genannt hat: Die Vorstellung, dass der Mensch die Geschichte macht, macht ihn auch verantwortlich für alles, was schiefgeht. Das muss zur gewaltigen Schuld werden, wenn man – wie Marx – meint, das Ziel der Geschichte zu kennen. Jeder, der sich da in den Weg stellt, macht sich schuldig. So entstehen neue Ängste. Und in den grossen Schlachten der Ideologien fühlen sich die Menschen wie alte verwirrte Herrschaften in der Grossstadt: Sie haben irgendwie das Gefühl, im Wege zu sein.

Das latente Bewusstsein, an irgendetwas schuldig zu sein, wird zum Normalzustand der Moderne. Und zugleich treibt es seine Kompensationen hervor, nämlich die Kunst, es nicht gewesen zu sein. Ein Grossteil unserer Zeitgenossen ist ständig damit beschäftigt, prophylaktische Alibis zu sammeln, für Anklagen, die noch gar nicht erhoben worden sind, und die ganz Eifrigen sehen sich genötigt, selbst zu Anklägern zu werden, damit niemand auf den Gedanken kommt, sie anzuklagen. Die grossen totalitären Systeme des letzten Jahrhunderts waren politische Gebilde, die ihre destruktive Energie aus der Entfesselung der kollektiven Paranoia gewannen.

Mit anderen Worten: Die Bedingungen moderner Existenz sind von sich aus angstfreundlich. Man lebt in ständiger Angstbereitschaft. Angst wird zum Normalzustand. Und das so sehr, dass sie zum Betriebsstoff der Massenmedien werden kann. Das führt zu einer merkwürdigen Paradoxie.

Die Massenmedien stehen in Konkurrenz um Aufmerksamkeit durch Neuigkeitswert und Aktualität. Das führt sie dazu, auch allen anderen Informationen durch Personalisierung, Dramatisierung und Konfliktverschärfung eine Aufmerksamkeitschance zu verschaffen. Dabei zeigt sich an der Schnittstelle von Politik und Medien eine der Funktionen, die die Berufung auf Angst zu einer so effektiven Waffe macht: Angst ist nicht dementierbar. Man kann den, der behauptet, Angst zu haben, nicht widerlegen. Umgekehrt kann der, der sich auf seine Angst beruft, das tun, was auch die Bürokratie durch Termine tut: Wichtigkeit durch Dringlichkeit ersetzen.

Auf diese Weise kann man sich, obwohl zuletzt gekommen, an die Spitze der politischen Schlange stellen. So wie im römischen Imperium die frühen Christen manch einem römischen Provinzstatthalter mit kollektivem Selbstmord drohten, wenn er nicht tat, was sie wollten, so droht man heute mit der Angst. Die Aussage «Ich habe Angst» sieht man bei Demonstrationen bereits als Plakataufschrift, die ein gemütlicher vollbärtiger Vater seinem kleinen Sohn auf der Schulter in Form eines Wimpels ins Fäustchen gedrückt hat. Bei Krisen fordern Unirektoren die Professoren schon mal auf, «der allgemeinen Angst in den Vorlesungen Rechnung zu tragen».

Angst ist eine Parole, zu der sich zu bekennen als Fortschritt in Richtung einer entpatriarchalisierten, friedlichen Gesellschaft gilt. Auf diesem Humus entstand dann das, was man Alarmismus nennt: das ständige Angstgeschrei kapitolinischer Gänse, die das Volk in einem Dauernotstand halten.

Dass die Angst häufig mit globalen Katastrophenszenarien verbunden ist, gab den Umweltschützern eine besondere Chance: sie konnten mit ihrer Angst einen weltweiten Interventionismus rechtfertigen. Auf diese Weise ist es den alternativen Bewegungen gelungen, den Alarmismus in die Politik einzuführen: eine Inflationierung bei der Ausrufung des Ausnahmezustands und eine Art Katastrophenvirtuosentum, das die Angst zu einer politischen Waffe erster Güte macht.

So entsteht in den Medien und um sie herum ein Formenreichtum angstnaher Programme und Abläufe: Kampagnen, Sündenbockrituale, Hexenjagden, Paniken, Angstwellen und die Schauläufe politischer Effizienz im Stil inszenierter Hektik, die man dann als unbürokratisch bezeichnet.

Damit geben die Massenmedien dem namenlosen Phantasma der Angst einen Gegenstand und eine Form und ein Thema. Sie heisst dann Wirtschaftskrise, Inflation, Verlust der Alterssicherung oder – schlimmer noch – Krieg, Selbstauslösung der Abwehrsysteme, Unbeherrschbarkeit der biologischen Waffen oder – mit geradezu erstaunlicher Reichweite der Angst – Klimakatastrophe, Erschöpfung der fossilen Ressourcen und Aussterben des Menschen. Diese medial angebotenen, sozial akzeptierten, sozusagen respektablen und durch die Medien nobilitierten Ängste dürften auch diejenigen sein, die die Fragebogen der Soziologen und die Antwortbogen der Befragten bevölkern.

Sind sie aber dann nicht möglicherweise das Gegenteil von Angstauslösern, nämlich Beruhigungspillen, Kristallisationspunkte, an denen die latenten Ängste einen Gegenstand finden, eine Form und möglicherweise einen Schuldigen, einen Adressaten und eine scheinbare Abhilfe?

Dann hätten die medial vermittelten Angstthemen mit ihren Ritualen die Funktion von Symbolen, durch die etwas Chaotisches, Ungreifbares und Wegloses in etwas Konkretes verwandelt und behandelbar gemacht wird. Dann hätten die Medien etwas von der Funktion der Religion und der Kunst übernommen: eine Form der Angstabsorption. Und die gängigen Angstthemen wären so etwas wie die Sternzeichen, die der Kulturhistoriker Aby Warburg zu Wegmarken in der kosmischen Nacht erklärt hat.

Wo aber wären die wirklichen Ängste? Auf jeden Fall ausserhalb der Ermittlungszonen der Soziologen, ausserhalb der Klischeeausstellungshallen der Medien, irgendwo in den Tabuzonen der Gesellschaft, da, wo Verbote herrschen, in den Minenfeldern, den No-go-Areas, in den Todeszonen des Namenlosen. Auch an den Rändern der Gesellschaft, da, wo die Ausgeschlossenen hausen, wo die Grenzen unklar werden, wo das Diffuse droht.

Da wohnt auch die Angst vor der Angst. Sie kann so benebeln, dass die Einsicht in den Zusammenhang von Angst und Moderne selbst Soziologen verschlossen bleibt.

Dietrich Schwanitz, ehemaliger Professor für englische Literatur, lebt als Autor in Hamburg. Bekannt wurde er mit seinen Bestsellern «Bildung. Alles, was man wissen muss» (1999) und «Männer. Eine Spezies wird besichtigt» (2001).


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