NZZ Folio 04/05 - Thema: Beim Zahnarzt   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Der Höhlenmensch

Der französische Geologe Michel Siffre verbrachte 1962 zwei Monate ohne Uhr in einer Höhle. Als er ausstieg, glaubte er, es seien nur 25 Tage gewesen.

Von Reto U. Schneider

Michel Siffre führte sein Tagebuch mit roter Tinte. Er hoffte, so etwas Abwechslung in seinen trostlosen Alltag zu bringen. Die Wirkung blieb aus. «Was mache ich bloss hier?» schrieb er einmal, oder: «Mein Gott, warum habe ich bloss solche Ideen?»

Ein Jahr zuvor hatte der 22-jährige Geologe im Massiv von Marguareïs an der französisch-italienischen Grenze eine Höhle mit einem unterirdischen Gletscher entdeckt und beschlossen, im Jahr darauf für zwei oder drei Tage dort zu campieren. Oder wären zwei Wochen sinnvoller? Siffre fasste schliesslich den Plan, mindestens zwei Monate ohne Uhr in der Höhle zu verbringen und seinen natürlichen Rhythmus zu beobachten.

Familie und Freunde versuchten ihm das Vorhaben auszureden. Die Kammer mit dem Gletscher war nur durch einen engen Schacht zugänglich. Wer sich in der Höhle ernsthaft verletzte oder krank wurde, konnte selbst von gut ausgerüsteten Helfern nicht geborgen werden. Doch Siffre hatte sich längst entschieden.

Am 16. Juli 1962 stieg er in sein Verlies hinab. Eine Tonne Material hatten Kollegen zuvor zum Campingplatz auf dem unterirdischen Gletscher geschleppt: ein Zelt, einen Gaskocher, Batterien, einen Plattenspieler, ein Feldbett, einen Schlafsack, Ersatzkleider in Alufolie gegen die Feuchtigkeit, Bücher und Proviant. Eine Telefonverbindung zum Höhleneingang wurde installiert, wo während der ganzen Zeit des Experiments zwei Leute wachten. Immer wenn Siffre aufstand, ass oder schlafen ging, rief er an und schätzte die aktuelle Zeit. Die wirkliche Zeit des Anrufs wurde erfasst, ohne dass er sie erfuhr.

Sein Buch «Expériences hors du temps» über den Versuch liest sich wie eine Anleitung zum Masochismus. In der Höhle herrschten konstant null Grad bei hundert Prozent Luftfeuchtigkeit. Im Zelt entstand Kondenswasser. Das Feldbett war ständig nass, ebenso der Schlafsack und die Kleider. Die Schuhe sogen sich mit Eiswasser voll wie ein Schwamm. Siffre bekam unerträgliche Rückenschmerzen, wurde depressiv, dachte daran, sein Testament zu schreiben. Ein festes Tagesprogramm gab es nicht. Zu Beginn unternahm Siffre zwar noch kleine Ausflüge auf dem Gletscher. Doch bald blieb er nur noch in der unmittelbaren Umgebung des Camps.

Immer wieder wollte er ausrechnen, wie lange er schon in der Höhle war. Aus der Spielzeit der Platten versuchte er das Zeitgefühl zurückzugewinnen. Ohne Erfolg. Manchmal schien ihm die Dauer zwischen Anfang und Ende eines Stücks unendlich kurz zu sein. Siffre zog sogar in Betracht, eine volle Gaskartusche leerbrennen zu lassen. Er wusste, dass sie 35 Stunden hielt.

Als man Michel Siffre am 14. September am Telefon mitteilte, das Experiment sei zu Ende, wollte er es nicht glauben. Nach seiner Schätzung war es erst der 20. August. Er hatte 25 Tage Rückstand auf die 58 Tage seines Aufenthalts. Zwar lebte er, ohne es zu ahnen, seinen gewohnten 24-Stunden-Rhythmus (er schlief 8 Stunden und wachte 16), bloss hatte er den Eindruck, die Zeit zwischen Aufstehen und Schlafengehen habe nur wenige Stunden gedauert. Deshalb lag er mit seiner Schätzung der Gesamtdauer seines Aufenthalts völlig daneben.

Die Presse berichtete begeistert über den «einsamen Höhlenforscher, der seine Ferien in 130 Metern Tiefe verbringt und dort Beethoven hört». Das Bild von Siffre am Ende des Experiments ging um die Welt: Gestützt von Helfern, entsteigt er dem Flugzeug, das ihn zur Nachuntersuchung nach Paris gebracht hatte. Er trägt eine riesige schwarze Brille zum Schutz vor dem Tageslicht. Ein Held der Wissenschaft? Die Reaktion anderer Höhlenforscher fiel negativer aus. Viele zweifelten am wissenschaftlichen Wert des Experiments und glaubten, Siffre habe sich nur in Szene setzen wollen.

Doch Siffre war von der Wichtigkeit seines Versuchs überzeugt und machte weitere Isolationsexperimente. 1972 verbrachte er 205 Tage allein in der Midnight Cave in Texas. Die Nasa beteiligte sich am Experiment: Die Kenntnis des Schlafrhythmus von Menschen sei wichtig für lange Reisen im Weltall.

Auch den Anbruch des neuen Jahrtausends erlebte Siffre – damals 60 Jahre alt – unter Tag. Am 30. November 1999 zog er sich für zwei Monate in die Höhle von Clamouse im Süden Frankreichs zurück.




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