NZZ Folio 06/04 - Thema: Soundcheck   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Nachruf auf ein nobles Wort

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Von Wolf Schneider

SEIT AN JEDER HAUSTÜR Terroristen lauern können, erleben wir den seltenen Fall, dass ein Schlagwort an der Wirklichkeit zerschellt. Es ist still geworden um den Pazifismus, einen Leitbegriff des 20. Jahrhunderts. Die ihn predigten, erhoben zwei sympathische Forderungen – jeden Krieg ablehnen und ihn folglich auch nicht militärisch vorbereiten – und leiteten daraus eine kühne Behauptung ab: Kriege würden dadurch unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich werden. Das aber war schon immer falsch, und nun ist es unsinnig geworden.

Es war aussichtslos, weil grosse Religionen den Krieg für gottgefällig halten oder hielten. Der Koran ruft zum Jihad auf, zum heiligen Krieg gegen die Ungläubigen: «Schlagt ihnen die Köpfe ab! Ihr sollt siegen, denn Allah ist mit euch» (Sure 9 und 47). In der Bibel spricht der Herr zu seinem auserwählten Volk: «Du wirst alle Völker vertilgen, die der Herr, dein Gott, dir geben wird» (5. Mose 7). Die Kreuzzüge waren klassische Angriffskriege (und solche werden auch heute von der Uno nicht verurteilt, falls sie gegen ein kolonialistisches oder rassistisches Regime geführt werden).

Dass Pazifismus den Krieg verhindern könne, ist zum zweiten deshalb chancenlos, weil zu viele Menschen in aller Welt ihn lieben – nicht nur Generale und Diktatoren. Millionen arme Teufel hoffen auf jenen Krieg, der sie aus Unterdrückung und Elend befreien soll. Söldner haben schon immer von ihm gelebt, und es gibt noch viele. Es fragt sich überdies, ob nicht Hooligans, Skinheads und die Gewalttätigen unter den Anti-Weltwirtschaftsgipfel-Demonstranten sich gleichsam für entgangene Kriege schadlos halten. «Mutter Courage» liebte den Krieg, weil er ihr, nach Brecht, «die Höhe ihrer geschäftlichen Laufbahn brachte», und noch nie hat es an Menschen gemangelt, die durch Kriege reich geworden sind.

Auch leben Pazifisten im Abendland in einer Seelenspaltung: Ihre angenehme Umwelt ist ja fast durchweg das Produkt blutiger Eroberung. Es war das mörderische Wüten der Römer unter fast allen Völkern der damals bekannten Welt, das uns das vielgerühmte lateinische Erbe hinterlassen hat. Alle weissen Bewohner der USA sind Nutzniesser des Ausrottungskriegs gegen die Indianer. Und wer heute mit der einen Sprache Englisch um die Erde reisen kann, der profitiert vom Machtrausch der englischen Kolonialherren.

Die grösste Schwäche des klassischen Pazifismus jedoch lag in dem naiven Glauben, die Bekundung von Friedenswillen habe die Kraft, den Frieden zu wahren. Nein: So ist die Welt nicht eingerichtet, dass sie sich noblen Begriffen fügt. Pazifist sein, schrieb der linksliberale Kurt Tucholsky 1935, heisse ungefähr so viel wie gegen Pickel sein – «damit heilt man nicht!». 1938 glaubte der britische Premierminister Neville Chamberlain, er habe den Frieden gerettet, indem er Hitler auf silbernem Tablett das Sudetenland servierte. 1939, als Hitler die restliche Tschechoslowakei besetzte, fiel kein Schuss – aber wer wollte solchen Frieden loben?

Von Problemen also war das grosse Wort schon vor 1995 übervoll. In jenem Jahr ereignete sich der serbische Massenmord von Srebrenica, und Europas grösste pazifistische Bewegung, die deutschen Grünen, wurden an ihrer Überzeugung irre. «Kann eine Position der Gewaltfreiheit den Sieg der nackten Gewalt in Bosnien einfach hinnehmen?» fragte Joschka Fischer seine Partei. «Droht unserer Generation jetzt ein ähnliches Versagen wie der Generation unserer Eltern in den dreissiger Jahren, wenn wir diesem Schrecken nicht entgegentreten?»

Als die deutsche Bundeswehr sich 1999 zum ersten Mal nach 54 Jahren an einem Kampfeinsatz beteiligte – dem Nato-Angriff auf Serbien wegen der Terrorisierung der Albaner im Kosovo: da argumentierte Fischer ebenso, und die Mehrheit der Grünen im Bundestag stimmte dafür.

Zu allem Unglück war mit dem Kosovo die Tür zu einer neuen, einer zusätzlichen Art von Kriegen aufgestossen: Angriff auf einen Staat, der seine Nachbarn unbehelligt gelassen hatte, dessen innere Zustände jedoch das westliche Ausland empörten. Im Völkerrecht ist das als Kriegsgrund nicht vorgesehen. Die USA taten im Irak den nächsten Schritt, ja sie haben in ihrer Militärdoktrin von 2002 den Präventivkrieg gegen jeden Staat angekündigt, von dem sie sich bedroht fühlen, und sei es nur, weil er mit ihrer Macht gleichzieht. Auch viele Nichtpazifisten finden das schlimm – doch es hilft ihnen nichts.

Vollends zwecklos aber wäre es, gegen den islamistischen Terror den Frieden zu predigen. George Orwell hatte leider recht, als er 1942 den Pazifismus einen Luxus nannte, den sich nur Leute leisten könnten, deren Sicherheit garantiert sei – «entweder durch genügend Kanonen oder durch genügende Entfernung vom Kriegsschauplatz».

Gegen den Terror helfen Kanonen nichts, und die Entfernung von ihm ist auf null geschrumpft. Ein Begriff für die Lage, in die wir Freunde des Friedens dadurch geraten sind, oder gar für ein Rezept gegen das Schreckliche hat sich noch nicht herausgebildet. Da wird einer gebraucht, der von sich sagen könnte wie Rimbaud, dass er das Unsagbare ins Wort gehoben hat: «Je notais l’inexprimable.»




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