Die Spinnerei ist stillgelegt, der letzte Bäcker hat dichtgemacht, und seit kurzem gibt es auch die Post nicht mehr. Geblieben ist Dietfurt die Postleitzahl – 9615 – und ein Metzgergeschäft, das weitherum als eine der besten Adressen gilt.
«Ah, die Gebrüder Gröbli in Dietfurt», schwärmen Wurstliebhaber selbst im fernen Zürich oder Basel, «die können’s noch.» Goldmedaillen in Serie zeugen von der Anerkennung der Zunftgenossen. Und wenn die Hersteller von Wurstmaschinen einem ausländischen Kunden einmal zeigen wollen, dass sich mit diesen Apparaten nicht nur Fett und Sehnen in einem Darm verstecken, sondern auch allerlei Köstlichkeiten fabrizieren lassen, dann führen sie ihn mit Vorliebe nach Dietfurt im unteren Toggenburg, in den Musterbetrieb der Gebrüder Gröbli. Eben war eine Delegation aus Rumänien da, zuvor eine aus Kasachstan.
Tatsächlich gibt es bei Gröblis viel zu lernen. Kaum eine Wurstart, welche die Gebrüder nicht zur Perfektion entwickelt hätten. Allein das Standardrepertoire zählt an die 30 Sorten: Bratwurst und Cervelas natürlich, dazu Stumpen, Schüblige, Schützen- und Siedwürste, Wienerli, Knackerli und Frankfurterli, Saucissons, Zungenwürste, hauseigene Jägerwürste und die Hauswurst aus dem Toggenburg, Weisswürste nach Münchner Art, Balleron in der Kalbsblase und würzige Hongkong-Würstli. Jede Wurst, das ist dem Wurstologen Emil Gröbli wichtig, hat ihren eigenen Charakter. So ist der Stumpen eben etwas «feiner im Brät» als der Cervelas, das Frankfurterli ist kein Wienerli, weil es stärker geräuchert ist, und das Knackerli ist kein Wienerli, weil es grösser ist. Gemeinsam ist allen Erzeugnissen der Gröblis ein hoher Fleischanteil. Bei der St. Galler Kalbsbratwurst beträgt er fast 90 Prozent. Gesetzlich vorgeschrieben wären nur 51 Prozent Kalbfleisch, doch die Gröblis wissen genau: «Wer in einem Ort wie Dietfurt als Metzger überleben will, muss etwas bieten. Der braucht auch Kundschaft von auswärts.» Neben Privaten gehören dazu Kunden wie Globus Delicatessa.
Dass es den Gröblis weder an handwerklichem noch an kaufmännischem Geschick fehlt, zeigt sich schnell, und brüderlich geteilt sind die Zuständigkeiten. Der Verkauf ist Emils Domäne. Er bestellt das Büro, er steht – stets in Krawatte! – im Laden, gut aufgelegt für einen kurzen Schwatz. Bruno Gröbli hingegen ist der Mann fürs Gröbere: Er führt den der Metzgerei angegliederten Schlachtbetrieb, er dirigiert die mehrköpfige Fleischerbrigade, wobei er auch selber gern Hand anlegt. Eben hat er die ersten Bärlauchwürste abgefüllt. Zierliche St. Galler Bratwürste, wohldosiert gewürzt mit dem ersten Kraut des Frühlings des Toggenburgs. Perfekt auch sie – halt ganz nach Gröbli-Art.