NZZ Folio 12/98 - Thema: Nachts   Inhaltsverzeichnis

Lichter der Grossstadt

Gefahr und Geheimnis der städtischen Nächte.

Von Joachim Schlör

«Unter unserm Horizont», das klingt nach längst überwundener Vorzeit. Und schon länger da als der Tag? Das will nicht recht in unsere Wahrnehmung passen. Die Nacht, sagt Richard A. Bermann, das ist «jene phantastische Zeit, in der merkwürdigerweise die Welt dunkel ist».

Wir leben in der Regel tagsüber. Am Tag, im Hellen, arbeiten, denken und funktionieren wir nach Regeln, die uns selbstgemacht scheinen. Wenn es, merkwürdigerweise, dunkel wird, beginnen wir wieder zu ahnen, dass es jenseits dieser Regeln noch ein anderes Leben geben könnte, nicht von uns gemacht. Der Wechsel von Tag und Nacht gehört zu den Konstanten einer Existenz, die sich vom Natürlichen entfernt hat und beim Eintritt der Dunkelheit mit Nachdruck daran erinnert wird, dass das nicht einfach ist.

Wie Herbst und Winter. Es müsste doch immer schön sein! Und im Moment, da ich dies schreibe, fallen draussen Blätter und Kastanien, die ich mir in die Tasche (einer viel zu warmen Jacke) stecke, um sie erst im nächsten Frühjahr wieder hervorzuholen und in den Kanal zu werfen. Und die Laterne vor dem Fenster, die im Mai und Juni noch zu rufen schien, ich möchte herauskommen und unter ihrem Licht einen nachabendlichen Spaziergang beginnen, ist schon von leichten Fäden umrahmt, die aussehen wie Nebel und bald wirklich Nebel heissen. Sie rät zum gemütlichen Abend am Küchentisch, mit Freunden, oder schreibend an der Maschine. Dass ich nicht auf sie höre und doch hinausgehe, immer wieder, ist vermutlich - abgesehen von der puren Lust, die mir das macht - Ergebnis eines Zivilisationsprozesses, näherer Betrachtung wert.

Die Trennung von Tag und Nacht fand, wie die Scheidung von Wasser und Land, in den ersten Tagen der Schöpfung statt - wer daran nicht glauben will, denke sich eine andere Geschichte aus - und gehört seitdem zum Grundbestand menschlicher Erfahrung: Ich kann tun, was ich will, irgendwann wird es dunkel, und dann geht es mir anders als zuvor. Was mir zu gehören schien, tagsüber, gehört mir nicht mehr. Ein anderer hat den Vorhang zugezogen.

In dem Moment, da der erste es wagt, diesen Vorhang wieder anzuheben und nachzusehen, was auf der Bühne an Leben stattfindet, wenn es dunkel ist, beginnt eine neue Geschichte, die bis zu meiner Laterne auf der Berliner Admiralstrasse herüberreicht. Wer war der erste? Das ist - nicht zu beantworten - eine der Fragen, die alle Nachtforschung seit je begleiten. Nachtforschung? Das Fach existiert nicht, «natürlich» nicht, denn es erschiene in der traditionellen Verteilung allzu frivol und wäre auch wirklich ein bisschen zu gross.

Die Scheidung von Tag und Nacht gehört zu den wesentlichen Grenzziehungen, von denen unser Leben geprägt wird. Das schöne Wort «merkwürdigerweise» im Eingangszitat von Richard A. Bermann, einem in Wien geborenen und im New Yorker Exil verstorbenen Feuilletonisten, der seine besten Texte gegen Ende der zwanziger Jahre für das «Berliner Tageblatt» schrieb, kennzeichnet den modernen Umgang mit der Zeit: Helligkeit gilt als normal, abweichend ist die Dunkelheit. Störend ist auch, dass man im Dunkeln nicht lesen kann, nicht effektiv arbeiten, man erkennt nicht, wer vor einem steht, wo es hingeht, was an der nächsten Ecke wartet. Gibt es wenigstens den historischen Moment, an dem diese Form der Wahrnehmung eine andere ablöst, die das Eintreffen der Dunkelheit noch klaglos akzeptiert hat? Wohl auch nicht. Es ist eher so, dass in allen Epochen einzelne Neugierige hinter den Vorhang guckten.

Vilém Flusser hat die These aufgestellt, dass der Mensch ein Tagtier sei, «das versucht, sich die Nacht zu erobern». Der Drang, auch diesen «Raum» - seltsam, aber die nächtliche Zeit wird als Raum erfahren - zu beherrschen, mag tatsächlich zu den anthropologischen Konstanten gehören; jedenfalls gehört die Debatte über Wert oder Unwert, Zulässigkeit oder Verbot, Chance oder Risiko des Versuchs, die Grenze zu überschreiten, zu den immer wiederkehrenden grossen Themen der Kulturgeschichte. Flusser hat in einer Betrachtung über die Strassenlampe die Alternativen dieser Debatte dargestellt: Erweist sich die Laterne, «Vorhut des Tages in die Nacht», den einen als «illuministische Aufklärung des Obskurantismus», gilt sie anderen als «Vergewaltigung der Majestät des nächtlichen Dunkels». Ist sie ein Zeichen für die erwünschte Überwältigung von Dunkel und Geheimnis oder nur ein «leuchtendes Beispiel» dafür, dass sich die Menschheit von ihren Wurzeln entfernt?

Mit der Wahl seines Gegenstandes sagt der Philosoph deutlich, dass diese Frage erst von der Zeit an relevant wird, da künstliche Lichtquellen in grösserer Zahl verfügbar sind und mehr Menschen als vorher den Weg in die Nacht ermöglichen. Das führt uns ins zweite Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, in die Zeit der Entstehung und Verbreitung der Gasbeleuchtung in den Strassen der grossen Städte. Von Berlin heisst es, bis dahin hätten die trüben Funzeln aus Petroleum gerade genug Helligkeit ausgesandt, um sichtbar zu machen, wie dunkel es doch war.

Von 1819 an wurde es schrittweise heller in den Städten. Und unverzüglich setzte die moralisch-politische Redeweise ein, deren schönstes Zeugnis aus der «Kölnischen Zeitung» stammt, die sich aus theologischen Gründen («weil sie als Eingriff in die Ordnung Gottes erscheint»), aber auch aus philosophisch-moralischen Erwägungen («die Sittlichkeit wird durch die Gasbeleuchtung verschlimmert») gegen die künstliche Erzeugung von Helligkeit wandte.

Es ist interessant, die Geschichte der Interpretation dieses Zitats zu verfolgen. Den zum Aufbruch in den Fortschritt bereiten Zeitgenossen musste es lächerlich erscheinen, Ausdruck einer Haltung, die zu überwinden war. Als es dann wirklich immer heller, immer greller werden sollte in den nächtlichen Städten, wurde es gelegentlich anders zitiert. Freilich wollte sich keiner mit der in den Worten wohnenden Bigotterie, mit der Lustfeindlichkeit identifizieren - aber die Sehnsucht nach einem Anteil von Dunkelheit im allzu hell erleuchteten Leben hat sich immer wieder gemeldet. Mit der zunehmenden Beleuchtung veränderte sich die Vorstellung vom Nächtlichen. Was einst rückständig war und nicht recht ernst zu nehmen - eine Verteidigung der Nacht gegen den anrollenden Tag -, konnte auf einmal als verdienstvolles Zeichen dafür gelten, dass auf der Rückseite des Alltäglichen Schönes und Schreckliches lauern könnte, das der Aufmerksamkeit des Tages entging.

Die Romantik hat die Nacht entdeckt, gerade noch, bevor sie zu verschwinden begann. Sie hat uns mit den Metaphern versorgt, die wir bis heute für gültig halten: Schönheit zuerst. Geheimnis. Unergründlichkeit. Und: das Andere. Das lebt noch weiter, sagt die Romantik, und ist bloss nicht mehr gut zu erkennen. Es ist vorhanden, ob wir es sehen oder nicht. Und wir sehen es abends besser als morgens. «Das Künstliche der Strassenlampe wirkt künstlerisch am Abend und gekünstelt am Morgen, weil am Abend die Kunst, am Vormorgen die Wirklichkeit ist», schreibt Flusser.

Ist das richtig? Ist nicht viel eher, auch für uns Heutige, die Rückschau auf die Nacht vom Morgen her mit Sehnsucht beladen und die Vorschau auf den kommenden Tag schon von Gedanken an das Tägliche überdeckt (was ist das Pendant zu «überschattet»)? Aber vielleicht schreibt das auch nur einer, der morgens früh aufstehen und einer Arbeit nachgehen muss und sich deshalb abends zur Zurückhaltung zwingt.

Eine Annonce in meiner Zeitung verspricht neue und wirkungsvolle Nachtsichtgeräte, mit denen gelingt, was der Zivilisationsprozess so lange versprochen hat: «Die Nacht wird zum Tag.» Und aus dem Stapel der Belege ziehe ich Meldungen, die heissen: «Trubel wie am langen Samstag» und «Kunden waren begeistert», von jenem Tag, an dem das deutsche Ladenschlussgesetz, dieses beliebte Relikt, erstmals verändert wurde und Geschäfte an Donnerstagabenden bis 20 Uhr 30 offenhalten durften (das war übrigens der Vorabend des 7. Oktober 1989, und es wäre, nebenher, einmal ganz schön zu spekulieren, ob es nicht die beginnende Aufhebung der Ladenschlusszeiten war, als Signal allgemeiner Öffnung, die unsere an jenem Tag den 40. und letzten Jahrestag feiernde DDR erledigte und nicht Martin Walser mit Helmut Kohl). Diesen Satz habe ich um 23.43 Uhr geschrieben. Draussen wartet die Laterne.

Das «abendliche Ausgehen» wurde in London schon in den 1820er Jahren, in Paris kurz danach, in Berlin vor allem in den Jahren nach der Reichsgründung zum Thema. Wer kann es sich leisten? Wer darf sich hinauswagen? Wohin gehen sie? Was begegnet ihnen auf den Strassen? Im Kaleidoskop von Angst und Courage, den beiden wichtigsten Nachtgefühlen, findet das Ausgehen die Mitte. «Das Café Bauer», heisst es in einem schönen Text, der 1931 zur Feier des 60. Jahrestages der deutschen Reichsgründung im «8-Uhr-Abendblatt» erschien, «geriet - von November 1877 bis Silvester 1881 wurde es nie geschlossen - zum Mittelpunkt des beginnenden Berliner Nachtlebens.»

Da haben wir den Begriff: Nachtleben (schon eng gebunden an den Ort des Rückzugs, an einen Innenraum). Das sagt, die Nacht lebt. Das sagt noch, es leben Leute in der Nacht. Das sagt auch: Es gibt eine eigene Zeit in der Stadt, die wird von denen genutzt, die morgens nicht aufstehen müssen und abends ausgehen können. Die schaffen sich eine eigene Stadtzeit, in den kleinen Stunden nach dem Abend. Wissen sie nicht, dass das gefährlich ist? Schwierige Frage. Eine Antwort: Doch, und sie tun es trotzdem. Andere Antwort: Nein, es ist nicht gefährlicher als am Tage, sie müssen andere Gründe haben.

Die Metaphorik von Sicherheit und Unsicherheit, Sittlichkeit und Unsittlichkeit bedient sich mit Vorliebe des Nächtlichen. Bei Nacht, sagen die Bilder, kommen die verborgenen, die abgründigen Seiten menschlichen Zusammenlebens und menschlichen Innenlebens zum Vorschein.

Das vielleicht schönste Beispiel dafür kommt aus einer überraschenden Quelle. Nahum Sokolow, einer der führenden Köpfe der zionistischen Bewegung, hält auf dem XIV. Zionistenkongress, 1925 in Wien, ein Referat, in dem er den Delegierten, die sich zumeist selbst nicht für ein Leben im altneuen Land entschieden hatten, aus dem wirklichen Leben berichtet. «Wir beginnen jetzt unsere Städte in Erez Israel zu beleuchten.» Die Gesellschaft auf dem Weg zum Staat hat sich schon Städte erbaut, und die machen gleichsam im Zeitraffer Entwicklungen durch, für die andere Orte Jahrhunderte brauchten.

Sokolow - der Theodor Herzls Roman «Altneuland» ins Hebräische übersetzt und ihm den Titel «Tel-Aviv» gegeben hatte, noch gab es die Stadt gar nicht, die diesen Namen erhalten sollte - erzählt von den «Gefahren der finsteren Strassen» und fügt dann hinzu: «Die Menschengeister sind wie die Strassen und die offenen Wege, da gibt es Wanderer, Durchgänger, gute und schlechte, da gibt es auch gefährliche Besucher; ein böser Gedanke ist wie ein Nachträuber, er sucht das Dunkel. Machet Licht überall, lasset nicht die dunkeln Schlupfwinkel des Menschengeistes zurück, wo das Laster brütet, wo sich die Lüge versteckt und der Irrtum verschanzt . . .»

Die arme Dunkelheit, was muss sie nicht alles tragen! Und immer ist es die Stadt, an deren abendlichem und nächtlichem Leben die Kritik ansetzt - Dunkelheit auf dem Land, am Waldrand zwischen den Dörfern hat sich eine Unschuld bewahrt, die der Stadtnacht abhanden gekommen ist. Die Nacht in den grossen Städten hat eine eigene Geschichte, eine materielle: die der Beleuchtung, der abendlichen Feste und Vergnügungen; eine Geschichte des Nachtwachtdienstes oder der Polizeistunde, der Prostitution und Obdachlosigkeit, dazu aber auch eine imaginäre: eine Geschichte der Ängste, der Schrecken, der Faszination, eine Geschichte von Schuld und Unschuld, von Armut und Reichtum, Glanz und Elend, Ordnung und Unordnung. Sie hat, jenseits aller Rede vom «Nachtleben» als Zeit-Raum von Vergnügen, Ausgelassenheit, Entspannung, sobald man von Deutschland redet, auch eine politische Dimension. Ich habe beim Bouquinisten an der Seine ein Buch von Hervé le Boterf gekauft, das handelt von «la vie parisienne sous l'occupation allemande» und trägt den Untertitel: «Paris bei Nacht.» Das heisst hier vor allem: Ausgehverbot, das heisst Zeit der Herrschaft des Schreckens, als die Häscher im Morgengrauen kamen.

Realität enthält weite Räume von Imagination, und die Vorstellungswelt von der Nacht ist durchsetzt mit Splittern von Wirklichkeit. Das begleitet den nächtlichen Spaziergänger auf seinem Weg. Erich Kästner hat ein Gedicht geschrieben, «Nächtliches Rezept für Städter», das beginnt mit der Aufforderung, «irgendeinen Autobus» zu nehmen, irgendwo auszusteigen: in der Nacht, und dann einfach loszugehen.

Man nehme sich bei dem Spaziergang Zeit.
Er dient gewissermassen höhern Zwecken.
Er soll das, was vergessen wurde, wecken.
Nach zirka einer Stunde ist's soweit.
Dann wird es sein, als liefe man ein Jahr
Durch diese Strassen, die kein Ende nehmen.
Und man beginnt, sich seiner selbst zu schämen
Und seines Herzens, das verfettet war.

Da nimmt man die Imagination mit auf eine reale Reise durch die Nacht. Zeit, es wieder einmal zu versuchen. Es gibt etliche Hindernisse. Am Eingang zur U-Bahn streiten sich zwei, einer hat seinen Hund am Halsband und ist kurz davor, ihn loszulassen. Es gibt einen anderen Eingang, unser Weg durch die Städte ist von kleinen Niederlagen ebenso geprägt wie von kleinen Erfolgen. Ich helfe einer türkischen Mutter, ihren Kinderwagen die Treppen hinunterzubalancieren, und ernte ein warmes Lächeln. Der Zugabfertiger ruft «Zurückbleiben, bitte» (der Zusatz wird ausgesprochen wie ein Befehl), dann macht aber noch jemand die Türe auf, und beim Eintreten höre ich hinter mir den Schrei aus der Uniform: «Ja, hört denn gar keiner auf mich?» Nein, heute nicht mehr. Wir gehen forschen. Eine junge Frau mit zwei Hunden, denen sie selbstgestrickte Pullover übergezogen hat, verkauft die Zeitung der Obdachlosen. Alle haben ihre Geschichte schon gehört, die Tierfreunde geben und runzeln die Stirn, wir anderen vergraben uns hinter Zeitungen und üben den abwesenden Blick. Wohin? «Irgendwo aussteigen» - also entscheidet das Spiel der Zahlen. Der Herr gegenüber hat acht Elefanten auf seiner Krawatte (was will er in meiner proletarischen U-Bahn?), Station acht soll es sein: Bernauer Strasse, Ikone des Mauerberlin. Gut. Früher - ich weiss nicht, ob es eine andere kulturelle Situation gibt auf der Welt, wo «früher» auch nicht mehr meint als neun Jahre - war hier die Nacht taghell erleuchtet von den Bogenlampen im Grenzstreifen.

Reststücke der Mauer stehen noch, ich habe die Wahl zwischen den Bezirken Wedding, Prenzlauer Berg und Mitte - die Strasse nimmt tatsächlich «kein Ende» mehr, das war früher anders. Es ist ziemlich dunkel. Reisende, die damals mit dem Flugzeug in Berlin ankamen, konnten den Unterschied zwischen Ost und West am Helligkeitsgrad ablesen, West-Berlin leuchtete, subventioniert als Schaufenster, der Mauerstreifen war grell, dann war es finster. Jenseits der Mauer lag die andere Stadt. Die Mauer erhält hier eine Gedenkstätte, dafür muss sie mit allem, was zu ihr gehörte - vor allem mit dem gleissenden Licht der Herrschaft - neu installiert werden. Absurd, erst recht jetzt, im Dunkeln, wenn man die Erklärungen nicht mehr lesen kann. Was mache ich hier?

«Cette piquante et amoureuse inclination qui voue les hommes à la nuit et aux choses nocturnes m'a toujours frappé», schreibt Alberto Savinio, den ich auf die Reise mitgenommen habe. Eine Prostituierte steht an der Strassenecke, überrascht den Spaziergänger mit einem bezaubernden Strahlen. Was suchen die, die gehen? Begegnung und Einsamkeit, wo anders wären beide zusammen zu haben? Ich grüsse sie. Viele Fenster sind schon dunkel, ich möchte wissen und lieber nicht wissen, was dahinter geschieht. Die Strasse ist direkter, sie zeigt ihren Schmutz und ihren Glanz unmittelbar. Der Schlaf, sagt Savinio, hält uns sklavisch fest. Hält uns auf im Fortgang, wer sich ihm verweigert, befreit sich (und leidet dann, am Morgen). «Village Voice» heisst ein Café mit Buchhandlung, die Lichter sind schon aus.

Jetzt ist es Nacht. Unversehens ist der Abend, an dem hier noch Leben war, in die Nacht hinübergerutscht. Wer jetzt noch da ist, gehört, Freund oder Feind, Bedrohung oder Begegnung, zum gleichen Stamm wie ich. Lässt sich nicht, so Savinio, von der Natur wieder zum Kind machen und in den Schlummer singen. «Schlafen kann ich, wenn ich tot bin», haben sie einst an die Wände gesprüht. Savinio schreibt immer vom Schlafen, ich lese den Text, an eine Hauswand gelehnt, und werde müde. Über die Müdigkeit hinauszugehen, das braucht wirklich die Kästnersche Stunde. Dann ist es soweit. Berlin ist immer noch Berlin und wird zugleich zur Stadt an sich. Im Gehen stellt sich ein Gefühl für die Strasse ein, das nicht mehr topographisch eingeschränkt ist. Erinnerungen an andere Städte, an andere Texte mischen sich in den Anblick.

Am Koppenplatz steht ein Mahnmal, unter den vielen meiner Stadt das drückendste. Ein Tisch, ein stehender Stuhl, ein umgefallener Stuhl. Ein Gedicht von Nelly Sachs, in den Boden eingelassen, erläutert, was keiner Erklärung bedarf, wohl aber steter Wiederholung: Etwas ist anders geworden seither, alles ist anders geworden, das sagen die Häuser um den Platz, die aus so vielen verschiedenen Epochen stammen. Im Dunkeln erzählen sie nicht sehr konkret, wirkliches Verstehen braucht wohl die Helle des Tages. Aber in der Nacht stellt sich das Gefühl ein, man könnte verstehen, die tägliche Überwucherung fällt weg, wer stehenbleibt, empfindet sich offen für solche Nachrichten.

Weiter unten leuchtet das neue Vergnügungsviertel der Hauptstadt. Ströme von Besuchern sind in den Abendstunden um die Hackeschen Höfe, durch Kinos, Variétés, Theater gezogen, und noch immer sind einzelne und Gruppen unterwegs, betreten suchend jeden Winkel, jeden Hof, machen aus dem Mobiliar der Strasse ihr nächtliches Wohnzimmer (in dem sie sich aber nicht ganz zu Hause fühlen, alles ist noch neu, muss erst bewohnt werden); der ganz empfindsame Reisende der Stadtnacht meidet, arrogant und einsam, wie er sich fühlt, diesen Ort. Das ist nicht vernünftig. «Berlins grösste Attraktion ist sein Nachtprogramm», schrieb die selige «Wochenpost» 1993 und hatte schon damals dieses verfallene, auf neue Zukunft lauernde Viertel im Blick - wer die Sehnsüchte der Stadtbewohner kennenlernen will, begegnet ihnen hier.

Auch die anderen grossen Städte haben gelernt, dass sich Orte nächtlichen Vergnügens nicht künstlich implantieren lassen, seit einigen Jahren schon ist Soho wieder Soho, und selbst die traurig-schöne Place Pigalle oder Hamburgs St. Pauli verweigern sich dem Modell der Aufräumaktionen am New Yorker Times Square. Das Abseitige, und sei es kommerzialisiert und kanalisiert wie noch nie vorher, es gehört dazu, es ist Teil dessen, was die Nachtgänger mitbringen, was sie suchen und was sie enttäuscht.

Der Prozess der Eroberung des Nächtlichen durch den Tag wurde gelegentlich als Kolonisierung beschrieben. Das ist nur halb richtig. Was dabei nicht bedacht ist: Die Erfahrung der Nacht, zumal in den Städten, verändert auch den, der hindurchgeht. Das ist freilich eine Zeit für alte Klischees: In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine. In der Nacht sind alle Katzen grau. «Die Nacht ist niemandes Freund, will soviel sagen, dass man bei Nacht leicht zu Schaden kommen kann», heisst es bei Zedler.

Dagegen anzugehen ist die stille Freude des Nachtmenschen. Der kennt die Klischees, der nimmt sie sogar mit - sucht aber nach Begegnung, sucht nach dem Unterschiedlichen, das er gerade im diffusen Licht besser zu erkennen glaubt als unter der Sonne. In der Nacht erwachen die Sinne. Regen riecht anders. Abgerissene Plakate, vom Wind aufgescheuchte Reste aus dem Wörtermeer Grossstadt in den Abflussrinnen, sehen anders aus. Wir fühlen, wir tasten uns voran, gehen nicht mehr so sicheren Fusses wie am Tage. Geräusche klingen verändert, Schritte besonders, auf die wir endlich achten, evozieren Versprechen und Gefahr.

Aufmerksamkeit, diese schönste aller städtischen Tugenden, ist bei Nacht neu herausgefordert und besser gestimmt. Abseits der erleuchteten Zentren wartet eine ganze Welt. Das weiss ich am Tage bloss, das erfahre ich, im Gehen, bei Nacht. Tankstellen warten, Lichtinseln der Versicherung, dass der Spaziergänger sich noch in seiner Stadt bewegt. Am Ende ein langer Heimweg, durch leere Strassen, über Brücken und Mauerreste, durch den Raum, den die Nacht beschreibt, ein Raum wie geschaffen für die privaten Philosophien, die meine Mitgänger in diesen frühen Stunden vor sich hin murmeln oder brüllen, zum Kanal, über dem der erste Lichtstreifen sichtbar wird.

«Die Dunckelheit und Finsterniss nimmt ab, je näher es gegen den Tag gehet», schliesst Zedler endlich. Das ist wohl wahr. Was unsereinen am Leben hält, ist die relative Sicherheit, dass die Dunkelheit wiederkommt und draussen die Laterne winkt.

Joachim Schlör ist Kulturwissenschaftler an der Universität Potsdam; er lebt in Berlin.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.