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Duftnote -- Eins und eins gleich drei
© Fabienne Boldt
Ein gut komponierter Duft ist wie ein perfektes Musikstück. Selbst einfache Akkorde besitzen mitunter eine irreversible Magie.
Von Luca Turin
Ich war nie auf einer Parfumschule, aber ich kann mir gut vorstellen, wie sich ein angehender Parfumeur fühlt, wenn ihm zum ersten Mal Zugang zur ganzen Palette an Rohstoffen gewährt wird. Im Alter von neun Jahren sass ich oft an einem Konzertflügel von Bechstein, der Freunden der Familie gehörte, und kitzelte das Elfenbein, wie die Engländer sagen. Selbst einfache Akkorde waren, besonders bei gedrücktem Pedal, so schön anzuhören, dass leicht zu begreifen war, weshalb polyphone Gesänge während Jahrhunderten so beliebt waren.
Aber das Erstaunliche dabei war, wie sehr sich die Noten, aus denen sich ein Akkord zusammensetzte, vom Akkord selbst unterschieden; dass sich durch das Zusammenspiel auf rätselhafteste Weise ein magischer Überschuss einstellte. Inzwischen wissen wir, dass die Wahrnehmung von Harmonien auf dem Vergleich und dem Zusammenstimmen aller in jeder einzelnen Note enthaltenen Frequenzen beruht. Die Analyse, die unser Gehirn dabei so freudig vollzieht, erscheint eher wie das Ergebnis einer Reihe von Fourier-Transformationen für jede beteiligte Note. Solche Operationen sind nicht leicht umkehrbar: Es bedarf gehöriger Übung, einen komplexen Akkord in die einzelnen Noten zu zerlegen, und es wird fast unmöglich, wo gleichzeitig mit der Klangfarbe gespielt wird.
Wenn Egberto Gismonti und Mauro Senise auf dem Klavier und der Flöte in exaktem Gleichklang eine schnelle Melodie wie «Lôro» spielen, klingt das wie ein unerhört neues Instrument – ein aus Baccarat-Kristall hergestellter Konzertflügel. Hören Sie sich die ersten dreissig Sekunden davon auf iTunes an – kein Computer würde die korrekte Lösung herausfinden.
Parfumakkorde sind nicht anders: Der Bergamotte-Cistus-Eichenmoos-Akkord des Chypre ist uns, seit seiner Erfindung, ebenso evident und geläufig wie das perspektivische Zeichnen. Es ist, als bildeten Citrus, Süss und Bitter die orthogonalen Achsen eines unsichtbaren Raums, in dem man, kaum hatten diese Achsen sich in Selbstverständlichkeit aufgelöst, auch schon Wände einziehen, Bilder aufhängen und eine Party feiern konnte.
Selbst Zweiklänge besitzen mitunter eine irreversible Magie. Der Vetiver-Vanille-Akkord stürzt, sobald man ihn erklärt hat, laut krachend zu Boden und lässt sich nur schwer wieder zusammenfügen. Falls Sie jemanden kennen, der Habanita liebt, verraten Sie ihr nicht, wie’s gemacht wird.
Heute benutzen die Profis Gaschromatographie und Massenspektrometrie, um die Zusammensetzung zu analysieren und zu reproduzieren. Bei synthetischen Düften fällt dies leicht, bei natürlichen ist es schwerer. Aber wie wurden Düfte früher nachgemacht? Ein alter Parfumeur erzählte mir einmal, sie hätten zunächst einen Rohstoff identifiziert und dann an dessen Reinform gerochen, bis die Nase dafür unempfänglich geworden sei; dann hätten sie wieder an der Mischung geschnuppert, in der dieses olfaktorische Element nun «fehlte», und eine weitere Ingredienz identifiziert, und so fort.
Dennoch: Die Macht dieser chemischen Form von Kryptographie war bis vor kurzem so ungebrochen, dass es ausreichte, die Formel zu halbieren und niemals einer einzelnen Person beide Teile zu verraten, um das Geheimnis zu wahren. Es war die exakte Entsprechung zur Public-Key-Kryptographie: Guerlain lancierte das Produkt zweier grosser Primzahlen, und nur Jean-Paul kannte beide Zahlen. Wir anderen rochen ein 128-stelliges Wunder.
Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.
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"The Emperor of Scent" von Chandler Burr ist eine spannende Darstellung von Leben und Arbeit Luca Turins, der eine faszinierende Theorie entwickelt hat, wie unser Geruchssinn eigentlich funktioniert.
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Luca Turin und Tania Sanchez, die Verfasser des im Frühling erschienenen Bandes "Perfumes. The Guide" verfassen ab September 2008 einen vierteljährlichen Newsletter, der jeweils etwa 120 neue Parfumkritiken umfasst. Die erste Ausgabe ist gratis, die folgenden können kostenpflichtig abonniert werden.
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NZZ-Format, das Fernsehmagazin der NZZ, hat im November 2006 einen Special zum Thema Parfum ausgestrahlt. Die Sendung ist auf DVD erhältlich und enthält als Bonusmaterial unter anderem ein Interview mit Luca Turin (in Englisch).
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Der Parfumführer von Luca Turin.
Soeben ist im Viking-Verlag "Perfumes. The Guide" erschienen. Der NZZ-Folio-Duftkolumnist Luca Turin hat zusammen mit der Parfumkritikerin Tania Sanchez fast 1500 Parfums getestet und in pointierten Kurzkritiken beurteilt.
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