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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- St. Pillendreher

© Juniors Bildarchiv
Der Trick des Skarabäus: Mit den Hinterbeinen rollt er 40 Gramm Kot zu einer Kugel. Linktext
Wer bei «Pillendreher» an die Pharmabranche denkt, irrt. Tatsächlich ist es der Name einer raffinierten Käferart, die es im alten Ägypten sogar zur Heiligsprechung schaffte.

Von Herbert Cerutti

Kaum liegt der dampfende Dung des Büffels auf dem Boden der afrikanischen Savanne, macht sich schon ein schwarzer Käfer über die Hinterlassenschaft her. Der Heilige Pillendreher (Scarabaeus sacer) schneidet mit seinen kurzen, kräftigen Beinen einen Ballen aus dem Fladen und knetet ihn zu einer kugeligen Form. Dann klemmt er die beiden Hinterbeine wie die Gabeln bei einem Fahrrad links und rechts an die Kugelseiten. Indem der Mistkäfer mit den auf dem Boden ruhenden Vorderbeinen nun rückwärts läuft, bewegen sich Käfer und Kotkugel gemeinsam durch die Landschaft – der Pillendreher hat das Rad erfunden.

Beim Rollen wird der erbeutete Kotballen immer kugeliger. Die Reise geht in flottem Tempo zuweilen auch über beachtliche Hindernisse und endet manchmal erst nach dreissig Metern, wenn der Käfer einen guten Platz für den zweiten Teil seiner Schwerarbeit gefunden hat.

Wieder und wieder kriecht der Käfer jetzt unter die Dungkugel, um mit Vorderbeinen und Kopf Sand und Erde wegzuschieben. So versinkt die Kugel langsam im Boden. Nach ein paar Stunden Grabarbeit liegt der Dung 30 Zentimeter tief im Untergrund. In diesem vor Wind und Wetter und biologischen Feinden geschützten Stollen formt der Käfer durch Kneten und Drücken aus der Kugel eine Birne, wobei der schmale Teil nach oben zeigt.

Endlich bekommt die Plackerei einen Sinn: Das Käferweibchen legt in den oberen Teil dieser Brutbirne ein einziges Ei. Nach wenigen Tagen schlüpft aus dem Ei eine weisse Larve, die sich vom Kot ernährt und fetter und fetter wird. Nach einem Monat hat die Larve die Brutbirne von innen her praktisch aufgezehrt. Sie verpuppt und wandelt sich in weiteren drei Wochen zum schwarzen Käfer, der sich jetzt an die Erdoberfläche hochzu­arbeiten versucht.

Was der Pillendreher leistet, ist erstaunlich. Nur etwa 3 Zentimeter lang und 2 Gramm schwer, formt und transportiert er eine tennisballgrosse und bis 40 Gramm schwere Dungkugel. Dabei müssen Kugelherstellung und Transport möglichst rasch erfolgen, denn während dieser Arbeiten ist der Käfer schutzlos den Schnäbeln der Vögel ausgeliefert. Auch muss er sich gegen die am leckeren Dung ebenfalls interessierten Konkurrenten wehren, wobei er zur Verteidigung auf seine Kotkugel klettert und die Angreifer von oben herab bekämpft.

Wie gross das Gedränge werden kann, zeigt die Beobachtung an einem drei Pfund schweren Elefantenmisthaufen, der innerhalb von zwei Stunden von 16 000 Käfern weggeschafft wurde. Um für die Schwerarbeit auf Touren zu kommen, kann der wie alle Käfer sonst wechselwarme Pillendreher seine Körpertemperatur durch Muskelzittern auf über 40 Grad Celsius erhöhen und so als «heisser Ofen» losdüsen.

Am Hals der toten Ägypter

Brutbirnen werden nur von bereits befruchteten Weibchen gebaut und transportiert. Dabei suchen sich die künftigen Mütter den Rohstoff für die Kinderstube sorgfältig nach dem Nährstoffgehalt aus. Sowohl Männchen als auch Weibchen bauen sich aus dem Dung pflanzenfressender Säugetiere Frasspillen für den eigenen Bedarf. Dafür genügt auch weniger guter Kot; solche vergrabenen Kugeln werden jedoch nicht zur Birne umgeformt. Die Zweitverwertung von bereits verdauter Nahrung ist für den Käfer nicht sehr ergiebig, denn 90 Prozent der gefressenen Masse scheidet er unverändert wieder aus. Vermutlich bezieht das Insekt einen beachtlichen Teil der benötigten Nährstoffe nicht aus dem eigentlichen Dung, sondern aus dem Heer von Mikroorganismen, die darin siedeln.

Das Attribut «heilig» wurde dem Pillendreher von den alten Ägyptern verliehen. So wie der Käfer die Mistkugel über den Boden rollt, soll auch der Sonnengott Re am Morgen in Gestalt des Chepre (altägyptisch für Skarabäus) die Sonne über den Himmel schieben. So versinnbildlichte der Skarabäus die Reise und das schöpferische Wesen der Gottheit.

Die Beobachtung, dass die schwarzen Jungkäfer scheinbar mutterlos aus der Tiefe des Bodens emporsteigen, liess das Tier zum Symbol für Auferstehung und Wiedergeburt werden. Deshalb gab man den Verstorbenen einbalsamierte Skarabäen mit auf den Weg. Später wurden den Toten anstelle der echten Käfer steinerne Abbilder mit eingravierten frommen Texten und Bittschriften auf das Herz gelegt. Steinerne Skarabäen dienten den Pharaonen zudem als Siegel für ihre könig­lichen Dokumente. Das gemeine Volk hängte sich einen geschnitzten Skarabäus als glücksbringenden Talisman um den Hals.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wofhausen.

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