«WARUM DIESES HAUS und kein anderes? Mit Ihrer Frage zwingen Sie mich zu grübeln. Aus Sehnsucht. Ich habe mir immer ein solches Haus gewünscht. Es ist ein schlichtes, im Jugendstil erbautes Haus. Ich habe Golo Mann gut gekannt. Sein Haus, also Thomas Manns Haus, das keinen Kilometer Luftlinie von hier entfernt ist, wirkt ähnlich und hat mir immer wahnsinnig gefallen. Ich habe in langweiligen Schulstunden immer Häuser gezeichnet, und vielleicht habe ich solche Häuser gezeichnet. Aber vielleicht auch wegen meines Vaters. Wenn mein Vater von einem Haus sagte: das ist ein schönes Haus, dann war es immer so eins. Es ist auch ein Haus, das Kontemplation möglich macht - Entschleunigung. Die hohen Räume, die grosse, schöne Wohnebene hier unten, das Treppenhaus, die geräumigen Schlafräume, all das schafft etwas Grosszügiges. Es ist nicht eng, nicht drückend.
Und Kilchberg ist noch beinahe Stadt. Hierher kommen Freunde noch mit dem Taxi zum Essen. Weiter auf dem Land ginge für Lilith und mich nicht mehr.
In einem Haus wie diesem kann man in Ruhe Tee trinken. Und, wissen Sie, mit Teetrinken meine ich: die Zeit haben, Tee zu trinken. Sagen wir es so: Wenn man in ein Haus wie dieses kommt, entschleunigt man. Da ist doch die Sehnsucht nach Entschleunigung. Zeit haben, einfach da sein. Am Abend vor dem Essen ein Glas Weisswein, ein paar Oliven. Man kommt hier herein und tritt aus etwas anderem heraus. Dieses Haus eignet sich auch nicht zum Arbeiten, es sei denn, man betrachte Lesen als Arbeiten. Lesen und Arbeiten, das geht bei mir ineinander. Das Haus animiert mich zum Lesen, zum Musikhören, Gäste zu empfangen, zum Reden mit der Lebensfreundin, mit Lilith. Zum Sein. Voilà.
Dieses Haus hat eine unheimliche Kraft, mich drinnen zu behalten. Wenn ich am Sonntag hier bin, dann nehme ich vier, fünf Bücher zur Hand. Mit zur Hand nehmen meine ich: ich lese drin. Es gibt Bücher, die ich mit Musik lesen kann, es gibt Musik, die ich mit Büchern hören kann. Barock kann ich mit Lesen hören, Bruckner nicht und nicht Mahler, auch nicht Brahms. Mit den Büchern liege ich auf diesem Sofa, oder ich nomadisiere durchs Haus. Und ich schlafe auch gern am Tag. Ich bin ein Siestamensch. Das ist wunderschön: in einem Buch lesen und wegdämmern. Und gegen drei erwachen. Aus einem Sonntag zwei Sonntage machen. Das ist auch entschleunigen. Schlampampen - kennen Sie dieses Wort? Ein wunderschönes Wort. Lilith und ich haben es immer verwendet, und dann entdeckten wir es bei Goethe. Ich war hochbeglückt, als ich das Wort in der Literatur fand.
Ich fahre auch unter der Woche gern vom Büro heim, um Siesta zu machen. Das Büro im dritten Stock des Ringier-Pressehauses in Zürich ist mein einziger wirklich unruhiger Ort. Ich mache auch in Bern Siesta. Dort muss ich sogar nur mit dem Lift hinauffahren, weil ich mein Büro und mein Zimmer im <Bellevue> habe. Da schlafe ich, im Bett, vielleicht eine halbe Stunde, aber richtig tief. Und dann wache ich auf, trinke einen Kaffee, dusche kalt - dasselbe Ritual wie am Morgen. Aus einem Tag zwei machen.
Jetzt komme ich zum charme discret de la vraie bourgeoisie: die Zeit für das Gespräch mit der Familie, mit Freunden, unter Intellektuellen, mit Politikern, mit Leuten aus der Kultur. Im Gespräch Sachen wieder zusammenfügen, ausprobieren, ob sie zusammenpassen. Das ist verloren gegangen. Die Tagebücher von Thomas Mann geben die Atmosphäre, als man noch Zeit hatte, wunderbar wieder. Heute wird nichts mehr erdauert. Der Verkehr rast, die Kommunikation jagt mit Lichtgeschwindigkeit.
Aber nur, was erdauert wird, setzt sich im Menschen auch fest. Eine Landschaft aus dem Autofenster bleibt nicht im Kopf. In Biel, wo ich 54 Jahre lebte, konnte ich aus dem Haus und hätte bis nach Frankreich wandern können, ohne dass ich in eine Agglomeration gekommen wäre. Da habe ich vor dem Einschlafen jeweils ganze Wanderungen im Kopf nochmals gemacht, es war alles noch da.
Die Möglichkeit, zu entschleunigen, ist der letzte Luxus, der uns bleibt. Dabei ist Entschleunigung eine Lebensnotwendigkeit. Es ist die Perversion der nachbürgerlichen Gesellschaft, dass etwas Lebensnotwendiges zum Luxus wird. Ich habe Mühe mit der Prosecco-Zivilisation, zum Beispiel mit diesen Börsennichtsnutzen, die weder ein Produkt herstellen noch eine sinnvolle Dienstleistung erbringen. Ich habe kein Problem mit Leuten, die viel Geld verdienen mit einer Leistung, die der Gesellschaft nützt. Aber Leute, die nur mit Spekulation Geld verdienen, die sind mir zuwider.
Darum habe ich die Sprüngli-Fabrik so gern, auf die wir von unserem Haus hinuntersehen können. Diese Fabrik hat Kraft, da wird etwas Vernünftiges hergestellt! Da ist Leben, manchmal hört man die Fabrik schnaufen, und manchmal riechen wir auch die Schokolade.
Bis vor dreieinhalb Jahren habe ich in Biel gewohnt und Lilith in Zürich. Ich habe mich im Bermudadreieck zwischen Biel, Zürich und meinem Büro in Bern bewegt. Lilith und ich kennen uns schon fast 18 Jahre und wohnen hier zum ersten Mal zusammen. Die meisten sagten: endlich! Da kamen zwei ausgeprägte Persönlichkeiten zusammen, ein Junggeselle - und eine Frau, die zwei Kinder grossgezogen hat. Ich habe mein Leben autonom beherrscht - sie ihre Familie. Ich sage ja oft, wenn ich die Wahl hätte, die Spitzenfunktion in einem Unternehmen mit einem Harvardbürschchen zu besetzen oder mit einer Frau, die zwei Kinder aufgezogen hat, möglichst noch allein, dann würde ich die Frau wählen, weil sie ein Vielfaches dieses Bürschchens geleistet hat.
Wir haben beide einen Hausstand mitgebracht. Das muss man sich vorstellen wie das Aufeinanderprallen von zwei Heeren. Tisch und Sofa und all die Möbel: das waren die Panzer und die Geschütze. Zuerst war Lilith mit ihren Möbeln siegreich, ihre Möbel entsprachen diesem Haus, weil sie aus einer Familie kommt, in der man solche Häuser bewohnt hat und solche Möbel erbt. Aber die Möbel waren dem Haus zu ähnlich, da war zu viel Schwere, es brauchte den Gegensatz von modernen Möbeln. Meine Sachen sind modern, Saarinen-Stühle und dergleichen. Dann gibt es noch das, was wir gemeinsam angeschafft haben: das Behagliche wie dieses Sofa etwa.
Lilith gestaltet das Haus. Und zwar täglich. Mit Blumen, mit Kerzen, mit Bildern, sie arrangiert die Möbel neu - sie hat eine unglaubliche Sensibilität für Ästhetik: was sie berührt, wirkt schön.
Lilith sagt immer, dass ich mir meinen Wohnraum um den Spaghettitopf herum schaffe. Ich muss Gastgeber sein, ich bin's gern, auch nur für die Familie, auch nur für uns zwei. Das Haus in Südfrankreich haben wir gekauft, weil wir immer über Märkte gingen und ich die schönen Fische nicht kochen konnte, die ich dort sah, und die schönen Gemüse. Jetzt suchen wir uns noch eine Wohnung in Berlin. Auch wieder in einem Haus aus der Jahrhundertwende. Ich kann nicht warten, bis die Schweiz nach Europa geht. Jetzt gehe ich halt erst einmal selbst.
Ich bin mir bewusst, dass es ein Privileg ist, so zu leben. Obschon ich auch sagen kann: für dieses Privileg habe ich gearbeitet. Aber es gehört auch Glück dazu. Viele Erfolgreiche hätten keine Karriere gemacht, wenn sie nicht Fortune gehabt hätten. Ich setze mich ein für eine Gesellschaft, für die Gerechtigkeit ein Thema bleibt. Die Gesellschaft, die keine Gerechtigkeitsdiskussion mehr führt, ist verloren. Der Neoliberalismus sucht nicht einmal mehr danach. Er sagt: Es gibt keine Gerechtigkeit.
Wenn ich heute einem brillanten intellektuellen jungen Menschen einen Rat geben kann, dann ist es: lerne Schreiner, bevor du studierst, wenn du die Begabung dazu hast. Der Philosoph Popper hat das Tischlerhandwerk erlernt. Er ist für mich der klarste Denker des 20. Jahrhunderts, und diese Klarheit hat mit seiner handwerklichen Denkdisziplin zu tun. Er ist mein Vorbild. Ich habe Schriftsetzer gelernt. An meinem Arbeitsplatz roch es noch nach Metall, nach Blei. Das Blei war schwer, war sinnlich, man bekam schmutzige Hände davon. Es gab damals noch kaum Grafiker, man gestaltete als Schriftsetzer selbst, entwarf Briefbogen und Plakate ohne Skizzen, direkt im Blei. Es war ein nichtentfremdeter Prozess von Handwerk und Kreativität.
Das Handwerkliche ist für mich eine ganz wichtige Sache geblieben. Sprache ist für mich das Handwerkszeug des Denkens. Das Handwerk im Schreiben finde ich bei Max Frisch. Er war Architekt, seine Sprache ist Architektur, ich liebe die Präzision seiner Sprache, diese Leichtigkeit, die sehr schwer erkämpft ist.
Manchmal kokettiere ich mit dem Traumberuf als Priester. Ich sehe mich in Soutane in einem jurassischen Dorf unter Platanen. Zwar ist mein Götti ein wunderbarer protestantischer Pfarrer, aber protestantische Pfarrer überzeugen mich dennoch selten, weil sie doch oft eine Mischung aus Lehrer und Sozialingenieur sind. Die reden weniger spannend als ich selbst, und was sie sagen, habe ich selber schon besser gedacht. Für mich ist die Kirche, wie unser Haus in Kilchberg, ein Ort, wo ich aus etwas heraustrete, wenn ich hineingehe.
Ich kann gut allein sein. Aber immer mit der Möglichkeit, nicht allein sein zu müssen, ich muss das Alleinsein abbrechen können. In Biel habe ich allein gewohnt, allerdings hatte ich dauernd Gäste.
Mich kann man nur schwer einladen, ich lade meinerseits ein. Ich nehme eine Einladung nur an, wenn es unbedingt sein muss - wenn es eine Beleidigung wäre, nicht hinzugehen. Was Smalltalk ist, mache ich nicht mit. Sie sehen mich auch nicht auf diesen Gesellschaftsfotos. Und auch im <Bellevue> in Bern: da habe ich meinen Tisch, und ich bin es, der einlädt.
Ein Nachtessen bei Freunden? Das natürlich schon. Aber es müssen Freunde sein, und ich bezeichne nicht jeden als Freund. Wenn man im Leben fünf enge Freunde hatte, dann hatte man Glück. Freundschaft ist auch etwas, das geprüft ist. Ob jemand ein Freund ist, weiss man erst, wenn er in einer Situation zu einem gestanden ist, in der er nichts von einem erwarten konnte, in der er kein Gegengeschäft machen konnte. Frauen sind selten auf Gegengeschäfte aus. Ich habe intuitiv viel mehr Vertrauen zu Frauen.»