Das Dekantieren, das Umgiessen des Weins über festlichem Kerzenlicht in eine Glaskaraffe, ist, etwas Geschick einmal vorausgesetzt, zweifelsfrei die noblere Art, Wein zu kredenzen: ein Schauspiel, schön anzusehen - aber fördert es auch den Trinkgenuss?
Ganz nüchtern betrachtet, ist Dekantieren bei den meisten Weinen überflüssig. Fast alle Weissweine und die überwiegende Zahl der roten Gewächse sind einfach so zu trinken - Zapfen raus und hinein ins Glas. Nur auserwählte Jahrgangströpfchen verlangen nach einem Dekantieren: Jungen, noch etwas ungehobelten Weinen kann es sehr wohltun, wenn sie beim Umgiessen etwas Luft atmen dürfen; tanninreiche Bordeaux oder die Spitzenerzeugnisse toskanischer, piemontesischer und kalifornischer Provenienz entspannen sich in einer dickbauchigen Karaffe, werden runder und geschmeidiger. Gewissermassen im Zeitrafferverfahren durchlaufen sie einen Alterungsprozess. Ist der Wein indes schon trinkreif, ist die Zufuhr von Sauerstoff nicht mehr so wichtig; sie kann, bei sehr alten Weinen, im Gegenteil sogar schädlich sein. Das Dekantieren dient hier allein der Beseitigung des Depots, des Bodensatzes. Dabei kann man Körbchen und Dekantiergeräte benutzen, sollte jedenfalls einige Spielregeln beachten. Verschiedene Methoden gibt es allerdings auch hier, und für bierernsten Diskussionsstoff unter Weinkennern ist allemal gesorgt.
Nun: Ich habe für die Niederschrift dieser Zeilen kein Vergnügen gescheut, um die einfachste Methode praktisch, das heisst degustatorisch, erneut zu überprüfen. Bin also in den Keller gestiegen, habe aus dem hintersten Regal eine Flasche Château Pichon Lalande Jahrgang 1970 gepflückt und mit Bedacht in die Wohnung getragen. Zwei Tage stand die Flasche im Esszimmer, damit sich das aufgewirbelte Depot wieder beruhigen, auf dem Flaschenboden setzen konnte. (Es hätten auch drei oder mehr Tage sein können, aber für Samstag abend waren Gäste angesagt.)
Um 17 Uhr zog ich den Korken, reinigte den Flaschenhals und setzte den Zapfen wieder locker drauf. Um 19 Uhr goss ich den Wein - in einem Zug! - in die Karaffe. Eine unter dem Flaschenhals züngelnde Kerze half mit, das gegen Ende zum Ausguss wolkende Depot zu erkennen und den Dekantiervorgang rechtzeitig abzubrechen. Die Karaffe blieb unverschlossen. Um 21 Uhr hoben wir das Glas. Und Pichon Lalande präsentierte sich in Hochform. Bis zum letzten Tropfen.
Wer zu den beneidenswerten gehört, die ganz alte Jahrgänge in ihrem Keller horten, der verkürze ganz einfach die Zeitspanne vom Dekantieren bis zum Genuss auf ein Minimum. Vor übermässiger Luftzufuhr kann schliesslich auch ein Glasstopfen schützen, der nach dem Dekantieren sofort auf die Karaffe gesetzt wird.
Tadellose Weine aus einem guten Jahrgang, das zeigt die Erfahrung, vertragen das Dekantieren meist besser, als man meint. Es sei denn, sie seien fünfzig, achtzig, über hundert Jahre alt: Der unvermittelte Luftkontakt kann den erlesensten Trouvaillen den vorzeitigen Todesstoss versetzen. Der Wein «zerbricht» noch im Glas, wird zu einer nichtssagenden, rotbraunen Brühe, der nur noch nachzutrauern ist. - Doch dies ist eine andere Geschichte. Siehe «W wie Weinarchäologie».