NZZ Folio 03/07 - Thema: Radio   Inhaltsverzeichnis

Wellenreiter

© Gabi Vogt
Stéphane Justin macht Radiocinema in seinem Schlafzimmer. Linktext
Züchternews für Bauern, Musik für Cinephile, Softwaretips für Sehbehinderte, Stimme für die Jugend: Eine Redaktorin von Radio DRS besucht die Konkurrenz.

Von Cornelia Kazis

Radiocinema: Einer träumt vom Kinoradio

Es sei ein Loch voller Grün, in dem ein Fluss singe, ein kleines Tal, das von Strahlen schäume, hat Arthur Rimbaud von Vallorbe geschwärmt. Mir hingegen weht der Winterwind um die Ohren. Auf den Waadtländer Jurahöhen liegt Schnee. Alle Menschen im kleinen Ort grüssen mit kältegeröteten Gesichtern, aber wo die Rue de L’Orbe ist, weiss erst der dritte Vallorbois. Es ist ein kleines Strässchen, das hinter der Post hochführt. Da wohnt Stéphane Justin, der 28-jährige Journalist, der Radiocinema zum Klingen bringt. Bevor ich bei der Post bin, ruft er schon an. Statt zu Hause sei es nun doch besser, im Café der Tankstelle miteinander zu sprechen.

Vor einer Tasse Chocolat chaud erzählt der rehäugige schmale Mann von seiner Passion. Seine Leidenschaft ist schon zwanzig Jahre alt. Als er acht war, hatte sie den französischen Jungen aus gutbürgerlichem Hause gepackt. Da entdeckte er im Ferienlager die Wunderwelt der Wellen und verfiel ihr. Fortan verbrachte Stéphane jede freie Minute in seinem Zimmer, wo er, ohne je auf Publikum zu hoffen, mit sich selber sprach, die Stimme mal so, mal so verstellte und fiktive Radiosendungen realisierte. Die kleine Schwester war für dieses Spiel nicht zu gewinnen. Die Eltern warnten vor zu viel Träumerei.

Schulisch hielt Stéphane gut mit, obwohl er immer wieder abtauchte, wenn der Stoff langweilte, die Leçons sich in die Länge zogen. Dann entwarf er kleine Interviews über das, was seine Welt bewegte. Die Lehrer sahen es mit Bewunderung und Befremden. Stéphane, der Träumer, eh bien, oui.

Mit elf war der Träumer dann schon auf Sendung. Der französische Lokalsender Fusion FM holte ihn für Vermischtes und die Politik von unten: Soll die Schlittschuhbahn vergrössert werden, und braucht der Pausenplatz eine neue Kletterstange? Ein Jahr später hatte Stéphane mit seinem Freund eine eigene Sendung. Wöchentlich präsentierten sie neue Videogames und fachsimpelten über ihre Qualität. Und so wuchs die Leidenschaft mehr und mehr, die Lokalsender und die Hörerschaft wurden grösser, und Stéphane Justin moderierte für Mâcon 101 und dann für RCF 71, für Europe 2 und dann für NRJ Alpes und schliesslich, nach der bestandenen Matura und einem abgebrochenen Studium der Sprachwissenschaften, als gemachter Journaliste-Rédacteur-Reporter bei Energy Léman, wo ihn eine andere Passion fesselte: die erste grosse Liebe.

Nun dürfen die Fotografin und ich doch an die Rue de L’Orbe 10, von wo aus seit dem 1. November 2006 rund um die Uhr per www.radiocinema.ch Kinomusik in die ganze Welt gesendet wird. Der Soundtrack zu «Hannibal» klingt aus den Computerlautsprechern. Es ist eiskalt und riecht nach Javel in der properen Wohnung, deren Möbel passionslos aus dem Katalog bestellt worden zu sein scheinen. In der Ecke seines Schlafzimmers, neben dem rosabetuchten, himmelblauen Bett, arbeitet der freundliche, redegewandte Mann 10 bis 15 Stunden täglich für sein Kinoradio. Er ist inzwischen arbeitslos. Er schläft und isst wenig, und jeder, der ihn sieht, glaubt ihm aufs Wort. Die erste Passion ist geblieben. Die zweite ist inzwischen weg, mitsamt dem Kind. Eh bien, oui.

Zu hören ist nun etwas aus Pedro Almodóvars «Volver». Worte sind noch Zukunftsmusik auf dem Websender. Stéphane Justin ist dabei, ein Team zusammenzustellen von Journalisten und Kinosachverständigen, die ihm für sein Spartenradio gratis Beiträge liefern, und hofft, in fünf Jahren mit Werbegeldern aus seiner Site und Gönnerbeiträgen von Cinephilen über die Runden zu kommen. Zurzeit zahlt er 500 Franken für die Übertragungsrechte und den Unterhalt der Website aus der eigenen Tasche. 500 Hörer pro Tag weist seine Station aus. «Was zählt, ist, etwas zu tun, was unique ist, einmalig», sagt der Webmaster.

Aus dem einsamen Tal hinausfahrend, hören die Fotografin und ich Couleur 3. Eine Causerie über bemerkenswerte Musik von Mik Keusen. Der Moderator klingt ähnlich wie Stéphane Justin. Der sitzt inzwischen wohl wieder in der Schlafzimmerecke am Computer und webt weiter an seinem Traum. Soyons réalistes, rêvons!

Buureradio: Aus dem Stall in 106 Länder

«Beim Lesen brauchst du die Hände, beim Fernsehen die Augen, beim Radio nur die Ohren. Das ist gut für uns Bauern. Da kann dazu gearbeitet werden», sagt Nationalrat Toni Brunner, während er in seiner Bauernküche aus einem Kacheli hauseigene, gewärmte Milch trinkt und von www.buureradio.ch erzählt. Vor zwei Jahren wurde es seinem Vater zu bunt mit den gängigen Sendern: zu wenig Volksmusik, zu wenig für die Bauern – noch nicht mal auf der Musigwälle 531! Das Selbstmachradio per Internet musste also her.

Der Sohn nahm des Vaters Idee auf, der Ostschweizer Kommunikationsprofi Peter Weigelt steuerte das technische Know-how bei, und nach knapp einem Jahr war das Ding im Netz. «Bodeständig digital» heisst der Slogan des Webradios, das inzwischen in 106 Ländern von Heimweh- und Auslandschweizern gehört wird, täglich zwischen 10 000 und 15 000 Hörer hat und 365 Tage im Jahr rund um die Uhr hudigäggelet und jödelet.

Karl aus Wisconsin schreibt: «Great Music. Hope all is well on your part of the world. Music brings us all together.» Und eine Auslandschweizerin aus Thailand mailt: «Ich sitze unter Palmen, trinke Mangojuice und höre Buure radio. Eben habe ich die Kirchenglocken aus einem Dorf gehört und musste weinen. Ich bin seit 40 Jahren weg aus der Heimat.»

«Bodeständig digital, s Buureradio für mee Milch im Stall», sagt eine Frau auf dem Sender zwischen einem Jödeler vom Jodlerclub Bärgbrünneli und einem Klarinettenmarsch. 10 000 Volksmusiktitel werden im bernischen Uetendorf per Computer gemixt und programmiert. Tag für Tag, punkt Mittag, ist die Landeshymne zu hören, punkt Mitternacht läuten die Kirchenglocken aus Ebnat-Kappel, Törbel, Trub, Bergün oder anderswo im Land. Regelmässig gibt es das «Schwingmagazin» und die «Züchternews», das «Wunschkonzert» und die «Bundeshauspolitik». Und wer allein ist, muss es nicht lange bleiben: «Bauer sucht Frau» und «Frau sucht Bauer», die regelmässigen Kontaktanzeigen, organisieren arbeitsame Zweisamkeit.

Toni Brunner lacht viel zwischen seinen Sätzen. Er führt mich aus der Küche auf seine Wiese auf dem Hundsrücken ob Ebnat-Kappel. Vorbei an einer schmiedeisernen Skulptur: drei Buchstaben, «SVP», darunter ein Hufeisen, darüber ein Kerzenständer. Die Partei für Glück und Licht. Der Jungpolitiker erklärt das Panorama, zeigt mir den Säntis und nennt den Namen jeder Churfirstenzacke. Auf die Frage, ob er es denn in Ordnung finde, dass bei den Witzen auf dem Buureradio auch mal ein rassistischer sei, meint er, das könne schon sein, es sei halt jeder in seinem

20-köpfigen Team selbst verantwortlich und unabhängig. Schliesslich habe er auch schon Grüne eingeladen in seine Sendung, den «Talk im Stall». Dem Anhänger von Bundesrat Christoph Blocher ist Freiheit das Höchste. Ihn schaudert’s vor Fremdbestimmung, und dafür verzichtet er bis im Oktober auf viele Tage auf seinem Hof, setzt sich ein für den SVP-Wahlkampf in Bern, wo auch seine Liebste, eine Politologin, lebt.

Aus dem Stall klingt «My Boum» vom Jodlerclub Echo uf em Rütihubu. Bei den Kühen macht sich Hannes zu schaffen. Wenn Toni Brunner in der Arena talkt oder in Bern politisiert, ist er da für Vieh und Hof. Hannes holt frisches Heu für Sissi, Strüssli, Sina, Susi und Blüemli, und Toni Brunner zieht einen Strohballen zwischen die Kälber und ihre Mütter. Genau hier findet regelmässig der «Talk im Stall» statt – Livegespräche über Agrarpolitisches und Saatgut, Zuchttheorien und Viehhaltung. Gerne hätte Toni Brunner einmal den Fussballnaticoach Köbi Kuhn bei sich im Stall. Nun hat er halt mich und lässt mich die Milchleistung seiner Kühe schätzen. Die Städterin fällt durch.

Ein sackmessergrosser MP3-Player mit Aufnahmemodus reicht dem ehrenamtlichen Radiomacher für sein Webradio aus. Das Radio aus dem Stall ist nicht teuer. Hundertprozentig sei es durch Sponsoren und Werbeeinnahmen finanziert. Die Suisa rechne er wie alle «Webradiöler» pauschal ab. Alle Beteiligten arbeiten ohne Lohn. Am Sonntagabend halten sie jeweils Redaktionskonferenz per Internettelefon. Wenn ein Landmann wissen will, wie er das Webradio in seinem Stall oder auf seinem Traktor hören kann, so findet er eine exakte Anweisung auf der Website des Spartenradios. Bodenständig und digital.

Auf der Weiterfahrt hören die Fotografin und ich Nachrichten auf DRS 1. Börsenmässig läuft es gut in Tokio und New York, sagt Barbora Neversil. Die Kriege dauern an, da wo sie sind, und die Gespräche der Mächtigen finden woanders statt. Das Wetter wird kalt und unfreundlich, und die Schweizer Nati ist in Düsseldorf eingetroffen.

Radio-Factory: Von Freunden für Freunde

Es ist Mittwochabend bei www.radio-factory.ch. Ein Zimmer in einem Jugendzentrum in Nidau bei Biel. Im Treppenhaus des Altbaus blättert die Farbe etwas ab. Es riecht feucht nach Schrumpeläpfeln. Im Senderaum sieht es stylish aus: Professionell ausgepolstert sind die Wände des Sendestudios, neu die Computer und vom Feinsten die Kopfhörer, Mikrophone und das Sendepult. In einer halben Stunde gehen Corinne Buntschu und Matthias von Wartburg auf Sendung. Von Lampenfieber nicht die Spur.

Alles ist parat für den «Factory Talk», die Mittwochabendsendung für 20 bis 30 Hörer, die das Kids-Radio seit seinem Start im August 2006 gewonnen hat. «Es ist ein bisschen peinlich wenig», sagt Mättu, «aber es werden schon noch mehr.» Corinne erzählt mir, wie anders sie DRS 3 und Virus höre, seit sie selber Radio mache. Wie schaffen die den Übergang von Wort zu Musik? Wie die Klippe von Ernst zu Spass, und wie hangeln sich die Profis über Pech, Pleiten und Pannen? Corinne redet gerne. Deshalb macht sie mit bei dem, was Jonas angefangen hat.

Der angehende Hochbauzeichner hatte mit 17 ein cooles Webradio entdeckt: Radio unique. So etwas wollte er auch und erzählte es seinem Freund Matthias. Mättu fand das auch cool – aber er war wie Jonas im Prüfungsstress. Die Freunde beschlossen, alles erst mal auf Eis zu legen. Zwei Männer – kein Wort. Jeder ging allein ins Netz, und als die beiden Freunde sich wieder trafen, gestanden sie sich gegenseitig ein, dass das mit dem Eis nichts gewesen war. Und los ging es mit Geld- und Raumsuche, mit der Vereinsgründung und Gesprächen. Corinne Buntschu stiess dazu und ein Webdesigner, ein Jinglemacher und ein Musiker. Das Projekt gewann bei einem Wettbewerb, dem «Berner Jugendtag», den Ersten Preis und damit ein fettes Startkapital. Nach zwei Jahren ging es los mit Factory. Der Name sei Zufall. Jonas büffelte gerade Englischvokabeln und dachte bei «the factory», die Fabrik, das wäre doch ein cooler Name für sein Webprojekt.

Still sitzt der bald 20-Jährige im Hintergrund. Ruhig beäugt er alles Technische. In zwei Minuten geht es los mit Musik und Reportagen vom Eishockeymatch Biel – Langnau. In einer Stunde kommt Mathieu Tschantré, Stürmer beim EHC Biel. Die Pressekarten für den Match und der Studiobesuch des Stürmers sind einzig und allein Corinnes Verdienst. Die 19-Jährige ist nämlich Dentalassistentin und ihr Chef Belegarzt für die ramponierten Zähne der Spieler. Als ein Puck wieder einmal danebentraf, fühlte sie dem Spieler auf den Zahn und fragte den Gepeinigten, was denn für Radio-Factory zu machen sei. Bingo! Es war etwas zu machen. Zusage auf dem Zahnarztstuhl.

Mättu hat bei der Begrüssung seines Publikums in Schulklassengrösse einen Hänger. Gekonnt fängt er sich: «Weil mir hier im Studio ein Profi auf die Finger schaut, verschlägt es mir schon die Sprache, mehr darüber nach Beyoncé …» Kicherkicher. Dann reden Mättu und Corinne wie Kinder beim Rollenspiel: «Dann tät ich dann das sagen, und dann würdest du den Jingle spielen, und dann käme wieder ich, dann du und dann Mariah Carey.» Das Programm läuft. Wer im Netz ist, kann in aller Welt hören, was an der Hauptstrasse 75 in Nidau gespielt wird. Und die Kids schreiben in die Factory-Shoutbox: «Genial!» «Das fägt superguet, gratuliere!» «Yeah, dr Oberburner!»

Der italienische Taxifahrer, der mich in der Regennacht zum Bieler Bahnhof fährt, schlägt mit der Faust aufs Lenkrad. Eben hat Gomez das 2:0 gegen Köbi Kuhns Mannschaft erzielt, sagt mein DRS-1-Kollege vom Sport und lässt keinen guten Faden an den müden Eidgenossen, derweil Mathieu Tschantré bei Radio-Factory wohl zur Hochform aufläuft.

Radio Blind Power: Stimmen aus dem Keller

Schon am Telefon denke ich: Dieser Mann hat Voice-Appeal. Augen zu und Ohren auf! Er erklärt mir, wie ich in Zollikofen bei Bern zu Radio Blind Power komme. Er erklärt es mir so, dass ich den Sitz von www.rbponline.ch vor lauter Billigläden, Imbissecken, Verkehrskreiseln und einem Solarium, das «California» heisst, im Vorort von Bern nicht finde. Kein Wunder: Yves Kilchör ist sehbehindert seit seiner Geburt und sieht die Dinge einfach anders.

Er führt mich in den Keller der Stiftung für Blinde und Sehbehinderte an der Kirchlindachstrasse. Zielsicher geht er die Treppenstufen hinunter, am Fussballkasten vorbei in den Flur mit den vielen Ski. Er öffnet die Türe zum fensterlosen Keller mit dem metallenen Fabrikschrank, in dem sich das Schaltzentrum des Webradios befindet. Yves Kilchör, der 20-jährige KV-Absolvent, ist als Geschäftsleiter eingetragen. Florian, der Eventmanager, kommt dazu, und Jeya, der Informatikverantwortliche, wirft die «Kisten» an. Die Bildschirmschriften sind hochgezoomt und auf schwarzem Grund. Die jungen Männer gehen hautnah ran an die Screens. Alle haben ein Sehproblem.

Seit dem 15. Mai 2006 sendet das Team auf www.rbponline.ch in alle Welt. Davor liegen neun Jahre Radioarbeit für die Blindenschule Zollikofen. Fipu, ein Hörer, schreibt: «Super! Ein Internetradio von Sehbehinderten! Ihr seid doch besonders geeignet für die Vermittlung übers Ohr!» «Mir nämed di bi den Oore» heisst der neue Slogan. Der alte, «Radio, wo gspürt», ist passé. «Wenn ich nicht hören könnte, würde mir echt was fehlen», sagt der rotbackige junge Mann mit der schönen Radiostimme.

Noch eine halbe Stunde bis Sendebeginn. Vorgesehen sind coole Musik, eine Rückschau auf den Weltcup in Adelboden mit dem Glanzergebnis von Marc Berthod vor gut einem Monat, Gespräche mit Altmeister Russi und Slalomkünstler von Grüningen. Dann wird Jeya im Gespräch mit Jeeva zu hören sein darüber, was er von Vista denkt, dem neuen Microsoft-Betriebssystem. Dann die News mit Co-Moderator Marcel, der etwas verschwitzt und verhalten fluchend zu spät kommt, unter dem Blitzen der Fotografin leidet und heute wohl nicht seinen besten Tag hat. Die Freunde nehmen es mit Fassung. Der Informatikspezialist, der Geschäftsleiter und der Eventmanager albern rum. Wie Spielzeugtitel wirken ihre Bezeichnungen. Es ist so, als ob bunter Abend wäre, und auch ein bisschen so wie bei Jamie Oliver and his Friends in the Kitchen.

Dabei ist es Yves Kilchör ernst. Und das schon seit bald 10 Jahren. Als Drittklässler wollten er und Daniele, ein Kinderfreund, unbedingt Radiomitarbeiter werden. Im Atelier «Radio» in einer schulischen Projektwoche begann die Geschichte einer langen Leidenschaft. Mit einfachen Mitteln fertigten die beiden Hörsachen auf Kassetten. Ein Portrait auf DRS 3 und ein Auftritt in der Fernsehsendung «Quer» brachten das Projekt auf Vordermann. «Jetzt wollen wir ein Radio für alle sein. Wir wollen vor allem erheitern und unterhalten und etwas tun für die Integration», sagt Kilchör, während er – den Kopf im metallenen Schrank – nach dem zweiten Mikrophon tastet und es nicht findet, weil es auch nicht da ist. Macht nichts. Machen wir es heute halt so.

Noch eine Minute bis Sendebeginn. An der Decke kleben Eierkartons, an den Wänden hängen zwei Ikea-Teppiche zur Schalldämpfung. Sonst gibt es nichts, was an ein Radiostudio erinnert. Nicht mal die stille Konzentration der Macher am Sendestart. Es riecht wie in einer Turnhalle.

Los geht’s. «Shadows on the Wall» von Mike Oldfield und eine gekonnte Ansage von Kilchör, der den Lärm seiner albernden Friends gleich zum Thema macht und sagt: «Wieso es heute Abend bei uns so laut ist und viel mehr von Radio Blind Power gleich nach ein paar Takten Musik. Bleibt dran!» Wie viele es sind, die dranbleiben, weiss er nicht. Ob er so richtig dranbleiben kann und weiterkommt, erfährt er in wenigen Tagen. Dann nämlich kommt heraus, ob er seine Ausbildung bei Klipp und Klang, einer Radioschule für die freie Radioszene, bestanden hat.

Das Programm geht weiter, Kilchör ist ganz bei der Sache, sein Co-Moderator verpatzt die Nachrichten und schickt seinem Flop ein «Hueresiech» hinterher, Céline Dion singt natürlich wie immer, und Russi redet auch hier von Kurventechnik. Vista sei nicht die grosse Sensation, befinden die Informatiker, schon gar nicht für Sehbehinderte, die auf Zooming angewiesen sind. Zum Schluss noch ein Song für die Fotografin und ihr augenstressendes Blitzlichtgewitter: «Blinded by the Light». Und viel Gelächter.

Auf der Rückreise sagt die erfahrene DRS-2-Moderatorin Elisabeth Glattfelder einen Mozart an und ab mit Köchelverzeichnis und allem, was dazugehört, und mir scheint, sie sei etwas müde, so spät in der Nacht.

Cornelia Kazis ist Redaktorin beim Schweizer Radio DRS; sie lebt in Basel.


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